Dienstag, 27. September 2016

Blogstuff 75

„Ihre Wangen waren grobporig, die Löchlein mit rosa Schminke zugeschmiert, aber trotzdem noch ahnbar, wie wenn Nagellöcher in der Wand verputzt werden.“ (Martin Mosebach: Was davor geschah)
Mein Orthopäde sagt, ich hätte Bipedie im Endstadium.
Früher hatten die Windmühlen noch Flügel und waren hübsch anzusehen. Heute haben sie Rotorblätter und verschandeln die Landschaft.
Hätten Sie’s gewusst? Wichtelbach hat das siebtgrößte Landwirtschaftsmuseum südlich der Mosel.
Kümmert es den Wassertropfen, ob er die Krone einer Welle bildet? Aber manche Menschen verbringen ihr Leben damit, ganz nach oben zu kommen.
Sie können Hostessen als Begleitung buchen oder Hoss. Das wäre dann ich.
Yoga ist doch eigentlich Seniorengymnastik in Zeitlupe mit einem fetten Überbau aus Psychogelaber – oder sehe ich das mal wieder nicht positiv genug?
14 ist eine magische Zahl. Denken Sie an die 14 Gebote oder den Satz „14 Freunde sollt Ihr sein“ oder aber an die 14 Apostel.
Hätten Sie’s gewusst? Die erste Wahl nach dem Zweiten Weltkrieg fand in Wohlmuthshüll statt. Der Bürgermeister, zugleich das einzige NSDAP-Mitglied im Dorf, war 1942 gestorben. Da sich keiner der 480 Dorfbewohner bereit erklärte, der NSDAP beizutreten, gab es auch keinen neuen Bürgermeister und das Dorf wurde vom nahegelegenen Ebermannstadt mitverwaltet. Zur Belohnung durften die Wohlmuthshüller im Juli 1945 die erste demokratische Wahl nach Kriegsende in Deutschland abhalten.
Am Sonntag wird es von Norden her freundlicher. Damit wünsche ich Ihnen einen schönen Abend.
In Ludwigshafen ist die Bundeswasserstraße Rhein nicht romantisch.
Sein gedankenschweres Haupt mit dem Vollmondgesicht hatte er auf Vogelfedern gebettet.
„Wir obduzieren Ihre Verzweiflung – ab 9,99 €“.
„Solange pro-hessische Separatisten die ehemaligen Ortsteile von Mainz auf dem rechten Rheinufer besetzt halten, fahre ich nicht nach Frankfurt. Kein Fußbreit dem Äppelwoi-Okupantismus!“ (Lupo Laminetti)
Hätten Sie’s gewusst? Das Rhönrad wurde 1925 von Otto Feick in Schönau erfunden. Der Ort liegt, Sie ahnen es bereits, in der Rhön.
Affen haben doppelt so viele Daumen wie wir. Aber es hat ihnen auch nicht geholfen.
Komisch: Bei Kürzungen von Sozialleistungen gibt uns der Staat mit großer Freude „mehr Eigenverantwortung“, lehnt aber gleichzeitig eine höhere Eigenverantwortung im politischen Bereich durch direkte Demokratie (Volksabstimmungen) grundsätzlich ab.
Mein Onkel, den ich nie kennengelernt habe, wurde nur drei Jahre alt. Walter. Ich sehe nur die alte Schwarz-Weiß-Fotografie vor mir: blonde Locken, ein Lächeln. Mein Großvater hatte kein Auto. Er fuhr die fünfzehn Kilometer mit seinem Kind auf dem Fahrrad ins nächste Krankenhaus. Zu spät. Blinddarmentzündung. Erinnerung an das winzige Kindergrab, das ich als Kind oft mit meiner Familie besucht habe. Inzwischen ist der Friedhof aufgelöst worden. Walter Eberling – du bist Teil einer Prozession der Toten, die niemals aufhören wird.
Ja, es gibt sie noch, die Bedürftigen der alten Schule. Mich hat einmal ein distinguierter älterer Herr aus Wien in Berlin-Schöneberg mit solchem Charme und hoher Vollendung um eine bescheidene Summe gebeten - ich hätte ihm fast das ganze Portemonnaie gegeben.
Politiker mag ich schon deswegen nicht, weil sie die Worte „Ja“ und „Nein“ offenbar nie verwenden. Zumindest nicht ohne Einschränken oder weitschweifige Erklärungen.
Supermax: Love Machine. https://www.youtube.com/watch?v=68ePU-qvJnI

Montag, 26. September 2016

Perlen der Kommunalpolitik

Die Linke-Ratsfraktion in Flensburg beweist Humor. Die feministische Genderia kann noch über sich selbst lachen – hoffe ich zumindest. Sie hat beantragt, dass „Arbeitsgeräte/-mittel aus allen Arbeitsbereichen der Stadt Flensburg genderneutral bezeichnet“ werden sollen.
Ab jetzt soll es wie folgt heißen: „der/die ScannerIn, der/die ComputerIn, der/die BleistiftanspitzerIn, der/die KopiererIn, der/die StaubsaugerIn, (…) der/die Papierkorb/-körbin, der/die Briefkopf/-köpfin, der/die AbfalleimerIn usw.“
Begründung:
„Es ist im Sinne einer sozial gerechten und antidiskriminerenden Gesellschaft nicht hinzunehmen, dass Nomen, die ein Arbeitsgerät/-mittel bezeichnen, häufig nur mit maskulinen Artikeln gebraucht werden. Dies verlängert die patriarchalische Gewohnheit, dass menschliche, mechanische oder technologische Arbeitsleistung als überwiegend ‚männlich‘ charakterisiert wird.“
Versteh ick nich. Es heißt doch „DIE Putzfrau“.
Dann will ich aber auch mal ein Stück Geschlechtergerechtigkeit. Warum scheint jeden Tag „die Sonne“? Für mich scheint ab jetzt der Sonn. Warum nennen wir unseren Heimatplaneten „die Erde“? Ich lebe auf „der Erd“. Ich esse ab heute auch nicht mehr „die Pizza“ – bei mir kommt jetzt der Pizz auf den Tisch.
Heißt es eigentlich „die Politik“, weil wir Männer nichts mehr zu sagen hätten? Geht jemand auf „die Demonstration“ gegen Bürokratendeutsch, schreibt jemand einen Artikel über „die Sitzung“ in Flensburg, bei der es „die Abstimmung“ über „die Frage“ des Gendergeschwurbels gibt?
P.S.: 1989 kursierte an der Mainzer Uni ein Flugblatt mit der Überschrift „Liebe Mitgliederinnen und Mitglieder“. DAS Mitglied wurde hemmungslos gegendert, obwohl es den Begriff Gender damals noch gar nicht gab. Ich habe das Flugblatt an die „Titanic“ geschickt, die den Fall dann auch hemmungslos verwurstet hat. Ich war stolz auf die Veröffentlichung, auch wenn ich namentlich nicht genannt wurde. 27 Jahre ist das jetzt her – und es wird nicht besser …
P.P.S.: Mir fehlt das * zwischen Anspitzer und Anspitzerin. Hier werden transsexuelle Arbeitsgeräte eindeutig diskriminiert!

Nachts auf dem Minigolfplatz

„I'm as mad as hell, and I'm not going to take this anymore!“ (Network)
Das Telefon klingelte. Ich fummelte das lästige Ding aus meiner Hosentasche, wo es zwischen zerknüllten Taschentüchern und Kleingeld feststeckte.
„Ja?!“
„Hier ist das Reisebüro Fortuna. Sie können eine Kreuzfahrt in der Karibik gewinnen.“
„Die Abreisewahrscheinlichkeit liegt bei achtzig Prozent“, sagte ich und legte auf. Verfluchte Karibik.
Eine Stunde später stand ich auf dem alten Minigolfplatz draußen vor der Stadt. Es war kalt und es war dunkel.
Er stand an Loch 13. Die Rampe hoch. Habe ich früher mit einem Schlag geschafft.
Langsam schlenderte er auf mich zu und aus der Finsternis tauchte sein schäbiges Grinsen auf.
„Ich bin zu alt für so eine Scheiße“, sagte ich zu ihm. Wer verwendet noch diesen Code am Telefon?
„Yippie Yah Yeah, Schweinebacke.“
Kein guter Start, fand ich. „Du laberst mich an? Du laberst MICH an !?!“
„Wo haben Sie eigentlich gelernt, so zu reden? In Panama-City in einer Du-ficki-ficki-Seemannsbar?“
Ich schlug einfach zu. „Du blutest.“
„Ich habe keine Zeit zum Bluten.“
Wir gingen hinüber zu Loch 8. Eine Zickzackbahn, die man über Bande spielen muss. Habe ich früher mit einem Schlag geschafft.
„Nur seine Feindseligkeit übertrifft noch seine perfekte Struktur“, murmelte Weaver.
Wie lange war das jetzt schon her, dass mich die Agency kontaktiert hatte? „Ihr wollt, dass ich zurückkomme, oder? Zurück auf die alte Straße.“
„Straßen? Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen.“
„Sprich mit der Hand.“ Diese Sprüche brauchte ich definitiv nicht mehr.
„Du kriegst jetzt meinen letzten Krümel Würde. Guten Appetit!“
Ich sah ihm lange in die Augen. „Wir brauchen einander. Ich habe schon gut zwei Tage nicht gelogen.“
„Ist das wahr?“
„Nein.“
Wir schlenderten weiter zu Loch 5. Die Windmühle hatte drei Eingänge – der mittlere ist der richtige. Habe ich früher mit einem Schlag geschafft.
„Das ist nicht besonders originell, Randy, du enttäuscht mich.“
„Vielleicht liegt das daran, dass ich nicht Randy bin.“
Er packte mich am Kragen meines Trenchcoats und zog mich an sich heran.
„Fass mich nicht an“, schrie ich.
„Ich fass dich nicht an. Ich werd dir bloß den Schädel zertrümmern.“
Ich zog mein Messer und hielt es ihm an die Kehle.
„Weißt du, was mit Luschen passiert, die 'n Messer tragen? Sie werden erschossen."
Und dann drückte er mir einen Revolver gegen die Rippen. „Wir nehmen das Auto, fahren zu meiner Mom, töten Phil, holen Liz ab, fahren ins Winchester, trinken ein schönes kaltes Bier und warten, bis alles vorbei ist. Wenn das keine gute Idee ist, was meinst du?“
„Ich verstehe kein Wort“, antwortete ich, während er mich zu seinem Wagen zerrte.
„Das ist eine sizilianische Botschaft. Sie bedeutet: Luca Brasi liegt jetzt bei den Fischen.“ Sein Blick war leer, sein Gesicht teilnahmslos wie der Mond.
Aus dem Nebel tauchten die Schergen der Agency auf.
Es war Zeit, die Karten endlich auf den Tisch zu legen. „Also gut, ich bin der Messias. Und jetzt: VERPISST EUCH !!!“
P.S.: Was hat das eigentlich alles mit Fluch der Karibik, Mission Impossible, Und täglich grüßt das Murmeltier, Loaded Weapon, Stirb Langsam, Taxi Driver, Besser geht’s nicht, Predator, Alien, Zurück in die Zukunft, Terminator, About A Boy, Scream, Shining, Death Proof, Shaun of the Dead, Der Pate und Das Leben des Brian zu tun?
„Ich dachte, an diesem Punkt nimmt der Text endlich Fahrt auf.“
„Aber dann ist ihm die Luft ausgegangen.“
(Waldorf & Statler)
June Tabor & Oysterband - Love Will Tear Us Apart. https://www.youtube.com/watch?v=eJ-OS4ohLQE

Sonntag, 25. September 2016

Ich wähle Trump!

Da Bonetti Enterprises eine Briefkastenfirma in Delaware unterhält, darf ich auch an den amerikanischen Präsidentschaftswahlen teilnehmen. Zehn gute Gründe:
1. Hillary Clinton ist eine Frau.
2. Donald ist ein lustiger Vorname (Denken Sie mal an Donald Duck!).
3. Der Präsident ändert sowieso nichts. Das haben wir an Obama gesehen. Es werden weiter Kriege geführt und die Amis mischen sich in alles ein, was sie nichts angeht.
4. Trump ist dick. Ich auch. Ich mag dicke Leute. Weil ich selbst dick bin.
5. Hillary ist so hässlich, dass noch nicht mal ihr eigener Mann sie anfassen würde.
6. Ich bin fünfzig und möchte das Ende der Welt noch erleben. Mit Trump ist das sehr wahrscheinlich.
7. Ich mag keine Mexikaner. Wie Trump. Ich fordere ein Sombrero-Verbot!
8. Hillary Clinton ist eine Frau.
9. Hab ich vergessen.
10. Wählt Trump! Das wird cool.

Das Rentenspiel

„That's why my girlfriend and I broke up: she wanted kids, and I … (…) I would never bring a kid to this fucking planet.” (Bill Hicks)
Ich erlebe bei Berufstätigen um die fünfzig zwei Phänomene: Resignation und Depression. Manche resignieren und finden ihren Job und ihren Arbeitgeber inzwischen eigentlich ganz gut. In dem Alter gibt es ohnehin keinen Wechsel mehr, also findet man sich mit allem ab. Die weniger Glücklichen erkennen die Falle, den miesen Job, den sie jetzt noch zwanzig Jahre machen müssen, und hadern mit dem Schicksal. Es gibt kein Happy End, sondern nur die zweite Hälfte eines entwürdigenden Marathons. Also reagieren sie mit Depression, Alkoholismus, Burn-Out-Syndrom und Eskapismus.
Wer jetzt fünfzig ist, muss mindestens bis siebzig arbeiten, machen wir uns nichts vor. Der aktuellen Rentenregelung können wir nicht trauen, nach der Bundestagswahl 2017 wird das Möhrenbündel für den Esel etwas weiter vor der Schnauze platziert. Grausamkeiten werden traditionell direkt nach den Wahlen begangen, wenn die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen sind. Bis zur nächsten Wahl sind sie längst wieder vergessen.
In den zwanziger Jahren wird das Renteneintrittsalter auf 73 Jahre erhöht, so empfehlen es die Experten der Bundesregierung. Die geburtenstarken Jahrgänge meiner Generation sprengen sonst die Rentenkasse und kannibalisieren die Altersvorsorge ihrer Kinder. Das heißt: Mit fünfzig hat man noch ein knappes Vierteljahrhundert im Job vor sich und die Aufstiegschancen im Regelfall hinter sich. Für viele ist der fünfzigste Geburtstag noch nicht einmal der Halbzeitgong ihres Berufslebens.
Und wieder einmal: Vorteil Andy Bonetti. Dieser Mann geht überhaupt nicht in Rente. Er wird bis zur letzten Druckerpatrone schreiben …
P.S.: Den Abgeordneten des Bundestages, die mit schöner Regelmäßigkeit das Renteneintrittsalter erhöhen, genügen übrigens schon wenige Jahre bis zur Pensionsberechtigung. Am Schweinetrog der Macht sind längst alle Hemmungen gefallen, dort gibt es keine große Koalition mehr, sondern die totale Koalition sämtlicher Politiker aller deutschen Parteien. Angeblich sind die Abgeordneten ja in ihren Entscheidungen nur dem eigenen Gewissen als letzter Instanz unterworfen. Welches Gewissen?!
Fischer Z – Pretty Paracetamol. https://www.youtube.com/watch?v=0ToaPuOr99E

Samstag, 24. September 2016

Kreuzritter und Sarazenen


Diese Ritterburg hatte ich als Kind.
Die Spielfiguren waren wesentlich realistischer. Nicht dieser infantile Playmobilmist von heute. Damals haben wir noch Krieg gespielt, nicht Frieden.
Stöcke zu Schwertern! Baut Steinschleudern!
Die pazifistische Erziehung ist ein deutscher Sonderweg.
Soll unser Nachwuchs den Kindern aus den Kriegsgebieten in Syrien, Irak und Afghanistan etwa nur mit warmen Worten begegnen?
Die künftigen Schlachten werden gerade in deutschen Kinderzimmern verloren.
P.S.: Erstleser möchte ich darauf hinweisen, dass es sich bei diesem Beitrag um eine Satire handelt.

Worms

„The whole image is that eternal suffering awaits anyone who questions God's infinite love. That's the message we're brought up with, isn't it? Believe or die! Thank you, forgiving Lord, for all those options.“ (Bill Hicks)
Eigentlich ist es ja eine Bildungslücke. Da ist man fünfzig Jahre Rheinhesse und ist immer nur in Mainz, Ingelheim und Bingen. Also habe ich mir auf einer Tagestour einmal die Perlen des Hinterlands angeschaut: Alzey und Worms.
Der Zug, den ich in Gensingen besteige, fährt durch Orte, deren Namen ich noch nie gehört habe. Albig oder Nieder-Flörsheim-Dalsheim, wo ich auf dem mit Brettern vernagelten Bahnhofsgebäude das rätselhafte Graffito „Alle gegen Francesco“ lese. Rebhügel mit Waldmütze.
Alzey hat bis auf ein paar Winkel in der Altstadt mit Fachwerkhäusern und einem Brunnen, aus dem ein lebensgroßes Metallpferd trinkt, wenig zu bieten. Die Stadt nennt sich „die heimliche Hauptstadt Rheinhessens“ – das wird bis auf weiteres auch so bleiben.
In Worms besuche ich zunächst das „Brauhaus Zwölf Apostel“, wo man an diesem Tag im Biergarten in den blitzblauen Himmel blinzeln kann, und stelle fest, dass die Firma Eichbaum immer noch nicht brauen kann. Zuletzt hatte ich diesem Bier in den achtziger Jahren eine Chance gegeben. Sie lernen es einfach nicht.
Hinein in die Altstadt. Worms, die Nibelungenstadt. Hier spielte sich die Heldensage um Siegfried, Kriemhild und Hagen, um Drachen und Schätze ab. Worms, Hauptstadt des Königreichs Burgund und uralter Bischofssitz, von Attila im Hunnenkrieg geplündert, als es Städte wie Berlin, Hamburg oder München noch gar nicht gab.
Ich besichtige den Dom, der im Vergleich zu den beiden anderen Kaiserdomen in Mainz und Speyer prächtig ausgestattet ist. Hier fand der Reichstag zu Worms statt, bei dem Martin Luther vor dem Kaiser 1521 seine Thesen verteidigte. Mit dem Wormser Edikt wurde die Reichsacht über Luther verhängt und seine Schriften verboten. Die zweite Spaltung der christlichen Kirche, etwa fünfhundert Jahre nach dem Schisma (Rom vs. Konstantinopel), war damit besiegelt.
Der „Heilige Sand“ ist der schönste Friedhof, den ich je gesehen habe. Eine versunkene Welt unter ausladenden Baumkronen. Der älteste jüdische Friedhof Europas, manche Gräber sind tausend Jahre alt. Die Grabsteine neuerer Zeit sind auf Deutsch beschriftet. Alexander Sinsheimer: 1824 in Worms geboren, 1912 in New York gestorben, hat sich in seiner Heimat beerdigen lassen. Sannchen Levita, geb. Mandel, 1867 – 1908.
Seltsam: Als die Juden endlich integriert waren – viele traten gleich zum Christentum über wie Tucholsky -, haben ihre deutschen Mitbürger sie ermordet. Eine ältere Dame, begleitet von ihrem hünenhaften Enkel, fragt mich nach dem Sinn der Steine und Zettel auf den Grabsteinen. Ich erkläre ihr den alten jüdischen Brauch (v.a. an den Gräbern des berühmten Talmudgelehrten Rabbi Meir von Rothenburg und von Alexander ben Salomon Wimpfen) und erzähle dem Enkel, dass wir Männer eigentlich eine Kippa tragen müssten. Als sie weitergeht, tupft sie sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. Alles Jüdische gibt uns immer noch ein beklemmendes Gefühl oder macht uns zumindest verlegen und stumm.
Der Stadtkern ist im Wesentlichen das Ergebnis des Wiederaufbaus nach dem Krieg, als Zeit, Geld und Phantasie fehlten. Man merkt es bis heute. Zwanzig Minuten haben kurz vor Kriegsende gereicht, um die Altstadt durch einen Luftangriff zu zerstören. Damit wollte man den Starrsinn eines Diktators in Berlin brechen, dem längst alles egal war.
Ich spaziere zum Rhein hinunter. Ein Schablonengraffito auf einer Hauswand: „Achtung Chemtrails“ mit zwei Pfeilen, die in den Himmel zeigen. In einem Brauhaus am Ufer, das von ganzen Busladungen lärmender Rentner belagert wird, beschließe ich den Tag. Deutschland 2016.
Simon & Garfunkel – Scarborough Fair. https://www.youtube.com/watch?v=P9ngGDrDmFU