Freitag, 24. Februar 2017

Das offizielle AfD-Plakat zur Bundestagswahl

Make Germany great again!

P.S.: Ich nehme in den nächsten vier Tagen an diversen Betriebsprüfungen fränkischer Gasthäuser teil und bin erst am Aschermittwoch wieder online.

Oscar Wilde: Die Seele des Menschen im Sozialismus

Es liegt mir fern, in diesem Blog Produktwerbung zu machen, aber heute werde ich diese Regel für einen Augenblick suspendieren. Die Edition Nautilus hat den Essay „Die Seele des Menschen im Sozialismus“ von Oscar Wilde aus dem Jahr 1891 neu herausgegeben. Das Buch erscheint am 1. März. Hier einige schöne Zitate aus dem Text.
„Man versucht (…) das Problem der Armut zu lösen, indem man die Armen am Leben erhält; oder, wie es eine sehr fortgeschrittene Schule vorschlägt, indem man sie amüsiert. Aber das ist keine Lösung; es verschlimmert die Schwierigkeit. Das wahre Ziel heißt, die Gesellschaft auf einer Grundlage neu zu errichten, die die Armut ausschließt.“
„In einer Gemeinschaft wie der unsrigen, in der das Eigentum unbegrenzte Auszeichnung, gesellschaftliche Stellung, Ehre, Ansehen, Titel und andere angenehme Dinge dieser Art verleiht, setzt sich der von Natur aus ehrgeizige Mensch das Ziel, dieses Eigentum anzuhäufen, und er sammelt hartnäckig und mühevoll immer neue Schätze an, wenn er schon längst mehr erworben hat als er braucht oder verwenden oder genießen oder vielleicht sogar überschauen kann. Der Mensch bringt sich durch Überarbeitung um, damit er sein Eigentum sicherstellt, und bedenkt man die ungeheuren Vorteile, die das Eigentum bringt, so ist man kaum darüber verwundert. Es ist bedauerlich, dass die Gesellschaft auf einer solchen Grundlage aufgebaut ist, und der Mensch in eine Bahn gedrängt wird, wo er das Wunderbare, Faszinierende und Köstliche seiner Natur nicht frei zu entfalten vermag - wo er in der Tat das echte Vergnügen und die Freude am Leben entbehrt.“
„Es ist fraglich, ob wir jemals die volle Entfaltung einer Persönlichkeit erlebt haben, außer auf der imaginativen Ebene der Kunst. Im Bereich des Handelns haben wir sie nie kennen gelernt.“
„Das Publikum ist immer und zu jeder Zeit schlecht erzogen gewesen. Es hat immer von der Kunst verlangt, dass sie volkstümlich sei, dass sie seiner Geschmacksvorstellung entspreche, dass sie seiner absurden Eitelkeit schmeichle und wiederkäut, was längst bekannt ist, ihm vorführt, wessen es längst müde sein sollte, es unterhält, wenn es sich nach dem üppigen Mahle beschwert fühlt, und es zerstreut, wenn es seiner eigenen Dummheit überdrüssig ist. Die Kunst sollte aber niemals versuchen, volkstümlich zu sein. Das Publikum sollte vielmehr versuchen, künstlerisch zu empfinden. Das ist ein sehr großer Unterschied. Wenn man einem Mann der Wissenschaft sagen würde, die Ergebnisse seiner Forschungen, die Schlussfolgerungen, zu denen er gelangt ist, müssten dergestalt sein, dass sie mit der gängigen Meinung des Publikums übereinstimmen, seine Vorurteile nicht stören oder die Gefühle von Leuten nicht verletzen, die nichts von der Wissenschaft verstehen; wenn man einem Philosophen zugestehen würde, dass er in den höchsten Gedankensphären spekuliert, vorausgesetzt, dass er zu denselben Schlussfolgerungen gelangt wie jene, die niemals in irgendeiner Sphäre nachgedacht haben, nun, der Mann der Wissenschaft und der Philosoph wären heutzutage darüber regelrecht erheitert. Und doch ist es nur wenige Jahre her, seit Philosophie und Wissenschaft einer brutalen öffentlichen Kontrolle unterworfen waren - genauer gesagt der Autorität der allgemeinen Unwissenheit der Gesellschaft oder dem Terror und der Machtgier einer geistlichen oder regierenden Klasse.“
„Die wahre Persönlichkeit des Menschen wird wunderbar sein, wenn sie in Erscheinung tritt. Sie wird natürlich und einfach wachsen, wie eine Blume oder wie ein Baum wächst. Sie wird nicht zwiespältig sein. Sie wird nicht überreden wollen und nicht streiten. Sie wird nichts beweisen wollen. Sie wird alles wissen. Und doch wird sie sich nicht um das Wissen bemühen. Sie wird Weisheit besitzen. Ihr Wert wird nicht an materiellen Maßstäben gemessen werden. Sie wird nichts ihr eigen nennen. Und doch wird sie über alles verfügen, und was immer man ihr wegnimmt, wird sie nicht ärmer machen, so groß wird ihr Reichtum sein. Sie wird sich anderen nicht aufdrängen oder verlangen, wie sie selbst zu sein. Sie wird sie lieben, weil sie so verschieden sind. Und gerade weil sie sich nicht um die andern kümmert, wird sie allen helfen, wie etwas Schönes uns hilft, durch das, was es ist. Die Persönlichkeit des Menschen wird wundervoll sein. So wundervoll wie das Wesen eines Kindes.“
„Alle Arten des Regierens erweisen sich als Missgriff. Der Despotismus ist ungerecht gegen alle, auch gegen den Despoten, der vielleicht zu etwas Besserem bestimmt war. Oligarchien sind ungerecht gegen die vielen, und Ochlokratien sind ungerecht gegen die wenigen. Einmal hat man große Hoffnungen in die Demokratie gesetzt; aber Demokratie ist nichts anderes als das Niederknüppeln des Volkes durch das Volk für das Volk. Das ist erwiesen. Ich muss sagen, es war höchste Zeit. Denn jede Autorität erniedrigt. Sie erniedrigt gleichermaßen Herrscher und Beherrschte. Wird sie gewalttätig, brutal und grausam ausgeübt, so ruft sie eine positive Wirkung hervor, indem sie den Geist der Revolte und den Individualismus anstachelt, der sie vernichten soll. Wird sie mit einer gewissen Großzügigkeit ausgeübt und werden Preise und Belohnungen vergeben, so ist ihre Wirkung furchtbar demoralisierend. In diesem Fall werden sich die Menschen des furchtbaren Druckes, der auf ihnen lastet, weniger bewusst und gehen in einer Art von vulgärem Wohlbehagen durch das Leben wie zahme Haustiere, ohne jemals zu erkennen, dass sie wahrscheinlich die Gedanken anderer Menschen denken, nach den Normen anderer Menschen leben, dass sie gewissermaßen nur die abgelegten Kleider der anderen tragen und niemals, auch nicht einen Augenblick lang, sie selbst sind. »Wer frei sein will«, sagt ein kluger Kopf, »darf sich nicht anpassen.« Und die Autorität, die den Menschen zum Konformismus verleitet, bewirkt unter uns eine sehr grobe Form der übersättigten Barbarei.“
„Handarbeit ist durchaus nicht etwas, das Würde verleiht, zumeist ist sie absolut erniedrigend. Irgendetwas zu tun, das man ohne Freude ausführt, ist geistig und moralisch verwerflich, und viele Arbeiten sind völlig freudlose Tätigkeiten und sollten auch als solche betrachtet werden. Eine schmutzige Straßenkreuzung während acht Stunden des Tages bei scharfem Ostwind zu fegen, ist eine widerliche Beschäftigung. Sie mit geistiger, moralischer oder körperlicher Würde zu fegen, scheint mir unmöglich. Sie mit Freude zu fegen, erscheint mir geradezu ungeheuerlich. Der Mensch ist für Besseres geschaffen, als Dreck aufzuwirbeln. Alle diese Arbeiten sollte eine Maschine ausführen.“
„Ich zweifle nicht, dass das einmal der Fall sein wird. Bislang ist der Mensch in gewissem Sinne der Sklave der Maschine gewesen, und es liegt etwas Tragisches in der Tatsache, dass er zu hungern begann, sobald er Maschinen erfand, die seine Arbeit verrichten. Dies ist jedoch nur das Ergebnis unserer Eigentumsordnung und unseres Wettbewerbssystems. Ein Einzelner ist Eigentümer einer Maschine, die die Arbeit von fünfhundert Menschen leistet. Dadurch sind fünfhundert Menschen arbeitslos, und weil sie keine Beschäftigung haben, fallen sie dem Hunger und dem Diebstahl anheim.“
„Gegenwärtig konkurriert die Maschine mit dem Menschen. Unter den richtigen Verhältnissen wird die Maschine dem Menschen dienen. Dies ist ohne Zweifel die Zukunft der Maschine; und so wie die Bäume wachsen, während der Landwirt schläft, so wird die Menschheit sich vergnügen oder sich der geistvollen Muße hingeben - denn Muße, nicht Arbeit ist das Ziel des Menschen -, oder sie wird schöne Dinge hervorbringen oder schöne Dinge lesen oder einfach die Welt mit Bewunderung und Entzücken betrachten, während die Maschine die notwendige, unangenehme Arbeit verrichtet. Es ist eine Tatsache, dass die Zivilisation Sklaven erfordert. Darin hatten die Griechen ganz recht. Wenn nicht Sklaven die hässliche, unangenehme, uninteressante Arbeit ausführen, werden Kultur und Kontemplation beinah unmöglich sein. Menschliche Sklavenarbeit ist unrecht, inkonstant und demoralisierend. Von der Sklavenarbeit der Maschine, dem mechanischen Sklaventum, hängt die Zukunft der Welt ab.“
„Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht enthielte, wäre nicht wert, dass man einen Blick darauf wirft, denn auf ihr fehlte das einzige Land, in dem die Menschheit immer landet. Und wenn die Menschheit dort gelandet ist, hält sie wieder Ausschau, und sieht sie ein schöneres Land vor sich, setzt sie die Segel. Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.“

Unterm Dirndl wird gehobelt – Frauen im Handwerk

Colonel Clickbait hat wieder zugeschlagen. Sie kennen das.

Blogstuff 115
„Man ist jung, solange man sich für das Schöne begeistern kann und nicht zulässt, dass es vom Nützlichen erdrückt wird.“ (Jean Paul)
Beginn der geplanten Biographie einer Sekretärin: „Herr Mehlich ist der Vorgesetzte von Herrn Kowalski. Herr Kowalski ist der Vorgesetzte von Herrn Sutter. Herr Sutter ist der Vorgesetzte von Herrn Blum. Herr Blum ist mein Vorgesetzter. Ich bin die Vorgesetzte von niemandem. Seit zwanzig Jahren. In Japan nennt man meine Position Ochakumi. „Amt des ehrenwerten Teeservierers“. Und so bringe ich Herrn Blum jeden Morgen seinen Kaffee ins Büro. Ein wenig Milch, kein Zucker …“
Hätten Sie’s gewusst? Loriot lebte als Kind sieben Jahre lang in meinem Kiez. Pariser Str. 55. In der Nachodstraße 17 ging er zur Schule.
Traum: Ich werde vom Klappern einer Schreibmaschine wach. Als ich mich vom Bett erhebe, bemerke ich, dass ich in einem Gartenpavillon geschlafen habe. Ich sehe aus dem Fenster, es ist tiefe Nacht und der Mond steht fahl am Himmel. Ich gehe eine kleine Steintreppe herab und sehe einen Mann, der auf dem Rasen an einem Tisch sitzt und auf der Maschine schreibt. Ich gehe zu ihm und sage: „Nur noch diese Seite, dann bist du erlöst und der Text wird sein langes Leben alleine weiterführen.“
Zwanzig Liter Wein trinkt der Deutsche im Schnitt pro Jahr. 2017 war für mich schon Ende Januar vorbei.
Schöne Erklärung eines Polizisten in Dodge City zum Thema Waffenbesitz: „Nimmt man den Bürgern die Waffen, nimmt man ihnen die Möglichkeit, eine Revolution zu machen und die Regierung zu stürzen.“ So habe ich es noch gar nicht gesehen. Leider werden in der Realität die Waffen zu anderen Zwecken verwendet.
Ein Babyphone ist doch auch irgendwie Abhörtechnik, oder?
Es gibt humane Politik und humanoide Politik, letztere ist oft nicht gleich zu erkennen. Flüchtlingslager in Libyen zu bauen, damit die Leute nicht im Meer ertrinken, ist nicht human, sondern humanoid, d.h. nur menschenähnlich, aber eben nicht menschlich.
Traum: Ich stehe auf dem Balkon und schaue auf den Garten hinab. Aus dem Rasen quillt Rauch, nicht viel, aber er bildet eine beständige Rauchfahne. Irgendwo muss dort eine Maschine laufen oder es brennt. Das Haus mit seinen Anbauten ist riesig, ich habe es von einem Erfinder übernommen, der für jedes Projekt wieder eine neue Werkstatt eingerichtet hat. So wuchs der Bau und selbst unter dem Gartenhaus ist eine Werkstatt. Dort vermute ich die Quelle. Zum Untergeschoss ist eine Art Einfahrt gegraben, die jedoch nie fertig wurde und mit Gerümpel zugestellt ist. Man sieht vom Garten aus eine blaugestrichene Stahltür, zu der ich keinen Schlüssel besitze, und rechts von ihr eine Wand aus undurchsichtigen Glasbausteinen. Ich gehe also von der anderen Seite in die Hütte. An der Seite des Vorraums ist eine Tür, von dort führt eine Treppen in eine Werkstatt, die komplett mit Geräten und Regalen vollgestellt ist. Der Boden ist mit Müll übersäht. Ich gehe weiter und komme an eine riesige Maschine, die ein brummendes Geräusch von sich gibt und in der einige schwache Lichter glimmen. Von hier scheint der Rauch zu kommen.
Würden wir nicht eine Menge Zeit sparen, wenn wir gleich Ruinen bauen?
Hätten Sie’s gewusst? Der Genius war bei den alten Römern der persönliche Schutzgeist eines Menschen, von dem man sich Hilfe und Inspiration erhoffte. Heute spricht man von Schutzengeln, die heidnische Vorstellung ist immer noch weit verbreitet. Auch Orte konnten einen solchen Schutzgeist haben (Genius loci) oder Kollektive (z.B. Genius populi Romani). Im antiken Griechenland gab es als Pendant das Daimonion, den Schutzgeist in Form einer inneren Stimme göttlichen Ursprungs.

MG-Nest Bahnhof Wannsee (Danke, Harri)
Früher hatten die Städte Mauern aus Stein, um die Menschen fern zu halten oder um sie einzuschließen, heute haben sie Mauern aus Geld. Es ist wie ein Herzmuskel oder eine Lunge: Es gibt so etwas wie ein Aus- und Einatmen des Bürgertums in der Großstadt. Mal verlassen die besserverdienenden Bürger die Stadt und ziehen nach Suburbia oder in die Dörfer, mal ziehen sie zurück in die Stadtzentren. In der 1970er/1980er Jahren gingen sie, in den letzten zwanzig Jahren sind sie zurückgekehrt. Für die Armen stellt sich dieses Phänomen des Ein- und Ausatmens ganz anders dar: Sie haben Chancen in der Innenstadt, wenn die Bourgeoisie auf Stadtflucht ist, oder ihnen droht die Deportation, wenn die Mieten explodieren, weil die Bourgeoisie wieder zurückkehrt.

Eurythmics - For The Love of Big Brother. https://www.youtube.com/watch?v=DiYnLh_PXIo

Donnerstag, 23. Februar 2017

Bullets over Bad Nauheim

„Der Schraubenzieher-Man ist wie ein Diamant: er wird unter Druck immer wertvoller.“ (Batman)
Der Schraubenzieher-Man saß auf seinem Motorrad und raste mit Vollgas durch die Nacht. Im Beiwagen saß Kreuzschlitz-Boy und hätte gerne an seinen Fingernägeln gekaut, aber die Erschütterungen durch die Schlaglöcher der Landstraße waren zu stark. Sie waren auf der Flucht. Wie konnte das passieren?
***
Die Frau war vorgegangen, wie es schon die Legionen des Julius Cäsar oder die Bataillone preußischer Generäle getan hatten. Alles war geplant, alles folgte einer bekannten Choreographie. Sie setzte zuerst ihre Augen ein, die Bogenschützen der Erotik, es folgten ihre blitzenden Zähne und mit einer eleganten Bewegung ihrer schlanken Finger legte sie die Herrlichkeit ihres perfekten rechten Ohrs frei, das mit kleinen Diamanten besetzt war. Am Ende waren es ihre Stimme und ihre vollen Lippen, die den Schraubenzieher-Man alle Regeln vergessen ließen. Ihre Worte tropften wie süßes Gift in seine Ohren. Ein Gift, das seinen Willen bald gebrochen hatte. Er bemerkte noch nicht einmal, dass sie ihn hartnäckig Scheibenwischer-Man nannte.
***
„Ich habe fünf meiner besten Männer verloren“, sagte Commissioner Schmuhlke. „Sie sind unsere einzige Chance, das Riot Grrl zu stoppen.“
„Machen Sie sich keine Sorgen, Commissioner“, antwortete Schraubenzieher-Man, während er über Bad Gotham blickte. „Das Verbrechen hat in dieser Stadt keine Chance.“
Da wusste er noch nicht, wer das Riot Grrl überhaupt war und dass in diesem Augenblick eine Million Euro auf sein Girokonto bei der Kreissparkasse Nordhessen überwiesen wurden.
***
Das Riot Grrl saß in einem hautengen schwarzen Lederbody vor einem Computer in einem Internetcafé in Downtown Bad Gotham. Eine Horde übergewichtiger Nerds mit Schnappatmung stand um sie herum und starrte sie an, bis der Besitzer sie mit einem elektrischen Viehtreiber auseinander jagte.
Das Riot Grrl schien das nicht zu stören. Sie hatte am Abend zuvor einem Investmentbanker der Firma Filthy & Rich das Passwort zu einem Konto entlockt - ach was, aus ihm herausgevögelt, als wäre sie Rodeoreiterin! -, auf dem die Cash-Bestände eines milliardenschweren Hedgefonds lagen.
Sie überwies zehn Millionen Euro auf ein Nummernkonto in Zürich, von dort schickte sie das Geld an Konten in Delaware, Panama und Shanghai, nur um es Minuten später auf zwanzig weitere Konten auf den Kanalinseln, den Bahamas und der Privatbank eines nigerianischen Prinzen zu transferieren.
Und sie schickte eine Million auf das Konto des Schraubenzieher-Man, um eine falsche Spur zu legen. Dieser verliebte Trottel hatte ihr freiwillig seine Kontodaten gegeben, weil sie versprochen hatte, ihm eine Spende für sein Resozialisierungsprojekt zu überweisen.
Männer waren so blöd – das Verbrechen machte fast keinen Spaß mehr, weil es so einfach war.
John Foxx - Running Across Thin Ice With Tigers. https://www.youtube.com/watch?v=9aftlJG2v8c

Mittwoch, 22. Februar 2017

Aufrüstung

Jetzt soll die Bundeswehr aufgerüstet werden, die neue US-Regierung säht Zweifel an ihrer Rolle als Schutzmacht des Westens. Für welchen Krieg soll denn aufgerüstet werden? In die Kriegsgebiete des Nahen Ostens wird keiner ziehen wollen und in Europa droht kein Krieg, auch wenn uns die hysterischen Medien seit drei Jahren einreden wollen, Putin sei ein neuer Hitler oder Napoleon, der ganz Europa unterjochen möchte.
Die russischen Interessen beziehen sich nur auf die ehemaligen Sowjetrepubliken, allen voran die Ukraine. Diese Länder liegen auf dem Spieltisch zwischen dem Westen und Russland. Sie sind neutral, aber sie werden es nicht für immer bleiben. Die Kugel wird früher oder später in eine Richtung rollen. Aber die russische Armee wird sicher niemals Berlin erobern. Was wollte Putin auch mit einer überschuldeten Stadt ohne Industrie oder funktionierende Verwaltung, die von Millionen Bionade saufenden Fahrradnazis bevölkert ist?
Wir haben es in Europa mit den Kollateralschäden des Krieges zu tun, nicht mit dem Krieg selbst. Flüchtlinge und Terrorismus heißen die Stichworte. Da helfen uns keine Soldaten. Neue Leopard II-Panzer oder Jagdbomber hätten die Anschläge in Paris, Brüssel, Nizza und Berlin nicht verhindert. Wenn man keine Flüchtlinge mehr aufnehmen möchte, muss man die Grenzen schließen und sichern. Das ist Aufgabe der Polizei. Wenn man etwas gegen Terroranschläge unternehmen möchte, muss man die Polizei und die Nachrichtendienste aufrüsten, nicht das Militär.
Eines ist klar: Keiner von uns wird durch eine russische Kugel oder eine islamistische Bombe sterben. Fast jeder von uns stirbt an einer anderen Todesursache. Und die liegt viel näher und ist von uns auch beeinflussbar – im Gegensatz zu Putin oder dem IS: Wir werden in Zeitlupe Selbstmord mit Messer und Gabel, mit Korkenzieher und Flaschenöffner begehen. Das ist die nüchterne Wahrheit.
Joan Armatrading - Drop The Pilot. https://www.youtube.com/watch?v=yoCWUNUB3ro

Dienstag, 21. Februar 2017

Interview mit einer Geistesgröße

„Man sollte sich vor Menschen hüten, die nur ein Buch gelesen haben.“ (Giacomo Girolamo Casanova)
Reporter: Es heißt, Ihr Stern sei im Sinkflug. Und auch Ihre Auflagen.
Bonetti: Wer behauptet das?
R: BBHH, „Bahnhofsbuchhandlung heute“, das renommierte Branchenblatt.
B: Und wissen Sie, was die „Neue Züricher Zeitung“ schreibt?
R: „Bonetti gehört die Zukunft“. Aber damit ist der neue Trainer von Torpedo Bern gemeint.
B: Glauben Sie immer alles, was in der Zeitung steht?
R: Tatsache ist, dass Ihre Risco Tanner-Reihe eingestellt wurde.
B: Darf ein Verlag sich nicht verändern? Sollte es keine Innovationen mehr geben? Kennen Sie die Verkaufszahlen der Schraubenzieher-Man-Reihe?
R: Seit Erscheinen der Reihe sind die Verkaufszahlen im Bereich Schraubenzieher dramatisch zurückgegangen. Einige namhafte Baumarktketten wollen Sie verklagen.
B: Ist das nicht lächerlich? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Verkauf von Werkzeug und Literatur?
R: Viele Leser und auch Redakteure des Feuilletons halten die Schraubenzieher-Man-Reihe für den Tiefpunkt Ihres bisherigen Werks und bezeichnen es als peinliche Selbstbeweihräucherung.
B: Hatten die Feuilleton-Fritzen jemals Ahnung von großer Kunst?

Bonettis Buchmobil – Die Anfänge des Unternehmens
R: Im Internet gibt es eine Bewegung, die die Rückkehr von Eike, dem kleinen Eierbecher fordert.
B: Wissen Sie, welche Gage Eike am Ende für jede neue Folge verlangt hat?
R: Immer wieder ist zu lesen, dass Ihre Lohnschreiber wie Sklaven im Keller Ihrer Villa gehalten werden.
B: Gibt es dafür Beweise?
R: Gelegentlich ist in einem Ihrer Groschenhefte der Satz zu lesen „Hilfe, ich werde von Bonetti Media gefangen gehalten und werde zu schwerer Textarbeit gezwungen.“
B: Wissen diese Dummköpfe denn auch, dass Sie in meinem Haus freie Unterkunft und kostenlose Mahlzeiten haben?
R: Ihr neuer Roman „Gefangen im Keller von Claudia Roth“ ist ein totaler Flop und rangiert bei Amazon nicht unter der ersten Million Bücher, was die Verkaufszahlen anbelangt.
B: Hatte Kafka zu seinen Lebzeiten gute Verkaufszahlen? Bemisst sich die Qualität von Kunst etwa an schnöden Profiten?
R: Sie stellen viele Fragen, Mister Bonetti.
B: Hätten Sie sich das nicht denken können?
Amy Winehouse - Back To Black. https://www.youtube.com/watch?v=TJAfLE39ZZ8

Montag, 20. Februar 2017

Wie ich den Krieg verlor

„Eine Geschichte der Menschheit gibt es nicht. Das ist die tiefe, traurige Wahrheit. Ihre Annalen sind nie geschrieben worden und werden nie geschrieben; und selbst, wenn es sie gäbe, wären wir außerstande, sie zu lesen. Was wir haben, ist das eine oder andere Blatt aus dem großen Buch des Schicksals, das von den Stürmen, die über die Erde hinwegziehen, hergeweht wird. Wir entziffern das, so gut wir können, mit unseren kurzsichtigen Augen; aber alles, was dabei herauskommt, ist ein konfuses Gemurmel. Wir haben es mit Hieroglyphen zu tun, zu denen uns der Schlüssel fehlt.“ (John Lothrop Motley)
Es begann in den Fernsehnachrichten. Dort war von Forderungen und Provokationen die Rede, in den folgenden Tagen fielen Begriffe wie „Ultimatum“ oder „Mobilisierung der Reserve“, die ich gar nicht kannte. Ich war damals zehn Jahre alt und fragte meine Eltern, was das zu bedeuten habe, aber sie senkten nur schweigend den Kopf oder sagten mir, ich sei noch zu klein.
Eine Woche später war unser Land im Krieg. Den genauen Grund für den Ausbruch dieses Krieges habe ich nie erfahren. Unsere Gegner waren heimtückisch, primitiv und hatten keine Chance gegen uns. Der Mann aus dem Nachbarhaus trug plötzlich eine Uniform und musste zu seiner Einheit. Ich habe vergessen, welche Einheit das war, aber ich war traurig, dass mein Vater keine Uniform hatte und nicht in den Krieg zog.
In unserem Dorf gab es einen Umzug der Soldaten, die in den Krieg zogen. Sonst gab es nur im Karneval einen Umzug, aber die Menschen waren an diesem Tag genauso fröhlich und ausgelassen wie in der närrischen Zeit. Am Bahnhof standen hunderte von uniformierten Männern mit riesigen Rucksäcken und einem Gürtel, an dem allerlei geheimnisvolle kleine Taschen waren. Ihre Stahlhelme baumelten an der Seite der Rucksäcke.
In dieser Zeit fühlten sich die Menschen wie Verbündete. Unsere Nachbarn im Dorf, selbst Fremde im Supermarkt waren uns jetzt viel näher. Es wurde in den Medien und in den Alltagsgesprächen viel von Zusammenhalt und Solidarität geredet. Man war erleichtert, wenn man einem anderen Menschen ein klein wenig helfen konnte, denn damit durfte man seinen Gemeinschaftssinn und seinen Willen zum Sieg auch im Kleinen zeigen.
Nur die Ausländer wurden misstrauisch betrachtet. In unserem Dorf gab es Türken, Italiener und Polen. Konnte man ihnen trauen? Ihre Länder waren zwar keine Kriegsparteien, aber es konnten doch Spione sein. Sie unterhielten sich in fremden Sprachen und gehörten nicht zu uns. In der Schule wurden sie zu Außenseitern, mit denen niemand mehr spielte. Wir deutschen Kinder wollten unter uns sein. Wir sprachen auf dem Schulhof über nichts anderes mehr als über den Krieg.
Wir hörten Geschichten von der Front, die im Dorf schnell die Runde machten. Obwohl es eigentlich verboten war, schickten viele Soldaten Mails und Fotos an ihre Angehörigen, von denen natürlich etliche im Internet landeten. Ich las die täglichen Berichte über den Kriegsverlauf. Es war spannender als die Fußballbundesliga. Hatten wir ein Gefecht gewonnen oder verloren? Hatten wir ein Stück Territorium erobert oder mussten wir es räumen? Wie viele Tote hatte der Gegner, wie viele Tote hatten wir? Das war der aktuelle Tabellenstand des Krieges.
Im Fernsehen und im Internet sah ich mir viele Beiträge über die Kampfhandlungen an. Ich muss sagen: unsere Bomber und Panzer waren einfach schön. Sie sahen gut aus und das Mündungsfeuer der Artillerie jagte mir wohlige Schauer über den Rücken. Auch die Luftaufnahmen von Explosionen oder die Bilder einer Drohne kurz vor ihrem Einschlag waren beeindruckend. Unsere Soldaten sahen cool aus, wie Filmstars. Während die Gefangenen des Feindes aussahen wie Verbrecher.
Irgendwann erreichten die Todesmeldungen auch unser Dorf. Der Nachbar mit der schönen Uniform war tot. Seine Frau weinte, als sie es meiner Mutter erzählte. Seine beiden Töchter gingen zunächst gar nicht zur Schule, dann nur schweigend und mit hängenden Köpfen. Ich fragte meinen Vater, ob er auch in den Krieg ziehen müsste. Ich war unsicher geworden. Nein, sagte er, aufgrund seiner Tätigkeit als Leiter der Buchhaltung in einem kriegswichtigen Betrieb müsse er nicht mit seiner Einberufung rechnen. Wieder neue Worte: „kriegswichtig“, „Einberufung“.
Es waren die Politiker, die entschieden, was kriegswichtig war und wer als nächstes einberufen werden sollte. Man sah sie jetzt häufiger im Fernsehen, wo sie lange Reden hielten. „Schicksal“, „Nation“, „historische Entscheidungsschlacht“ oder die „Zukunft unserer Kinder“ waren Begriffe, die sehr häufig in ihren Reden vorkamen. Viele Flaggen und klatschende Menschen waren zu sehen, die Inszenierung war beeindruckend. Ob meine Eltern abends vor Ergriffenheit oder Angst weinten, weiß ich nicht mehr. Aber eines Tages hatten wir den Krieg verloren.
Solid Space - Spectrum Is Green. https://www.youtube.com/watch?v=rsR40Skuxfo