Montag, 26. Juni 2017

Blogstuff 138

„Das Einzige, was es möglich macht, diese Welt ohne Abscheu zu betrachten, ist die Schönheit, die Menschen hier und da aus dem Chaos erschaffen: die Bilder, die sie malen, die Musik, die sie komponieren, die Bücher, die sie schreiben, und das Leben, das sie führen.“ (Somerset Maugham)
Gute Vorsätze sind ein Verrat an den eigenen Schwächen.
Spaß mit Zahlen, Folgen 21: 986 ist das letzte Jahr gewesen, dessen Ziffernfolge man um 180 Grad drehen kann und trotzdem zum gleichen Ergebnis kommt. Legt man die angelsächsische Schreibweise der Zahlen (1 als glatter Strich) zu Grunde, war es das Jahr 1961. Erst 6009 wird es wieder so weit sein.
In Frankreich werden wir erleben, wie eine der letzten Bastionen der Arbeitnehmerrechte von Macron geschleift wird. Ich hoffe auf einen heißen Herbst des Protests gegen seine Agenda 2010-Variante. Anführer von Bewegungen machen mich immer misstrauisch - und er darf sogar unter Kriegsrecht regieren, dessen Bestimmungen er sicher gegen das rebellierende Volk einsetzen wird.
Protestiert gegen das System! Kauft Farbe und Stoff für eure Transparente! Kauft Buttons und Aufkleber! Umsturz-Müller in der Helmut-Kohl-Straße hat wieder seine Rabattwochen.
Es war die Sensation 1986: Die Brother AX-30. Die elektrische Schreibmaschine der Zukunft. Für schlanke 999 DM. Sie hatte ein 20-Zeichen-Display zur Kontrolle des eingegebenen Textes und einen 6500-Zeichen-Speicher – das sind etwa drei Seiten Text, den „Sie immer wieder ausdrucken lassen können, wann und wie oft Sie es wünschen“, wie es im Werbetext der japanischen Wundermaschine heißt. Außerdem: „das angenehm leise Arbeitsgeräusch“.

Copyright: Harri.
Im Zivildienst habe ich einen Maurermeister betreut, dem es eine Freude war, in seinen alten Tagen durch Ingelheim zu spazieren und sich die Häuser anzuschauen, die er gebaut hatte. Den gleichen Stolz haben Tischler, die Möbel bauen, die ein Leben lang halten. Früher waren vermutlich auch Facharbeiter stolz, die Kühlschränke oder Autos bauten, die einfach nicht kaputt gingen. Vielleicht ist vielen Leuten in der heutigen Zeit ihre Arbeit so verhasst, weil sie wissen, dass sie billigen Schrott herstellen, und alles, was sie organisiert haben, im nächsten Jahr schon wieder umgekrempelt wird? Es bleibt nichts, weil alles permanent verändert werden muss.
Woran erkennt man, dass eine neue Partei in der Bundesrepublik „angekommen“ ist, d.h. erfolgreich gebrainwasht wurde und damit satisfaktionsfähig ist? Schritt 1: Sie darf als kleiner Koalitionspartei bei den schwarz-rot-gelben Kernparteien in die Lehre gehen. Schritt 2: Man bekommt ein eigenes Bundesland. Und so darf seit 2011 ein alter weißer Mann, der gerne dunkle Anzüge trägt, mit einem Mercedes der S-Klasse durch Baden-Württemberg fahren und der erste grüne Ministerpräsident sein. Einige Jahre später hat man einem Linken ein ostdeutsches Bundesland anvertraut, in dem selbstverständlich nicht der Sozialismus ausgebrochen ist.
Wir kennen das Gefühl von Beerdigungen und kirchlichen Trauungen: Man sitzt in unbequemer Kleidung viel zu eng mit Menschen zusammen, die man entweder gar nicht kennt oder nicht mag, und wäre in diesem Augenblick eigentlich gerne woanders. Später hat man dieses Gefühl jeden Tag, man nennt es „Meeting“. Noch schlimmer ist der Büroalltag nur für Leute, die gerade nicht im Meeting sind – denn die müssen arbeiten.
P.S.: Sollte ein Kollege im Meeting eingeschlafen sein, verlassen Sie bitte alle ganz leise den Raum und löschen Sie das Licht. Variante für Fortgeschrittene: eine Gruppe anderer Kollegen nimmt Ihre Plätze ein und Sie stupsen den Kollegen behutsam an. Wenn er wach ist, erklären Sie ihm, das Unternehmen würde ihn nur für die wirklich wichtigen Meetings wecken.
Sir Mix-A-Lot - Baby Got Back. https://www.youtube.com/watch?v=reTx5sqvVJ4

Sonntag, 25. Juni 2017

V 3

Am nächsten Morgen kam ich mit fünfhundert Euro, einem veritablen Kater und einer mehrfach verlorenen Unschuld ins Antiquariat. V lächelte unverschämt, als er mich sah, unterließ aber jede Form von Kommentar.
Er war mit den Geschäften zufrieden, die komplette Fachliteratur, etwa viertausend Bücher, hatte er an einen Händler für die Pauschalsumme von viertausend Euro verkauft. Zusammen mit den Einnahmen vom Vortag waren neunzig Prozent seiner Kosten gedeckt, er konnte Aufsesser das Geld überweisen und es blieben ihm noch 1800 Romane, Anthologien und Lyrikbändchen für den weiteren Verkauf.
Es kehrte wieder Ruhe ein und ich konnte es kaum erwarten, nach Geschäftsschluss mit meinen Bonettis nach Hause zu gehen, um sie in Ruhe zu studieren. „Meer ohne Salz“ und „Wüste ohne Sand“, ohne die das Œuvre des Meisters nicht zu denken wäre. Es handelt sich dabei um fiktive Fortsetzungen von Hans Henny Jahnns „Fluss ohne Ufer“. Angeblich gab es noch „Frikadelle ohne Fleisch“ und „CDU ohne Programm“, aber das waren nur satirische Fake News irgendeines Online-Magazins.
Endlich war es soweit. Ich trug meinen Schatz in mein Arbeitszimmer und machte mir eine große Tasse Irish Coffee mit ganz wenig Kaffee. Dann begann ich, im ersten Band zu blättern. „Meer ohne Salz“. Der Schnitt des Buches hatte die Patina von altem Elfenbein angenommen, aber die Seiten hafteten noch leicht aneinander. Ein Zeichen, das Professor Aufsesser es nicht gelesen hatte. Auf dem Vorblatt stand eine Widmung, die mit dunkelblauer Tinte geschrieben war: „Viel Vergnügen bei der Lektüre, F. S.“.
Genüsslich schlürfte ich die Tasse leer und vertiefte mich in die erste Kurzgeschichte. Es ging um eine Bande von Grabräubern, die in Bad Nauheim ihr Unwesen trieb. Dann blätterte ich nach hinten, wo das Inhaltsverzeichnis war. Da entdeckte ich eine Zahlenfolge, die auf der Innenseite des Einbands stand: 210341365. Sie war mit Bleistift geschrieben.
Was hatte das zu bedeuten? War ich auf ein Geheimnis gestoßen? War es ein Code? Eine Schließfachnummer? Eine Telefonnummer? Ich nahm mein Handy und tippte die Nummer ein. Ich hörte nur eine Bandansage: „Willkommen bei den Mystery Men. Sie versuchen, uns zu kontaktieren? Wir werden Sie finden. Wir werden alles über sie erfahren.“ Dann war ein Wolfsheulen zu hören. Warum hört man eigentlich nie ein Besetztzeichen, wenn man wildfremde Leute anruft?
Es könnte natürlich auch eine Nummer aus dem Bestandsverzeichnis einer Bibliothek sein. Ich tippte auf die Stabi an der Potsdamer Straße. Erstens hatte sie bis 21 Uhr auf und zweitens war ich nach dem Whiskey einfach abenteuerlustig. Ich fuhr also mit dem Bus in die Potsdamer Straße. Es dauerte eine Weile, bis ich das richtige Regal gefunden hatte. Aber es gab keine Nummer 210341365. Die -64 und die -66 standen an ihrem Platz, aber ausgerechnet mein Buch fehlte. Rätselhaft, oder?
Ich wollte schon gehen, als mir einfiel, einen Blick hinter die Bücher zu werfen. Vielleicht war es ja verrutscht? Tatsächlich fand ich einen Zettel mit der Aufschrift „Suche den Elefanten und befrage ihn mit der Hand“. Was sollte das bedeuten? War vielleicht vom Elefantentor am Zoologischen Garten die Rede? Der junge Aufsesser hatte erzählt, dass der Zoo die Leidenschaft seines Vaters gewesen sei.
Ich fuhr zum Zoo und kletterte einen der der steinernen Elefanten empor. Befrage ihn mit der Hand? War eine Botschaft in seinem Maul versteckt? Tatsächlich! Ich fand einen winzigen Lederbeutel. Ich kletterte wieder hinunter. Auf dem Bürgersteig waren einige Menschen stehengeblieben, die mich neugierig beobachteten. Ich spielte den Betrunkenen und torkelte davon.
Zu Hause öffnete ich den Beutel und fand eine zweite Botschaft. „Eiffels Frau hält es in der Faust. Öffne Sie!“ Eiffels Frau? Ich dachte fieberhaft nach. Sollte ich ein Grab öffnen? Oder handelte es sich um ein Bauwerk? Er hatte Türme und Brücken gebaut, aber keine Skulpturen. Ich stöberte ein wenig im Netz. Die Freiheitsstatue in New York. Eiffel hatte die Stahlkonstruktion entworfen, die mit Kupferplatten verkleidet worden war.
Am nächsten Morgen nahm ich das erste Flugzeug vom BER nach New York. Mit dem Taxi fuhr ich zur Südspitze Manhattans und nahm von dort die Fähre nach Liberty Island. An Bord fielen mir zum ersten Mal die beiden Männer in den dunklen Mänteln auf. Einer von ihnen sah aus wie Nicolas Cage in „Das Vermächtnis der Tempelritter“, der andere sah aus wie Nicolas Cage in „Das Vermächtnis des geheimen Buches“.
Ich bestieg die Statue und kletterte auf den Arm, der die Fackel hielt. Es wehte ein kräftiger Wind und es war sehr gefährlich. Tatsächlich war in der Faust eine kleine Nische, in der ich ein Pergament fand. Als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, blickte ich in die Mündung von vier Revolvern.
„Ich nehme an, Sie sind die Mystery Men“, fragte ich, um Zeit zu gewinnen.
Fortsetzung folgt – im Dezember in einem Kino Ihrer Wahl. Vermutlich wird dieses bleigesättigte Rachefinale mit Nicolas Cage in der Hauptrolle verfilmt. Weitere Orte der Schnitzeljagd: Golden Gate Bridge, Tadsch Mahal, Topkapi-Palast und Bad Nauheim.
Montell Jordan - This Is How We Do It. https://www.youtube.com/watch?v=0hiUuL5uTKc

Samstag, 24. Juni 2017

V 2

Am Montagmorgen kam ich ins Antiquariat und sah V, der vor zwei großen Kisten stand. Er lächelte mich an. Dann begann er, mit Sammlern und bibliophilen Freunden zu telefonieren.
Fünfzehn Minuten später stand ein Mann im Geschäft, der große Ähnlichkeit mit Pavarotti hatte.
„Wo ist es?“ rief er, während er schnaufend nach Atem rang. Er musste gerannt sein.
V zog ein schmales Bändchen aus der Kiste.
„Bei dieser kostbaren Rarität habe ich sofort an dich gedacht, Egon.“
Freudestrahlend nahm der schwarzhaarige Riese das Buch in die Hand. „Diesmal hat das Schwein ein Bolzenschussgerät“ las ich auf dem Einband.
„Wer ist denn Lupo Laminetti?“ fragte ich die beiden Herren und erntete nur ein mitleidiges Lächeln.
„Laminetti ist ein hessisches Kryptoanarchist. Dieses Buch ist sein surrealistisches Frühwerk, das er im Eigenverlag herausgegeben hat. Es gibt nur hundert Exemplare“, antwortete V.
„Was möchtest du für dieses Juwel?“ fragte Egon.
„Für dich kostet es nur fünfzig Euro.“
„Das kannst du unmöglich machen“, rief der Riese. „Das ist ja geschenkt.“
V lächelte versonnen und blickte auf die beiden Schatztruhen aus Pappe hinunter.
Jetzt war ich selbst neugierig geworden und begann, in den Kisten zu stöbern. Und tatsächlich: „Meer ohne Salz“, sowie die Fortsetzung „Wüste ohne Sand“. Von Andy Bonetti. Meinem großen Vorbild. Dem Meister aller Klassen.
Strahlend vor Glück hob ich die beiden Bände V entgegen. Er schüttelte nur bedauernd den Kopf.
„Gleich kommt die Herzogin, Sie hat das Vorkaufsrecht.“
Tatsächlich rauschte wenig später eine stark geschminkte und geradezu fontanehaft kostümierte Dame ins Antiquariat.
„Gretel, meine Liebe“, flötete V. Bussi links, Bussi rechts.
Konzentriert nahm sie einige Bücher in die Hand, murmelte Unverständliches und bildete zwei Stapel, die im Laufe der Zeit immer höher wurden und bedrohlich zu schwanken begannen.
Sie deutete mit dem Zeigefinger auf den linken Stapel. „Geh, Spatzerl, die lässt du mir schön einpacken und von deinem Ladenschwengel heute Abend in meine Residenz bringen.“
„Selbstverständlich. Soll ich die Rechnung schon fertig machen?“
„Gerne. Was macht es denn?“
V begann mit Bleistift und Zettel zu rechnen. „560 Euro. Für dich fünfhundert glatt.“
„Du bist ein Schatz. Baba.“ Dann rauschte sie wieder hinaus.
Die beiden Bonetti-Bände waren noch da, aber es kamen weitere Kunden in den Laden. Ein dürrer kleiner Mann ohne Kinn, der mit einem hellgrauen Dreiteiler und einer dunkelroten Hakennase ausgestattet war: Doktor Wiesengrund, ein Privatgelehrter. Die Cortez-Zwillinge, die sich gegenseitig die Bücher zeigten. Langsam leerten sich die Kisten, während V sicher an die fünftausend Euro eingenommen hatte.
Gegen Abend war der Laden endlich leer und V ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken.
Wieder nahm ich die beiden Bonetti-Bände, die in herrliches weiches Kalbsleder gebunden waren. „Wieviel?“ fragte ich.
V warf einen Blick auf die Bücher und lächelte müde. „Wenn du nachher noch die Bücher zur Herzogin bringst und abkassiert hast, schenke ich dir die Bücher.“
„Vielen Dank!“
„Weißt du, solche Tage sind der wahre Ertrag meiner Tätigkeit. Wenn du die Schätze und die Schatzsucher zusammenbringst, wenn du den Büchern neues Leben einhauchen kannst.“
Es war schon dunkel, als ich vor dem Haus in Friedenau ankam. Ich stieg die Treppe des Mietshauses aus der Gründerzeit empor. An der Wohnungstür erwartete mich schon die Herzogin – in einem Negligé.
Sie warf mir einen hauchdünnen Seidenschal um den Hals und zog mich ins Wohnzimmer. „Geh, Burli. Magst einen Marillenschnaps?“
Ich nickte und legte das Paket und die Rechnung auf den Tisch.
Fortsetzung folgt
Ini Kamoze - Here Comes The Hotstepper. https://www.youtube.com/watch?v=w0N4twV28Mw

Freitag, 23. Juni 2017

V

Auf Anraten meines Therapeuten sollte ich mich Situationen aussetzen, denen ich normalerweise aus dem Weg gehe. Außerdem sollte ich den Kontakt mit anderen Menschen suchen, da ich als alleinstehender Schriftsteller ein sehr einsames Leben führe und einer quasi autistischen Tätigkeit nachgehe. Also hatte ich mich entschlossen, ein vierwöchiges Praktikum bei Amadeus Vogelkopf zu absolvieren. Arbeit! Fremde Menschen!!
Herr Vogelkopf war ein netter älterer Herr, der seit zwanzig Jahren als Geschäftsführer und einziger Mitarbeiter von „Andy Quariat“ in der Winterfeldstraße in Berlin-Schöneberg seinen Lebensunterhalt bestritt. Ich hielt es für eine gute Idee, der Welt der Bücher weiterhin verbunden zu sein und gleichzeitig Material für meine Veröffentlichungen zu sammeln. V, wie ich ihn insgeheim liebevoll nannte, enttäuschte mich nicht. Ich kannte ihn von gelegentlichen Besuchen seines Antiquariats.
Während der langen Stunden, in denen niemand die Geschäftsräume betrat, die bis unter die Decke mit tausenden von Büchern angefüllt waren, die nach der unergründlichen Ordnung ihres Besitzers aneinandergereiht auf weiß gestrichenen Regalbrettern standen, erzählte mir V aus seinem Berufsleben. Er hatte Myriaden von Studenten überstanden, die ewig suchten und nichts kauften. Penner, die sich aufwärmten, und Rentnerinnen, die ihn aus Langeweile in ein Gespräch verwickelten, ohne dass ihn ein zweiter Kunde retten konnte. Leute, die feilschten. Leute, die ein gelesenes Buch gegen ein neues tauschen wollten. Leute, die versuchten, ihm die Konsalik-Sammlung ihrer Oma anzudrehen.
Niemand käme je auf die Idee, ein Antiquariat zu eröffnen, um reich zu werden. Eigentlich habe ich mich immer gefragt, wovon Antiquare überhaupt leben. Alles in der ersten Woche meines Praktikums hat mich in dieser Einstellung bestätigt. Diese Beschäftigung ist auf eine so unkomische Art traurig, isn’t it? Bis Martin Aufsesser das Geschäft betrat.
Es hatte geregnet und es dauerte eine ganze Weile, bis der Mann auf seine seltsam unbeholfene und umständliche Art den Regenschirm geschlossen hatte, seine Brille mit einem Tuch getrocknet und wieder aufgesetzt hatte, um an den Verkaufstresen zu treten, hinter dem V und ich die Szene beobachtet hatten.
„Guten Tag“, sagte er. „Darf ich erfahren, wer von Ihnen Herr Vogelkopf ist?“
„Das bin ich“, sagte V. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Es geht um einen Nachlass. Mein Vater ist gestorben. Professor Aufsesser. Vielleicht haben Sie den Namen schon einmal gehört?“
„Germanistik. Freie Universität. Ich habe eine Vorlesung von ihm besucht.“
Auch ich kannte Aufsesser. Er schrieb nach seiner Emeritierung vor zwanzig Jahren regelmäßig Rezensionen für den „Tagesspiegel“.
„Mein Vater hat eine umfangreiche Bibliothek hinterlassen. Meine Mutter möchte gerne in eine kleinere Wohnung in der Innenstadt ziehen, wir werden das Haus verkaufen und seine Bibliothek können wir weder bei mir noch bei meiner Mutter unterbringen.“
„Um wie viele Bücher handelt es sich denn?“
„Es dürften über sechstausend sein.“
V blickte Aufsesser ungerührt an, während ich leise durch die Zähne pfiff.
„An welche Summe hatten Sie gedacht.“
„Wir wären mit zehntausend Euro zufrieden. Gerade die Fachliteratur aus seiner Zeit als Professor ist vermutlich selbst für einen erfahrenen Antiquar wie Sie nicht zu verkaufen. Aber die Romane werden sicher ihre Leser finden.“
„Gut, Herr Aufsesser. Kann ich mir die Bücher am Samstagnachmittag nach Geschäftsschluss anschauen?“
„Sehr gerne. Ich gebe Ihnen die Adresse.“
Eine Villa in Dahlem. Ich hatte es nicht anders erwartet.
So fing es an.
Fortsetzung folgt
Sergio Mendes feat. Black Eyed Peas - Mas Que Nada. https://www.youtube.com/watch?v=Tfa6fRjPlUE

Donnerstag, 22. Juni 2017

Gespräch über Gott

„Wenn es einen Gott gibt, warum lässt er dann die Grausamkeiten und das Elend in der Welt zu?“ fragt der Atheist den Gläubigen.
„Wenn es keinen Gott gibt, warum lässt du dann die Grausamkeiten und das Elend in der Welt zu?“ fragt der Gläubige den Atheisten.
(Es sind exakt drei Buchstaben, die den Unterschied zwischen beiden Fragen ausmachen)

Medien meiden

„Die Zeit schien aufgehoben zu sein – sie war nicht mehr ein Strom, der aus dem Dunkel kam und ins Dunkel ging -, sie war ein See, in dem sich lautlos das Leben spiegelte. (…) Ich spürte den weichen Glanz der ersten Trunkenheit, der das Blut wärmer machte und den ich liebte, weil er über das Ungewisse den Schein des Abenteuers breitete.“ (Erich Maria Remarque: Drei Kameraden)
In meiner Jugend war es ein Traum, als Journalist zu arbeiten. Irgendwo auf dem Balkan oder im Kongo gab es einen Putsch oder einen Krieg und der Herausgeber schrie: „Bringt mir meinen besten Mann!“ Der verwegene Held der Informationsgewinnung fuhr am nächsten Tag mit dem Orientexpress oder dem Postdampfer ins Krisengebiet. Er hatte nichts im Gepäck als seinen gesunden Menschenverstand, den Mut, jederzeit die Konkurrenz und den eigenen Vorgesetzten hinters Licht zu führen, einen Tropenhelm, eine Flasche Whisky und sein Notizbuch nebst allwettertauglichem Schreibwerkzeug.
Ausgestattet mit einem Spesenkonto, das für monatelange Recherchen inklusive satter Bestechungsgelder und römischer Bacchanalien ausreichend gefüllt war, begab er sich in fremde Länder und verschaffte sich durch zahlreiche Gespräche, ausgehend vom Botschafter seines Landes über Hotelmitarbeiter, Zufallsbekanntschaften in Kneipen und Prostituierte, exklusive Informationen, die er nachts mit einer Zigarette im Mundwinkel auf seiner Reiseschreibmaschine abtippte und am nächsten Tag per Telegramm an seine Redaktion weitergab.
Die Konkurrenz von anderen Zeitungen kannte unser Journalist natürlich, denn es gab in den Krisengebieten meistens nur ein oder zwei Hotels, in denen sämtliche Vertreter der Weltpresse logierten und sich abends an der Bar gegenseitig aushorchten. Gab es tatsächlich ein weltbewegendes Ereignis zu vermelden, stellte man die Plünderung des Spesenkontos zurück und rannte zum Telegraphenamt, wo man den zuständigen Beamten bestach, die eigene Meldung zuerst zu senden, damit die eigene Redaktion mit der Meldung schon in der Abendzeitung glänzen konnte, während die konkurrierenden Blätter erst mit der Morgenausgabe nachziehen konnten.

Noch in den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden Edelfedern mit üppigen Spesen auf Reisen geschickt, von denen sie – oft erst nach einigen Monaten mit Kaviar, Champagner und Kokain – mit exklusiven Reportagen zurückkehrten, die sie in keiner anderen Zeitschrift lesen konnten. Das alles ist vorbei. Wie ist es heute? Heute ist der Journalismus längst vor die Hunde gegangen.
Die Nachrichtenagenturen liefern an alle Redaktionen weltweit denselben Stoff, der in allen Sendungen und Zeitungen gleich klingt. Wie berichtet eine ehemals renommierte Nachrichtensendung über ein Ereignis? Nehmen wir Kairo als Beispiel. Der Auslandskorrespondent wird in die ägyptische Hauptstadt geschickt. Sein Flugzeug landet eine dreiviertel Stunde, bevor er live in der Sendung über ein Ereignis berichten soll. Nennen wir den Moderator dieser Sendung Pattex-Claus. Der Journalist hat natürlich keine Möglichkeit, in dieser kurzen Zeit irgendwas vor Ort zu recherchieren. Also ruft er in der Redaktion an und lässt sich erzählen, was in Kairo los ist und was er sagen soll. Warum lässt man den Mann nicht gleich zu Hause und bringt den aufgesagten Text vor einer Fototapete mit den Pyramiden?
Alles hängt heute an den Augen und Ohren einer Handvoll Agenturen, die mit Informationen handeln. Die Medien selbst sind taub und blind, aber leider nicht stumm. Alle erzählen die gleichen Geschichten und versuchen nur noch, sich durch Lautstärke und Verbreitungsgeschwindigkeit voneinander zu unterscheiden. Wir haben keine Meinungsvielfalt mehr, nur noch Medienvielfalt. Wo sind die Experten, die als Korrespondent lange Jahre in einem Land leben, dessen Sprache sie verstehen, die Stimmungen und Meinungen an Originalschauplätzen wahrnehmen können, die in Hintergrundgesprächen oder meinetwegen auch in Kaffeehausbesuchen den Rohstoff Information an seiner Quelle ernten und ihn in gut geschriebenen Reportagen vermitteln? Die Redakteure der heutigen Zeit wissen nichts mehr über die Welt außerhalb ihres HighTech-Bunkers. Und wir auch nicht.
The Psychedelic Furs – Heaven. https://www.youtube.com/watch?v=4G_CAYf-itw

Mittwoch, 21. Juni 2017

So lasset uns denn eine Pyramide bauen

Friedrich der Große, über den Napoleon nach der Eroberung Berlins sagte „Man würde nicht bis hierher gekommen sein, wenn Friedrich noch lebe“, verfügte testamentarisch, man möge ihn nachts mit kleinstem Gefolge beim Schein einer Laterne beerdigen. Heute ruht er unter einer einfachen Steinplatte im Garten seines Schlosses Sanssouci.
Helmut Schmidt lehnte in alter hanseatischer Tradition den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland mit Stern und Schulterband ab, weil er nur seine Pflicht erfüllt habe. Er fand 2015 im Familiengrab auf dem Friedhof von Hamburg-Ohlsdorf unter einer schlichten weißen Platte, auf der nur die Namen sowie Geburts- und Todestage vermerkt sind, seine letzte Ruhe.
Helmut Kohl wird, von ihm selbst gewünscht, als erster Politiker mit einem europäischen Staatsakt geehrt. Einen deutschen Staatsakt lehnte seine Witwe ab. Sein Leichnam wird wie bei einer Prozession mit dem Schiff über den Rhein nach Speyer gefahren, obwohl er immer in der Malocherstadt Ludwigshafen gelebt hat. Dort wird er unmittelbar neben dem Dom, in dem die Gebeine einiger deutscher Kaiser liegen, beerdigt werden. Noch im Pomp um seinen Tod ist dieser Mann geistig armselig.