Sonntag, 20. August 2017

Foodblog Berlin – die Nachspeise

Lychee, Bayrische Straße 9, Wilmersdorf. Ein ausgezeichneter Chinese, den Saurons gefräßiges Auge bisher nur deshalb übersehen hat, weil er knapp außerhalb meiner Kiezgrenze (1 km zu Fuß) liegt. Schon als Vorspeise gibt es leckere Garnelenspieße und meine heißgeliebten Jakobsmuscheln. Das knusprig gebratene Rindfleisch in einer Honig-Knoblauch-Soße verschaffte mir einen ungekannten Genuss. From Zero to Hero auf meiner kulinarischen Festplatte.
Michl’s, Peschkestraße 18, Friedenau. Leckere Bratwürste und Ochsenbäckchenragout – kleiner und schöner Biergarten in einer entspannten Umgebung. Fränkische Küche, fränkisches Bier. Ein weiterer Treffpunkt für Franken-Fans: das Fränkla in meinem Kiez, Güntzelstraße 24.
Café am Schäfersee, Residenzstraße 43, Reinickendorf. Es ist wie in einem Märchenfilm: Auf der Residenzstraße tobt der multikulturelle Untergang des Altreichs mit Basecap, Kopftuch und Woolworth. Sie treten durch einen Hofeingang – und stehen plötzlich vor einem idyllischen Seepanorama. Hier sitzt das deutsche Bürgertum bei Kaffee und Eisbecher. Es wäre perfekt – wenn nicht alle sechzig Sekunden ein Passagierflugzeug im Tiefflug über das lauschige Fleckchen donnern würde.
Angus, Kreuzbergstraße 11. Ein 300-Gramm-Entrecote-Steak mit Pommes und Kräuterbutter für 14 Euro? Ein leckerer großer Burger, Black Angus Beef, mit Pommes für 6,50? Pizza und Pasta für vier oder fünf Euro? Hier sind Sie richtig. Seit vielen Jahren eines meiner Stammlokale. Nur einen Steinwurf von der nervtötenden Bergmannstraße entfernt.
Mai Phai, Feuerbachstraße 16, Steglitz. Ausgezeichnetes Thai-Restaurant, stilecht eingerichtet. Spezialität des Hauses ist hauchdünn geschnittenes Kalbsfilet in Curry-Kokosnusssoße.
Nuova Mirabella, Alt-Tempelhof 27. Warum nicht mal raus aus der Innenstadt und Tempelhof besuchen? Nach einem Spaziergang durch den Ortskern und den Alten Park gehe ich in ein nettes italienisches Restaurant und esse eine große Pizza mit Parmaschinken, Parmesan und Rucola. Vorher gibt es Brot und Oliven, nachher einen Grappa. Das kostet zusammen 7,50 €. Ist ein Haken an der Sache? Nein. Ganz im Gegenteil: in Sachen Ambiente, Bedienung und Publikum ist es hier bürgerlicher als bei vielen Italienern, die ich aus Wilmersdorf oder Charlottenburg kenne. Man würde ein solches Lokal gar nicht in Tempelhof vermuten. Es kann so einfach sein, wenn man die ausgetretenen Pfade verlässt.
???. Dreimal habe ich in Berlin eines meiner Lieblingsgerichte getestet: Bami Goreng. Ein indonesisches Lokal in Schöneberg, eines in Moabit, ein Inder, der auch indonesische Gerichte anbietet. Keines der Lokale hat mich überzeugt. Die besten gebratenen Nudeln gibt es immer noch im Shaniu's House of Noodles in der Pariser Straße – aber in diesem mikroskopisch kleinen China-Restaurant habe ich bei meinen letzten vier (!) Versuchen keinen Platz bekommen.
Tex Mex Cantina, Georgenstraße, S-Bahnbogen 198, nahe Bahnhof Friedrichstraße. Nach Schließung meines Stamm-Mexikaners war ich auf der Suche nach einer neuen Heimat in Sachen Burrito & Co. War ganz okay, aber hat mich nicht begeistert. Vor allem die Touri-Preise. Ein Weizenbier aus der Flasche für 4,50? Kennt jemand ein gutes mexikanisches Restaurant in Berlin?
P.S.: Was ich nicht mehr geschafft habe: die Pizza Kafka in der Pizzologie in der Moltkestraße 30 deep in the south. Kann das jemand für mich erledigen?
Tears for Fears – Change. https://www.youtube.com/watch?v=33JK-XxN0BY

Wer findet das Schnitzel mit Zigeuner? Copyright: Harri.

Samstag, 19. August 2017

Trump – Kim – Erdogan

„In diesem Schauspiel Welt, das eitel ist und bös, schwärmt kranker Narren Schar und faselt noch vom Glück.“ (Voltaire)
Ob Geschichte die Entfaltung der objektiven Vernunft ist (Hegel), wie wir in guten Zeiten hoffen, oder nur die Manifestation des subjektiven Willens (Schopenhauer), wie wir in schlechten Zeiten fürchten, mag jeder für sich selbst beantworten. Ob Vernunft überhaupt noch eine Kategorie ist, die zur Analyse der gegenwärtigen Politik taugt, darf man angesichts der handelnden Akteure jedoch bezweifeln. Ein Argument kann man widerlegen, ein Maschinengewehr nicht, um es mit Ernst Jünger zu sagen.

Foodblog Berlin – der Hauptgang

Jing Yang, Albrechtstraße 125, am S- und U-Bahnhof Rathaus Steglitz. Echter Chinesen-Chinese mit sehr angenehmer Atmosphäre. Frische Zutaten, großartig zubereitet – und wenn scharf auf der Karte steht, ist es scharf. Nach dem Essen sprach die Wirtin eine Weile mit mir, weil ich zum ersten Mal das Lokal besucht habe. Gutes Gespräch, sehr aufmerksam. Die Hunan-Küche ähnelt der Sichuan-Küche. Fazit: nach nur einem Besuch hat es dieses Restaurant in den erlauchten Kreis meiner Stammlokale geschafft. Aufgepasst, Tian Fu und Hot Spot!
Burger de Ville. Berlins Burgerladen Nr. 297 im Kranzlereck, Innenhof. Fast Food-Service mit Slow Food-Geschwindigkeit. Man steht am Tresen Schlange, zahlt sofort und bekommt ein rundes Ding, das brummt, wenn der Burger fertig ist. Mein Gerät trug die Nr. 13 – und so kam es dann auch. Ich habe länger gewartet als in einem normalen Restaurant, weil man mich vergessen hatte. Der maximaltätowierte, dauertelefonierende Schnöselspanier brachte mir schließlich den Cheeseburger mit einem gequälten Lächeln an den Tisch. Aber vielleicht passt ein dicker Mann im Jeans-Saitling auch nicht in diese Ansammlung von schönen Frauen und geföhnten Typen in Business-Klamotten? Bun zu trocken, Patty mittelmäßig (medium bestellt, well done bekommen), Soßen langweilig. Fazit: völlig überschätzt – nie mehr wieder.
Nürnberger Wirtshaus, Sredzkistraße 30, Prenzlauer Berg. Ausgezeichnetes fränkisches Bier vom Fass, v.a. das Zirndorfer Kellerbier. Als ausgewiesener Frankenfan, der jedes Jahr vier Mal vor Ort ist, kann ich auch das Essen empfehlen. Giant Schäufele. Nette Atmosphäre, Tische vor der Tür und sehr freundliche Bedienung.
Krimiserie „Der Foodblogger“: Wir sehen ihn am Steuer eines Wagens bei einer wilden Verfolgungsjagd – mit einem Hot Dog in der Hand. Er schleicht durch eine dunkle Lagerhalle – und isst dabei Pizza. Als ein Gebäude explodiert, springt er gerade noch rechtzeitig aus dem Fenster – während er einen Burger umklammert. Er öffnet Türschlösser mit Essstäbchen und bezahlt seine Informanten mit Donuts.
Uncle Sam, Schloßstraße 49, nur wenige Gehminuten vom S- und U-Bahnhof Rathaus Steglitz entfernt. Grillsergeant Lee hat seinen Standort geändert, aber ich finde ihn immer wieder. Sein Homestyle Burger ist der Nullmeridian des Burger-Universums, quasi der Ur-Burger, bevor die ganzen Experimente mit Guacamole und Tofu losgingen. Adenauer hätte diesen Burger gegessen.
Goldies, Oranienstraße 6. Im guten alten SO 36 gibt es jetzt einen souveränen Frittenladen. Diverse Soßen und ungewöhnliche Beilagen. Exzellente Qualität, dahinter stecken zwei Top-Köche. Normale Portion nur 2,40 €.
XL Döner, Schloßstraße 27B, Charlottenburg. Nicht weit vom U-Bahnhof Sophie-Charlotte-Platz kann man sich mit einem leckeren Dürüm Döner mit Spezialsoße gemütlich in einen kleinen Park setzen und chillen.
Kumpel & Keule, Eisenbahnstraße 42, Wrangelkiez. Sehr guter Metzger in der Markthalle, Burger und Bratwürste kann man gleich vor Ort verkosten. Klasse!
Momiji, Bleibtreustraße 52, an der „Asienmeile“ Kantstraße. Wer gerne japanisch isst, sich aber vom einfachen Sushi zu warmen Mahlzeiten upgraden möchte, steht häufig vor dem Problem, dass die „echten“ Restaurants ziemlich teuer sind. Nicht im Momiji: In diesem Lokal gibt es günstige Nudelsuppen sowie Rind, Huhn und Fisch auf Reis – alles um die zehn Euro. Es schmeckt auch noch und die Gastgeber sind einfach nett. Pluspunkt: Statt nervigem Flötengedudel erklingt im Hintergrund geschmeidiger Bossanova, der das sommerlich gestimmte Gemüt erfreut.
Amma, Brandenburgische Straße 22, Wilmersdorf. Es gibt viele gute Inder in der Stadt, ohne das ein Lokal herausragt. Daher möchte ich jetzt mal ein einzelnes Gericht loben: „Ente Amma“ im gleichnamigen Lokal. Wunderbare Soße und eine Riesenportion leckeres Fleisch, so dass ich gleich anschließend nach Hause auf mein Sofa musste, wo ich gerade noch den 14-Uhr-Zug nach Nickerchen City erwischte.
Il Casolare, Grimmstraße 30, Kreuzberg. Manchmal kann das Leben so einfach sein: Pizza oder keine Pizza? Wenn Sie keine Lust auf Pizza haben, können Sie gleich wieder gehen. Dafür gibt es bei diesem echten Italiener ohne Hipsterallüren auch Salsiccia oder Pferdefleisch als Belag. Drumherum ein netter Kiez am Landwehrkanal.
Beatles – Penny Lane. https://www.youtube.com/watch?v=S-rB0pHI9fU
Bonetti vs. Schäufele. Quelle: Ackerboy.

Freitag, 18. August 2017

Foodblog Berlin – die Vorspeise

„Die Nacht tut ihm wohl. In seinen Zimmern angekommen, setzt er sich, entschlossen, bis zur Raserei zu arbeiten, an den Schreibtisch.“ (Robert Walser: Kleist in Thun)
Ungarische Gaststätte, Eschengraben 41. Wenn Sie mal sehen wollen, wie der Prenzlauer Berg war, bevor die Besserverdiener aus Westdeutschland eingeritten sind, gehen Sie in diesen Kiez. Gehen Sie in diese Kneipe. Sie könnten auch in einer x-beliebigen Kleinstadt in Deutschland sein. Im kleinen Gastraum hängt das Wildschweinfell neben dem Feuerlöscher, das Blechreklameschild von anno dunnemals neben den schmiedeeisernen Garderobenhaken. Ein Pandämonium teutonischer Gemütlichkeit. Wenn aus dem Radio „Slave to Love“ von Roxy Music dudelt und die verblühte Wirtin das Lied mitsummt, während sie mir ein böhmisches Schwarzbier zapft, bekomme ich glänzende Augen. Genau deswegen bin ich Schriftsteller geworden, um diese kostbaren Augenblicke, diese Perlen eines Berliner Sommernachmittags für Sie, liebe Lesende, festzuhalten. Das Essen ist lecker und die Preise sind sensationell: für zwei große Bier, ein ungarisches Gulasch mit hausgemachten Nockerln, einen Palatschinken mit Zucker und den abschließenden Aprikosenbrand zahle ich nur sechzehn Euro. Als „Blue Eyes“ von Elton John läuft, wird die Wirtsfrau traurig und schnieft vor sich hin. An was erinnert sie das Lied? Aber ich kann sie nicht fragen, obwohl ich der einzige Gast im Hause bin. Wir hatten über die Spatzen gesprochen, die sie im winzigen Biergarten mit Brot gefüttert hat, über das bevorstehende Unwetter und ihren arthrosekranken Hund, der unter einem Tisch liegt und den sie aus dem Tierheim hat. Aber nach ihren Gefühlen kann ich sie unmöglich fragen. Zwei verlorene Seelen in einem rätselhaften, unendlich schönen, unendlich tragischen Universum.
Elton John – Blue Eyes. https://www.youtube.com/watch?v=4CiyKeSnSxk

Bonetti meets Gysi

„Ein Mensch erschlug seine Frau und verwurstete sie. Die Tat wurde ruchbar. Der Mensch wurde verhaftet. Eine Wurst wurde noch gefunden. Die Empörung war groß.“ (Friedrich Dürrenmatt: Die Wurst)
Kinder, nee, was erlebt man nicht alles auf seine alten Tage, wenn man mal nach Berlin fährt.
Ich begab mich am späten Vormittag von Wilmersdorf nach Köpenick, um der dortigen Schlossplatzbrauerei einen Besuch abzustatten. Eine kleine Weltreise. Im Prinzip falle ich am Schlossplatz aus der Tram und bin sofort in der winzigen Brauereigaststätte, vor der einige Tische und Stühle stehen.

Hier gibt es Bier nach einem jahrtausendealten babylonischen Rezept, das bei Ausgrabungen gefunden wurde. Es schmeckt übrigens ausgezeichnet – hätte ich gar nicht erwartet. Es gibt noch andere historische Biere aus der alten Preußenzeit und das hauseigene Helle kostet nur 2,60 den halben Liter.
Es ist Markt auf dem Schlossplatz. Nach dem ersten Bier entdecke ich einen fränkischen Wurststand und genehmige mir ein Paar Weißwürste. Eine Viertelstunde später sitze ich in einer gemütlichen Runde mit dem Wurstverkäufer, der seinen Stand auch vom Kneipentisch gut im Auge hat, einem Lkw-Fahrer und zwei anderen Herren im gesetzten Alter zusammen. Hier in Köpenick wird noch richtig berlinert. Gelegentlich gesellt sich auch der Mann vom Brotstand für ein Baby-Weizen zu uns.
Dann passiert es: Gregor Gysi betritt mit einem Mitarbeiter die Szene. Keiner quatscht ihn dumm an, er ist gut gelaunt und genehmigt sich erst mal ein Bierchen. An den Tischen kein schlechtes Wort über ihn, alle scheinen ihn hier zu mögen. Von allen prominenten Politikern ist er auch mir am sympathischsten. Gebe ich gerne zu. Wegen ihm habe ich mal die Linken gewählt.
„Trinkt nicht so viel, es ist noch früh am Tag“, ruft er unserer Runde mit einem breiten Grinsen zu. Dann entdeckt sein Mitarbeiter den Weißwurststand. Während er neben uns ein Paar Würste futtert, plaudert Gysi gelassen mit dem Wurstverkäufer. Er isst nichts, erzählt aber, er würde am liebsten „ortsgebunden“ essen und trinken. Kölsch trinkt er nur in Köln, Weißwürste isst er nur in Bayern usw. Zum Abschied winkt er ins Lokal, alle lächeln und nicken ihm freundlich zu. Dann schlendert der Kanzler der Herzen weiter über den Markt.
Gregor Gysi weiß vermutlich bis heute nicht, dass er Andy Bonetti getroffen hat.
Beach Boys – Darlin’. https://www.youtube.com/watch?v=sJ-CHtccbGE

Donnerstag, 17. August 2017

Blogpost 2000

Die nächste Lichtschranke ist überschritten. Ein Delta-Blogger auf dem Weg in die Unsterblichkeit …
Wenn ich weiterhin etwa 500 Blogposts im Jahr raushaue, dann bin ich in sechzehn Jahren bei Nr. 10.000. Das wird 2033 sein. In diesem Jahr werde ich 67 Jahre alt und gehe in Rente. Bei Nr. 10.000 ist Schluss. Versprochen.
Oder ich mache ein neues Blog auf.
Oder die Maschinen haben die Herrschaft übernommen. Dann mache ich natürlich, was die Maschinen sagen. # Iloveskynet

Bild: Thomas Magnum Enzensberger, Gebrauchtwagenhändler („Abgefahrene Reifen – abgefahrene Preise“), möchte im nächsten Jahr eine Weltumsegelung als Ultraleichtmatrose auf einem Legoschiff machen. Der frühere Polenböllerverkäufer („Lieber einmal im Jahr knallen als das ganze Jahr durchgeknallt“) ist begeisterter Volleyballspieler und gilt als Granate unter dem Korb.
Depeche Mode - Waiting For The Night. https://www.youtube.com/watch?v=8Z-fyNdnOKE

Das ist Tobi

Das ist Tobi.

Tobi hat sich verändert.
Wenn ich ihn nicht kennen würde, hätte ich Angst vor diesem Bild.
Ich würde nachts die Straßenseite wechseln, wenn ich ihm begegnen würde.
Tobi ist jetzt Veganer.
Tobi ist aktives SPD-Mitglied.
Tobi hatte nie Sex.
Ich weiß nicht, was Tobi als nächstes macht.
Er hat zu einer Grillparty Gemüse mitgebracht.
Wir sind tolerant. Wir haben es neben die Steaks gelegt.
Ich habe Tobi ein Bier angeboten. Er hat über tierische Fette im Klebstoff des Etiketts geredet.
Während ich seinen uferlosen Ausführungen lauschte, war ich in Gedanken weit weg.
Meeresrauschen. Das Kreischen der Möwen.
Ich bin ein guter Zuhörer.
Tobi.