Freitag, 3. März 2017

Hungry Joe’s II

„Folge deinem Herzen. Es ist in dem Styroporbehälter auf der Rückbank des Pickup-Trucks vor dir. Beeile dich, du hast nicht mehr viel Zeit.“ (Cecil Palmer)
Hungry Joe zögert eine Weile. So klopft niemand an, den er kennt. Soll er seine abgesägte Schrotflinte unter dem Tresen hervorholen?
Nein. Er geht zur Tür und öffnet sie.
„Hey, warum hat das so lange gedauert?“
„Weil mir eine Nutte gerade den Schwanz gelutscht hat. Wer bist du?“
„Cold Blood. Ich bin ein Freund von LL Cool J.“
Ladies Love Cool Jürgen.
Vor ihm steht ein Mann, der höchstens 1,60 groß ist und einen schwarzen Mantel und einen Hut trägt.
„Du bist also Cold Blood“, sagt Hungry Joe und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen.
Cold Blood nickt und hängt Mantel und Hut an die Garderobe. Er trägt einen Nadelstreifenanzug und macht den Eindruck, als hätte er ein oder zwei Mafiafilme zu viel gesehen. Seine Geheimratsecken sind mit den Jahren beträchtlich gewachsen, haben sich auf dem Schädeldach getroffen und ein lockiges Büschel schwarzer Haare auf der Stirn umzingelt.
„Ich würde gerne eine Runde Poker spielen.“
„Du musst dich mit fünfhundert an einem Tisch einkaufen.“
Wortlos legt Cold Blood fünf Hundert-Euro-Scheine auf den Tresen. Hungry Joe gibt ihm 450 Euro in Chips. Zehn Prozent für die Bank. Er führt ihn zu einem der Tische.
„LL Cool J ist heute nicht da. Die vier Jungs wollen gerade ein Spielchen beginnen.“
Hungry Joe stellt die anderen Gäste am Tisch vor. Da ist Lucky Bones, ein Möchtegern-Zuhälter, der seine Frau immer am Monatsende auf den Strich schickt.
Neben ihm sitzt Massive Bulgur. „Du scheinst ein mächtig wichtiger Typ zu sein. Ich glaube, von dir kann ich noch eine Menge lernen, Chef.“ Er ist nach eigener Auskunft Türke in der siebten Generation in Deutschland. Seine Vorfahren sind als Schwertschlucker mit dem Zirkus Sarrasani in die Gegend gekommen. Er nennt grundsätzlich alle Leute Chef, das ist eine seiner vielen merkwürdigen Angewohnheiten.
Die Karten hat Kosher Ken in der Hand, angeblich ein Rabbiner. Er ist ungefähr so jüdisch wie ein Schinken-Käse-Sandwich, hat eine Mireille Mathieu-Gedächtnisfrisur und seine Arme sehen aus wie eine vollgemalte Klotür. Seinen Tätowierer hätte jeder andere verklagt. Kosher Ken behauptet, seine Pokersprüche seien Weisheiten aus dem Talmud, und hofft, mit seiner Woody-Allen-Masche die Frauen aufzureißen, die sowieso nie ins „Hungry Joe’s“ kommen.
Als letztes haben wir noch Silver Bucket, einen ehemaligen Juwelier, der seinen eigenen Laden überfallen hat, um seine Spielschulden in Frankfurt zu bezahlen, und dafür sechs Jahre im Knast gesessen hat.
***
Das Spiel läuft seit einer Stunde, die Zigaretten qualmen, Chips stapeln sich vor den Männern auf dem Tisch.
Cold Blood liegt hinten, hat schon vierhundert Euro verspielt. Er hat die anderen Spieler unterschätzt. Eigentlich wirken sie wie Idioten, aber sie sind ziemlich abgezockt. Wenn Du nach den ersten zwanzig Minuten nicht weißt, wer der Dumme am Tisch ist, dann bist Du es.
Vor allem Massive Bulgur hat einen Lauf. Gerade hat er wieder den Pot geholt. „Fullhäuschen.“
„Ein gewonnener Euro ist doppelt so süß wie ein verdienter Euro“, kontert Kosher Ken.
„Apfelsaft gibt Pokerkraft“, sagt Silver Bucket und nippt an seiner Saftschorle. Er ist trockener Alkoholiker.
Cold Blood ist schon wieder ein paar Chips los. „Das Ende entscheidet, nicht der Anfang“, gibt er etwas lahm zu bedenken. So langsam muss er mal einen Pot holen oder aussteigen. Oder sich neu in das Spiel einkaufen. Aber so viel Geld hat er nicht dabei.
Nur Lucky Bones schweigt verbissen. Er will sich nicht verraten, in dem er die ganze Zeit Sprüche klopft wie Kosher Ken. Seine Mimik verrät ihn jedoch regelmäßig: Die meisten Spieler versuchen schwach auszusehen, wenn sie stark sind, und stark, wenn sie schwach sind.
Das nächste Spiel beginnt. Diesmal verteilt Silver Bucket die Karten.
„Spielt Hungry Joe eigentlich nicht selbst Poker?“ fragt Cold Blood.
„Nein“, antwortet ihm Kosher Ken. „Er hat alles aufgegeben bis auf Gras und Kuchen. Kein Schnaps, keine harten Drogen, keine Karten, keine Frauen.“
„Klingt nach einem gottverdammten Heiligen.“
„Das ist er, Chef, das ist er“, sagt Massive Bulgur.
***
Eine weitere Stunde später hat viel Geld den Besitzer gewechselt. Ein Mann ist All In gegangen. Sie haben ihn ausgesogen, zerquetscht und weggeworfen wie eine Dose Bier.
„Ich werde wiederkommen. Ich hole mir mein Geld zurück!“
Mit dieser Drohung verlässt Cold Blood wutentbrannt das Lokal.
Fortsetzung folgt
Righteous Brothers - You've Lost That Loving Feeling. https://www.youtube.com/watch?v=uOnYY9Mw2Fg

Das Hungry Joe's bei Tageslicht.

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