Freitag, 21. April 2017

Das brennende Feuerwehrhaus


Blogstuff 123
„Er glaubte, wenn nicht an die Vorsehung, so doch an seinen Stern und – wie jeder Atmende sein Quantum Luft beanspruchen darf – an sein Recht auf ein Quantum Glück.“ (André Gide: Die Falschmünzer)
Natürlich ist die Generation der Selbstoptimierer egozentrisch. Schließlich ist man hundertprozentig von dem Produkt überzeugt, das man in mühevoller und jahrzehntelanger Kleinarbeit in Bildungseinrichtungen, Fitnessstudios, Beziehungen und Jobs eigenhändig erschaffen hat.
Das waren noch Zeiten, als ich mit meiner ersten Band „Detachment“ auf der Bigger-Than-Jesus-Welttournee 1985 unterwegs war: Dorfkrug – Bierpumpe – Dorfkrug.

Die Gründungsmitglieder Andy Bonetti und Rüdiger Marley beim Schach.
Ich finde es großartig, dass wir zu unseren tollen Konsumartikeln auch noch eine reichhaltige Auswahl an passenden Ausreden angeboten bekommen. „Ich produziere zwar 365 benutzte Styroporbecher im Jahr, aber der Kaffee ist Fairtrade.“
Warnung: Die Fotos von Aristoteles, die aktuell im Internet kursieren, sind mit Photoshop bearbeitet.
Im Grunde warten wir auf den Weltuntergang, seit die Bibel geschrieben wurde. Pessimismus gehört zum guten Ton. Erst glaubten wir, Gott würde die Welt vernichten, jetzt nehmen wir in unserer Hybris an, wir selbst wären in naher Zukunft dafür verantwortlich.
Auch ich habe Drohpotential. Es bewegt sich allerdings auf dem Niveau von Nordkorea. Ich könnte zum Beispiel singen. Oder tanzen.
Ist das der Anfang der Revolution? Ausgerechnet hier in meinem Tal? Aber von Anfang an: Am Sonntag steige ich nach einem anstrengenden Sportwochenende bei Freunden (Bundesliga, Formel 1, Spargelessen) in den Bus in Bad Kreuznach. Brav strecke ich dem Busfahrer meine abgezählten 4,40 entgegen. Er will mein Geld nicht. Heute dürfe ich umsonst mitfahren. Im Laufe der Fahrt erfahre ich die ganze Story. Sämtliche Fahrer der Buslinie durch mein Dorf sind vor kurzem entlassen worden – mit Wirkung zum 30. April, also nur vier Wochen später. Der Fahrer, der auf die siebzig zugeht, verdient, wie er freimütig erzählt, nur 1300 € inklusive Überstunden im Monat. Jetzt hat er die Schnauze voll. Schließlich darf am Sonntag jeder Dauerkartenbesitzer vier Leute mitnehmen – also rechnet er alle Barzahler als Mitfahrer. Null Euro Einnahmen. Nimm das, Ausbeuterschwein! Jetzt müssen die Flammen der Revolte vom Guldenbachtal nur noch auf die Metropolen der Welt übergreifen.
Um gut drauf zu sein, brauche ich keine Drogen. Das ist meine Botschaft an die Kids da draußen an ihren Internetempfängern. Alkohol reicht völlig.
Hätten Sie’s gewusst? Kollaborateur bedeutet eigentlich nichts anderes als Mitarbeiter. Der Begriff ist voll krass gedisst worden.
Eine prägende Serie meiner Jugend, „Roots“, ist neu verfilmt worden. In Deutschland läuft gerade „Charité“. Warum macht man nicht mal eine Serie über die Leibeigenen in Deutschland, die auch erst im 19. Jahrhundert befreit wurden? Sie haben nicht so gelitten wie die Schwarzen in den USA, aber auch sie waren rechtlos. Zu ihnen kam kein Arzt, wenn sie krank waren. Die Geschichte unserer Vorfahren aus der Unterschicht ist ein Tabuthema.
Eine Candy Babaloo wird nie amerikanische Präsidentin, ein Kunibert Schlotterbeck kein Bundeskanzler. Warum werden Menschen mit komischen Namen diskriminiert?
Jeder von uns kennt das Gemälde der Mona Lisa. Wir kennen ihr überschätztes Lächeln, weil auf Bildern und Fotografien bis ins 20. Jahrhundert hinein niemand lächelt oder lacht (warum eigentlich nicht? Weil man beim endlosen Prozess des Porträtiertwerdens das Lächeln nicht so lange durchhält?). Aber wer kennt die Brücke im Hintergrund? Ich bin dagewesen, sie ist bis heute unverändert. Wer von uns erinnert sich an den Rahmen des Gemäldes, das im Louvre hängt und der unverhältnismäßig groß ist? Wir sehen nur, was wir sehen sollen. Wir sehen, auf was man uns hinweist. Die idiotische Andeutung eines Lächelns. Wir kennen noch nicht einmal die Fakten zum Leben der abgebildeten Person. Oder könnten Sie spontan etwas zur berühmtesten Person sagen, die je porträtiert wurde?
Die Schwachstelle des Marxismus war immer der Übergang von der Analyse zur Aktion. Anarchismus ist Aktion: tausend Menschen können eine Straßenkreuzung lahmlegen, zehntausend einen Hauptbahnhof, hunderttausend ein Regierungsviertel, zehn Millionen im Generalstreik ein ganzes Land. Um das zu wissen, muss man keine Bücher lesen.
The Velvet Underground - Sunday Morning. https://www.youtube.com/watch?v=eF_CQGHqzts

Kommentare:

  1. Ich sehe kein Schachspiel, eher Backgammon(?), aber Hauptsache spielen. Der Busfahrer gefällt mir, er hat den Übergang von der Analyse zur Aktion spielerisch geschafft und noch Menschen erfreut damit! Mehr Mut im Land würde auch helfen, den akademischen Überbau brauchts dann vielleicht nicht immer.

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    1. Es ist auch eher Pink Floyd ;o)

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    2. Das ist Schach auf einem hohen Niveau und Bonetti steht ziemlich gut.
      Der Stellung nach zu urteilen, überraschte er seinen Gegner mit der Napalm-Eröffnung (1. Na3, kNight nach a3) und rochierte später einmal kurz und einmal lang (sog. Charlottenburger Rochade), wie sich das gehört.
      Gegen solche Betonanrührer haste mit den schwarzen Steinen wirklich keine Chance.....

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    3. Schach mit nur einem Würfel ist aber eher für Schwachmaten.

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  2. Hier noch Mona Lisa 2 go: https://www.youtube.com/watch?v=YZnRG_fSh3A&app=desktop Das Lächeln bei Ihr war nur ein cleverer Marketinggag. Einseitige Gesichtslähmung verkauft sich so schlecht.

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  3. Antworten
    1. Gehört zum sogenannten Kifferfünfkampf.

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