Dienstag, 18. April 2017

Der typische Berliner

Ich bin 1991 nach Berlin gezogen und wohne seit 25 Jahren im selben Kiez. Um es mit Kennedy zu sagen: Ich bin ein Berliner. Bin ich ein typischer Berliner? Nein. Ich sehe mich in keiner Schublade – höchstens in der Rubrik „verkannte Genies“. Was ist ein typischer Berliner? Ich kann es nicht sagen.
Möglicherweise braucht man einen großen Abstand zu einem Ort, um völlig ironiefrei mit Stereotypen arbeiten zu können. Ich bin vermutlich zu nah an der Stadt dran, um sagen zu können, was typisch für Berlin ist. 1991 hätte ich es vielleicht noch geschafft, den typischen Berliner zu beschreiben.
In all den Jahren habe ich nur zwei gebürtige Berliner näher kennengelernt. Beide waren sehr freundlich und dem Neu- oder Nichtberliner gegenüber aufgeschlossen, nix große Klappe und Arroganz der Hauptstädter. Alle anderen Menschen waren Zugereiste wie ich. Ich habe Menschen aus fast allen Bundesländern in Berlin kennengelernt. Jeder hatte seine eigene Geschichte. Niemand war typisch für irgendwas, weder für Berlin, noch für seine alte Heimat, teilweise waren und sind sie noch nicht mal typisch deutsch. Einige waren tatsächlich überhaupt keine Deutschen. Ich habe Türken, Afghanen, Italiener, Franzosen, Syrer, Russen, Österreicher, Amerikaner, Dänen und Schweizer in Berlin näher kennengelernt oder habe mit ihnen zusammengearbeitet. Christen, Muslime, Juden, Atheisten.
Neulich habe ich mich im Zug mit einer Frau aus Bielefeld unterhalten, die seit einigen Jahren in Berlin lebt. Sie war vorher in München und erzählte mir, man käme als Nicht-Münchnerin einfach nicht in München an, man bliebe auch nach Jahren immer fremd. Selbst die Anschaffung eines Dirndls und eines einheimischen Lebensgefährten hätten diese Situation nicht geändert. Berlin sei da ganz anders, sagte sie. Berlin ist wie eine Party. Jeder kommt von irgendwo anders her, jeder hat eine andere Geschichte zu erzählen. So betrachtet ist die deutsche Hauptstadt der wahre Melting Pot der Republik.
Was zeichnet den typischen Berliner aus? Ich recherchiere kurz im Netz. Der Schubladen-Berliner ist unhöflich, gleichgültig, meckert gerne rum und hat einen trockenen Humor. Positiv ausgedrückt: Er ist kein Schleimscheißer, lässt sich nicht alles gefallen, ist kein Pedant, kommt gleich auf den Punkt und bleibt auch im Chaos gelassen. Aber was bleibt von diesen Stereotypen, wenn gefühlte neunzig Prozent der Menschen, die man in der Innenstadt trifft, nicht aus Berlin kommen, vielleicht als Tourist oder Student nur eine begrenzte Zeit bleiben oder ohnehin eine andere kulturelle Sozialisation mitbringen? Vielleicht sollte man mal an den Stadtrand fahren, nach Frohnau oder Lankwitz, um dort den typischen Ureinwohner in seinem Habitat zu studieren?
Für mich ist die Frage nach dem typischen Berliner nicht mehr zu beantworten. Ich habe zu viele Berliner kennengelernt, um diesen Haufen von Idioten und charmanten Dilettanten, von Schlipsträgern und Pfandflaschensammlern mit ein paar Adjektiven zu verschlagworten. Versuchen Sie es doch mal mit Ihrer eigenen Heimat. Es ist gar nicht so einfach. Denken Sie in aller Ruhe an Ihre Freunde, Nachbarn und Kollegen. An Erlebnisse, an Momente, in denen Sie sich gefreut oder in denen Sie sich geärgert haben. Was ist Klischee, wie ist es wirklich?
Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, ist es eigentlich gar nicht so übel, dass sich die Kulturen in Städten wie Berlin vermischen. Der Typus, das Stereotype oder das Typische lösen sich auf, es entsteht eine neue Vielfalt, die man auch nicht mehr auseinanderdividieren kann. Wenn ich drei Farben mische, entsteht eine neue Farbe. Es ist technisch nicht möglich, die drei Farben wieder zu entmischen. Wenn in Berlin ein Australier mit einer Brasilianerin drei Kinder hat, dann gibt es drei australisch-brasilianische Gören, die „Icke“ sagen und vielleicht mal Hertha-Fan werden. Wie soll man das je wieder rückgängig machen? Nationalistische Demagogen wollen uns das einreden, aber glücklicherweise ist es längst zu spät. Daher freue ich mich, dass ich die Frage, was ein typischer Berliner ist, nicht beantworten kann. In meiner Ratlosigkeit steckt also letzten Endes eine gute Nachricht.
The Mamas & The Papas - California Dreamin'. https://www.youtube.com/watch?v=N-aK6JnyFmk

Kommentare:

  1. Wenn man in München nicht ankommt. Dann legt es an einem selber.

    Berlin hat was. Das muss ich zugeben. Bin früher jedes Jahr, zumindest alle zwei Jahre mal nach Berlin gekommen. Wobei ich glaube, dass ich dabei nie das wirkliche Berlin kennengelernt habe.

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    1. Das wirkliche Berlin ist schwer zu finden. Aber ich denke, es ist vom wirklichen München weniger weit entfernt, als wir glauben. Stillende Mütter und grillende Väter gibt es schließlich überall.

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    3. Ich hab zwar nicht lange in Minga gelebt, aber lange genug, um diese Schlussfolgerung stark anzuzweifeln.

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    4. Ich kenne München nur von etwa einem Dutzend Besuchen, kann mir also kein wirkliches Urteil erlauben. Wie ist München, Echo-Boy? Stadt der neureichen Maulhelden, ewiges Voralpendorf?

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    5. Eher ersteres (meine Verwandschaft natürlich ausgenommen).

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    6. Mit München und den Menschen ist es wie mit jeder anderen Stadt. Die Gesellschaft ist geprägt durch die lokal vorherrschenden Werte und Normen. Es gibt geschriebene und ungeschriebene Regeln sowie das formelle und informelle System.

      Für die Integration muss diese Systeme erkennen, sich aneignen und sich einfügen. Ich habe ein viertel meines Lebens dort verbracht und ich bin bereits nach 3 Monaten assimilliert worden. Ohne Probleme.

      Die Frage ist will man sich einfügen oder nicht. Die Systematik ist überall gleich.

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    7. Mir ging's nur darum, dass "wirkliches Berlin" und "wirkliches München" eher sehr unterschiedlich sind. Ansonsten: alles Geschmackssache.

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    8. Ohne Frage, da kann ich Ihnen nur zustimmen. Sie sind absolut unterschiedlich.

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  2. "Stadt der neureichen Maulhelden"
    Den Ochsenknecht-Brüdern z.B. konnte es gar nicht schnell genug gehen nach Berlin abzuhauen. Lässt tief schließen. ;-)

    Ein ganz wesentlicher Pluspunkt, der für ein Leben in Berlin spricht, ist die Tatsache, dass ich hier nach Herzenslust "Ungläubiger" sein kann, ohne gesellschaftliche Ächtung. In West- und Süddeutschland verbrenn' ich mir laufend die Schnautze und ernte im besten Fall betretene Blicke. Urlaub dort ja, wohnen nee.

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