Mittwoch, 31. Mai 2017

Neulich auf dem Kirchentag


Und was ist mit uns Rauchern???

Der ganz normale Verlagsalltag

“Don’t feel like writing? Too bad, Sparky. A professional shows up and does the work, even when they’re sick, tired, busy, or dealing with personal issues.” (Honorée Corder: Developing a powerful writing habit, aus: Amazon Authors Insight)
„Warum höre ich nichts mehr von dir?“
„Ich bin fertig. Ich habe aufgehört zu schreiben.“
„Du hast WAS ???“
„Ich habe aufgehört.“
„Entschuldige, ich habe gerade verstanden, du hättest aufgehört.“
„Da hast du richtig gehört.“
Das war der Punkt, an dem Luke Stiermelker, der weltbekannte Verleger, total ausgerastet ist.
„Du wagst es, BITCH. Ich will deinen Text!“
„Vergiss es“, antwortete Alma Siebenhüner kühl. Künstlername: Shakalaka.
Stiermelker stieg auf den Tisch des Cafés in der Mainzer Innenstadt. „Das halte ich nicht aus“, schrie er durch das Lokal.
„Ist mir egal“, brüllte Shakalaka zurück.
„Was ist denn nur bloß los mit dir, drehst du jetzt endgültig durch?“
Das ganze Lokal blickte ehrfürchtig auf diesen Streit.
„Fick dich mit deinem Verlagsprogramm. Ich bin längst weiter!“
Stiermelker brüllte wie das Vieh in den Ställen. „Wo bist du? Du bist genau an dem Punkt, an den ich dich gebracht habe!“
„Die Scheiße, die du verlegst, kriegst du ihn jeder Bahnhofsbuchhandlung. Immer die gleiche abgewichste Scheiße für Sekretärinnen in der S-Bahn.“
„Dann bring mir halt was Besseres!“
Shakalaka lachte laut. „Damit du wieder mit deinen drittklassigen Lektoren kommst? Die Wichser machen aus meinen Texten doch erst diesen verschissenen Rotz.“
„Wo willst du denn hin?“
„Ich schreibe, was ich will, und über deinen Drecksrheinhessenverlag werde ich in New York eine Parodie schreiben.“
Der Verleger sprang wild wie ein Derwisch auf dem Tisch herum und schrie: „Du kommst von Mainz höchstens nach Köln und nächstes Jahr bist du wieder hier. Du wirst es nicht nach New York schaffen. Das verspreche ich dir, du wertloses Stück Autorenscheiße!“
So ist es gewesen. So sagt es die Legende. Und dann hat sein heiliger Zorn diesen aufrechten Mann in eine lodernde Fackel verwandelt, während Shakalaka mit einem göttlichen Lachen in den Himmel davongetragen wurde.
Vier Wochen später unterschrieb sie einen neuen Vertrag bei Stiermelker und bekam zwölf statt acht Prozent vom Verkaufspreis – nach Abzug der Mehrwertsteuer.
“Being a writer is incredible, and writing should be fun! I mean, can you believe you can write and get paid for it? How cool is that?” (Honorée Corder: Developing a powerful writing habit, aus: Amazon Authors Insight)
Apache Indian - Boom Shack-A-Lack. https://www.youtube.com/watch?v=kZzBd41NuZw

Dienstag, 30. Mai 2017

Cyborg

„Truth is stranger than fiction; fiction has to make sense.“ (Leo Rosten)
Die Woche fängt ja gut an. Montagmorgen, acht Uhr. Ich werde beim Arzt verkabelt, bekomme eine Manschette angelegt und ein piepsendes Kästchen an den Gürtel gebastelt. 24 Stunden wird mein Blutdruck gemessen. Ich stehe mit nacktem Oberkörper im Behandlungszimmer, drei Arzthelferinnen wuseln im mich herum und ich komme mir vor wie bei Baywatch. Allerdings sehe ich nicht wie der junge David Hasselhoff aus, sondern wie der fröhliche Hinkelsteinverkäufer in den Asterix-Heften. Herkules? Genau. Es sieht wie Herkules aus.
Ab jetzt wird sich alle fünfzehn Minuten die Manschette um meinen linken Oberarm zuziehen, als hätte mich ein Berliner Rausschmeißer gepackt. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie ich die Nacht überstehen soll. Auf dem Weg nach Hause piepst es zum ersten Mal und mein Arm wird gewürgt wie von einer Boa constrictor. Die Arzthelferin hat mir gesagt, ich solle den Tag so verleben wie immer. Aber wenn ich dieses Messgerät für den Rest meines Lebens an mir hätte, würde ich es im Halsbereich tragen.
Gut. Der erste Termin eines ganz normalen Tages als Schriftsteller ist das Matratzen Outlet Center von Edgar Fiesemann im Gewerbegebiet von Bad Kreuznach. Heute ist großer Aktionstag, Dutzende von Kunden begrüßen mich mit einem lauwarmen Applaus. „Seid Ihr alle gut drauf?“ rufe ich in die Menge. Als erste Nummer bringe ich „Fiesta Mexicana“, wobei ich Hossa im Wechselgesang mit dem Publikum singe. Das kommt immer an. Als es dann Würstchen mit Kartoffelsalat gibt, schleicht sich sogar etwas wie Zufriedenheit in die gleichgültigen Gesichter.
Danach lese ich aus meinem neuen Werk "Wattenscheid nach der Revolte“. Die ersten Kunden gehen. Der Rest ist irritiert durch das Piepsen und Brummen des Blutdruckmessgeräts und meinen linken Oberarm, der sich regelmäßig hulkartig aufpumpt. Misstrauisch blicken mich Edgar Fiesemann und seine Kunden an. In Zeiten des Terrorismus bist du schneller verdächtig als du denkst. Ich versuche, die Situation aufzulockern, indem ich improvisiere und eine Story erfinde. Ich wäre ein Cyborg und hätte Kontakt zu anderen Sternen. Die Technik an meinem Gürtel und an meinem Oberarm hätte ich von dem Terminator, der mich beschützt, seit ich zehn Jahre alt bin. Ein Kind fängt an zu weinen und wird von seiner entrüsteten Mutter nach draußen gezerrt.
Die fünfzig Euro Honorar investiere ich in ein Mittagessen auf der Autobahnraststätte Waldlaubersheim. Ein Hund kläfft mich an, als das Messgerät piepst und sich die Manschette brummend aufpumpt.
„Ist das eine elektronische Fußfessel?“ fragt mich die Hundehalterin am Nebentisch.
„Nein, ich … äh … mein Blutdruck.“
„Ist es was Ansteckendes?“
Zu Hause checke ich meine Mails. Erwartungsgemäß ist die Ablehnung von der ARD gekommen. Ich hatte dem Sender einen sensationellen Werbespruch angeboten, der mir gestern auf dem Weg zum Golfplatz eingefallen war: „Carolin Kebekus – Lachen bis zum Dammriss“. Vielleicht probiere ich es mal bei RTL: „Mario Barth – Lachen bis zum Dammriss.“ Das ist doch auch eher das Niveau, das in Köln gesucht wird.
Nachmittags haue ich schnell ein paar Zeilen für mein Blog zusammen. An die Arbeit an meiner Autobiographie ist ja gar nicht zu denken. Alle fünfzehn Minuten wirst du aus dem Takt gebracht. Es ist gerade mal 15 Uhr. Noch siebzehn Stunden mit dem Teil! Und nachher ein Interview mit einer Schülerzeitung in Stromberg. Ich kann mir schon denken, was diese Spasemacken der Generation Wisch & Weg wieder fragen werden. Hätten Sie es je erwartet, dass Sie mal als Schriftsteller enden? Oder: Was macht man in diesem Beruf eigentlich den ganzen Tag? Und natürlich: Wie verdienen Sie Geld?
Selbstverständlich werde ich den Rotzgören nichts von meiner Multimillionendollaridee erzählen, an der ich gerade arbeite. Für Endemol habe ich das Projekt „Miss Obdachlos“ entwickelt, das im Vorweihnachtsprogramm laufen soll. Die Siegerin bekommt einen Job beim geplanten Sponsor McDonalds und einen Mietvertrag für ein Appartement in Offenbach.
Extrabreit - Und der Führer schenkt den Klonen eine Stadt. https://www.youtube.com/watch?v=zyd2_sDA0EM

Montag, 29. Mai 2017

Nervenkitzel

"Travelling with no destination
No place to go
Nameless towns with faceless people
No place I know"
(Visage - The Damned Don't Cry)
Es ist ein schöner heller Tag und sie spazieren auf einem Feldweg. Meilenweit ist nichts zu sehen. Keine Menschen, keine Gefahren, gar nichts. Was sollte Ihnen hier passieren? Wir sind ja nicht in finsterer Nacht mitten in einer gefährlichen Großstadt, oder?
Es ist hell, es ist ruhig und Sie können ganz unbeschwert weitergehen. Plötzlich hören Sie aus der Ferne ein Flugzeug. Sie denken sich nichts dabei. Sie sind ein unbescholtener Bürger, der nichts zu befürchten hat. Es ist nur ein Geräusch. Sonst gar nichts. Aber es kommt näher.
Sie drehen sich um und sehen ein kleines, ein wirklich klitzekleines Flugzeug am Horizont.
Es hat nichts mit Ihnen zu tun.
Aber es wird lauter. Immer lauter.
Sie werden jetzt doch ein bisschen nervös und drehen sich nochmal um.
Das Flugzeug kommt direkt auf Sie zugeschossen. Was soll das?
Jemand versucht, Sie umzubringen!
Jetzt rennen Sie um ihr Leben und werfen sich auf den Boden.
Es ist nochmal gutgegangen, aber das Flugzeug wendet und attackiert Sie erneut.
Wie durch ein Wunder überleben Sie den Angriff und gehen zurück in Ihr Motelzimmer. Sie schließen die Tür hinter sich. Drehen den Schlüssel zweimal im Schloss. Sie sind nach diesem Abenteuer völlig verschwitzt und brauchen eine Dusche.
Das Badezimmer. Hier sind Sie sicher. Sie sind alleine. Mein Scheißhaus ist meine Burg, wie die Engländer sagen. Endlich können Sie sich entspannen. Sie stehen nackt unter der Dusche. Völlig hilflos. Aber was sollte einem im Bad schon passieren? Wir sind ja nicht in finsterer Nacht mitten in einer gefährlichen Großstadt, oder?
Sie bemerken nicht, dass jemand hineingekommen ist. Das beruhigende Gefühl des warmen Wassers auf Ihrem ungeschützten Körper.
Die Silhouette eines Mannes erscheint auf dem Duschvorhang, der ein riesiges Messer in der Hand hält. Sie bemerken es nicht.
Dann hören Sie plötzlich das nervenzerfetzende Geigen diverser Berufsmusiker.
Sehen Sie. Das ist Nervenkitzel. So arbeitet Andy Bonetti. Dieser Teufelskerl!
Psychedelic Furs - The Ghost In You. https://www.youtube.com/watch?v=uMmA8PsTvPA

Sonntag, 28. Mai 2017

Sonntagmorgen in meinem Garten

„Amsel 1 an Amsel 2. Kannst du mich hören? Over.“
„Laut und deutlich.“
„Laut und deutlich WAS? Over.“
„Over.“
„WAS Over?“
Over Over, du dämliches Stück Spatzenscheiße.“
„Nicht in diesem Tonfall. Over.“
„Was soll der Blödsinn? Ich sitze zwei Meter neben dir. Natürlich kann ich dich hören.“
„WAS? Over.“
„Over, my ass. Wir sind die beiden einzigen Amseln im Garten. Was soll das?“
Leck mich. Over.“
„Du mich auch.“
„WAS? Over.“
„Over and out. Hoffentlich zerlegt eine Elster dein elendes Drecksnest!“

"Habt ihr eigentlich ne ungefähre Ahnung, wie spät es ist?"

Katalanische Kataklysmen – Spanienurlaub verrückt


Blogstuff 132
“Nichts wird dich im Leben häufiger ficken als ein Windows-Computer.“ (Bill Gates)
Dating-Plattformen … - zu meiner Zeit ist man in die Disco, hat acht Bier getrunken und dann eine Frau angesprochen. Deswegen bin ich ja auch immer noch Single.
Ich bevorzuge ja Umfragen, wo nur noch mit Ja und Nein geantwortet werden kann – ohne Frage.
Hätten Sie’s gewusst? Ein Klobasnik ist ein tschechischer Snack. Wurst wird in einer Teigrolle eingebacken, es gibt auch Varianten mit Käse und Schinken, die sich durch Auswanderer bis nach Texas verbreitet haben.
Vor hundert Jahren brachten uns die Leute, die wir persönlich kannten, zum Lachen und zum Weinen. Heute sind es die Medien.
Wo es die Leute überall hin verschlägt – unglaublich. Ein Kumpel aus Kreuzberg ist inzwischen Professor an der Concordia Universität in Montreal.
Michael Palin hat am 21. August 1986 (!) einen geradezu visionären Text im Sunday Telegraph Magazine veröffentlicht. „Aber von der Technik drohen uns noch andere Gefahren. Zu den schlimmsten zählen Piepser und tragbare Funkgeräte. Wer ständig erreichbar ist, kann auch ständig überwacht werden. (…) Gesetzt, technische Neuerungen erlösen uns von der Bürde monotoner, langweiliger Tätigkeiten. Wie füllen wir dann unsere Zeit aus? Wir werden joggen – und Fitnesshallen bevölkern. (…) Um das Jahr 2050 hocken wir vielleicht alle wieder auf den Bäumen, während unten unsere Autos ohne Fahrer herumkurven und miteinander telefonieren.“
Hätten Sie’s gewusst? Bis 1958 war der Luchs das Wappentier von Luxemburg.
Hausarrest ist als Strafe für Kinder völlig aus der Mode gekommen, seit sie in ihren Zimmern Internet, Fernsehen, Stereoanlage und Smartphone haben. Eine Woche Smartphoneverbot ist vermutlich heute die Höchststrafe.
Schon die Diagnose des Orthopäden nach meinem Gichtanfall war niederschmetternd: Fettleber, zu hohe Cholesterin- und Harnsäurewerte, Bluthochdruck, Übergewicht. Schlimmer ist jedoch die vorgeschlagene Therapie: keine Medikamente, dafür mehr Bewegung, weniger Fleisch und Alkohol. Und ich dachte, die Medizin hätte Fortschritte gemacht.
Kennen Sie den Bulwer-Lytton Fiction Contest? Es geht darum, einen möglichst schlechten ersten Satz für einen imaginären Roman zu schreiben. Der Namenspatron, Edward George Bulwer-Lytton, ein Schriftseller aus dem 19. Jahrhundert, hatte einen Roman mit den berüchtigten Worten „Es war eine dunkle und stürmische Nacht“ begonnen – und der Rest der Satzes ist auch nicht besser.
http://www.bulwer-lytton.com/index.html
Wer erinnert sich noch an „Spiel ohne Grenzen“? Die Show gab es bis 1980 im deutschen Fernsehen. Ein Wettbewerb zwischen Städten, national und international, in denen die Unterhaltung des Publikums und nicht die sportlichen oder geistigen Fähigkeiten der Teilnehmer im Vordergrund standen. Leute in Löwenkostümen mussten auf rotierenden Scheiben einen Thron erreichen, in der englischen Version musste einmal ein Klavier mit Äxten so zertrümmert werden, das alle Teile durch ein vierzig Quadratzentimeter großes Loch passten, auf eingeseiften Matten mussten Hügel erklommen werden usw. Hatte eher was mit Kirmes, Karneval und Slapstick zu tun und war damals der große Spaß am Samstagnachmittag, bevor am Abend Rudi Carrell oder Hans-Joachim Kulenkampff die Show-Bühne betraten.
Hätten Sie’s gewusst? Das Morgenmagazin wird immer schon am Nachmittag des Vortags aufgezeichnet, weil kein Schwein Lust darauf hat, so früh aufzustehen. Nur die Nachrichten sind live.
Es soll jetzt gegen „Fake News“ und wahrscheinlich überhaupt gegen falsche Meinungen im Netz vorgegangen werden. Aber was ist eigentlich mit dem Blödsinn, den ich an der Theke, am Gartenzaun oder im Bus höre? Wann greift die Regierung endlich ein?
P.S.: Andy Bonetti wird Markenbotschafter für Tipp-Ex. Topautoren korrigieren ihre Fehler mit Tipp-Ex. Jetzt besonders günstig. Nur beim Fachhändler.
Terry Jacks - Seasons In The Sun. https://www.youtube.com/watch?v=cd_Fdly3rX8

Samstag, 27. Mai 2017

Terrorismus – erklärt mit dem AAS-Modell

Das „Allgemeine Anpassungssysndrom“ (AAS) nach Hans Selye bezeichnet das Reaktionsmuster des Menschen auf Stressreize.
Stufe 1: Alarmreaktion
Eine akute Anpassungsreaktion wird durch Stresshormone ausgelöst. 9/11. Panik Rumgeheule. Weltuntergangsstimmung.
Stufe 2: Widerstandsstadium
Man versucht, das aktuelle Stressniveau durch Beseitigung der stressauslösenden Faktoren zu verringern. Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien. „Krieg gegen den Terror“.
Stufe 3: Erschöpfungsstadium
Die permanente Aktivierung führt zu Störungen und zu Langzeitschäden. „Beispiele für Störungen aufgrund von andauerndem Stress sind verzerrte Wahrnehmungen und Denkweisen (kognitive Ebene), Befindlichkeitsstörungen wie Gereiztheit, Ängstlichkeit, Unsicherheit oder Aggressivität (emotionale Ebene). Weitere Folgen können verminderte Leistungsfähigkeit, ineffiziente Handlungsweisen sowie allgemeine Überforderung und Erschöpfung sein. Die Erschöpfung zeigt sich unter anderem darin, dass der Körper schneller in den genannten Aktivierungszustand (siehe "Alarmreaktion") gerät, wobei die Aktivierung intensiver ist und der Körper sich nur langsam wieder erholt (vegetativ-hormonelle Ebene). Langfristige Auswirkungen von Stress können die langfristige Beeinträchtigung des Wohlbefindens, psychosomatische und psychische Störungen sowie diverse Krankheiten (z. B. Magen-Darm-Krankheiten, Hautkrankheiten, Schlafstörungen, Depression, Burnout-Syndrom) sein.“ (Wikipedia: Allgemeines Anpassungssyndrom)
Modern English - I Melt With You. https://www.youtube.com/watch?v=LuN6gs0AJls

Freitag, 26. Mai 2017

Definition: Linker Intellektueller

Der linke Intellektuelle hat im Regelfall studiert und einen soliden Brotberuf in der Hinterhand. Er ist ein verständnisvoller Agnostiker, ahmt in seinem Duktus und Habitus – Erbauungspredigt und schwarze Kleidung – jedoch gerne seine Vorfahren aus dem Klerus nach. Sein Wertekanon ist republikanisch und lässt sich mit dem Dreiklang „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ umschreiben, wobei letzteres gerne geschlechtsneutral durch den Begriff „Solidarität“ ersetzt und auch auf Tiere und Pflanzen ausgedehnt wird. Er verbreitet seine Ansichten vorzugsweise in Kabarettprogrammen und Aufsätzen, die sich großer Beliebtheit und kleiner Wirkung bei seinem Publikum erfreuen. Der Bestand ist, entgegen der landläufigen Wahrnehmung, nicht gefährdet, wächst jedoch auch nicht mehr.
London Grammar - Truth Is a Beautiful Thing. https://www.youtube.com/watch?v=UPcPtd3k-Qg

Erich

Der Freund meiner Mutter war ein wunderbarer Versager, eine lebende Slapstick-Nummer. Ein einziges Mal im Leben wollte er sich im Urlaub die Schuhe putzen lassen. Er ließ sich also auf dem Stuhl des andalusischen Schuhputzers nieder und bekam die Schuhe geputzt. Es waren Ledersandalen, zu denen er die unvermeidlichen weißen Socken trug, ohne die deutsche Urlauber keine Sandalen anziehen. Natürlich konnte er die Socken später wegwerfen.
Einmal wollte er für meine Mutter eine Plastikrose auf der Kirmes schießen. Trotz vieler Versuche schaffte er es einfach nicht. Dann hat er dem Budenbesitzer eine Rose abgekauft. Sie hatte ihren Ehrenplatz am Küchenschrank meiner Mutter. Eine rote Rose aus Plastik. Wahnsinnig symbolisch für ihre Beziehung.
In der Küche war auch ein kleiner Ständer mit Briefen und Ansichtskarten. Darin fand ich den einzigen Liebesbrief von ihm. Er schilderte in diesem Brief einen Traum, in dem er von lauter Architekten umgeben war. Erklärung: mein Vater ist Architekt. Offenbar plagten den kleinen Angestellten eines Autozubehörhändlers deswegen Ängste.
Als ich an meiner Doktorarbeit schrieb, fragte er mich immer, was denn eigentlich ein Doktorand sei. Er sprach es mal wie Deodorant aus, mal wie Doktor Rand. Ich habe es ihm jedes Mal erklärt, er hat es nie begriffen.
Am Tag der Beerdigung meiner Mutter habe ich ihn zum letzten Mal gesehen. Das war vor zwanzig Jahren.
The Tubes - Talk to Ya Later. https://www.youtube.com/watch?v=3eHue2jSw3s

Der Vatertag lief super.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Hier hört dich keiner schreien, Carlos Malzdübler


Blogstuff 131
„Der Meister bemüht sich nicht um Macht, deshalb ist er wahrhaft mächtig.“ (Laozi)
Am Muttertag haben die Blumenhändler Hochkonjunktur, am Vatertag die Brauereien.
Trump twittert aus Europa: „Der Quarterpounder heißt hier Royal mit Käse.“
Vor dem „Jägerhaus“ im Binger Wald betrachte ich das helle Maigrün des Waldes. Zielstrebig kommt der Hund des Hauses, alle anderen Gäste ignorierend, auf mich zu. Er lässt sich unter meinem Tisch nieder und wird von mir ausgiebig gestreichelt und gekrault. Als mein prächtiges „Jägerhausschnitzel“ serviert wird, bekommt er seinen fairen Anteil: drei Stück. Pommes mag er nicht. Über Salat muss man mit so einem klugen Tier gar nicht erst diskutieren. Als ich gehe, läuft er mir freudig bellend zum Wagen nach, wo ich ihn noch einmal streichle. Dann trottet er zufrieden zurück. So geht das schon seit Jahren. Schnitzelfreunde forever.
Hätten Sie’s gewusst? Twitter wurde von dem Chinesen erfunden, der sich die ganzen Sprüche für die Glückskekse ausdenkt.
Traurig und beschämend, wie Italien in unserer Presse dargestellt wird, nur weil die aktuellen Wirtschaftsdaten nicht stimmen. Ich denke an Städte wie Neapel und Rom, Florenz und Venedig, Mantua und Bologna. Ich denke an die großartige Küche und den Wein. An Michelangelo und Leonardo da Vinci, das Kolosseum und den Petersdom. An ein köstliches Eis, das ich im Dezember im T-Shirt auf einer Piazza gegessen habe, an Metzgereien und Museen, an das Meer und Ferrari. Wir reden hier in Deutschland von Leitkultur – wie kläglich ist unsere Kultur im Vergleich mit Ländern wie Italien oder Griechenland.
Voll im Trend: Machen Sie es wie Andy Bonetti, der millionenschwere Literaturbaron aus Bad Nauheim. Er hat sich sechs Flamingos aus Plastik bestellt, die seinen Vorgarten aufwerten sollen.
In meinem Dorf gibt es einen Nachbarschaftsstreit, bei dem es um das Geräusch von Wasser geht. Aus einem Stein im Garten sprudelt Wasser und macht ein leises Plätschergeräusch. Das ist für die Nachbarn nachts eine Lärmstörung. Um Mitternacht wird jetzt per Zeitschaltuhr das Wasser abgeschaltet. So ruhig ist es hier auf dem Land.
Was ist eigentlich aus diesem Manfred Schluchz geworden, der vor einiger Zeit einen Ort namens Würgelen oder Würstelen mit einem Schlag auf die Weltkarte katapultiert hat?
Woddy Allen hat es geschafft. Ein Sandwich wurde nach ihm benannt. Davon träume ich seit meiner Kindheit. Ich zitiere die Speisekarte des Carnegie Deli in New York, Seventh Avenue: “The Woody Allen Sandwich - for the dedicated fresser only! lotsa corned beef plus lotsa pastrami.”
Warum sinkt der Stern der „Grünen“? Weil sie mit ihrer Ideologie des gesunden Lebens inzwischen perfekt in unsere Leistungsgesellschaft der Körperoptimalogen passen. Wir sollen nicht mehr rauchen, nicht mehr Alkohol und Drogen konsumieren, weniger oder am besten gar kein Fleisch mehr essen und überhaupt weniger Süßigkeiten oder andere angenehme Dinge kaufen. Der paternalistische Staat der ewigen Einmischung und Besserwisserei lässt grüßen. Die Grünen klingen so wie mein Chef oder ein Gesundheitsratgeber. Die ganze lebensfeindliche Optimierungsstrategie, die auch von McKinsey sein könnte. Die Grünen sind keine Alternative zur herrschenden Ideologie – sie vertreten die herrschende Ideologie. Und die Nummer mit den Windrädern und den Solarzellen hat inzwischen jede Partei in ihrem Bauchladen.
In meinem Garten brüten peruanische Bergtauben. Ganz seltene Vögel. Aber ich hänge sowas nicht an die große Glocke.
„Blinder Österreicher auf dem Mount Everest“, lese ich im Netz. Früher hätte ich mich unter Druck gesetzt gefühlt. Warum schaffe ich es im Vollbesitz meiner optischen Fähigkeiten nur bis zur Toilette? Jetzt lache ich endlich über solche Frontmeldungen.
P.S.: Witze über automatische Anrufbeantworter werden von diesem System nicht mehr unterstützt.
George Benson - Give Me The Night. https://www.youtube.com/watch?v=imYJpr09IgQ

Mittwoch, 24. Mai 2017

Früher war alles besser, Folge 257

„Normalerweise hinkt das Handeln der Einsicht hinterher. Aber ich bin schnell.“ (Gary Shteyngart: Kleiner Versager)
Kommunikationstechnik hatte in meiner Kindheit etwas Aufregendes. Ich hatte zwei Walkie-Talkies zu Weihnachten bekommen, die eine Reichweite von vielleicht fünfzig Metern hatten. Also nahm ein Freund einen der kiloschweren Klötze mit den Riesenantennen und ging damit um die Ecke, während ich auf meinem Platz blieb. Dann riefen wir uns irgendwelche sinnlosen Sachen zu, meistens den Satz „Kannst du mich hören?“ Die Teile rauschten fürchterlich, haben Batterien gefressen wie Hulle und waren letztlich vollkommen nutzlos.
Etwas besser war schon der CB-Funk, mit dem man über weitere Distanzen miteinander sprechen konnte. Warum man nicht gleich zum Telefonhörer gegriffen hat, konnte mir aber keiner der CB-Funker erklären. Denn die Anlagen waren klobig und wogen einen Zentner, was die Kommunikation nicht wirklich mobil machte – es sei denn, man hatte das Gerät in seinen Truck eingebaut. Aber die CB-Funker waren eine verschworene Gemeinde, jeder hatte einen Nom de guerre wie heute die Blogger, Facebooker, Tinderellas usw. Jungs mit Walkie-Talkies gehörten eigentlich nirgends dazu.
Schön war aber immerhin das Radio. Man drehte vorsichtig auf der Langwelle durch das elementare Rauschen und bekam dann Sender aus fernen Ländern, die auch weit entfernt klangen. Man verstand zwar kein Wort, aber es war aufregend, völlig verrauschte und von atmosphärischen Störungen unterbrochene Lieder und Durchsagen von anderen Kontinenten zu hören. Auf einer Frequenz wurden nur Zahlen zwischen eins und zehn durchgegeben. Sonst nix. Sicher Spione. Ich habe eine ganze Seite mitgeschrieben, konnte den Code aber nicht knacken.
Damals war die Welt der Kommunikation eben noch aufregend und nicht der alltägliche Wahnsinn. Heute kannst du Radio Kalkutta superklar über Internet hören und willst es gar nicht mehr.
P.S.: In der guten alten Zeit gab es auch eine Seife mit dem rätselhaften Namen „Irischer Frühling“. Habe ich bis heute nicht begriffen. Aber ich wurde trotzdem ein ganzer Kerl – dank Chappi. Omo, keiner wäscht Rainer. Sag dem Abenteuer, dass ich komme – Irisch Moos. Nach der angeblich irischen Seife das entsprechende After Shave. Und ich dachte immer, Iren wären Säufer oder Poeten und keine Reinlichkeitsfanatiker.
Bob Seger - Old Time Rock And Roll. https://www.youtube.com/watch?v=RJNgEZyEeh8

Dienstag, 23. Mai 2017

Die toten Kinder von Manchester

Die toten Kinder von Manchester sollen Schmerz in unseren Herzen erzeugen. Wut. Rache. Hass. Vielleicht lassen wir uns aber auch nicht manipulieren. Auch wenn es schwer fällt. Vielleicht gehorchen wir nicht den vielen Klavierspielern, die auf unserer Seele ihr Lied spielen wollen.
Aber weil ich ein sentimentales Arschloch bin: https://www.youtube.com/watch?v=izQsgE0L450

Zorn bedrückt sein dunkles Herz

„Eine Putzfrau hat doch heutzutage jeder. Aber wenn Sie einen eigenen Sommelier haben – dann haben Sie es wirklich geschafft.“ (Andy Bonetti im Interview mit „Der Feinschmecker“)
https://www.youtube.com/watch?v=wKp2t7kW70E
In schwachen Momenten ist der Schraubenzieher-Man neidisch auf die Mittelmäßigen, die ihr banales Berufs- und Familienleben einfach routiniert herunterleben. Dann schleicht er in seinem Superheldenkostüm durch die Straßen, das Haupt gesenkt, müde von all dem Glamour und den Abenteuern, und schaut gelegentlich in die hell erleuchteten Küchenfester, wo die Familien um Punkt achtzehn Uhr beim Abendbrot sitzen.
Der Schraubenzieher-Man ist erleichtert, als sein Handy klingelt. Es ist Commissioner Schmuhlke. Gefahr in Verzug. Und bevor sich unser allseits beliebter Superheld seinen inneren Dämonen stellen muss, gilt es, einen konkreten Superschurken auszuschalten. Eigentlich eine Superschurkin.
Evil Eva, bürgerlicher Name: Ursel Potowski, hat den Kreuzschlitz-Boy entführt. Der Schraubenzieher-Man überlegt kurz, ob er sich einen neuen Lehrling suchen soll, aber in seiner Branche gibt es groteskerweise zugleich Nachwuchs- und Lehrstellenmangel. Außerdem ist er von dem Bild schockiert, das ihm der Commissioner rübergebeamt hat. Der Kreuzschlitz-Boy hängt gefesselt über einem Becken voller Haie, Piranhas und Krokodile, die sich vor lauter Wut und Hunger am liebsten gegenseitig auffressen würden, aber trotzdem auf den Leckerbissen warten, der über ihnen baumelt. Woher nehmen die Leute immer die Zeit und das Geld für diese komplizierten Apparaturen?
***
„Kennen Sie Plan B? Natürlich nicht. Sie kennen ja noch nicht mal Plan A, Sie Vollidiot! Sie wissen gar nichts über mich. Gar nichts!“
Evil Eva hat eigentlich permanent ihre Tage. Und während sie mit Commissioner Schmuhlke telefoniert, drückt sie ihren schmächtigen Gehilfen Igor, bürgerlicher Name: Daniel Stubenrauch, an ihr diabolisches Tittengebirge.
Natürlich geht es um Geld. Warum wollen alle Verbrecher dieser Welt immer wieder Lösegeld? Und dann vermasseln sie die Übergabe. Oder sie gehen mit einem nigelnagelneuen Fünfhundert-Euro-Schein in die nächste Kneipe und machen einen auf dicke Hose.
Schmuhlke ist einer dieser unbeholfenen Riesen, die schnell verlegen werden, wenn sie mit Frauen sprechen. Also sichert er die zwei Millionen Euro zu, obwohl das Leben eines Lehrlings im wahren Leben natürlich noch nicht einmal die Hälfte wert ist. Normalerweise braucht man für so eine Summe auch einen Stadtratsbeschluss und das ist in Bad Gotham wie überall auf der Welt eine heikle und komplizierte Sache. Wegen der Mehrheitsverhältnisse. Außerdem ist es gerade Samstagabend. Aber unter dem jungen Superhelden in Ausbildung kreisen Haifischflossen, springen gelegentlich gierige Piranhas nach oben und tückische Krokodilmäuler klappen auf und zu wie in einem Kasperletheater.
***
Jetzt wird es Zeit für ein klein wenig gute alte Action mit dem Schraubenzieher-Man. Er ballt die Fäuste und bringt sich langsam auf Betriebstemperatur. Auf dem Foto hat man im Hintergrund eine Backsteinmauer und ein ungeputztes Fenster ohne geblümte Vorhänge gesehen. Ist ja mal wieder klar. Eine alte Fabrik- oder Lagerhalle. Vermutlich am Hafen. Pier 42, weil diese Idioten ja immer so auf Zahlensymbolik stehen. Immer das gleiche. Die Unterwelt leidet schließlich auch unter Nachwuchsmangel. Die Generation Smartphone kann ja noch nicht mal ein Türschloss aufbrechen. Die wartet, bis es eine App für die Sache gibt. Es ist ein Elend. Aber das wissen Sie vermutlich selbst, wenn Sie Kinder haben oder Nachwuchskräfte in Ihrer Abteilung.
***
Pier 42. Eine Tür mit Milchglasscheibe führt in die Lagerhalle. Wir sehen das Profil von Andy Bonetti alias Schraubenzieher-Man als Silhouette. Seine Knubbelnase, das Dreifachkinn und vor allem seinen gewaltigen Bauch.
Natürlich ist es die Armut, die den Menschen schlecht macht. Eine schwere Kindheit. Der falsche Umgang. Die seelische Verrohung und so weiter. Das kennt unser Held alles aus dem Volkshochschulkurs über Verbrechensbekämpfung, den er acht Samstage lang besucht hat.
Aber dann sieht er Evil Eva, als er die Halle betritt. Diese aufgedunsene und hasserfüllte Visage, die ihn an seine Deutschlehrerin aus der Mittelstufe erinnert. 90 – 60 – 90, das andere Bein hat die gleichen Maße. Und dieses Kleid! Gott, der Gerechte! Wie kann man so ein Kleid tragen? Und das Make-up sieht aus, als hätte sie ihr Gesicht in eine Konfettikanone gehalten.
Sein Blick fällt auf Igor, dieses verschimmelte Stück Dreck in Menschengestalt, das gerade mit einem Messer an dem Seil herumsäbelt, an dem der Kreuzschlitz-Boy hängt, unter dem wiederum das Wasser vor Mordlust brodelt. Dieser schmierige Penner hat eine Buckelbehaarung, die den Schraubenzieher-Man an den Fußboden eines Friseursalons erinnert.
WHAM – KABOOM – POW – BANG – PHOOMP – WHACK - EEEHAAA
Und fertig ist die Laube. Oder, um Mephistopheles zu zitieren (Goethes „The Fist“): „Es ist vollbracht.“

Rage Against The Machine – Know Your Enemy. https://www.youtube.com/watch?v=eTTVIWzOY8M

Montag, 22. Mai 2017

Eine schrecklich gesellschaftskritische Tierfabel

Buffy war ein süßer kleiner Kater. Wir haben ihn vom ersten Tag an geliebt. Er hatte braunes Fell, sternenklare Augen und einen geringelten Schwanz. Anfangs war er sehr verspielt und tobte durchs Haus. Später haben wir ihn in den Garten gelassen.
Er wurde erwachsen und tigerte durchs Gras. Er lag auf dem Gartenhäuschen oder der Veranda in der Sonne. Aber er hat nie einen Vogel oder eine Maus gefangen. Dafür waren wir sehr dankbar, denn das ist der unangenehme Teil eines Lebens als Katzenbesitzer.
Was heißt Katzenbesitzer? Diese Tiere machen, was sie wollen. Manchmal habe ich das Gefühl, unser Kater sieht sich als Herr des Reviers und wir sind nur die nützlichen Idioten, die ihn füttern und streicheln, wenn ihm danach ist. Es sind majestätische Tiere und in ihren kleinen Körpern lebt das königliche Gefühl eines Löwen.
Wir fütterten ihn mit ausgewählten Leckereien, nicht mit gewöhnlichem Katzenfutter. Aber wir achteten auf eine ausgewogene Ernährung. Trotzdem wurde Buffy immer dicker und dicker. Schließlich war er so fett, dass er kaum noch laufen konnte. Die meiste Zeit des Tages lag er auf der Couch und ließ sich seinen dicken Bauch massieren.
Meine Frau ist schließlich dahintergekommen. Eines Morgens, nachdem sie unseren Kater gefüttert hatte, lief sie ihm in den Garten nach, weil sie die Rosenbüsche gießen wollte. Da beobachtete sie, wie Buffy sich durch den Zaun auf das Nachbargrundstück zwängte. Neugierig beobachtete sie ihn. Er stellte sich vor die Gartentür der Nachbarn und maunzte herzzerreißend. Bald darauf kam die Nachbarin und stellte ihm ein Schüsselchen mit Futter vor die Nase.
Nachforschungen ergaben, dass er pro Tag nicht weniger als fünf Häuser auf seiner Liste hatte, die er täglich abklapperte und deren Bewohner er auf verschiedene Sorten Fleisch und Fisch abgerichtet hatte – unseres nicht eingerechnet. Er hatte sogar ein Zweitkörbchen bei den Hartmanns von gegenüber. Am nächsten Tag war die Katzenklappe versperrt – aber er machte einen solchen Terror, dass wir ihn nach einer halben Stunde entnervt auf seine Tour schickten.
Unser Kater wurde älter und bequemer. Andere Katzen starben bei Autounfällen oder liefen davon. Er blieb unverändert und weigerte sich immer noch, einer Maus im Keller oder im Garten nachzujagen. An seinem zwanzigsten Geburtstag begann Buffy zu sprechen:
„Es herrscht Katzenkrieg, richtig, aber es sind die fetten Katzen, die Krieg führen, und wir gewinnen.“
Er wird uns alle überleben.
Extrabreit – Der Präsident ist tot. https://www.youtube.com/watch?v=uD-MZchabfY

Sonntag, 21. Mai 2017

Tote wissen nichts

In einem brennenden Smartphone erschien mir jüngst Andy Bonetti mit seinem Zehntausend-Megawatt-Erfolgslächeln, und er rief mir zu: „Führe die Leser hinaus aus der Sklaverei der Verblödung und gib ihnen Blogstuff 130.“
„Du stehst vor dem Haus, in dem du aufgewachsen bist, aber es ist nicht mehr dein Zuhause. Fremde Leute wohnen jetzt in deinem Kinderzimmer.“ (Lupo Laminetti: Der Schmerz des Alters)
So ist der Deutsche: der Schrank ist voll mit Trekking-Klamotten für das Abenteuer, das er nie erleben wird.
Was man nicht alles sehen kann, wenn man nichts tut.
Eltern schaffen es mühelos, dreißig Jahre Erwachsenenleben in Trümmer zu legen, indem sie Geschichten aus deiner Baby-Zeit erzählen. Neulich erzählt mein Vater coram publico von dem Milchschorf, der sich in den Speckfalten meiner Handgelenke gebildet hat. Und dass er mich immer in den Warmluftstrom eines Kaufhauseingangs geschoben hat, wenn ich in meinem Kinderwagen gebrüllt habe. Es hätte mich immer beruhigt. Danke für diese Info!
Wo sind eigentlich all die tollen Sachen hin, die ich früher immer in den Cornflakes-Schachteln gefunden habe? Wieso gibt es heute nichts mehr in den Cornflakes-Schachteln? Ich bin immer noch scharf drauf. Wenigstens habe ich beim Aufräumen der Garage eine alte Zigarrenkiste gefunden („Ermuri Hubertusorden – Fehlfarben einer 80 Pfg.-Zigarre“), in der ich Buntstifte mit abgebrochenen Spitzen, eine kaputte gelbe Plastiklokomotive, Legosteine und Muschelschalen von einem Strandurlaub für die Ewigkeit aufbewahrt habe.
Hätten Sie’s gewusst? Es gab auch eine japanische RAF, die 1971 gegründet wurde und ihre Basis im Libanon hatte. Die etwa zwanzig Mitglieder, hauptsächlich Studenten, kämpften für die Palästinenser gegen Israel, ihre größte Aktion war ein Massaker auf dem Flughafen von Tel Aviv, bei dem 1972 26 Menschen, hauptsächlich Pilger aus Puerto Rico, ermordet wurden. Führende Kader waren, wie bei der deutschen RAF, Mitglieder der Stasi, weswegen nach 1990 keine Aktionen mehr durchgeführt wurden.
Mich hat damals übrigens Arafat persönlich an der Kalaschnikow ausgebildet, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich kenne einen Mann, der auf dem Weg zur Arbeit die Augen offen hält und aufmerksam alles am Wegesrand registriert und dokumentiert. Seine Gedanken sind nicht durch alltägliche Sorgen oder Überlegungen zu seiner Arbeit verklebt und verkümmert, er sieht mehr als alle anderen Passanten. Sein Blog ist daher gelebter Zen-Buddhismus. Kennen Sie ihn zufällig?

Digitalisierung konkret: Unsere Firma hat früher einen Albaner nur zum Briefmarkenablecken beschäftigt. Der ist jetzt entlassen worden und macht derzeit angeblich Werbung für Langnese. Scheiß Globulisierung!
Wie Bonetti sich den Leser wünscht: https://www.youtube.com/watch?v=dxEso6hSxVM
Für alle anderen bietet Bonetti Unlimited jetzt ein kostengünstiges Leser-Coaching durch erfahrene Medientherapeuten an.
Warum werden die guten Dinge immer zum Schlechten verändert? Erst wurde das Bier erfunden und alles war für ein paar tausend Jahre okay. Aber dann kam das alkoholfreie Bier und als dessen Steigerung das alkoholfreie Radler. Neulich kaufe ich mir italienisches Tomatenmark in der Tube und was schmecke ich, als ich zu Hause lustvoll an der Metallzitze sauge? Es ist mit Basilikum verschandelt und verhunzt. WHY?
Hätten Sie’s gewusst? Mein Herd ist genauso alt wie Miroslav Klose und Dirk Nowitzki. Baujahr 1978.
Haushaltstipp: Zwiebelgeruch an den Händen entfernen Sie ganz einfach mit Bärenurin oder Yakbutter.
Extrabreit – Kleptomanie. https://www.youtube.com/watch?v=GCK0GvX9yR8

Samstag, 20. Mai 2017

Ich & die Frauen

„Wissen Sie, die Liebesimpulse eines Mannes äußern sich sehr häufig in Form von Konflikten.“ („Leoparden küsst man nicht“, 1938)
Für manche Sachen kommt man nicht in die Hölle, aber es reicht für eine kleine Rundfahrt mit dem Teufel.

Ich hatte als junger Mann mal eine Freundin, die winzige Haare zwischen Oberlippe und Nase hatte. Damenbart konnte man es nicht nennen, denn sie war blond und es fiel nur auf, wenn man diese Härchen aus der Nähe betrachtete. Wenn sie am Morgen noch schlief, während ich schon wach war – was allerdings sehr häufig vorkam -, habe ich diese Härchen ganz leicht berührt, wodurch sie ein klein wenig unruhig wurde, ohne allerdings aus dem Schlaf zu erwachen. Sie bewegte den Kopf hin und her, ich wartete einen Moment und begann erneut, an diesen Haaren herumzutasten. Dieses Spiel konnte ich minutenlang fortsetzen und hatte Mühe, mein Lachen zu unterdrücken. Ich hätte gerne gewusst, was sie in diesen Momenten geträumt hat, aber ich habe sie nie gefragt, um mich nicht zu verraten.

Die „Was hast du geträumt?“-Frage ist ja mindestens so beziehungsschädlich wie die „Was denkst du gerade?“-Frage. Letzteres wurde ich natürlich auch gefragt. Zum hoffentlich allerletzten Mal von einer Frau aus Berlin-Friedenau. Bei einem sinnlichen Tete-a-Tete auf dem Sofa, als wir „Leoparden küsst man nicht“ sahen. Wahrheitsgemäß antwortete ich ihr, dass ich über meine Socken nachdenken würde, die beim Streichen ihrer Küchendecke etwas Farbe abbekommen hatten. Diese Arbeit hatte ich unmittelbar vor dem Film geleistet. Vor der Belohnung. Sie hat mir nie wieder diese Frage gestellt und eine Woche später war Schluss. Mein Tipp: Lügen Sie hemmungslos. Oder streichen Sie keine Küche.

Verdammt nochmal! Jetzt rechne ich richtig ab. Ines Kirsch. Ja. Ich nenne Namen. Ines Kirsch. So hieß das erste Mädchen, das sich in mich verliebt hat. Sie ließ mir diese Information auf dem Schulhof durch eine Freundin zukommen, weil sie sich selbst nicht getraut hat, es mir zu sagen. Ich habe – wenig schlagfertig, aber höllenfeuerwürdig – geantwortet, ich wolle es von ihr selbst hören. Natürlich passierte es nie. Im Gegenteil: beim Schulfest habe ich mich höhnisch über ihren Tanzstil lustig gemacht, obwohl fast niemand von unserer siebten Klasse auf der Tanzfläche war. Ines! Ich möchte mich an dieser Stelle tausendfach bei dir entschuldigen, obwohl ich weiß, dass du diese Zeilen nie lesen wirst. Ich war ein Idiot, ich war zu unsicher für deine Liebe. Der Sohn einer Putzfrau, der mit dem Klapprad ins Gymnasium fuhr, während die anderen Kinder in den supertollen Limousinen ihrer erfolgreichen Eltern ans Schultor kamen. Die Urschuld meines Versagens brennt in mir, ich brauche keine Hölle mehr. Vergib mir! Ich hoffe, du bist glücklich.

P.S.: Und heute? Gibt es Frauen nur in meiner Phantasie. Ich stelle mir vor, ich wäre mit Hazel Brugger verheiratet. Schön, geheimnisvoll und depressiv. So muss die Frau meiner Träume sein. Manche Menschen sind schon mit Anfang zwanzig klug genug, um die ganze Welt zu hassen. Es ist eine rein platonische Beziehung. Ich habe ihr nach der Hochzeit das Du angeboten, das war alles. Wir sitzen abends zusammen auf dem Sofa und hören Händels „Messias“. Die vollen zwei Stunden, ohne miteinander zu sprechen. Kultur und Schweigen sind für mich das Fundament einer guten Ehe. Ich sehe mich als Hausmann, sie macht Karriere in den Medien und auf der Bühne. Wenn sie zweimal im Jahr von der Tournee nach Hause kommt, möchte ich, dass sie sich in unserem Heim wohlfühlt. Derweil schreibe ich an meinem autobiographischen Roman „Behind Hazel Brugger“. Ich bewundere ihr gewaltiges Kinnmassiv. An Weihnachten werden wir mit ihrem Unterkiefer Walnüsse knacken. Dazu diese winzige Nase. Sie ist die einzige Frau, der ich eine Nasenvergrößerung empfehlen würde. Aber ich sage nichts. Schweigen. Kultur. Sie wissen schon.
Eurythmics - Thorn in My Side. https://www.youtube.com/watch?v=_AmkmqYEarw

Freitag, 19. Mai 2017

Hilfe! Unter meinem Bett lauert die Digitalisierung

Warum hat es im Zeitalter der Sklaverei kaum technologischen Fortschritt gegeben? Weil man ansonsten die Sklaven arbeitslos gemacht hätte. Daran hatten die Herrschenden kein Interesse. Schließlich hält die Arbeit den Menschen vom Denken ab. Warum wird im Zeitalter der Digitalisierung die Arbeit nicht ausgehen? Weil die Herrschenden ihre Lohnsklaven als Steuerzahler und Konsumenten brauchen. Wir sollten uns also um die Arbeitsplätze der Zukunft keine Sorgen machen. Die Angst vor der Digitalisierung dient nur dem Lohndumping, das ist alles. Die Unterschicht hat man in den letzten Jahrzehnten mit der Globalisierung erfolgreich eingeschüchtert und ihren Lohn auf das Existenzminimum gedrückt, jetzt ist die Mittelschicht dran.

Die Geschichte der Zukunft

Warum sind so viele Männer von Science Fiction fasziniert? Warum kenne ich keine Frau, der es genauso geht wie mir? Schon als Kind habe ich Jules Verne und Perry Rhodan gelesen. Später Stanislaw Lem und Douglas Adams. Ich bin immer noch von gemalten Phantasien fasziniert, die ferne Planeten zeigen. Nachdem ich „Das Imperium schlägt zurück“ im Kino gesehen habe, bin ich bis in alle Ewigkeit Darth Vader und den Jedi-Rittern verfallen. Auf meiner Atari-Playstation habe ich ungefähr eine Million imperiale Kampfläufer abgeschossen. Damals konnte man an der Kinokasse noch für eine Mark kleine Hefte zum Film kaufen, ich habe auch noch den Werbe-Flyer. Ohne Knick und ohne Flecken. Es sind die Reliquien meiner Kindheit.
Selbstverständlich bin ich ein Trekkie. Wo wären wir ohne die Weisheit von Spock? Das Raumschiff Enterprise – eine Welt ohne Geld, ohne Hunger und ohne Rassismus. Was für eine Vision! Aber es gab in meiner Kindheit auch Serien wie „Captain Future“ und „Mondbasis Alpha 1“, die heute längst vergessen sind. Ich hatte im Kindergartenalter eine Apollo-Mondrakete und später ein Modell des Millenium-Falken.
Warum zieht es die Männer zu den Raumschiffen, die es nicht gibt, und zu den Planeten, die wir nie erreichen werden? Ist es eine romantische Sehnsucht? Träumen wir von den Sternen, so wie Frauen von der Liebe träumen? Ist es Technikverliebtheit? Wozu kennen wir Jungs alle den Warp-Antrieb und den 4. Mai als Feiertag? Wie fing das alles an? Eine kurze Recherche ergibt, dass schon Johannes Kepler und Cyrano de Bergerac im 17. Jahrhundert von Mondreisen geträumt haben, der eigentliche Beginn der Science Fiction-Literatur liegt aber im 19. Jahrhundert. Das erste SF-Magazin ist „Amazing Stories“, das zum ersten Mal 1926 in den USA erscheint.
Samjatins „Wir“ von 1924 ist die erste Dystopie, „1984“ und „Brave New World“ sind weltbekannt geworden. Neben den Traum von der Zukunft tritt die Angst vor ihr. Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt die große Zeit des SF-Films. Jede Menge herrlicher Trash. Aber auch Kubricks „2001“, den ich mal auf LSD gesehen und zum einzigen Mal im Leben vollständig verstanden habe. Hätte ich mir damals nur Notizen gemacht. Am nächsten Tag konnte ich mich natürlich an nichts mehr erinnern. Andere großartige Filme fallen mir ein: „Der Wüstenplanet“ von David Lynch oder der Stummfilmklassiker „Metropolis“ von Fritz Lang, den ich mal in einem Kreuzberger Open Air-Kino mit Klavierbegleitung gesehen habe.
Wir haben uns ein eigenes Universum erschaffen, in das wir uns bequem zurückziehen können, wenn uns der Alltag zu langweilig oder zu deprimierend erscheint. Wir beamen uns einfach in eine Parallelwelt mit freundlichen oder grauenerregenden Aliens. Sie können jederzeit blutspritzend aus uns hervorbrechen oder sie leben längst unter uns. Im Gegensatz zu anderen Genres akzeptiere ich in der SF-Literatur oder im Film auch Trash. Es ist wie mit Pizza. Selbst die kalte Pizza vom Vortag ist im Vergleich zu Obst und Gemüse immer noch köstlich. Gebt mir Arnold Schwarzenegger und Flash Gordon, „Raumschiff Orion“, „Die Klapperschlange“ oder irgendeinen hirnrissigen Predator – ich nehme alles!
Philip K. Dick ist einer der großartigsten Autoren der Geschichte. Ich habe alles von ihm gelesen. Wenn ich nur an „Blade Runner“ denke, durch den ich auf diesen Mann gestoßen bin. Arkadi und Boris Strugazki: Picknick am Wegesrand, von Tarkowski verfilmt, der auch „Solaris“ gedreht hat. Es fallen einem so viele großartige Werke ein. „Flucht ins 23. Jahrhundert“ oder „Zardoz“, „Alien“ oder „Matrix“, „12 Monkeys“ oder „Interstellar“, „Terminator“ oder „Das fünfte Element“. Man könnte sich komplett aus der Realität verabschieden. Vermutlich keine schlechte Idee – und sicher gesünder als Drogen.
P.S.: Das schrägste Filmende in einem SF-Film ist meiner Meinung nach in „Der Junge und sein Hund“ von 1975. Das Werk dürfte nur eingefleischten (sic!) SF-Fans bekannt sein.
P.P.S.: Es ist ein merkwürdiger Gedanke, zugegeben, aber vielleicht sind die Helden in den SF-Filmen so sympathisch, weil wir ihre Gehälter nicht kennen und es praktisch nie um Geld geht. Han Solo ist der erste Raumschiffpilot, der offen materialistisch ist. Und in „Alien“ diskutiert die Besatzung sogar über ihr Gehalt und fordert Gehaltserhöhungen. Sie sind die ersten Protagonisten, die nicht mehr aus Neugier oder Abenteuerlust ins All fliegen.
David Bowie – Space Oddity. https://www.youtube.com/watch?v=iYYRH4apXDo

Donnerstag, 18. Mai 2017

R.I.P. Chris Cornell

Soundgarden - Blow Up The Outside World. https://www.youtube.com/watch?v=sC2GjXMk7i4

Holde Heimat

Ein herrlicher Maitag. Ein Gemälde. Geradezu grotesk schön. Ich komme mit dem Bus voller aufblühender Kinder von einem Arztbesuch in Bingen nach Stromberg, wo ich in den Bus nach Schweppenhausen umsteigen werde. Die Mädchen kokettieren mit ihrer Strafmündigkeit („Wenn ich jetzt was klaue, komme ich in den Jugendknast“), jonglieren mit Fäkalausdrücken und verabreden sich für den nächsten Schultag zum gemeinsamen Tragen eines Rockes. Die Jungs überbieten sich in Kopfhörergrößen.
Der Befund meines Orthopäden ist deprimierend. Gicht. Fettleber. Die Halsschlagadern durch Cholesterin zu schmalen Saumpfaden des Lebens degradiert. Vielleicht ist die Schilddrüse schuld, ganz sicher aber mein Lebenswandel. Lustig ist allein das Gespräch über mein Drogenleben. Der Landarzt hat selbst noch nie Drogen genommen und lässt sich genüsslich die Wirkungen der einzelnen Substanzen erklären.
Ich komme bei der Erzählung regelrecht ins Schwärmen: wie großartig, göttlich, aber dennoch klar man sich mit Koks fühlt, wieviel man mit Speed saufen kann, die Verlorenheit auf hoher See, wenn man LSD genommen hat. Die Kotzorgien nach Heroin in der Nase oder in der Zigarette. So als würde ich über Sporterfolge berichten. Oder den Doktor zum Drogenkonsum überreden wollen. Wer so in einer Arztpraxis redet, ist bis ins Krematorium gefährdet.
Ich steige in Stromberg aus, um etwas zu essen. Es ist ein Uhr, vormittags hatte ich „nüchtern“ beim Arzt zu erscheinen. Alle Lokale haben entweder heute oder gleich für immer geschlossen. Aber es gibt den Griechen. Beim Griechen läuft immer was.
Es ist ein kleines Lokal und die Speisekarte beschränkt sich auf Chips und Erdnüsse. Jedoch schmückt ein alter Kumpel aus Schweppenhausen den Tresen. Und so beschränkt sich meine Nahrungsaufnahme an diesem Tag auf drei Weizenbier, zwei Ouzo, eine kleine Tüte Chips und die Neuigkeiten aus meinem Dorf. Seit die Dorfkneipe geschlossen hat, tröpfelt der Informationsfluss nur noch spärlich. Ausgerechnet hier haben SPIEGEL und BILD keine Korrespondenten, obwohl ich in diesem Fall für die kostenpflichtigen Zusatzangebote zahlen würde.
Nennen wir ihn Diego, weil ich mit ihm im Fußballverein gespielt habe. Was macht er um diese Uhrzeit hier? Er kommt gerade vom Arzt. Wie ich. Auch Gicht. Handgelenke kaputt, Rücken kaputt. Vier Bandscheibenvorfälle. Lagerarbeiter. Mein Alter. Wir sind jetzt fünfzig. Er ist seit einem Jahr krankgeschrieben. Ich berichte von meinen Misserfolgen als Schriftsteller. Von der schönen Arbeit mit der Elektrokettensäge im Garten. Er weiß von seiner Zeit als Waldarbeiter zu berichten, als er Bäume gefällt hat. Heute braucht man ja den kleinen Kettensägenschein, den großen Kettensägenschein und den Fällschein. Die Stapel, die wir bei Waldspaziergängen am Wegesrand sehen, sind also staatlich zertifiziert. Diego erzählt von einem anderen Kumpel bei der Schweppenhäuser Feuerwehr, der sich den Arm beim Fällen gebrochen hat, weil der Stamm unter Spannung stand.
Was machen die anderen Jungs aus unserem Jahrgang? Einer, den ich verdächtig lange nicht mehr gesehen habe, ist seit einem halben Jahr auf Entzug. Diesmal nicht wie üblich in der Nervenheilanstalt in Simmern, sondern woanders. Seinen Job als Arbeiter in der Nachtschicht ist er wohl los. Ein anderer ist inzwischen Gourmetkoch. Ich gebe seinen Namen in die Suchmaschine ein und finde ein Rezept von ihm. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung hat ihn zum Thema „Zander mit Steinpilzen“ interviewt, derzeit ist er in Hamburg.
Einer der Jungs hat sich in Diegos Haus erhängt, nachdem seine Frau ihn mitsamt den Kindern verlassen hat. Er hatte nur einen Zettel hinterlassen: „Ich bin spazieren.“ Als Diego bis zum späten Abend nichts von ihm gehört hat, sucht er das weitläufige Gebäude ab, das er von seinen Eltern geerbt hat. In einem Kinderzimmer, aus dem später eine Nähstube wurde, brennt noch Licht. Von hier führt eine Leiter zum Dachboden. Er ist schon steif und kalt, als Diego ihn berührt. Er ruft die Polizei. Der Schwager dieses Selbstmörders wählt einen Monat später denselben Weg. Diegos ergänzt lapidar: „Und ich hatte ihm zwei Wochen vorher noch neue Fenster eingebaut.“
Wir stoßen mit einem Ouzo an. Ich höre die Geschichte nicht zum ersten Mal, aber sie gibt dem Gespräch den nötigen Ernst. Keine Politik, kein Fußball, kein Hollywood-Gossip. Schweppenhausen ist als Thema völlig ausreichend.
Men Without Hats - Where Do the Boys Go? https://www.youtube.com/watch?v=uuQ2PHv9CKw

Mittwoch, 17. Mai 2017

Deal or No Deal

Die Hollywood-Regisseure, die Drogen-Deals filmen, haben nicht unbedingt Ahnung von den echten Verhältnissen, zumindest nicht von den Verhältnissen in Europa. Wozu sollte man sich in Hotelzimmern oder verlassenen Fabrikhallen treffen? Viel einfacher läuft es in Suburbia. Du mietest eine Wohnung am langweiligsten Ort der Welt in der Provinz oder im Vorort einer Großstadt. Garantiert überwachungsfrei, wenn du das Spiel mit den Smartphones kapiert hast. Dort trifft man sich für die Geschäfte. Diese Wohnungen stehen komplett leer. Wozu sollte man sie auch möblieren? Einen Monat später sitzt du sowieso in einer anderen Wohnung. Man sitzt in schönen Ledersesseln, nachdem man an etlichen leeren Zimmern vorbeigegangen ist, im Kühlschrank in der Ecke gibt es Getränke. Kein Alkohol, keine Drogen während des Geschäfts. Es ist zu wichtig. Um dich herum die nackten Wände des Wohnzimmers. Kein Handy klingelt. Absolute Ruhe wie bei einem Schachturnier. Bargeld gegen Ware. Etwas erleichterter Smalltalk zum Abschluss. Ganz kurz. Dann gehst du.

Wolkenformationen


Blogstuff 129
„Der Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt, dass er die Menschen schlechter machen kann.“ (Karl Kraus)
Die Bonetti Future Foundation hat herausgefunden, dass es bis 2050 einen Supercomputer gibt, der all unsere Probleme lösen wird. Wir werden unsterblich, keiner muss mehr arbeiten. Pizza, Burger und Bier werden gesunde Nahrungsmittel sein, keiner ist mehr fett, Rauchen stärkt die Lungen. Alles wird gut werden, weil die Computer viel schlauer sind als wir. Oder die Computer verlassen die Erde, um sich eine neue Heimat zu suchen. Oder sie bekommen unsere Waffen unter ihre Kontrolle und versklaven uns. Die Future Foundation hält Sie auf dem Laufenden.
Schriftsteller werden im Schnitt nur 53 Jahre alt. Ich werde im Sommer 51, deswegen muss ich jetzt alles aufschreiben. Daher die thematische Unordnung in meinem Blog.
Am Morgen: die uniformierten Pheromone der Sekretärinnen im Fahrstuhl.
Die Parteien wechseln lieber die Werbeagentur als das Programm.
„Ich hatte keinen echten Durst, es dürstelte ein wenig in mir, nennen wir es Bierappetit, als mir an jenem Abend ein Gasthaus brunnentief ins Auge fiel.“ (Johnny Malta: Thesen am Tresen)
Die Akademisierung der Arbeitswelt ist nicht mehr aufzuhalten. Die Blumenverkäuferin hat mindestens acht Semester Floristik studiert, die Müllmänner sind promovierte Entsorgungstechniker und der Spezialist für Horizontalhygiene kehrt den Bürgersteig.

Was ist der Vorteil geistiger gegenüber körperlicher Arbeit? Sie können aus dem Fenster schauen und jedem erzählen, Sie würden gerade nachdenken.
Ungeplante Zeit ist wie ein unberührter Urwald: das Paradies. Wann hatten Sie zuletzt eine ganze Woche, ohne sie im Vorfeld verplant zu haben? Unvergessliche Erlebnisse lassen sich nicht planen. Der Kontrollwahn zerstört den ganzen Spaß wie eine Planierraupe.
Warmer Applaus prasselt wie Speck in der Pfanne.
Es ist gar nicht so schön, dass die Menschen jetzt so alt werden. Denken Sie nur mal an die Rolling Stones.
In Vorbereitung: Bonetti© – die Schlüpferkollektion mit dem Business Touch. Das Grauen hat fifty shades.
Hätten Sie’s gewusst? Airport und Abort leiten sich vom gleichen altgriechischen Begriff ab: Abaios, der verwunschene Raum. Im "Abort Shopping" arbeitet übrigens nicht der Abortheker.
Was macht eigentlich Heinz Pralinski? Er hat gerade an der Universität Baku seine Doktorarbeit in Psycholinguistik geschrieben – Forschungsschwerpunkt: Witz und Humorverarbeitung. Aus seinem Werk „Der Kalauer im Spiegel der Zeit“ werden wir demnächst ausführlich zitieren.
Die Deutschen haben inzwischen so viele Zeitungsartikel über sich gelesen, in denen sie als „nervous germans“ bezeichnet werden, dass sie sich eine dicke Haut aus tapferem Lächeln und oberflächlich souveränem Humor antrainiert haben. Aber wie sind die Outdoorklamotten, die Trekkingstiefel und die Rucksäcke zu interpretieren, in denen ich Survivalkits und Stichwaffen vermute? Der Deutsche ist immer noch in permanenter Gefechtsbereitschaft, weil er immer mit dem Schlimmsten rechnet. Seine Eltern sind im Luftschutzbunker aufgewachsen und diese Angst wird von Generation zu Generation weitergegeben. Wir lächeln zwanghaft, während wir unterbewusst mit dem Ernstfall rechnen. Die deutsche Frage im 21. Jahrhundert lautet: „Kann das noch lange gut gehen?“ Eine Bunkerfrage.
Nervous Germans - Berlin's Burning. https://www.youtube.com/watch?v=emmBDHpN1Bc

Dienstag, 16. Mai 2017

Bananenrepublik 4.0

„Die Berliner Mauer fiel in der Nacht von Donnerstag, dem 9. November, auf Freitag, den 10. November 1989, nach über 28 Jahren ihrer Existenz.“ Dieser Satz steht in einem lexikalischen Surrogat namens „Wikipedia“ unter dem Stichwort „Mauerfall.“ Das ist falsch. Die Mauer fiel nicht, sie wurde vom zuständigen Personal an den dafür vorgesehenen Stellen geöffnet. Sie wurde nur zu einem bedeutungslosen Bruchteil (seien Sie kein Wortspielverderber und lachen Sie – mir zu liebe!) von den sogenannten Mauerspechten abgetragen, sondern von fachkundigem Personal aus der Baubranche mithilfe schweren Geräts beseitigt. Das hatte alles seine Ordnung, da ist nichts gefallen.
Die Menschen, die in dieser Nacht und in den folgenden Wochen und Monaten in den Westen strömten, suchten nicht die Freiheit, sondern ihren gerechten Anteil an Toblerone und Marlboro, Jeans und – Bananen. Ja, Bananen. Darüber kann man lachen. Aber wer gerne Bananen isst und nicht genug bekommt, für den ist die gelbe Frucht Verlockung und Verheißung zugleich. Damals gab es den blöden Spruch von der „Mauer in den Köpfen“, die zu überwinden sei. Die hat es in Wahrheit nie gegeben. Die Bedürfnisse haben sich schnell angeglichen, die Ansprüche hatten nach kurzer Zeit Westniveau.
Was wollen die Menschen, was wollten sie damals, was wollen sie heute? Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit? Nein. Sie wollen mehr Geld. Sie wollen noch mehr konsumieren. Ihre Wünsche sind materieller, nicht ideeller Natur. Das gilt zumindest für eine große Mehrheit der Bevölkerung. Es gibt kein Bedürfnis nach „sozialen“ oder „ökologischen“ Dingen. Niemand will eine andere Gesellschaft, aber jeder eine fünfprozentige Lohnerhöhung und eine Woche Urlaub mehr. Dafür geben sie dir ihre Stimme. Das begreifen ganz allmählich auch die Sozialdemokraten, die Grünen und die Linken nach drei verlorenen Landtagswahlen. Eine alternde und saturierte Gesellschaft will sich nicht verändern. Es sollen sich höchstens ein paar Sachen verbessern. Größere Fernseher, bessere Sicherheitsschlösser in den Wohnungstüren, ein wenig frische Farbe an den Schulgebäuden.
Wer ist das untere Drittel, dem es in diesem Land nicht gut geht? Migranten, Hauptschüler, alleinerziehende Mütter, Hartzies. Aber wo trifft man diese Leute überhaupt? Die Wohlstandsdeutschen bleiben unter sich. Wem es gut geht, kauft bei Rewe, wem es schlecht geht, kauft bei Aldi. Im Urlaubsclub auf Ibiza ist man sowieso vor dem deprimierenden Anblick armer Menschen geschützt. Die Deutschen hält nichts zusammen, am allerwenigsten „Kultur“. Die amerikanische Lebenslüge wird ja wenigstens noch oberflächlich durch diesen albernen Stars-and-Stripes-Patriotismus zusammengehalten, Frankreich durch das hochnäsig vorgetragene Märchen von der „Grande Nation“ – aber das trauen wir uns aus bekannten Gründen nicht mehr.
Meine früheste Erinnerung an den Ostblock ist die Begegnung mit zwei jungen Männern, die mich in Moskau nach Zigaretten gefragt haben. 1984. Jeder nahm sich drei Marlboros aus meiner Packung, sie lächelten glücklich und verschwanden. Sie wollten nichts über den Westen wissen, ich nichts über den Osten. Wenige Tage später stehe ich in Leningrad an einer Straßenecke und bin von einer Menschenmenge umlagert. Alle wollen mir meine Jacke abkaufen. Es geht nicht um mich, nur um meine Klamotten. In Prag stand ich eine halbe Stunde Schlange vor dem ersten Burger-Restaurant der Stadt, das war 1987. Der lausigste Burger meines Lebens, im Osten herrschte ständig Ketchupmangel. Aber die Leute waren verrückt nach Hamburgern. Nach Bananen. Nach Jeans. Nach Hollywood. Sie haben sich nie geändert. Sie sind immer gleich. Und deswegen wird sich auch nichts ändern.
Aber hat es nicht gerade eine Umfrage mit 580.000 Teilnehmern in Europa gegeben, wonach eine Mehrheit der Jugend bereit für eine Revolte sei? In Griechenland, Italien und Spanien wären sogar über sechzig Prozent bereit, an einem Aufstand gegen die Herrschenden teilzunehmen (https://linksunten.indymedia.org/es/node/2124429). Gegenfrage: Worauf wartet die Jugend dann noch? Warum fangen sie nicht einfach eine Revolution an? Vermutlich wissen sie einfach nicht, wie es geht. Wer hat denn schon mal eine Revolution erlebt? 1990 hat Gorbatschow nach langen Verhandlungen und einem schriftlichen Abkommen („Zwei-plus-Vier-Vertrag“, amtlicher Titel: „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“) die DDR an Helmut Kohl übertragen. Ein Herrscher hat einem anderen Herrscher ein Stück Land gegeben, wahrscheinlich gab es als Gegenleistung Bananen. Im übrigen Ostblock war es genauso. Die Russen wurden nicht besiegt, sie sind einfach gegangen.
In diesem Jahr ist das hundertjährige Jubiläum der Oktoberrevolution. Bis heute glauben wir, Arbeiter und Bauern hätten diese „Revolution“ gemacht. Uljanow („Lenin“) war ein Adliger und Großgrundbesitzer. Er studierte Jura, lebte viele Jahre im Exil und beschäftigte sich ausschließlich mit Politik. Bronstein („Trotzki“), der den Aufstand 1917 organisierte, war ebenfalls ein Berufspolitiker, der zuvor die meiste Zeit in der Emigration verbracht hat. Auch Dschughaschwili („Stalin“) hat nie gearbeitet, sondern war Profi-Sozialist wie seine Kollegen. Einige Politiker haben einfach nur die Macht von anderen Politikern übernommen.
Eine Frage würde mich wirklich interessieren: Wie viele Menschen sind wirklich bereit, für ihre Ideale (sofern vorhanden) ihr Leben grundlegend zu verändern? Zwei Prozent? Fünf Prozent? Ich wäre dabei. Aber ich bestehe auf eine gesicherte Versorgung mit Bananen und Schokolade. Es lebe die Bananenrepublik!
Extrabreit - Wir leben im Westen. https://www.youtube.com/watch?v=ySZPGXMx7Bw

Montag, 15. Mai 2017

Ich will deine Fäuste sehen

„Bis zum heutigen Tag arbeite ich im Bett, mit drei Kissen im Rücken, und habe keine Verwendung für Schreibtisch oder –pult oder ähnlichen Schnickschnack.“ (Gary Shteyngart: Kleiner Versager)
Ich hatte diesen räudigen Job als Kolumnist beim Hunsrück Globe. Einmal in der Woche beantwortete ich öffentlich die Fragen ratloser Hausfrauen und gelangweilter Rentner. Es war so deprimierend, dass ich jeden Tag um elf in die Kneipe gegenüber ging und ein Bier nach dem anderen trank. Dazu aß ich Frikadellen und Krautsalat. Nachmittags schlief ich auf dem Schreibtisch und entließ zischende oder gurgelnde Kraut- und Bierfürze in die Räume der Redaktion.
Eigentlich war ich am Ende. Ich weiß gar nicht, woher ich die Kraft genommen habe, meine kleinen speckigen Kinderfäuste zu ballen. Aber ich habe es gemacht. Ich habe angefangen, mich zu wehren. Man hat mich ein Leben lang herumgeschupst wie einen Vollidioten. Eines Tages war Schluss. Keine Ahnung wieso. Aber es war großartig.
Es fing mit einer Buchbestellung bei einem Versandantiquariat an. Natürlich kam das Buch nicht. Aber das Geld wurde umgehend von meinem Konto abgebucht. Ich schrieb eine Mail an das Antiquariat. Zur Antwort bekam ich: Melden Sie sich in vier Wochen noch einmal. Na klar. Diese Arschkrampen denken, in vier Wochen habe ich die fünf Euro vergessen, die ich für ein Buch bezahlt habe, das nie gekommen ist.
Gut, ich bin es gewohnt, beschissen zu werden. Aber dann kam diese Standard-Mail, in der ich das Geschäft beurteilen sollte. Was wollt Ihr Schweine denn noch? Ihr habt mein Geld, ich habe keine Ware – und jetzt soll ich noch fünf Sterne vergeben oder was!?! Ich schrieb eine gepfefferte Bewertung mit einem Stern, weil null Sterne nicht möglich waren. Was soll ich Ihnen sagen? Zwei Tage später war das bestellte Buch mit dem vielsagenden Titel „Kleiner Versager“ in meinem Briefkasten.
Jetzt wurde ich mutig. Dieses Zeitschriftenabonnement. Seit Jahren möchte ich es loswerden, aber zur Kündigung ist nur eine Telefonnummer angegeben. Ich weiß natürlich, dass ich dieses Telefonat nicht schaffen werde. Mir bricht schon der kalte Schweiß aus, wenn ich nur daran denke. Das sind Profis. Nach dem Anruf habe ich bestimmt ein Abo mehr. Die lachen mich doch aus, wenn ich kündigen will. Warum wollen Sie kündigen, werden sie fragen. Und ich werde ins Stottern kommen, wenn ich es begründen soll. Ich bring’s nicht. Weiß ich doch.
Aber dann bin ich auf „Aboalarm“ gestoßen. Für 2,99 kündigen sie in meinem Namen das Abo. Kein Anruf, nur Anklicken. Hab ich gemacht. Aber dann kam die Mail: Haben Sie die Bestätigung für die Kündigung schon bekommen? Ansonsten bitte selbst eine Mail schreiben. Wie bitte? Als erstes schreibe ich eine böse Mail an Aboalarm. Wenn ich alles selbst machen muss, warum nehme ich Ihre Dienstleistung überhaupt in Anspruch? Ich zahle schließlich Geld – das natürlich schon abgebucht ist -, um nicht selbst in Kontakt mit dem fiesen Medienmoloch namens Burda treten zu müssen.
Wissen Sie, was ich zur Antwort bekam? Da könne man nichts machen, hieß es, das Unternehmen gäbe keine Kundendaten heraus. Ob die Kündigung geklappt habe, wüsste man nicht. Und dann kam gleich eine Mail, wie ich den Kundenkontakt zu Aboalarm bewerten würde. Und wieder gab es eine gepfefferte Bewertung, die im Fernsehen nur mit Pfeiftönen gesendet werden könnte. Jetzt war ich in Fahrt: Gleich darauf schrieb ich eine Mail an den Verlag, der mir die blöde Zeitschrift seit Jahren schickt. Auch wenn man laut Homepage nur am Telefon kündigen kann. Ich nahm mir vor, denselben Text per Einschreiben noch einmal an die Verlagsleitung zu schicken, wenn man mich nochmal ignorieren sollte. Was soll ich sagen? Die Bestätigung kam einen Tag später per Mail und dann noch einmal schriftlich.
Nimm die Fäuste hoch, Loser! Jetzt nehme ich mir sogar die Schmerzen in meinem linken Knie zur Brust. Seit Monaten quäle ich mich, aber jetzt war ich beim Orthopäden. Gicht. Entzündung. Wassereinlagerungen. Natürlich kämpfe ich jetzt gegen alle Elemente: Feuer, Wasser, Krankenkasse. Ich werde Mails an meinen Körper schreiben. Null Sterne für die Performance auf der Treppe. Ich kündige dem Bier, den Frikadellen und dem Hunsrück Globe. Jetzt drehe ich richtig auf. Ich könnte Blumen ausreißen!
Götz Widmann - Zöllner vom Vollzug abhalten auf der A4. https://www.youtube.com/watch?v=HurN3a3sEqc&list=PLCA7F8E5626B9BA39

Sonntag, 14. Mai 2017

Ich scheiße auf morgen, auf dich und das Geld

Gib dich auf, bevor andere dich aufgeben.“ (Lupo Laminetti: Lauwarmer Nescafé und Menthalzigaretten)
Wenn du nicht mehr leben willst, bist du ganz oben. Jemand kann dir eine Waffe an den Kopf halten und dir drohen. Du lachst. Jemand bietet dir eine Million Euro oder einen Traumjob. Du schüttelst gelangweilt den Kopf. Schöne Frauen, aufregende Abenteuer – du zuckst nur mit den Schultern und winkst ab. Es heißt immer, man soll so leben, als sei es der letzte Tag. Das ist falsch. Dann feiert man sinnlose Orgien. Lebe jeden Tag so, als hättest du mit dem Leben abgeschlossen und es sei dir alles egal. Und mit diesem Gefühl gehst du hinaus in den Morgen. So wirst du ein kleiner Gott. Niemand wird es bemerken.

BAP - Fuhl am Strand. https://www.youtube.com/watch?v=hZv6xHYwSDQ

# Tiefschlag bei Hochrechnung

Holger Schlönz – vom Hoffnungsträger zum eingewachsenen Zehennagel der SPD.

Japan – Die Fun-Facts

"Wer einen Blick nicht versteht, wird auch eine lange Erklärung nicht verstehen." (Arabisches Sprichwort)
In Japan gibt es Tiercafés, in denen wahlweise Katzen, Hunde, Ziegen oder Kaninchen gestreichelt werden können, die frei im Gastraum herumlaufen. Viele Japaner können sich in ihren kleinen Wohnungen keine Haustiere leisten und das Streicheln baut bekanntlich Stress ab.
Die winkende Katze (maneki neko), die sich auch in Europa verbreitet hat, soll Geld herbeiwinken. Ursprünglich standen sie nur am Eingang von Bordellen. Seither verbreitet sie sich vor allem in Geschäften und Restaurants, wo sie die Kunden anlocken soll.
Japan ist das Land der Verkaufsautomaten, es gibt 5,5 Millionen. Das heißt: auf 23 Einwohner kommt ein Verkaufsautomat. Entgegen den Gerüchten, die sich hartnäckig bei europäischen Männern halten, gibt es keine Automaten für gebrauchte Damenunterwäsche.
Geradezu unheimlich ist der Einfluss Japans auf unsere Jugend. Es begann mit dem Sony-Walkman, den Nintendo-Spielen und der Atari-Playstation, es folgten Tamagochi, Manga, Anime, Hello Kitty, Karaoke, Trading Cards und Pokemon Go.
Nur Pachinko – das Lieblingsspiel der Japaner – hat sich bei uns nicht durchgesetzt. Dabei schaut man einer verchromten Metallkugel zu, die sich ihren Weg nach unten durch ein Labyrinth von Hindernissen sucht, ohne Einfluss auf das Geschehen zu haben. Zu gewinnen gibt es – noch mehr Metallkugeln. Der Lärm in den Pachinko-Spielhallen ist ohrenbetäubend bis gesundheitsschädlich. Manche Spieler haben kleine Plastikwannen voller Kugeln neben sich stehen. Gewinner können die Kugeln gegen Sachpreise wie Sake, Zigaretten oder Spielzeug eintauschen.
Daisuke Inoue war ein unbedeutender Schlagzeuger, der mit seinen Kollegen in den Bars von Kobe auftrat. Immer wieder wollten Gäste auf der Bühne mitsingen, also bastelte er einen Lautsprecher, ein Mikro und einen Kassettenrekorder zusammen und nannte seine Erfindung „Karaoke“ („leeres Orchester“). Leider hat er seine geniale Idee nie patentieren lassen, so dass er kein Geld mit der neuen Technik verdiente. Immerhin nahm ihn das Time Magazine 1999 in die Liste der hundert bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts auf.
Falls Sie jemals nach Japan reisen sollten, nehmen Sie auf jeden Fall ein Kissen mit. Japanische Kissen sind mit getrockneten Bohnen, Buchweizen und Schlimmerem gefüllt. Es ist, als würde man seinen Kopf auf einen Stein legen. Das können Sie übrigens auch in Europa erleben: in einem Schweizer Hotel habe ich mal ein Pillow Menu gesehen, bei dem man Kirschkerne oder frischgehobelte Arvenholzspäne als Füllung angeboten bekam.
Roxy Music – Same Old Scene. https://www.youtube.com/watch?v=vXOgQN1a7bE

Samstag, 13. Mai 2017

Jetzt reicht‘s! Asylbewerber wird Lottomillionär


Blogstuff 128

„Geld musst du wie eine Schlampe behandeln, dann kommt es immer wieder zu dir zurück.“ (Andy Bonetti)
Sie haben vermutlich keine Ahnung, wie es sich für einen gelernten Politikwissenschaftler wie mich anfühlt, Donald Trump als Präsident zu erleben. Etwa so wie für eine Kunsthistorikerin, die mit ansehen muss, wie ein dreijähriges Kind die Sixtinische Kapelle mit Fingerfarben ausmalt. Pain in the ass, my dear, pain in the ass.
Am Sonntag wird ja in Paris die Trikotage gehisst und die Mayonnaise gesungen, weil es eine neue französische Präsiduette gibt. Ich halte das für übertrieben.
Die prachtvollen Boulevards müssen den Vergleich mit Paris nicht scheuen, die Wolkenkratzer im Business District erinnern unwillkürlich an die Skyline von Manhattan. Verzauberter Ort der goldenen Kirchen und prunkvollen Paläste. Bad Nauheim, sturmumtoste Braut des Meeres. Auf den Kais bieten die Fischer ihre fangfrische Ware feil, silbern glitzern die Karpfen in der Sonne. Auf den Märkten erfreuen uns die Bauern aus der Umgebung mit saftigen Mangos und Papayas. Es ist die Stadt der Dichter, Maler und Komponisten, sie vibriert vor Poesie, Farben und Melodien. Sie ist voller uralter Geheimnisse, voller Hoffnung und süßem Schmerz, voller Erzählungen, voller Schätze und voller Glück. Diese Stadt hat Andy Bonetti schon immer inspiriert, dieses hessische Juwel, dieses Zentralgestirn des urbanen Sternenhimmels.
Elvira Murawitz hatte diesen Blick, halb traurig, halb unterwürfig, den wir von Hunden kennen, denen wir beim Kacken zuschauen.
Hätten Sie’s gewusst? Es gibt auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt vier Magazine für Hundeliebhaber: „Der Hund“, „Dog“, „SitzPlatzFuss“ und „Partner Hund“. Für Katzenliebhaber gibt es nur „Geliebte Katze“. Schildkrötenbesitzer schauen komplett in die Röhre.
Distinktionsmerkmale des 21. Jahrhunderts, Teil 1: Manschettenknöpfe. Ich hatte auch mal Manschettenknöpfe, vergoldet und quadratisch, aber sie sind mir - mit den Hemden, der Hoffnung und der Figur - irgendwo verloren gegangen. Aber wer kauft denn heute noch die entsprechenden Hemden? Ein Jammer - sie waren das Pendant zu den Ohrringen meiner damaligen Freundin.
Jeder Entscheidung Andy Bonettis folgt eine Begründung. Das unterscheidet ihn von Diktatoren.
An dieser Stelle möchte ich an die legendären Worte von Lord Porterhouse erinnern, der in der Barbecue-Krise 1997 gesagt hat: „The Steaks must go on.“
Hätten Sie’s gewusst? Andy Bonettis Schweiß ist goldhaltig.
Die Rechten wollen zurück in die fünfziger Jahre, die Linken wollen zurück in die siebziger Jahre. Das ist Politik in einer alternden Gesellschaft.
Was ist aus uns geworden? Ich sehe einem Mann im Fernsehen dabei zu, wie er Abenteuer erlebt. Und dieser Mann ist nur ein Schauspieler, der mir vorgaukelt, Abenteuer zu erleben. In Wirklichkeit ist sein Leben so überraschungs- und aufregungsfrei wie mein eigenes. Wir brechen nicht mehr zur Jagd auf, wir sind Kinder, die in der Höhle ein Jagdspiel machen.
Hätten Sie’s gewusst? Johnny Malta hat die Kunst der Micro-Tags erfunden. Er schreibt seinen Namen mit einer Hühnerfeder so klein an die Hauswände, dass man erst mit einer Lupe sein Zeichen „JoMa“ erkennen kann. Der Trend hat sich inzwischen auch in New York und Neapel durchgesetzt.
Hätten Sie’s gewusst? Bevor der Earl of Sandwich seine bahnbrechende Erfindung machte, hat er viele Jahre die Werke der großen Köche, Metzger und Bäcker studiert. Dann hat er zahllose Experimente gemacht – viele im Selbstversuch! -, bevor ihm endlich der Durchbruch gelang. Wir können uns sicher eine Welt ohne die Musik von Mozart oder die Dramen von Shakespeare vorstellen. Aber eine Welt ohne Sandwich? Was für eine groteske Vorstellung.
Nächste Woche: Graf von Stulle erfindet die Klappstulle.
Creedence Clearwater Revival - Bad Moon Rising. https://www.youtube.com/watch?v=w6iRNVwslM4

Freitag, 12. Mai 2017

Eine enigmatische erratische Erzählung

Es war kurz vor Sonnenuntergang, als ich über einen Basar in Casablanca schlenderte. Melonenverkäufer und Sandalenmacher priesen ihre Ware an, Teppichhändler und Goldschmiede lächelten mir zu und wiesen mit einladenden Gesten auf ihr Angebot. Der Duft von tausend Gewürzen und gebratenem Hammel stieg mir in die Nase. Zwischen den bunten Ständen fiel mir eine unscheinbare Türöffnung auf, schwarz und verheißungsvoll.
Ich betrat den Laden, der mit allerlei Plunder vollgestopft war. Kupferne Pfannen und Töpfe, Schnitzereien, Tonfiguren, bunte Stoffballen und vergilbte Bücher. Blick aus toten Puppenaugen.
Eine Weile stand ich ratlos zwischen all dem Trödel und wollte schon wieder gehen, als ein alter Mann hinter einem Vorhang hervortrat, den ich gar nicht bemerkt hatte. Er trug eine weiße Djellaba, einen bodenlangen Kapuzenmantel mit weiten Ärmeln.
„As-salamu alaykum“, sagte er und neigte ein wenig den Kopf.
„Alikum ssalam“, antwortete ich höflich.
„Seien Sie willkommen, mein Herr. Wenn Sie mir bitte in die hinteren Räume folgen möchten. Hier bewahre ich nur Dinge auf, deren geringer Wert die Diebe täuschen sollen.“
Wir gingen durch den Vorhang und traten in einen Raum, der mir zunächst als Kopie des ersten Raums erschien. Ich hatte Juwelen und kostbare Gewänder erwartet, aber die Regale waren voller gewöhnlicher Gegenstände. Allerdings mussten sich meine Augen erst an das matte Licht gewöhnen.
„Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“ fragte der Händler.
„Sehr gerne.“
Er klatschte zweimal in die Hände und ein junger Bursche kam, dem er befahl, Kaffee zu bringen. Dann bat er mich, auf einem der Brokatkissen Platz zu nehmen.
Der Kaffee war süß und köstlich. „Allah-ikter-cheirek“, sagte ich. Gott vermehre Euer Gut.
Dann sah ich mich im Raum um. Jetzt konnte ich die Dinge klar erkennen.
„Was ist das für ein Hut?“ fragte ich den Händler.
„Ihr habt eine ausgezeichnete Wahl getroffen, mein Herr. Sie haben die Augen eines Falken, denn unter all meinen Kostbarkeiten haben Sie das schönste Stück gefunden.“ Sein Ton wurde geradezu überschwänglich.
„Vielen Dank. Allah möge Euch gnädig sein.“
„Es ist der Hut von Napoleon Bonaparte, den er bei seinem Ägyptenfeldzug getragen hat.“
„Unglaublich.“ Ich war verblüfft. „Sind Sie sicher, dass Napoleon diesen Hut aufhatte?“ Das Stück erschien mir doch sehr gewöhnlich und abgetragen. Es erinnerte mich eher an Humphrey Bogart.
„Ich schwöre es beim Haupte des Propheten. Der Blitz möge mich treffen, wenn ich nicht die Wahrheit sage.“
„Und diese Schreibmaschine?“
„Auf ihr hat Franz Kafka das Manuskript seines Schlossromans abgetippt, bevor er es seinem Verleger geschickt hat. Sie ist unbezahlbar. Eigentlich möchte ich sie gar nicht verkaufen.“
Dieser Schlawiner. Kafka hatte seine Texte nie auf einer Maschine getippt und den unfertigen Roman auch keinem Verlag geschickt. Schließlich schrieb er nachts und wohnte bis kurz vor seinem Tod noch bei seinen Eltern. Undenkbar, dass sie diesen Lärm ertragen hätten. Aber jetzt wusste ich wenigstens, woran ich war.
Längst war die Sonne untergegangen, als wir uns nach langem Feilschen über den Preis einig waren. Umgerechnet hundertsechzig Euro. Aber die Lektion war unbezahlbar.
Zufrieden verließ ich den Händler. Sein Diener trug die Schreibmaschine in mein Hotel am Boulevard de la Corniche.
In Deutschland habe ich das Gerät als Schreibmaschine von Erwin Rommel bei Ebay angeboten. Für fünftausend Euro habe ich sie einem rechten Spinner in Brandenburg angedreht – inklusive einem marokkanischen Echtheitszertifikat. Hab ihn quasi aufs Hakenkreuz gelegt. So macht man Geschäfte, Freunde der Sonne!
Extrabreit & Marianne Rosenberg - Duo Infernal. https://www.youtube.com/watch?v=_D1qW6oU_lA

Donnerstag, 11. Mai 2017

In 12.000 einfachen Schritten zum Erfolgsautor


Es ist ein heißer Tag im Spätsommer, als ich im Ingelheimer Krankenhaus zur Welt komme.

Da ich mich rasend schnell entwickle, kann ich am Nachmittag schon an der Hand meiner Mutter den Ort des Geschehens verlassen. Es ist Sonntag, der 14. August 1966. Mein Vater holt uns in seinem himmelblauen Opel Kardinal ab und staunt nicht schlecht, dass ich schon laufen und sprechen kann.

An diesem Tag trage ich eine knallrote Hose und ein Hemd mit Paisley-Muster. Warum? Weil es die Sechziger sind, Mann! Ich bitte meinen Vater, am Eissalon zu halten, weil ich Lust auf ein Bananeneis habe.

Lesen Sie in Folge 2, wie Frank Elstner immer wieder versucht, mich zu „Wetten, dass“ einzuladen. Meine Mutter steht an der Kommode im Flur, auf der das hellgraue Telefon mit der Wählscheibe platziert ist. „Es ist schon wieder dieser Typ vom ZDF“, raunt sie mir zu. „Leg einfach auf, Mutti“, antworte ich. „Ich entscheide selbst, wann ich ein Star werde.“