Dienstag, 16. Mai 2017

Bananenrepublik 4.0

„Die Berliner Mauer fiel in der Nacht von Donnerstag, dem 9. November, auf Freitag, den 10. November 1989, nach über 28 Jahren ihrer Existenz.“ Dieser Satz steht in einem lexikalischen Surrogat namens „Wikipedia“ unter dem Stichwort „Mauerfall.“ Das ist falsch. Die Mauer fiel nicht, sie wurde vom zuständigen Personal an den dafür vorgesehenen Stellen geöffnet. Sie wurde nur zu einem bedeutungslosen Bruchteil (seien Sie kein Wortspielverderber und lachen Sie – mir zu liebe!) von den sogenannten Mauerspechten abgetragen, sondern von fachkundigem Personal aus der Baubranche mithilfe schweren Geräts beseitigt. Das hatte alles seine Ordnung, da ist nichts gefallen.
Die Menschen, die in dieser Nacht und in den folgenden Wochen und Monaten in den Westen strömten, suchten nicht die Freiheit, sondern ihren gerechten Anteil an Toblerone und Marlboro, Jeans und – Bananen. Ja, Bananen. Darüber kann man lachen. Aber wer gerne Bananen isst und nicht genug bekommt, für den ist die gelbe Frucht Verlockung und Verheißung zugleich. Damals gab es den blöden Spruch von der „Mauer in den Köpfen“, die zu überwinden sei. Die hat es in Wahrheit nie gegeben. Die Bedürfnisse haben sich schnell angeglichen, die Ansprüche hatten nach kurzer Zeit Westniveau.
Was wollen die Menschen, was wollten sie damals, was wollen sie heute? Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit? Nein. Sie wollen mehr Geld. Sie wollen noch mehr konsumieren. Ihre Wünsche sind materieller, nicht ideeller Natur. Das gilt zumindest für eine große Mehrheit der Bevölkerung. Es gibt kein Bedürfnis nach „sozialen“ oder „ökologischen“ Dingen. Niemand will eine andere Gesellschaft, aber jeder eine fünfprozentige Lohnerhöhung und eine Woche Urlaub mehr. Dafür geben sie dir ihre Stimme. Das begreifen ganz allmählich auch die Sozialdemokraten, die Grünen und die Linken nach drei verlorenen Landtagswahlen. Eine alternde und saturierte Gesellschaft will sich nicht verändern. Es sollen sich höchstens ein paar Sachen verbessern. Größere Fernseher, bessere Sicherheitsschlösser in den Wohnungstüren, ein wenig frische Farbe an den Schulgebäuden.
Wer ist das untere Drittel, dem es in diesem Land nicht gut geht? Migranten, Hauptschüler, alleinerziehende Mütter, Hartzies. Aber wo trifft man diese Leute überhaupt? Die Wohlstandsdeutschen bleiben unter sich. Wem es gut geht, kauft bei Rewe, wem es schlecht geht, kauft bei Aldi. Im Urlaubsclub auf Ibiza ist man sowieso vor dem deprimierenden Anblick armer Menschen geschützt. Die Deutschen hält nichts zusammen, am allerwenigsten „Kultur“. Die amerikanische Lebenslüge wird ja wenigstens noch oberflächlich durch diesen albernen Stars-and-Stripes-Patriotismus zusammengehalten, Frankreich durch das hochnäsig vorgetragene Märchen von der „Grande Nation“ – aber das trauen wir uns aus bekannten Gründen nicht mehr.
Meine früheste Erinnerung an den Ostblock ist die Begegnung mit zwei jungen Männern, die mich in Moskau nach Zigaretten gefragt haben. 1984. Jeder nahm sich drei Marlboros aus meiner Packung, sie lächelten glücklich und verschwanden. Sie wollten nichts über den Westen wissen, ich nichts über den Osten. Wenige Tage später stehe ich in Leningrad an einer Straßenecke und bin von einer Menschenmenge umlagert. Alle wollen mir meine Jacke abkaufen. Es geht nicht um mich, nur um meine Klamotten. In Prag stand ich eine halbe Stunde Schlange vor dem ersten Burger-Restaurant der Stadt, das war 1987. Der lausigste Burger meines Lebens, im Osten herrschte ständig Ketchupmangel. Aber die Leute waren verrückt nach Hamburgern. Nach Bananen. Nach Jeans. Nach Hollywood. Sie haben sich nie geändert. Sie sind immer gleich. Und deswegen wird sich auch nichts ändern.
Aber hat es nicht gerade eine Umfrage mit 580.000 Teilnehmern in Europa gegeben, wonach eine Mehrheit der Jugend bereit für eine Revolte sei? In Griechenland, Italien und Spanien wären sogar über sechzig Prozent bereit, an einem Aufstand gegen die Herrschenden teilzunehmen (https://linksunten.indymedia.org/es/node/2124429). Gegenfrage: Worauf wartet die Jugend dann noch? Warum fangen sie nicht einfach eine Revolution an? Vermutlich wissen sie einfach nicht, wie es geht. Wer hat denn schon mal eine Revolution erlebt? 1990 hat Gorbatschow nach langen Verhandlungen und einem schriftlichen Abkommen („Zwei-plus-Vier-Vertrag“, amtlicher Titel: „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“) die DDR an Helmut Kohl übertragen. Ein Herrscher hat einem anderen Herrscher ein Stück Land gegeben, wahrscheinlich gab es als Gegenleistung Bananen. Im übrigen Ostblock war es genauso. Die Russen wurden nicht besiegt, sie sind einfach gegangen.
In diesem Jahr ist das hundertjährige Jubiläum der Oktoberrevolution. Bis heute glauben wir, Arbeiter und Bauern hätten diese „Revolution“ gemacht. Uljanow („Lenin“) war ein Adliger und Großgrundbesitzer. Er studierte Jura, lebte viele Jahre im Exil und beschäftigte sich ausschließlich mit Politik. Bronstein („Trotzki“), der den Aufstand 1917 organisierte, war ebenfalls ein Berufspolitiker, der zuvor die meiste Zeit in der Emigration verbracht hat. Auch Dschughaschwili („Stalin“) hat nie gearbeitet, sondern war Profi-Sozialist wie seine Kollegen. Einige Politiker haben einfach nur die Macht von anderen Politikern übernommen.
Eine Frage würde mich wirklich interessieren: Wie viele Menschen sind wirklich bereit, für ihre Ideale (sofern vorhanden) ihr Leben grundlegend zu verändern? Zwei Prozent? Fünf Prozent? Ich wäre dabei. Aber ich bestehe auf eine gesicherte Versorgung mit Bananen und Schokolade. Es lebe die Bananenrepublik!
Extrabreit - Wir leben im Westen. https://www.youtube.com/watch?v=ySZPGXMx7Bw

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