Montag, 8. Mai 2017

Professor Bonetti beantwortet die großen Fragen der Menschheit, Folge 1

Die großen Menschheitsfragen. Wer hätte sie noch nicht gestellt. Hier kommen die Antworten. Folge 1: Ist der Mensch gut oder böse?
Professor Bonetti versichert Ihnen, dass der Mensch von Natur aus weder gut noch böse ist. Er kommt als weißes Blatt Papier auf die Welt. Ob er ein netter Kerl wird oder ein unausstehliches Arschloch, liegt ganz allein an seiner Umwelt, in der er seine Erfahrungen sammelt. Es sind die anderen Menschen, die ihn im Laufe seines Lebens zu dem formen, was er ist.
Ein Beispiel: Sie kommen aus dem Haus und wollen ins Schwimmbad. Ein kleiner Junge radelt über den Bürgersteig und legt sich direkt vor Ihnen auf die Schnauze. Er fängt an zu flennen, es ist ein echtes Drama. Was machen Sie? Sie gehen zu dem Kind, helfen ihm auf, trösten es und stellen das Fahrrad wieder in die Senkrechte. Eine alte Frau kommt des Weges, sieht die ganze Szene und lobt sie ob Ihres freundlichen Wesens. Am Abend erzählen Sie die Geschichte Ihrer Freundin und kassieren nochmal ein Lob. Vielleicht auch mehr.
Fragen: Warum haben Sie dem Kind geholfen? Es bringt Ihnen kein Geld, es kostet Ihre Zeit. Sind Sie ein Altruist? Warum haben Sie diesem dämlichen Bengel nicht einfach in den Arsch getreten oder ihn wenigstens ignoriert? Sind Sie ein guter Mensch?
Antwort: Nein. Sie verhalten sich sozial, weil soziales Verhalten belohnt wird. Sie werden ständig von anderen Menschen programmiert. Sie wollen das Lob anderer Menschen. Wenn Sie einem Bettler Geld geben, bekommen Sie sein Dankeschön als Lob und natürlich erzählt so ein selbstverliebtes Arschloch wie Sie eine Woche lang jedem, der es nicht hören will, die Geschichte seiner Wohltat. Sie sammeln diese Karma-Bonuspunkte wie andere Leute Bonuspunkte an der Supermarktkasse. Facebook funktioniert nach dem gleichen Prinzip (Likes).
Irgendwann haben Sie diese soziale Programmierung so internalisiert, dass Sie sich auch ohne Lob wohlfühlen, wenn Sie etwas „Gutes“ tun. Sie belohnen sich selbst, wenn Sie zum Beispiel im Winter auf einem Waldweg einen Handschuh aufheben und an einen Ast stecken. Sie belohnen sich durch ein Glücksgefühl, weil Sie sich selbst für einen „guten Menschen“ halten. Sie brauchen das Feedback irgendwann gar nicht mehr, um die entsprechenden Hormone auszuschütten.
Das ganze Sozialverhalten ist also antrainiert, wir kommen nicht als gute oder schlechte Wesen auf die Welt. Der Beweis: ein Wildschwein würde nie auf die Idee kommen, den Handschuh eines Fremden an einen Ast zu stecken, damit er wiedergefunden wird. Wir sind so gut, wie unsere Umwelt es zulässt und wie wir es wollen.
Warum gibt es dann überhaupt so viele Arschlöcher auf der Welt? Gute Frage, liebe Lesende. Professor Bonetti kann auch das ganz einfach erklären. In einer Umgebung, die aus lauter Arschlöchern besteht, werden Sie selbst zum Arschloch. Sehen Sie sich nur mal an Ihrem Arbeitsplatz um. Wären diese Menschen Ihre Freunde? Würden Sie mit diesen Leuten gerne mehr Zeit verbringen? Wenn Sie zweimal mit Ja geantwortet haben, arbeiten Sie in einer angenehmen Atmosphäre und werden nicht an Burn-Out oder Depression erkranken.
Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass nette Leute auch nette Hunde haben, die mit dem Schwanz wedeln und sich streicheln lassen? Die Arschlöcher haben fiese Hunde, die beißen. So geht es uns Menschen auch. Suchen Sie sich eine soziale Umgebung, die Sie positiv programmiert.
Dieser kleine Text hat Ihnen vier Semester Sozialpsychologie erspart. Und jetzt sind Sie dran. Schicken Sie mir Geld. Jede Menge Geld. Ich werde Sie in diesem Blog dafür loben. Habe ich Ihnen schon mal gesagt, dass Sie ein toller Leser sind?
Elvis Presley - You'll Never Walk Alone. https://www.youtube.com/watch?v=E4IGlTLXHDg
Folge 2 in der nächsten Woche. Frage: Wer hat den Käse zum Bahnhof gerollt?
P.S.: Andy Bonetti hat seit dem Frühlingssemester 2017 eine ordnungsliebende Honolulu-Professur für Kulturgeschichte der Mönchheit an der Waldorf-Fachhochschule Bad Nauheim.

Kommentare:

  1. Das ist so aber nicht ganz richtig, denn ein Großteil des sog. Charakters ist genetisch festgelegt. Die Erziehung und Prägung bestimmt nur, welche Teile gefördert und welche unterdrückt werden. Zudem einige Verhaltensauffälligkeiten ebenfalls genetisch programmiert sind.

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    1. Dann wäre ein Deutscher also deswegen pünktlich und ordnungsliebend, weil diese typischen Sekundärtugenden bereits in seinen Genen angelegt sind? Thilo Sarrazin argumentiert so. In der Wissenschaft wird das etwas offener diskutiert. So kann sich beispielsweise auch ein entwickelter Charakter im Erwachsenenalter noch verändern, z.B. durch traumatische Erlebnisse wie Krieg, Krankheit, Gewalt, jahrelanges Mobbing, Tod des Kindes usw. Die methodische Frage ist doch: Wie stelle ich den genetisch bedingten Charakter eines Neugeborenen überhaupt fest, da er doch vom ersten Tag an Umwelteinflüssen ausgesetzt ist?

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    2. Diese Frage so heute noch nicht beantwortet werden. Es ist immer schwierig im Nachgang Genetik, Prägung und Erziehung zu unterscheiden. Wobei ich hier auch besonders auf den Punkt Prägung pochen möchte.
      Um diese Diskussion aber überhaupt führen zu können, muss man zwischen Charaktereigenschaften und erlernten Tugenden wie Pünktlichkeit genau unterscheiden. Und auch das kann schwierig sein.
      Eine typische, genetische Charaktereigenschaft ist z.B. das Aggressionspotential. Inwieweit es ausgelebt wird, hängt dann von Prägung und Erziehung ab.

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    3. Ja, diese Debatte wurde schon geführt, seit ich in den achtziger Jahren meine ersten Psychologievorlesungen gehört habe. Bis heute ist man sich nicht einig, welchen Anteil die Gene und welchen Anteil die Umwelt bzw. die Erziehung hat. Mir persönlich ist die Vorstellung sympathischer, der Mensch sei offen für neue Bedingungen und Anforderungen, als dass ein Gentechniker einen Menschen mit erwünschten Eigenschaften züchten kann. Denn in der Konsequenz wäre es eine gruselige Welt, in der menschliches Verhalten im Labor programmiert werden könnte. Aber ich denke mal, diese Debatte wird noch lange geführt werden, weil keiner einen experimentellen Beweis führen kann. Dafür müsste man z.B. Säuglinge direkt nach der Geburt isolieren und das ist zum Glück verboten.

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  2. Ich habe mir einen Job gesucht, der es mir ermöglicht, meine anti-soziale Haltung auszuleben und damit Geld zu verdienen. In den Augen meines Chefs mit ich ein guter Mensch. Die Menschen aus der Beteiligung mögen mich nicht sonderlich.

    Gut und böse sind, so meine Sicht, immer abhängig vom Bezugspunkt.

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    1. Ein Ar....... zu sein kann relativ oder auch absolut sein. Die Wertung eines evtl. noch größeren ChefAr...... ist z.B. relativ.

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  3. Vielleicht bin ich ja ein Miesepeter, aber mir ist das Lob einer anonymen Person nur weil ich einen Handschuh aufhänge oder einem Kind helfe unangenehm. Loben kann man nur von oben nach unten. Das soll niemand sehen und bei Facebook bin ich auch nicht. Das wäre ja noch peinlicher. Wenn ich in einem Forum die Zustimmung der Masse haben möchte weiß ich genau wie und was ich da schreiben muss und umgekehrt -für totale Ablehnung- ebenso, Nonvaleur.

    Ich mach es weil ich es für sinnvoll halte, ich auf diesem Planeten zwar Gastrecht habe ich mich aber auch wie ein Gast benehmen möchte. Weil es auch die eigene Wahrnehmung positiv ändert. So die Richtung dass die angebliche Gleichgültigkeit der Götter nicht existiert weil man ja (als ihr Geschöpf) genau das nicht ist, usw. usf.

    Man muss eher aufpassen das man nicht anfängt seine Zeitgenossen als besinnungslose diebische Masse wahrzunehmen. Nur weil man dass macht was Sie selbst für sinnvoll (oder gar gut) halten es aber nie und nimmer selbst "bringen" würden.

    Auf dem genetischen (aka primitivem) Level ist wohl eher immer mehr und mehr zusammenzuraffen.


    "I was feeling kind of seasick,
    the crowd cries out for more"
    Procol harum

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  4. Tiefe Wahrheit ohne viel Worte liegt im Foto: Doc Hund wartet, ich kenne viele, denen ein Hund zeitweise den Arzt erspart.
    Mein Sozialverhalten hilft mir, mich zu akzeptieren. Dieses christliche: "... liebe deinen Nächsten wie dich selbst..."ist doch das Gleiche wie der Satz meiner Oma: was du nicht willst...
    Wir sind als Menschen aufeinander angewiesen(manche mehr, manche weniger) und um für viele von uns ein gutes Leben zu erreichen(wie auch immer gewünscht) ist es erstrebenswert, wenn wir das Sozialverhalten fördern, dafür lache, rede oder lobe ich gern(nie von oben herab, sondern aus Dankbarkeit).

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    1. Da könnte ich jetzt einges zu schreiben. Zu den 5ct., dem Namen über dem Hallentor, zu Lucy Linus und Snoopy. Aber dann erinnere ich mich das der Autor auch mal zu weit gegangen ist. Als er dem fast Namensvetter keine Ausweichmöglichkeit mehr gelassen! hatte.

      Also lass ich es. Möge die Hauskatze ihnen verzeihen.

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