Freitag, 30. Juni 2017

Die Flut

Das folgende Video zeigt die Ecke Trautenaustraße und Bundesallee in Berlin. Ich wohne um die Ecke - zum Glück im dritten Stock und ohne Keller. U 3 und U 9 fielen gestern in meinem Kiez aus. 150 Liter pro Quadratmeter. Schön, dass ich gerade in Schweppenhausen bin.

https://www.youtube.com/watch?v=AJx1x3t4Ar0

Auf dem Einrad nach Acapulco


Blogstuff 139
„Es gibt eine Stunde der Nacht – die Stunde der Wölfe, wie Ingmar Bergman sie nannte -, in der man der Wahrheit nicht ausweichen kann. Sie schlägt um vier Uhr morgens, wenn man aufwacht und allein ist mit sich – mit seinen guten und schlechten Seiten, mit dem, was man getan, und mit dem, was man zu tun hat.“ (Sandro Pertini)
Hätten Sie’s gewusst? Papier ist in der Lage, sich selbst zu bewegen. Nachts bildet es auf Schreibtischen und in offenen Regalen gerne wirre Haufen. Als Fallen aufgestellte Papierkörbe funktionieren leider nicht.
Jedes neugeborene Kind müsste uns eigentlich mit tiefer Hoffnungslosigkeit erfüllen. Es kommt vollkommen erkenntnis- und erfahrungsfrei auf die Welt und soll dennoch in begrenzter Zeit seine Bestimmung erkennen. Betrachten wir sie einige Jahrzehnte später, hat der erste Eindruck nicht getrogen: Fast alle verbringen ihr Dasein mit dem würdelosen Gleichmut von Mastschweinen, ihr größtes Ziel ist die nächste Fuhre Abfall, in der sie wühlen können.
Auf meiner Geburtsurkunde steht glücklicherweise auch die Uhrzeit: 14.8.1966, 5 Uhr 10. Ein sonniger Sonntagmorgen. Am 25.6.2017, um 10 Uhr, habe ich also exakt eine Milliarde, 605 Millionen und 156.600 Sekunden gelebt. Oder 26.752.610 Minuten, 445.876 Stunden (abgerundet),18.578 Tage (abgerundet). Am 17. Mai 2021 wird der 20.000ste Tag in meinem Leben sein. Am 14. Dezember 2049 mache ich die tausend Monate voll! Dann werde ich 83 Jahre und vier Monate alt sein – übrigens exakt so alt wie mein Vater in diesem Monat.
Ein kleines Nickerchen am Nachmittag hat den Vorteil, dass man sich nicht so weit wegträumt wie in der Nacht. Ich träumte also, nachdem ich im Fernsehen etwas von einem nahenden Unwetter mit Hagelschauer und Sturm gehört hatte, von diesem Wetterumsturz, der die brütende Hitze beenden sollte. Es war dunkel und es schneite in meinem Traum. Ich ging zum Fenster und sah, wie die Nachbarkinder einen Schneemann bauten! Dann wachte ich auf. Fünfzehn Minuten später donnerte es, ein heftiger Regen setzte ein und große Hagelkörner schlugen auf dem Dach und in den Garten vor mir ein.
Warum ist Merkel die ideale Kanzlerin und warum gewinnt sie die Wahlen im September? Weil sie keine Ziele hat, weil sie den Status Quo repräsentiert. Sie ist perfekt für eine der ältesten Bevölkerungen der Erde, Durchschnittsalter: 46. Das heißt: Die Hälfte der Deutschen ist älter als 46. Da will man nur noch, dass alles so bleibt wie es ist. Bloß keine Veränderungen oder gar Experimente. So, wie es ist, ist es gut. Nicht weil es wirklich gut wäre, sondern weil man sich daran gewöhnt hat. Die Zeit der Träume und Pläne ist längst vorbei. Sie ist vielleicht die erste Regierungschefin, von der wir erst durch ihren Tod erlöst werden.
Hätten Sie’s gewusst? Andy Bonetti hat auf seinem linken Unterarm eine Uhr mit Armband eintätowiert. Die Uhrzeit: 5 Uhr 10.
Demosthenes stand einst am Meer und redete mit einem Kieselstein im Mund gegen die Brandung an, um seine Redekunst zu üben. Bonetti schreibt zu Trainingszwecken oft unter widrigsten Umständen, in einer voll besetzten U-Bahn zum Beispiel oder an der Theke einer Diskothek am Samstagabend. Seine Erzählungen konzipiert er gerne beim Wasserskifahren oder beim Fallschirmspringen.
Zum zweiten Mal bekomme ich 24 Stunden lang den Blutdruck mit einer Manschette gemessen, die sich regelmäßig automatisch zusammenzieht (vgl. „Cyborg“ vom 30. Mai in diesem Blog). Beim ersten Mal lag der Durchschnittswert bei 170 / 110 – schlaganfallgefährdet. Seitdem nehme ich jeden Morgen eine Tablette. Jetzt sind die Werte wieder halbwegs okay, bei 130 / 80. Nur nachts seien sie überdurchschnittlich. Der Arzt fragt mich, was ich denn in der vergangenen Nacht gemacht hätte? Da bin ich alle fünfzehn Minuten durch das Zusammenquetschen meines Oberarms geweckt worden, antworte ich. Natürlich, er nickt bedächtig, das erklärt einiges.
Hätten Sie’s gewusst? Popcorn sieht aus wie ein Haufen Totenschädel.
Urban Knowledge: Die Smartphones sind deswegen glatt wie Spiegel, weil sich die Leute heutzutage ihr Koks auf dem Telefon einpfeifen.
Blackstreet - No Diggity ft. Dr. Dre, Queen Pen. https://www.youtube.com/watch?v=3KL9mRus19o

Copyright: Harri, der bei Bonetti Media ein unbezahltes Praktikum absolviert (fünf Jahre - mit der Chance auf Verlängerung)

Donnerstag, 29. Juni 2017

Es ist erst vorbei, wenn der dicke Mann auf die Toilette geht

Der Biergarten in Schweppenhausen, wenige Tage nach Bonettis Ankündigung, kein Bier mehr zu trinken.
Der Dank geht an Leser-Reporter Harri.

Eine deutsche demokratische Republik

Jetzt tragen sie also den „Kanzler der Einheit“ zu Grabe.
Was wäre eigentlich passiert, wenn es nicht zur Wiedervereinigung gekommen wäre?
Wenn die Menschen aus der DDR nicht auf das Lockvogelangebot einer schnellen Heim-ins-Reich-Politik hereingefallen wären?
Wenn sie den Propagandalügen der Westmedien – die Bundesrepublik als eine Art Traumschiff mit Sascha Hehn als Staatsoberhaupt – nicht geglaubt hätten?
Sie hätten vielleicht einen neuen Staat aufgebaut. Sie hätten den Begriff „Deutsche Demokratische Republik“ mit Leben erfüllt.
Sie hätten neue Parteien gegründet, anstatt den verfilzten Parteiapparat der BRD zu übernehmen. Sie hätten ihr eigenes Land regiert, anstatt von anderen regiert zu werden.
Sie hätten den sozialen Fortschritt der DDR in Sachen Gleichberechtigung, in Sachen Kinderbetreuung, in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht über Bord geworfen.
Sie hätten womöglich in einer Gesellschaft gelebt, die nicht durch die krassen Unterschiede zwischen den Reichen und den Armen, durch Obdachlosigkeit und Zwangsarbeit („Hartz IV“) geprägt gewesen wäre.
Sie hätten Altersarmut und das Ende der Solidarität nicht akzeptiert.
Sie hätten aufgrund ihrer Erfahrung mit der Stasi den heutigen Überwachungsstaat nicht zugelassen.
Sie wären nicht in fernen Ländern in den Krieg gezogen und hätten damit auch nicht den Zorn von Terrororganisationen erregt.
Ihre Wirtschaft wäre nicht zerschlagen worden, sondern reformiert wie in Polen, Ungarn oder Tschechien. Dann hätte es auch keine Massenarbeitslosigkeit gegeben.
Sie wären nicht zu Bittstellern und Almosenempfängern in Bonn und später in Berlin geworden. Sie wären in die EU eingetreten und hätten Hilfe erhalten wie alle anderen Staaten auch.
Es würde nicht jeden Montag in Dresden eine Demonstration von frustrierten Faschisten geben. Es würden keine Flüchtlingsheime brennen.
Es hätte weiterhin zwei deutsche Staaten gegeben. Vielleicht wäre die DDR, von der ich hier spreche, aufgrund ihrer sozialen Errungenschaften sogar eine echte Alternative gewesen? Menschen wären von der BRD in die DDR ausgewandert, weil es dort einen funktionierenden Sozialstaat gegeben hätte. Diese DDR wäre attraktiv für Einwanderer gewesen.
Die BRD wäre aufgrund der Konkurrenzsituation nicht in diesen Abgrund an Ausbeutung und schamloser Selbstbereicherung abgedriftet. Das gesellschaftliche Abbruchprojekt namens Neoliberalismus hätte vielleicht gar nicht stattgefunden.
Da man die Wirtschaft und den Staat der DDR nicht zerschlagen hätte, wären auch die Kosten der Einheit, die auf 1,3 bis 2 Billionen Euro taxiert werden, nicht angefallen. Das Geld hätte man für Bildung, Infrastruktur, Rente und Sozialleistungen ausgeben können.
Leider haben sich die Menschen damals anders entschieden. Hat ihnen der Mut gefehlt, einen Neuanfang zu wagen? Hatten sie keine Geduld oder waren sie einfach nur naiv? Haben sie sich damals für den leichteren Weg entschieden, der am Ende doch sehr steinig war?
Helmut Kohl durfte jedenfalls „den Mantel der Geschichte“ packen und als zweiter Bismarck in die Geschichtsbücher eingehen. Schade. Wenn man es mal zu Ende denkt, ist das alles sehr bedauerlich. Aber leider nicht mehr zu ändern. Ohne die deutsche Einheit hätte man dieser Tage einen mittelmäßigen Politiker beerdigt, zu dem uns nur Titanic-Titelbilder eingefallen wären.
John Foxx – Underpass. https://www.youtube.com/watch?v=dgaLF2F5LWg

Mittwoch, 28. Juni 2017

Waldgeist gesichtet!

Achtung! Im Hunsrück wurde ein Waldgeist gesichtet.

Nehmen Sie die Kinder von der Leine und holen Sie Ihre Wäsche von der Straße.

Gicht heißt Verzicht

Gicht heißt Verzicht. Das weiß nicht der doofe Volksmund, sondern die erkrankte Edelfeder. Im Herbst 2001 wurde die Krankheit bei mir diagnostiziert. Ich stellte meine Ernährung um und verzichtete sogar sechs Monate komplett auf Alkohol. Ein Ereignis, von dem in diesem Landkreis noch heute des Abends beim Kaminfeuer berichtet wird.
Ein Jahr später sah ich so aus:

Zu sexy für den Hörsaal – Deutschlands heißester Wissenschaftler.
Dann habe ich es etwas schleifen lassen. Gelegentlich zwickte der große Zeh nach lukullischen Übertreibungen, aber ich wähnte mich auf der richtigen Seite. Im vergangenen Jahr hatte ich zum ersten Mal ein schlechtes Gewissen. Ich wusste, dass ich etwas ändern musste, denn nun sah ich so aus:

Das Bildnis des Dorian Gray.
Ich habe den Warnschuss vor den Bug praktisch erbettelt. Der zweite Gichtanfall war ungleich heftiger, langwieriger und schmerzhafter. Jetzt heißt es wieder, bestimmten Dingen aus dem Weg zu gehen. Ich beginne mit den einfachen Übungen und steigere mich allmählich.
Worauf ein Gichtkranker verzichten muss:
Erbsen, Bohnen und Rhabarber. Kein Problem. Mag ich sowieso nicht. Nur der Verzicht auf Chili con Carne ist in diesem Zusammenhang bedauerlich.
Fette Fische wie Forelle, Hering, Lachs und Aal. Gähn! Empfohlen wird glücklicherweise mein Lieblingsfisch: Kabeljau.
Linsen, Kohl, Spinat und Spargel. Spargel wird traditionell in meiner Heimat Rheinhessen etwa zweimal pro Jahr im Frühling gegessen, wenn die Preise endlich gefallen sind. Auf diese zwei Mahlzeiten kann ich verzichten. Blumenkohl und Rosenkohl sind schon sehr lecker, aber den Gemüseverzicht werde ich heldenhaft überstehen. Nur die gute alte Linsensuppe wird mir fehlen. Sie gehört, neben Nudeln mit Fleischsoße, zu den wenigen Wunschgerichten, die ich bei Familienessen in Auftrag gebe. Eine hausgemachte Linsensuppe mit einem fetten Schuss Maggi – vorbei …
Gänsefleisch und die Haut von Geflügel. Das traditionelle Gänseessen im November fällt aus. Und die Haut eines Hähnchens ist eigentlich der leckerste Teil. Aber immerhin kann ich Geflügelfleisch essen, so dass meinen heißgeliebten Besuchen in indischen, thailändischen oder chinesischen Restaurants nichts im Weg steht.
Jetzt muss ich mich zusammenreißen. Kein Schweinefleisch. Das heißt konkret: Abschied vom Jägerschnitzel mit Pommes frites und von allen anderen Schnitzeln. Von Bratwurst und Currywurst. Von Frikadellen und Hot Dogs. Vom fränkischen Schäufele, von der bayrischen Schweinshaxe, vom Schweinebraten. Glücklicherweise bleiben mir die mageren Stücke vom Rind. Es heißt, den Fleischkonsum zu reduzieren und auf wenige delikate Mahlzeiten zu reduzieren. Qualität & Festmahl – das sind die neuen Stichworte. Kein Schinken und keine Bierwurst mehr zum Abendbrot, kein Würstchen zwischendurch.
Kommen wir zum deprimierenden Ende der Liste: Bier. Bier ist gestrichen. Es bricht mir das Herz. Jahrelang war ich in Franken unterwegs, um bis zu zehn Bier am Tag zu trinken und Schweinefleisch bis zum Abwinken zu futtern. Vorbei. Aus, aus, aus, aus. Das Spiel ist aus. Mein Arzt hat mir dringend von Bier abgeraten. Gelegentlich ein Fläschchen Wein. Anders könnte ein Arzt in dieser Gegend auch gar nicht argumentieren.
Fassen wir zusammen: Alkohol und fettreiche Speisen sind meine Gegner. Was hilft? Tomaten, Erdbeeren, Sellerie, Pflaumen, Cranberries, Karotten und Zwiebeln. Und viel Wasser. Werden wir jemals Freunde werden?
P.S.: Glücklicherweise sagen die neuen Spielregeln nichts über meine geheimen Obsessionen wie Popcorn und Pfirsicheis.
Pat Metheny - Last Train Home. https://www.youtube.com/watch?v=V9vQ_y9JJ1E

Dienstag, 27. Juni 2017

Das kleine Tier

Ich beobachte schon eine ganze Weile ein winziges Insekt auf meinem Schreibtisch. Wo will es hin? Was hat es vor? Das finde ich ja immer spannender, als dem Primateninstinkt zu folgen, und das Tierchen zu jagen oder in seinem Weg zu beeinflussen.
Die meisten Tiere sind den ganzen Tag unterwegs, schauen sich um und freuen sich, wenn sie etwas zu futtern finden. Unser Leben ist dagegen langweilig. Wenn wir Hunger haben, gehen wir zum Kühlschrank. Wenn der Kühlschrank leer ist, gehen wir zum Supermarkt.
Dieses kleine Tier läuft morgens los und mitten hinein ins Abenteuer. Es hat keine Ahnung, was den ganzen Tag über passieren wird. Keine Termine, keine Uhr, kein Kalender. Es folgt einfach der Lust zu essen und der Lust sich auszuruhen. Wer weiß? Vielleicht trifft es auch ein anderes kleines Tier und die beiden mögen sich?

Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus

„Die Kapitaleigentümer verfügen kollektiv über die Investitions- und Beschäftigungshoheit und über den Staatshaushalt.“ (Claus Offe, Taz-Interview vom 20.5.2005)
Zwei Ereignisse aus dem Jahr 1973 haben mich nachhaltig geprägt. Zum einen das 2:1 von Günter Netzer im DFB-Pokalendspiel meiner Fohlen gegen den 1. FC Köln. „Ich spiel dann jetzt“, sagte Netzer der Legende nach zu seinem Trainer und wechselte sich selbst in der Verlängerung ein. Niemals zu vor hatte es einen solchen Bruch mit den militärischen Regeln des deutschen Sports gegeben. Der Rebell nimmt Berti Vogts den Ball vom Fuß, rast auf das Kölner Tor zu, spielt einen Doppelpass mit Rainer Bonhof – und fertig ist die Laube. Sein letztes Spiel für Borussia Mönchengladbach, danach spielte er für Real Madrid. Als ich selbst 1995 live im Berliner Olympiastadion einen weiteren Pokalsieg meiner Mannschaft erleben durfte, gab es ein schönes Plakat in unserem Fanblock: „Günter Netzer 1973“. Mehr muss man nicht sagen.
Das zweite Ereignis war ein schmales Bändchen von Jürgen Habermas: „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“. Seine These war, kurz gefasst, dass der Kapitalismus immer wieder Krisen erlebt, ungelöste Steuerungsprobleme, die er mit eigenen Mitteln nicht mehr bekämpfen kann. Darum könne der Staat den Kapitalismus nur in Form massiver Interventionen retten. Der Spätkapitalismus sei geprägt von Konzentrationsprozessen der Unternehmen und von einem hohen Organisationsgrad der Güter- und Arbeitsmärkte, die mit der Basisideologie der bürgerlichen Gesellschaft und deren Requisiten, insbesondere dem „freien Markt“, in dem quasi naturwüchsig ein „gerechter Tausch“ stattfindet und auf dem „Leistung sich lohnt“, nichts mehr zu tun habe.
Der demokratische Staat verliere damit seine Legitimation, da die soziale Integration der gesamten Bevölkerung nicht im Vordergrund stehe und nicht mehr zu leisten sei. Daher wären erstens andere Formen der Legitimation, allen voran Religion und Nation, notwendig, um den bürgerlichen Staat und damit den Kapitalismus zu erhalten. Zweitens müsse der Staat mit verbesserten Steuerungstechniken Krisen des Kapitalismus vermeiden, die das System zwangsläufig erodieren lassen - man danke aus heutiger Sicht an die Finanzkrise 2008, die schnell zu einer Vertrauenskrise wurde, die bis heute anhält. Dafür müsse sich das politische System von der demokratischen Willensbildung der Bevölkerung abkoppeln, um unabhängig von den Bürgern Entscheidungen treffen zu können. Politische Partizipation ist in diesem Modell ein Störfaktor, denn nur ein autoritärer Staat könne den Kapitalismus erhalten.
Mit anderen Worten: Die Demokratie muss notfalls dem kapitalistischen System geopfert werden. Erst das Fressen, dann die Moral. Wohlstand ist wichtiger als Freiheit – vor allem für diejenigen, die in Sachen Wohlstand viel zu verlieren haben. Ich finde, diese Analyse von Habermas ist bis heute aktuell geblieben. Günter Netzer ist übrigens Unternehmer geworden und trägt die Haare inzwischen kurz.
Wild Cherry - Play That Funky Music. https://www.youtube.com/watch?v=MDZsNksbw2Q

Montag, 26. Juni 2017

Blogstuff 138

„Das Einzige, was es möglich macht, diese Welt ohne Abscheu zu betrachten, ist die Schönheit, die Menschen hier und da aus dem Chaos erschaffen: die Bilder, die sie malen, die Musik, die sie komponieren, die Bücher, die sie schreiben, und das Leben, das sie führen.“ (Somerset Maugham)
Gute Vorsätze sind ein Verrat an den eigenen Schwächen.
Spaß mit Zahlen, Folgen 21: 986 ist das letzte Jahr gewesen, dessen Ziffernfolge man um 180 Grad drehen kann und trotzdem zum gleichen Ergebnis kommt. Legt man die angelsächsische Schreibweise der Zahlen (1 als glatter Strich) zu Grunde, war es das Jahr 1961. Erst 6009 wird es wieder so weit sein.
In Frankreich werden wir erleben, wie eine der letzten Bastionen der Arbeitnehmerrechte von Macron geschleift wird. Ich hoffe auf einen heißen Herbst des Protests gegen seine Agenda 2010-Variante. Anführer von Bewegungen machen mich immer misstrauisch - und er darf sogar unter Kriegsrecht regieren, dessen Bestimmungen er sicher gegen das rebellierende Volk einsetzen wird.
Protestiert gegen das System! Kauft Farbe und Stoff für eure Transparente! Kauft Buttons und Aufkleber! Umsturz-Müller in der Helmut-Kohl-Straße hat wieder seine Rabattwochen.
Es war die Sensation 1986: Die Brother AX-30. Die elektrische Schreibmaschine der Zukunft. Für schlanke 999 DM. Sie hatte ein 20-Zeichen-Display zur Kontrolle des eingegebenen Textes und einen 6500-Zeichen-Speicher – das sind etwa drei Seiten Text, den „Sie immer wieder ausdrucken lassen können, wann und wie oft Sie es wünschen“, wie es im Werbetext der japanischen Wundermaschine heißt. Außerdem: „das angenehm leise Arbeitsgeräusch“.

Copyright: Harri.
Im Zivildienst habe ich einen Maurermeister betreut, dem es eine Freude war, in seinen alten Tagen durch Ingelheim zu spazieren und sich die Häuser anzuschauen, die er gebaut hatte. Den gleichen Stolz haben Tischler, die Möbel bauen, die ein Leben lang halten. Früher waren vermutlich auch Facharbeiter stolz, die Kühlschränke oder Autos bauten, die einfach nicht kaputt gingen. Vielleicht ist vielen Leuten in der heutigen Zeit ihre Arbeit so verhasst, weil sie wissen, dass sie billigen Schrott herstellen, und alles, was sie organisiert haben, im nächsten Jahr schon wieder umgekrempelt wird? Es bleibt nichts, weil alles permanent verändert werden muss.
Woran erkennt man, dass eine neue Partei in der Bundesrepublik „angekommen“ ist, d.h. erfolgreich gebrainwasht wurde und damit satisfaktionsfähig ist? Schritt 1: Sie darf als kleiner Koalitionspartei bei den schwarz-rot-gelben Kernparteien in die Lehre gehen. Schritt 2: Man bekommt ein eigenes Bundesland. Und so darf seit 2011 ein alter weißer Mann, der gerne dunkle Anzüge trägt, mit einem Mercedes der S-Klasse durch Baden-Württemberg fahren und der erste grüne Ministerpräsident sein. Einige Jahre später hat man einem Linken ein ostdeutsches Bundesland anvertraut, in dem selbstverständlich nicht der Sozialismus ausgebrochen ist.
Wir kennen das Gefühl von Beerdigungen und kirchlichen Trauungen: Man sitzt in unbequemer Kleidung viel zu eng mit Menschen zusammen, die man entweder gar nicht kennt oder nicht mag, und wäre in diesem Augenblick eigentlich gerne woanders. Später hat man dieses Gefühl jeden Tag, man nennt es „Meeting“. Noch schlimmer ist der Büroalltag nur für Leute, die gerade nicht im Meeting sind – denn die müssen arbeiten.
P.S.: Sollte ein Kollege im Meeting eingeschlafen sein, verlassen Sie bitte alle ganz leise den Raum und löschen Sie das Licht. Variante für Fortgeschrittene: eine Gruppe anderer Kollegen nimmt Ihre Plätze ein und Sie stupsen den Kollegen behutsam an. Wenn er wach ist, erklären Sie ihm, das Unternehmen würde ihn nur für die wirklich wichtigen Meetings wecken.
Sir Mix-A-Lot - Baby Got Back. https://www.youtube.com/watch?v=reTx5sqvVJ4

Sonntag, 25. Juni 2017

V 3

Am nächsten Morgen kam ich mit fünfhundert Euro, einem veritablen Kater und einer mehrfach verlorenen Unschuld ins Antiquariat. V lächelte unverschämt, als er mich sah, unterließ aber jede Form von Kommentar.
Er war mit den Geschäften zufrieden, die komplette Fachliteratur, etwa viertausend Bücher, hatte er an einen Händler für die Pauschalsumme von viertausend Euro verkauft. Zusammen mit den Einnahmen vom Vortag waren neunzig Prozent seiner Kosten gedeckt, er konnte Aufsesser das Geld überweisen und es blieben ihm noch 1800 Romane, Anthologien und Lyrikbändchen für den weiteren Verkauf.
Es kehrte wieder Ruhe ein und ich konnte es kaum erwarten, nach Geschäftsschluss mit meinen Bonettis nach Hause zu gehen, um sie in Ruhe zu studieren. „Meer ohne Salz“ und „Wüste ohne Sand“, ohne die das Œuvre des Meisters nicht zu denken wäre. Es handelt sich dabei um fiktive Fortsetzungen von Hans Henny Jahnns „Fluss ohne Ufer“. Angeblich gab es noch „Frikadelle ohne Fleisch“ und „CDU ohne Programm“, aber das waren nur satirische Fake News irgendeines Online-Magazins.
Endlich war es soweit. Ich trug meinen Schatz in mein Arbeitszimmer und machte mir eine große Tasse Irish Coffee mit ganz wenig Kaffee. Dann begann ich, im ersten Band zu blättern. „Meer ohne Salz“. Der Schnitt des Buches hatte die Patina von altem Elfenbein angenommen, aber die Seiten hafteten noch leicht aneinander. Ein Zeichen, das Professor Aufsesser es nicht gelesen hatte. Auf dem Vorblatt stand eine Widmung, die mit dunkelblauer Tinte geschrieben war: „Viel Vergnügen bei der Lektüre, F. S.“.
Genüsslich schlürfte ich die Tasse leer und vertiefte mich in die erste Kurzgeschichte. Es ging um eine Bande von Grabräubern, die in Bad Nauheim ihr Unwesen trieb. Dann blätterte ich nach hinten, wo das Inhaltsverzeichnis war. Da entdeckte ich eine Zahlenfolge, die auf der Innenseite des Einbands stand: 210341365. Sie war mit Bleistift geschrieben.
Was hatte das zu bedeuten? War ich auf ein Geheimnis gestoßen? War es ein Code? Eine Schließfachnummer? Eine Telefonnummer? Ich nahm mein Handy und tippte die Nummer ein. Ich hörte nur eine Bandansage: „Willkommen bei den Mystery Men. Sie versuchen, uns zu kontaktieren? Wir werden Sie finden. Wir werden alles über sie erfahren.“ Dann war ein Wolfsheulen zu hören. Warum hört man eigentlich nie ein Besetztzeichen, wenn man wildfremde Leute anruft?
Es könnte natürlich auch eine Nummer aus dem Bestandsverzeichnis einer Bibliothek sein. Ich tippte auf die Stabi an der Potsdamer Straße. Erstens hatte sie bis 21 Uhr auf und zweitens war ich nach dem Whiskey einfach abenteuerlustig. Ich fuhr also mit dem Bus in die Potsdamer Straße. Es dauerte eine Weile, bis ich das richtige Regal gefunden hatte. Aber es gab keine Nummer 210341365. Die -64 und die -66 standen an ihrem Platz, aber ausgerechnet mein Buch fehlte. Rätselhaft, oder?
Ich wollte schon gehen, als mir einfiel, einen Blick hinter die Bücher zu werfen. Vielleicht war es ja verrutscht? Tatsächlich fand ich einen Zettel mit der Aufschrift „Suche den Elefanten und befrage ihn mit der Hand“. Was sollte das bedeuten? War vielleicht vom Elefantentor am Zoologischen Garten die Rede? Der junge Aufsesser hatte erzählt, dass der Zoo die Leidenschaft seines Vaters gewesen sei.
Ich fuhr zum Zoo und kletterte einen der der steinernen Elefanten empor. Befrage ihn mit der Hand? War eine Botschaft in seinem Maul versteckt? Tatsächlich! Ich fand einen winzigen Lederbeutel. Ich kletterte wieder hinunter. Auf dem Bürgersteig waren einige Menschen stehengeblieben, die mich neugierig beobachteten. Ich spielte den Betrunkenen und torkelte davon.
Zu Hause öffnete ich den Beutel und fand eine zweite Botschaft. „Eiffels Frau hält es in der Faust. Öffne Sie!“ Eiffels Frau? Ich dachte fieberhaft nach. Sollte ich ein Grab öffnen? Oder handelte es sich um ein Bauwerk? Er hatte Türme und Brücken gebaut, aber keine Skulpturen. Ich stöberte ein wenig im Netz. Die Freiheitsstatue in New York. Eiffel hatte die Stahlkonstruktion entworfen, die mit Kupferplatten verkleidet worden war.
Am nächsten Morgen nahm ich das erste Flugzeug vom BER nach New York. Mit dem Taxi fuhr ich zur Südspitze Manhattans und nahm von dort die Fähre nach Liberty Island. An Bord fielen mir zum ersten Mal die beiden Männer in den dunklen Mänteln auf. Einer von ihnen sah aus wie Nicolas Cage in „Das Vermächtnis der Tempelritter“, der andere sah aus wie Nicolas Cage in „Das Vermächtnis des geheimen Buches“.
Ich bestieg die Statue und kletterte auf den Arm, der die Fackel hielt. Es wehte ein kräftiger Wind und es war sehr gefährlich. Tatsächlich war in der Faust eine kleine Nische, in der ich ein Pergament fand. Als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, blickte ich in die Mündung von vier Revolvern.
„Ich nehme an, Sie sind die Mystery Men“, fragte ich, um Zeit zu gewinnen.
Fortsetzung folgt – im Dezember in einem Kino Ihrer Wahl. Vermutlich wird dieses bleigesättigte Rachefinale mit Nicolas Cage in der Hauptrolle verfilmt. Weitere Orte der Schnitzeljagd: Golden Gate Bridge, Tadsch Mahal, Topkapi-Palast und Bad Nauheim.
Montell Jordan - This Is How We Do It. https://www.youtube.com/watch?v=0hiUuL5uTKc

Samstag, 24. Juni 2017

V 2

Am Montagmorgen kam ich ins Antiquariat und sah V, der vor zwei großen Kisten stand. Er lächelte mich an. Dann begann er, mit Sammlern und bibliophilen Freunden zu telefonieren.
Fünfzehn Minuten später stand ein Mann im Geschäft, der große Ähnlichkeit mit Pavarotti hatte.
„Wo ist es?“ rief er, während er schnaufend nach Atem rang. Er musste gerannt sein.
V zog ein schmales Bändchen aus der Kiste.
„Bei dieser kostbaren Rarität habe ich sofort an dich gedacht, Egon.“
Freudestrahlend nahm der schwarzhaarige Riese das Buch in die Hand. „Diesmal hat das Schwein ein Bolzenschussgerät“ las ich auf dem Einband.
„Wer ist denn Lupo Laminetti?“ fragte ich die beiden Herren und erntete nur ein mitleidiges Lächeln.
„Laminetti ist ein hessisches Kryptoanarchist. Dieses Buch ist sein surrealistisches Frühwerk, das er im Eigenverlag herausgegeben hat. Es gibt nur hundert Exemplare“, antwortete V.
„Was möchtest du für dieses Juwel?“ fragte Egon.
„Für dich kostet es nur fünfzig Euro.“
„Das kannst du unmöglich machen“, rief der Riese. „Das ist ja geschenkt.“
V lächelte versonnen und blickte auf die beiden Schatztruhen aus Pappe hinunter.
Jetzt war ich selbst neugierig geworden und begann, in den Kisten zu stöbern. Und tatsächlich: „Meer ohne Salz“, sowie die Fortsetzung „Wüste ohne Sand“. Von Andy Bonetti. Meinem großen Vorbild. Dem Meister aller Klassen.
Strahlend vor Glück hob ich die beiden Bände V entgegen. Er schüttelte nur bedauernd den Kopf.
„Gleich kommt die Herzogin, Sie hat das Vorkaufsrecht.“
Tatsächlich rauschte wenig später eine stark geschminkte und geradezu fontanehaft kostümierte Dame ins Antiquariat.
„Gretel, meine Liebe“, flötete V. Bussi links, Bussi rechts.
Konzentriert nahm sie einige Bücher in die Hand, murmelte Unverständliches und bildete zwei Stapel, die im Laufe der Zeit immer höher wurden und bedrohlich zu schwanken begannen.
Sie deutete mit dem Zeigefinger auf den linken Stapel. „Geh, Spatzerl, die lässt du mir schön einpacken und von deinem Ladenschwengel heute Abend in meine Residenz bringen.“
„Selbstverständlich. Soll ich die Rechnung schon fertig machen?“
„Gerne. Was macht es denn?“
V begann mit Bleistift und Zettel zu rechnen. „560 Euro. Für dich fünfhundert glatt.“
„Du bist ein Schatz. Baba.“ Dann rauschte sie wieder hinaus.
Die beiden Bonetti-Bände waren noch da, aber es kamen weitere Kunden in den Laden. Ein dürrer kleiner Mann ohne Kinn, der mit einem hellgrauen Dreiteiler und einer dunkelroten Hakennase ausgestattet war: Doktor Wiesengrund, ein Privatgelehrter. Die Cortez-Zwillinge, die sich gegenseitig die Bücher zeigten. Langsam leerten sich die Kisten, während V sicher an die fünftausend Euro eingenommen hatte.
Gegen Abend war der Laden endlich leer und V ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken.
Wieder nahm ich die beiden Bonetti-Bände, die in herrliches weiches Kalbsleder gebunden waren. „Wieviel?“ fragte ich.
V warf einen Blick auf die Bücher und lächelte müde. „Wenn du nachher noch die Bücher zur Herzogin bringst und abkassiert hast, schenke ich dir die Bücher.“
„Vielen Dank!“
„Weißt du, solche Tage sind der wahre Ertrag meiner Tätigkeit. Wenn du die Schätze und die Schatzsucher zusammenbringst, wenn du den Büchern neues Leben einhauchen kannst.“
Es war schon dunkel, als ich vor dem Haus in Friedenau ankam. Ich stieg die Treppe des Mietshauses aus der Gründerzeit empor. An der Wohnungstür erwartete mich schon die Herzogin – in einem Negligé.
Sie warf mir einen hauchdünnen Seidenschal um den Hals und zog mich ins Wohnzimmer. „Geh, Burli. Magst einen Marillenschnaps?“
Ich nickte und legte das Paket und die Rechnung auf den Tisch.
Fortsetzung folgt
Ini Kamoze - Here Comes The Hotstepper. https://www.youtube.com/watch?v=w0N4twV28Mw

Freitag, 23. Juni 2017

V

Auf Anraten meines Therapeuten sollte ich mich Situationen aussetzen, denen ich normalerweise aus dem Weg gehe. Außerdem sollte ich den Kontakt mit anderen Menschen suchen, da ich als alleinstehender Schriftsteller ein sehr einsames Leben führe und einer quasi autistischen Tätigkeit nachgehe. Also hatte ich mich entschlossen, ein vierwöchiges Praktikum bei Amadeus Vogelkopf zu absolvieren. Arbeit! Fremde Menschen!!
Herr Vogelkopf war ein netter älterer Herr, der seit zwanzig Jahren als Geschäftsführer und einziger Mitarbeiter von „Andy Quariat“ in der Winterfeldstraße in Berlin-Schöneberg seinen Lebensunterhalt bestritt. Ich hielt es für eine gute Idee, der Welt der Bücher weiterhin verbunden zu sein und gleichzeitig Material für meine Veröffentlichungen zu sammeln. V, wie ich ihn insgeheim liebevoll nannte, enttäuschte mich nicht. Ich kannte ihn von gelegentlichen Besuchen seines Antiquariats.
Während der langen Stunden, in denen niemand die Geschäftsräume betrat, die bis unter die Decke mit tausenden von Büchern angefüllt waren, die nach der unergründlichen Ordnung ihres Besitzers aneinandergereiht auf weiß gestrichenen Regalbrettern standen, erzählte mir V aus seinem Berufsleben. Er hatte Myriaden von Studenten überstanden, die ewig suchten und nichts kauften. Penner, die sich aufwärmten, und Rentnerinnen, die ihn aus Langeweile in ein Gespräch verwickelten, ohne dass ihn ein zweiter Kunde retten konnte. Leute, die feilschten. Leute, die ein gelesenes Buch gegen ein neues tauschen wollten. Leute, die versuchten, ihm die Konsalik-Sammlung ihrer Oma anzudrehen.
Niemand käme je auf die Idee, ein Antiquariat zu eröffnen, um reich zu werden. Eigentlich habe ich mich immer gefragt, wovon Antiquare überhaupt leben. Alles in der ersten Woche meines Praktikums hat mich in dieser Einstellung bestätigt. Diese Beschäftigung ist auf eine so unkomische Art traurig, isn’t it? Bis Martin Aufsesser das Geschäft betrat.
Es hatte geregnet und es dauerte eine ganze Weile, bis der Mann auf seine seltsam unbeholfene und umständliche Art den Regenschirm geschlossen hatte, seine Brille mit einem Tuch getrocknet und wieder aufgesetzt hatte, um an den Verkaufstresen zu treten, hinter dem V und ich die Szene beobachtet hatten.
„Guten Tag“, sagte er. „Darf ich erfahren, wer von Ihnen Herr Vogelkopf ist?“
„Das bin ich“, sagte V. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Es geht um einen Nachlass. Mein Vater ist gestorben. Professor Aufsesser. Vielleicht haben Sie den Namen schon einmal gehört?“
„Germanistik. Freie Universität. Ich habe eine Vorlesung von ihm besucht.“
Auch ich kannte Aufsesser. Er schrieb nach seiner Emeritierung vor zwanzig Jahren regelmäßig Rezensionen für den „Tagesspiegel“.
„Mein Vater hat eine umfangreiche Bibliothek hinterlassen. Meine Mutter möchte gerne in eine kleinere Wohnung in der Innenstadt ziehen, wir werden das Haus verkaufen und seine Bibliothek können wir weder bei mir noch bei meiner Mutter unterbringen.“
„Um wie viele Bücher handelt es sich denn?“
„Es dürften über sechstausend sein.“
V blickte Aufsesser ungerührt an, während ich leise durch die Zähne pfiff.
„An welche Summe hatten Sie gedacht.“
„Wir wären mit zehntausend Euro zufrieden. Gerade die Fachliteratur aus seiner Zeit als Professor ist vermutlich selbst für einen erfahrenen Antiquar wie Sie nicht zu verkaufen. Aber die Romane werden sicher ihre Leser finden.“
„Gut, Herr Aufsesser. Kann ich mir die Bücher am Samstagnachmittag nach Geschäftsschluss anschauen?“
„Sehr gerne. Ich gebe Ihnen die Adresse.“
Eine Villa in Dahlem. Ich hatte es nicht anders erwartet.
So fing es an.
Fortsetzung folgt
Sergio Mendes feat. Black Eyed Peas - Mas Que Nada. https://www.youtube.com/watch?v=Tfa6fRjPlUE

Donnerstag, 22. Juni 2017

Gespräch über Gott

„Wenn es einen Gott gibt, warum lässt er dann die Grausamkeiten und das Elend in der Welt zu?“ fragt der Atheist den Gläubigen.
„Wenn es keinen Gott gibt, warum lässt du dann die Grausamkeiten und das Elend in der Welt zu?“ fragt der Gläubige den Atheisten.
(Es sind exakt drei Buchstaben, die den Unterschied zwischen beiden Fragen ausmachen)

Medien meiden

„Die Zeit schien aufgehoben zu sein – sie war nicht mehr ein Strom, der aus dem Dunkel kam und ins Dunkel ging -, sie war ein See, in dem sich lautlos das Leben spiegelte. (…) Ich spürte den weichen Glanz der ersten Trunkenheit, der das Blut wärmer machte und den ich liebte, weil er über das Ungewisse den Schein des Abenteuers breitete.“ (Erich Maria Remarque: Drei Kameraden)
In meiner Jugend war es ein Traum, als Journalist zu arbeiten. Irgendwo auf dem Balkan oder im Kongo gab es einen Putsch oder einen Krieg und der Herausgeber schrie: „Bringt mir meinen besten Mann!“ Der verwegene Held der Informationsgewinnung fuhr am nächsten Tag mit dem Orientexpress oder dem Postdampfer ins Krisengebiet. Er hatte nichts im Gepäck als seinen gesunden Menschenverstand, den Mut, jederzeit die Konkurrenz und den eigenen Vorgesetzten hinters Licht zu führen, einen Tropenhelm, eine Flasche Whisky und sein Notizbuch nebst allwettertauglichem Schreibwerkzeug.
Ausgestattet mit einem Spesenkonto, das für monatelange Recherchen inklusive satter Bestechungsgelder und römischer Bacchanalien ausreichend gefüllt war, begab er sich in fremde Länder und verschaffte sich durch zahlreiche Gespräche, ausgehend vom Botschafter seines Landes über Hotelmitarbeiter, Zufallsbekanntschaften in Kneipen und Prostituierte, exklusive Informationen, die er nachts mit einer Zigarette im Mundwinkel auf seiner Reiseschreibmaschine abtippte und am nächsten Tag per Telegramm an seine Redaktion weitergab.
Die Konkurrenz von anderen Zeitungen kannte unser Journalist natürlich, denn es gab in den Krisengebieten meistens nur ein oder zwei Hotels, in denen sämtliche Vertreter der Weltpresse logierten und sich abends an der Bar gegenseitig aushorchten. Gab es tatsächlich ein weltbewegendes Ereignis zu vermelden, stellte man die Plünderung des Spesenkontos zurück und rannte zum Telegraphenamt, wo man den zuständigen Beamten bestach, die eigene Meldung zuerst zu senden, damit die eigene Redaktion mit der Meldung schon in der Abendzeitung glänzen konnte, während die konkurrierenden Blätter erst mit der Morgenausgabe nachziehen konnten.

Noch in den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden Edelfedern mit üppigen Spesen auf Reisen geschickt, von denen sie – oft erst nach einigen Monaten mit Kaviar, Champagner und Kokain – mit exklusiven Reportagen zurückkehrten, die sie in keiner anderen Zeitschrift lesen konnten. Das alles ist vorbei. Wie ist es heute? Heute ist der Journalismus längst vor die Hunde gegangen.
Die Nachrichtenagenturen liefern an alle Redaktionen weltweit denselben Stoff, der in allen Sendungen und Zeitungen gleich klingt. Wie berichtet eine ehemals renommierte Nachrichtensendung über ein Ereignis? Nehmen wir Kairo als Beispiel. Der Auslandskorrespondent wird in die ägyptische Hauptstadt geschickt. Sein Flugzeug landet eine dreiviertel Stunde, bevor er live in der Sendung über ein Ereignis berichten soll. Nennen wir den Moderator dieser Sendung Pattex-Claus. Der Journalist hat natürlich keine Möglichkeit, in dieser kurzen Zeit irgendwas vor Ort zu recherchieren. Also ruft er in der Redaktion an und lässt sich erzählen, was in Kairo los ist und was er sagen soll. Warum lässt man den Mann nicht gleich zu Hause und bringt den aufgesagten Text vor einer Fototapete mit den Pyramiden?
Alles hängt heute an den Augen und Ohren einer Handvoll Agenturen, die mit Informationen handeln. Die Medien selbst sind taub und blind, aber leider nicht stumm. Alle erzählen die gleichen Geschichten und versuchen nur noch, sich durch Lautstärke und Verbreitungsgeschwindigkeit voneinander zu unterscheiden. Wir haben keine Meinungsvielfalt mehr, nur noch Medienvielfalt. Wo sind die Experten, die als Korrespondent lange Jahre in einem Land leben, dessen Sprache sie verstehen, die Stimmungen und Meinungen an Originalschauplätzen wahrnehmen können, die in Hintergrundgesprächen oder meinetwegen auch in Kaffeehausbesuchen den Rohstoff Information an seiner Quelle ernten und ihn in gut geschriebenen Reportagen vermitteln? Die Redakteure der heutigen Zeit wissen nichts mehr über die Welt außerhalb ihres HighTech-Bunkers. Und wir auch nicht.
The Psychedelic Furs – Heaven. https://www.youtube.com/watch?v=4G_CAYf-itw

Mittwoch, 21. Juni 2017

So lasset uns denn eine Pyramide bauen

Friedrich der Große, über den Napoleon nach der Eroberung Berlins sagte „Man würde nicht bis hierher gekommen sein, wenn Friedrich noch lebe“, verfügte testamentarisch, man möge ihn nachts mit kleinstem Gefolge beim Schein einer Laterne beerdigen. Heute ruht er unter einer einfachen Steinplatte im Garten seines Schlosses Sanssouci.
Helmut Schmidt lehnte in alter hanseatischer Tradition den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland mit Stern und Schulterband ab, weil er nur seine Pflicht erfüllt habe. Er fand 2015 im Familiengrab auf dem Friedhof von Hamburg-Ohlsdorf unter einer schlichten weißen Platte, auf der nur die Namen sowie Geburts- und Todestage vermerkt sind, seine letzte Ruhe.
Helmut Kohl wird, von ihm selbst gewünscht, als erster Politiker mit einem europäischen Staatsakt geehrt. Einen deutschen Staatsakt lehnte seine Witwe ab. Sein Leichnam wird wie bei einer Prozession mit dem Schiff über den Rhein nach Speyer gefahren, obwohl er immer in der Malocherstadt Ludwigshafen gelebt hat. Dort wird er unmittelbar neben dem Dom, in dem die Gebeine einiger deutscher Kaiser liegen, beerdigt werden. Noch im Pomp um seinen Tod ist dieser Mann geistig armselig.

Blogstuff 137

„Ein Blatt schreiben regt den Bildungstrieb lebendiger auf als ein Buch lesen.“ (Jean Paul)
In meinem Alter kann man bei einem Candle-Light-Diner die Speisekarte nicht mehr lesen.
In diesem Alter stell sich mancher ja auch die Frage: Lohnt sich die Anschaffung einer neuen Perspektive noch? Oder mache ich einfach so weiter, bis der Arzt mir den Stecker zieht?
Selbstverständlich ist nicht nur der Krieg eine Ware, sondern auch der Kriegsflüchtling. Es gibt nicht nur eine Waffenindustrie, deren Außendienstmitarbeiter im Ministerrang die Krisengebiete dieser Erde bereisen, sondern auch eine Fluchtindustrie, die an jedem Flüchtling eine schöne Stange Geld verdient. Frage: Wer bringt als Ware mehr Profit, der Kriegstote oder der Kriegsflüchtling?
Laut Newsweek vom 18. August 1986 gab es damals in den USA bereits 25 Millionen PC, während es in der UdSSR nur wenige tausend gab, davon praktisch keinen in Privatbesitz (vielleicht mit Ausnahme hoher Funktionäre der Partei). Der Fünf-Jahres-Plan der sowjetischen Regierung sah die Produktion von 1,1 Millionen PC bis zur Jahrtausendwende vor – für eine Bevölkerung von 280 Millionen Einwohnern.
Hätten Sie’s gewusst? 1863 wurde in der Schweiz der letzte Eisbär in den Alpen geschossen.

Die Grillsaison läuft prächtig.
Die coolste Kellnerin Deutschlands kenne ich persönlich – und zwar amtlich und privat. Als ein Gast am Tresen mal zu ihr sagte, er würde den Rest von seinem Weizenbier gerne mit nach Hause nehmen, schnappte sie sich wortlos das Glas, kippte den Inhalt in eine Plastiktüte und reichte sie ihm über die Theke. Was haben wir gelacht!
„Damit Euer Arsch immer in Bewegung bleibt, wird SELF-SERVICE bei uns groß geschrieben“, heißt es auf der Getränkekarte von „Trude, Ruth und Goldammer“, einer Kneipe in Neukölln. „Rassistisches oder sexistisches Verhalten wird von uns nicht geduldet! Von Euch hoffentlich auch nicht!“ Das nenne ich mal ein Vorwort – Berliner Gastronomie 2017.
Jede Generation denkt, das Ende der Geschichte stünde unmittelbar bevor. Die einen warten auf den Messias, die andere auf den völligen Zusammenbruch. Aber dann kommt jemand in den Saloon gerannt und schreit: "Am Klondike hat man Gold gefunden!" und die ganze Scheiße geht wieder von vorne los ...
Und dann war da noch der Empfang in der spanischen Botschaft, als ich den Minister mit „Buenos Aires“ begrüßte.
Letzte Woche hat mir mein Winzer die letzten vier Flaschen Silvaner des Jahrgangs 2014 zu einem Sonderpreis verkauft. Den Jahrgang hätten wir also geschafft, jetzt müssen wir den 2015er Wein wegschlucken, denn in wenigen Monaten beginnt die Lese des 2017ers. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, dass ich kann ich Ihnen aus berufenem Munde von unserem Dorf berichten. Wer gedenkt all der tapferen Männer und Frauen, die jedes Wochenende in den Straußwirtschaften und auf Weinhöfefesten ihr Bestes geben?
Hätten Sie’s gewusst? Müller-Thurgau nennt man aus Marketinggründen heute auch Rivaner. Klingt einfach besser. Müller-Thurgau klingt so nach Sachbearbeiterin in der Kreisverwaltung. Hermann Müller-Thurgau züchtete die Rebsorte erstmals 1882 in der Forschungsanstalt Geisenheim im Rheingau, in der auch mein Winzer aus Schweppenhausen arbeitet.
Charlie - Spacer Woman. https://www.youtube.com/watch?v=eglu23iGsU0

Dienstag, 20. Juni 2017

Rassistische und sexistische Werbung

Hier ein schönes Beispiel für rassistische und sexistische Werbung: Chiquita von der United Fruit Company, Dezember 1986.

Wo waren Sie am 27. September 1998?

Wo waren Sie, als die bleierne Zeit der Kanzlerschaft Helmut Kohls 1998 zu Ende ging? Ich war gerade in Boston und besuchte mit meiner Freundin eine ihrer Kolleginnen aus Berliner Zeiten. Es war ziemlich schwierig, Informationen zu bekommen, wenn man einen teuren Telefonanruf in der Heimat vermeiden wollte. Die Zeitung „USA Today“ brachte auf Seite 7 eine winzige Meldung, dass die Ära Kohl zu Ende gegangen war. So wird bei uns über einen Auffahrunfall in der Eifel berichtet. Tage später kaufte ich für viel Geld auf dem Campus von Harvard, wo unsere Gastgeberin als Soziologiedozentin arbeitete, eine aktuelle Ausgabe des „Spiegel“, um die genaueren Umstände des historischen Regierungswechsels zu erfahren. Es war vollbracht! Wie lange hatte ich auf das politische Ende von „Birne“ gewartet? Er hat mich nicht enttäuscht – mit der Parteispendenaffäre hat er sogar noch einen draufgesetzt. So einen Abgang wird die Trantüte aus der Uckermark nie schaffen.

Die Corelli-Brüder

Damals hatte ich diesen Job an einer Tankstelle in der Schweiz. Ich durfte ganz unten anfangen, im Service, und dort bin ich auch geblieben. Den Tank vollmachen, Scheiben putzen, die Leute fragen, ob ich mal nach dem Öl schauen soll. Old School – das war das Konzept. Es war weniger die miese Bezahlung, die mich störte, als der Overall, den ich trug. Aus der Ferne sah er aus wie eine Biker-Kluft, auf meinem Rücken stand „Tells Angels“. Ziemlich müde Nummer, wenn Sie mich fragen.
Dann fuhr dieser metallicbraune Wagen vor und zwei Männer stiegen aus. Schwarze Haare, leicht unrasiert, vielleicht so um die vierzig.
„Ein Ford Granada. Wow. Sieht man heute aber selten.“
Der Fahrer grinste und nahm die Sonnenbrille ab. „Ja, ein echtes Schmuckstück. Du kennst dich echt gut aus.“
Wir plauderten ein bisschen über alte Autos. Ich hatte ein Faible für Fahrzeuge, die sich von der gesichtslosen Masse der heutigen Wagen abhoben, die alle aus demselben Windkanal zu kommen schienen.
„Hast du Lust, für uns zu arbeiten? Wir suchen noch einen Mann, der sich mit Autos auskennt. Ist kein schwerer Job. Wirst schon sehen.“
Ich tankte ihren Wagen voll, sie bezahlten im Tankstellenshop und dann tat ich das, wovon mir meine Eltern immer abgeraten haben: Ich stieg zu fremden Männern ins Auto.
Nach einer halben Stunde kamen wir an ein würfelförmiges Gebäude, das im Gewerbegebiet eines Dorfs am Waldrand stand. Die Corelli-Brüder stellten mich dem Abteilungsleiter Filmanalyse vor. Ein älterer Herr mit einem freundlichen Lächeln. Er führte mich in der Abteilung herum und zeigte mir die einzelnen Boxen im Großraumbüro, in denen jeweils ein Mensch vor einem großen Fernseher saß und sich Notizen machte.
Mein Job war es von nun an, mir Verfolgungsjagden in Spielfilmen und Fernsehserien anzuschauen. Ich sollte mir die Marken und Modelle der Autos notieren. Es ging darum, wie ein Fahrzeug im Film abschnitt. War es ein Gewinner oder ein Verlierer? Fährt der Held den Wagen oder der Bösewicht? Wirkt es schnell oder langsam, elegant oder lächerlich? Möchte man dieses Auto gerne selbst haben oder ist es eine Gurke, mit der man nirgendwo gesehen werden möchte? Diese Analysen wurden an große Autokonzerne verkauft.
Und so saß ich jeden Tag in meiner Box, hatte den Kopfhörer auf und sah mir Filme an. Ich schrieb alles auf, was mir auffiel. Manchmal hatte ich auch eine gute Idee für eine kleine Geschichte, während ich einen Krimi sah. Ich schrieb nebenbei Kurzkrimis, ein Hobby von mir. Leider war ich nicht gut genug, deswegen hatte ich den Job an der Tanke angenommen.
Als ich gerade mal wieder ein paar Notizen in mein Buch machte und es wieder in meine Jackentasche zurückgesteckt hatte, tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um und nahm den Kopfhörer ab.
Es war einer der Corelli-Brüder. „Du klaust doch nicht etwa Büromaterial?“ Sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus amüsiertem Grinsen und spöttischen Blick.
„Nein“, antwortete ich. „Das ist mein eigenes Notizbuch. Ich schreibe gelegentlich. Wollen Sie es sehen?“
„Gerne.“
Dann blätterte er eine Weile in den Seiten. Stichwortartige Plots, kleine Dialoge und Zeichnungen wechselten einander ab.
„Willst du für uns Geschichten schreiben?“
„Na klar.“
Noch am gleichen Tag kam ich in eine neue Abteilung. Ich hatte mein eigenes Büro mit Blick auf das Dorf und das Tal. Dort entwickelte ich Figuren und Erzählungen, hauptsächlich Kriminal- und Abenteuergeschichten.
Die Corelli-Brüder hatten eine Maschine erfunden, die diesen Figuren und Erzählungen für einen Tag eine Seele einhauchen konnte. Dann vergingen sie wieder. Die Kunden kamen in unsere Firma, setzten sich einen Datenhelm auf und gingen als eine von uns geschaffene Person durch eine von uns geschaffene Geschichte.
Ich arbeite heute noch für die Corellis und bin sehr zufrieden.
This Mortal Coil - Song To The Siren. https://www.youtube.com/watch?v=HFWKJ2FUiAQ

Montag, 19. Juni 2017

Wie fing es an, wann hört es auf?

Es mag vielleicht zynisch klingen, aber meiner Meinung nach hat der Terrorismus aus dramaturgischer Sicht sehr nachgelassen. Beschleunigung ist das Wasserzeichen unseres Zeitalters, so auch im Bereich Terror und Mord. Es geht offenbar nur noch darum, sehr schnell möglichst viele Menschen zu töten und dabei selbst zu sterben. Oder man schickt eine gesichtslose Drohne, um die Arbeit zu erledigen.
Die Perspektive eines Autors ist naturgemäß eine andere. Personen und Handlungsstränge müssen behutsam entwickelt werden, es geht nicht um hastige Aktionen, die – wie im Falle der Terroranschläge in Europa in den vergangenen Jahren – nur noch eine Sache von Minuten sind. Der Todes-Quikie ist im Grunde genommen so unbefriedigend wie alles andere, das heutzutage viel zu schnell vorbei ist.
Wie es früher war, möchte ich Ihnen im Folgenden schildern. Achtziger-Jahre-Terror – gewissermaßen „old school“. Die Konstellation ist die gleiche wie in unserer spannungsarmen und dennoch hysterischen Gegenwart: arabische Muslime gegen den Westen. Es ist der Fall der „Achille Lauro“, einem italienischen Kreuzfahrtschiff, das in die Hände einer Gruppe gut ausgebildeter Palästinenser gerät. Am Ende wird es nur einen einzigen Toten geben, über die aufregende Begebenheit wird jedoch eine ganze Oper geschrieben und ein Spielfilm gedreht, in dem Burt Lancaster die Rolle des Leon Klinghoffer spielt. Tage voller Dramatik liegen vor uns, als das Schiff Anfang Oktober 1985 in Alexandria in See sticht …
Die vier jungen Männer, die gemeinsam an Bord gehen, wirken nicht wie Touristen. Sie verbringen die meiste Zeit in ihrer Kabine und zeigen sich an Deck nur mit einem Koffer in der Hand. Damals gab es keine Gepäckkontrollen und so war es kein Problem, Kalaschnikows und Handgranaten an Bord zu bringen. Während ein Großteil der Passagiere einen Tagesausflug zu den Pyramiden unternimmt, stürmen die vier Männer den Speisesaal des Schiffs und schießen einige Salven in die Decke. Dann treiben sie die Passagiere im Saal zusammen und stellen ihre Nationalität fest. Zwölf US-Bürger, sechs Briten und ein österreichisches Ehepaar – es sind Juden – werden ausgesondert.
Die Männer geben sich als Angehörige der Palestine Liberation Front (PLF) zu erkennen und forderten die Freilassung von fünfzig Gesinnungsgenossen, die in israelischen Gefängnissen sitzen. Außerdem fordern sie Asyl in Syrien, ansonsten würde man die Geiseln erschießen – angefangen mit den Amerikanern. Bei einem Angriff von Spezialeinheiten würden sie das Schiff in die Luft sprengen, drohen sie. Die „Achille Lauro“ nimmt auf ihren Befehl hin Kurs auf Syrien.
Exkurs:
Ein einziger Nicht-Palästinenser ist in dieser Gruppe, deren Befreiung erpresst werden soll: Odfried Hepp, ein deutscher Neonazi aus der Wehrsportgruppe Hoffmann, die sich nach ihrem Verbot und dem 1980 von einem ihrer Mitglieder verübten Sprengstoffanschlag auf das Münchner Oktoberfest in den Libanon absetzt, um sich dort dem Kampf der Palästinenser gegen Israel anzuschließen. Hepp kehrt jedoch nach Deutschland zurück, gründet eine neue Gruppe und greift die dort stationierten US-Truppen mit Autobomben an. 1982 wird er IM der Stasi, zwischenzeitlich entzieht er sich der Fahndung in der Bundesrepublik durch Flucht in die DDR, wo er im selben „Gästehaus“ bei Briesen, südöstlich von Berlin malerisch an der Spree gelegen, untergebracht wird wie die RAF-Mitglieder. Er kehrt in den Westen zurück, wird 1985 in Paris verhaftet und zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Danach wird er in die Bundesrepublik abgeschoben, wo er zu weiteren zehn Jahren Haft verurteilt wird. Er sagt als Kronzeuge aus und wird 1993 entlassen. Anschließend studiert er Sprachen an der Universität Mainz und arbeitet heute als Dolmetscher für Französisch und Arabisch.

Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, wird Leon Klinghoffer ausgewählt. Er ist Amerikaner, Jude und sitzt im Rollstuhl. Er kann sich nicht wehren. Die Terroristen fahren ihn in seinem Rollstuhl an die Reling, einer von ihnen setzt ihm die Gewehrmündung an den Kopf und drückt ab. Dann befehlen sie zwei Besatzungsmitgliedern, die Leiche mitsamt dem Rollstuhl ins Meer zu werfen. Falls Syrien sie nicht aufnehme, würde die nächste Geisel sterben, lassen sie den Kapitän über Funk durchgeben.
Syrien weigert sich, die Terroristen aufzunehmen. Die Fahrt geht weiter nach Zypern – auch hier werden sie nicht an Land gelassen. Schließlich fahren sie zurück nach Port Said, einem ägyptischen Hafen. Die Regierung in Kairo verspricht ihnen sicheres Geleit, im Gegenzug sollen alle Geiseln freigelassen werden. Die US-Regierung möchte eigentlich eine Militäroperation auf offener See durchführen, die italienische Regierung, unter deren Flagge das Schiff fährt, lehnt jedoch ab. Als die Ägypter die Terroristen mit einer Boeing 737 der EgyptAir entkommen lassen, gibt Ronald Reagan den Befehl, das Flugzeug von Jagdbombern der USS Saratoga abfangen zu lassen.
Südlich von Kreta geht die Maschine in die amerikanische Falle. Der Funk der EgyptAir-Maschine wird gestört, so dass der Pilot keine Anweisungen der ägyptischen Behörden für das weitere Vorgehen bekommen kann. Die Kampfflugzeuge zwingen den Jet zur Landung auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Sigonella am Fuß des Ätna auf Sizilien. Fünfzig Elitesoldaten der amerikanischen Delta Forces umstellen die Maschine – und werden ihrerseits von italienischen Soldaten und Carabinieri umstellt, da sich die Terroristen auf italienischem Staatsgebiet befinden. Fünf Stunden stehen sich die schwer bewaffneten Einheiten gegenüber, während die Maschine der Terroristen auf dem Rollfeld steht.
Die Italiener setzen sich schließlich durch, die Amerikaner ziehen sich zurück und überlassen die Terroristen den heimischen Behörden. In Ägypten hat auch der PLF-Boss Abu Abbas die Maschine bestiegen, wie erst jetzt bekannt wird. Mittlerweile hat Ägypten das italienische Kreuzfahrtschiff festgesetzt und gibt die Weiterfahrt erst frei, wenn man seine EgyptAir-Maschine zurückbekommt. Die Regierung des Sozialisten Craxi entscheidet sich, die Terroristen nicht an die USA auszuliefern, wo sie wegen Mordes an Klinghoffer vor Gericht gestellt werden sollen.
Die Terroristen werden schließlich nach Rom auf den Flughafen Ciampino ausgeflogen, permanent verfolgt von einem US-Kampfflugzeug, dass sogar auf dem Verkehrsflughafen der Hauptstadt eine Notlandung vortäuscht, um den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Nach der Landung in Rom versuchen die USA, einen internationalen Haftbefehl über Interpol zu erwirken, der in Italien vollstreckt werden soll. Ägyptens Staatschef Mubarak bezeichnet die USA öffentlich als „internationale Piraten“, PLO-Chef Arafat droht den Italienern, er könne für die Besatzung der „Achille Lauro“ nicht garantieren, wenn seine Landsleute ausgeliefert würden.
Italien lässt Abu Abbas nach Belgrad ausreisen, von dort fliegt er weiter über Aden nach Bagdad. Dort wird er 2004 schließlich von US-Spezialeinheiten festgenommen und stirbt kurz darauf in einem amerikanischen Militärgefängnis. Die vier Terroristen werden in Italien zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.
Im Nachhinein stellt sich heraus, dass sie eigentlich in einem israelischen Hafen, den die „Achille Lauro“ anlaufen sollte, einen Anschlag verüben wollten. Ihre Waffen seien aber vorher schon zufällig von einem Besatzungsmitglied gefunden worden, weshalb man sich zur Schiffsentführung entschlossen habe.
Was für eine Story! Allein die dreitägige Irrfahrt, in der niemand dieses Schiff ins seinem Hafen haben will. Da gäbe es heute im Stundentakt „Brennpunkte“ in der ARD und „Pizza Speciale“ im ZDF.
P.S.: Achille Lauro, der Namenspatron des Schiffes, war ein italienischer Faschist, der von den Alliierten nach der Kapitulation 1943 für knapp zwei Jahre ins Gefängnis geworfen wurde, bevor er als Bürgermeister von Neapel seine Karriere fortsetzen konnte. Für die Neofaschisten saß er bis 1979 im italienischen Parlament.
Tears for Fears - Pale Shelter. https://www.youtube.com/watch?v=d7UEPxY9_Ek

Sonntag, 18. Juni 2017

Meditationszentrum und Kraftort Schweppenhausen

Ich habe einen Plan: Der Bonettismus soll nicht nur eine politische, sondern eine spirituelle Bewegung werden. Begründung: Das bringt einfach mehr Kohle!
Die Villa Bonetti in Schweppenhausen wird zu einem Meditationszentrum. Hier finden Sie zum einfachen Leben zurück. Schweigen, Nachdenken, Fensterputzen (müsste nämlich dringend mal wieder gemacht werden). Zweimal am Tag Hafergrütze. Das gute Hunsrücker Wasser aus dem freilaufenden Hahn (Flatrate im Preis enthalten). Lauschen Sie stundenlang den Lesungen des Meisters.
Der Hammer, oder? Und das alles für schlappe tausend Euro die Woche. Die ersten zehn Suchenden und Buchenden erhalten einen Bierkrug aus meiner umfangreichen Sammlung (Kirner oder Bitburger). Merke: Bonetti braucht die Welt nicht, aber die Welt braucht Bonetti.

Da lacht die Redaktion

Der Praktikant stürmt völlig außer Atem durch das Vorzimmer, in dem drei Ärzte warten, ins Büro des Chefs.
„Mister Bonetti, ich habe noch eine großartige Idee, wie man mein Manuskript verbessern könnte.“
„Tut mir, leid, junger Mann. Die Papierkörbe sind schon geleert worden.“
Half Pint - Crazy Girl. https://www.youtube.com/watch?v=lZAkwUyn9L8

Selfie Nr. 1 – Der Knüllerkönig

Earth, Wind & Fire - After The Love Has Gone. https://www.youtube.com/watch?v=Ygbne_koLgM

Samstag, 17. Juni 2017

Ein kurzer Blick in den Rückspiegel

Wenn ich auf die Tage zurückblicke, in denen Helmut Kohl, die ewige pfälzische Weinbergschnecke, plötzlich die Chance zur deutschen Einheit ergreift, dann frage ich mich, ob er das Lob wirklich verdient hat. Ja: Er ist „Vater der Einheit“. Aber: Nein, das war keine gute Idee.
Was wäre, wenn ein anderer Mann oder eine andere Frau Kanzler gewesen wäre? Sein damaliger Widersacher Lafontaine oder ein anderer Mensch? Wieso wird die Einheit immer als Glücksfall dargestellt? Die DDR hatte unter der Wiedervereinigung zu leiden, erst viele Jahre später besserten sich die Lebensverhältnisse der Menschen.
Vielleicht wäre ein Zögern, ein Respektieren der Leistung der Bevölkerung, die selbstbewusst „Wir sind das Volk“ rief, besser gewesen? Die demokratische DDR-Regierung hätte einen neuen Staat aufgebaut, so wie es die anderen Ostblockstaaten auch geschafft haben. Der Wahlkampf im Februar und März 1990 wäre nicht vom Westen dominiert worden.
Die Betriebe hätten sich reformieren können, ohne dass es zu Massenentlassungen gekommen wäre. Die Treuhand hätte nicht den Besitz eines ganzen Staatsvolks an einen Haufen von Geldgeiern verhökert. Was wäre denn so schlimm an einem zweiten deutschen Staat innerhalb der NATO und der EU gewesen?

Was von uns bleibt

Er war wie die Ameise unter dem Kühlschrank: Er diente einer höheren Sache, auch wenn es nicht immer danach aussah.” (Johnny Malta: Nächstes Jahr wird alles besser)
Eine einfache Gedächtnisübung: An welche Ereignisse aus dem Jahr 2012 können Sie sich noch erinnern? Mir fällt spontan ein Urlaub in der Schweiz ein und „Berliner Asche“, ein Roman, den ich in diesem Jahr geschrieben habe. Gerade an die einwöchige Reise habe ich noch gute Erinnerungen. Mit dem Flugzeug nach Zürich, ein Spaziergang durch die sündhaft teure Bankenmetropole. Selbst die Bratwurst am Bahnhof war unglaublich teuer, bevor es mit dem Zug nach St. Moritz weiterging. Im „Weißen Kreuz“ in Bergün stehe ich am Fenster meines Zimmers und sehe, wie in einer Stunde der Ort komplett eingeschneit wird. Am nächsten Tag wandere ich mit meinem Reisegenossen durch das Tal zu einem kleinen Dorf, wo wir die einzigen Gäste in einem Lokal sind. Die alte Witwe, die das Lokal betreibt, setzt sich zu uns und wir plaudern eine Weile. Bei einem anderen Spaziergang, den ich alleine unternehme, komme ich an einem Bauernhaus vorbei, vor dem in einer Art Laufstall aus bunten Plastikteilen zwei neugeborene Kälber stehen. Bei meinem Anblick sind sie so erfreut, dass sie kaum zu halten sind. Ich gehe auf das Grundstück und streichle sie ausgiebig und spreche mit ihnen, obwohl es mir peinlich ist. Aber ich kann nicht anders. Zum Glück hat mich niemand gesehen.
Ansonsten erstmal nichts. Und bei Ihnen? Eine zweite Gedächtnisübung: An welche Mahlzeiten des vergangenen Jahres erinnern Sie sich? Vermutlich nur an zwei oder drei. Richtig tolle Abende mit Freunden, wo es etwas Außergewöhnliches zu essen gab. Wir speichern einen großen Teil unserer Vergangenheit nicht ab, die ganze Routine, die Stunden im Büro oder bei der Hausarbeit, im Auto oder im Supermarkt. Noch nicht einmal uns selbst ist es wichtig genug. Unser Bewusstsein löscht es, so wie nach einer Weile unsere Mails automatisch gelöscht werden. Nur das Ungewöhnliche, die Ausnahme, der besondere Augenblick bleiben uns im Gedächtnis. 99 Prozent unseres Lebens sind schon zu unseren Lebzeiten Asche. Vielleicht ist unsere Existenz bedeutungsloser als wir denken?
Animotion – Obsession. https://www.youtube.com/watch?v=ACPXOufElKU

Freitag, 16. Juni 2017

Erinnerungen an Helmut

Wir Rheinland-Pfälzer kennen uns ja. Schließlich gibt es nicht viele von uns – und der Alkoholismus (größtes Drogenanbaugebiet Deutschlands) sowie der Hang zu drittklassiger Küche (Saumagen, Lewwerworscht) verbindet uns.
Ich traf Helmut Kohl zum ersten Mal 1979 beim Rotweinfest in Ingelheim. Damals saß sein Konkurrent Schmidt von der SPD ja fest im Sattel, Kohl war als Oppositionsführer im Bundestag so unsichtbar wie heute die Grünen. Beim Schoppen riet ich ihm, den bajuwarischen Hitzkopf Franz-Josef Strauß die Kanzlerkandidatur zu überlassen. Ich konnte ihn überzeugen – und 1980 scheiterte der Alpenayatollah endgültig mit seinen bundespolitischen Ambitionen.
1985 traf ich Helmut Kohl in einem China-Restaurant in Berlin-Charlottenburg, wo er gerade verzweifelt versuchte, Saumagen süß-sauer zu bestellen. Ich überredete ihn, an meine Stammwürstchenbude (Ku’damm 195) zu gehen. Dort erzählte ich ihm, ich hätte gerade ein Steinchen aus der Berliner Mauer gehauen. „Wenn das jeder machen würde“, sagte er ich kicherte verschmitzt. Damit war der Plan für die deutsche Einheit geboren.
Als die Verhandlungen mit Gorbatschow 1990 ins Stocken gerieten, habe ich ihm den Tipp gegeben, dem Russen Eierlikör einzuflößen. Eierlikör verträgt der Russe nicht, Wodka jedoch in unbegrenzten Mengen. Als es noch saure Gurken und Pelmeni zum Saumagen gab, war die Sache im Prinzip gegessen.
Der Tiefpunkt war natürlich die Parteispendenaffäre. Jetzt kann ich als sein alter Kumpel ja die Spender nennen, deren Namen lange verschwiegen wurden: Ed von Schleck, Graf Zahl, Milli Vanilli und Johannes Heesters. Ruhe sumpf … - äh: Ruhe senf.
P.S.: Donald Trump auf Twitter: “Helmoot Cole is dead. Total disaster. So sad.”
Deep Purple – Highway Star. https://www.youtube.com/watch?v=Wr9ie2J2690

Wie schreibe ich einen guten Roman?

„Um über gewisse Gegenstände mit Dreistigkeit zu schreiben, ist fast notwendig, dass man nicht viel davon versteht.“ (Georg Christoph Lichtenberg)
Eigentlich hätte ich es mir denken können. Im Nachhinein ist es mir natürlich sonnenklar. Die Kernfrage ist doch: Warum bin ich nicht früher darauf gekommen? Liegt es daran, dass ich diese Tipps nie gebraucht habe, weil ich mit einem unglaublichen Talent als dreister Schwadroneur und leichtfertiger Schaumschläger gesegnet bin?
Wenn ich ein guter Autor werden will – wo schaue ich zuerst nach? Natürlich bei Youtube. Alles andere ist Quatsch. Und so lerne ich aus diversen Videoclips, dass man sich vor dem ersten Roman nicht vorstellen sollte, wie man mit einem Riesenapplaus bei einer Lesung empfangen wird, nachdem man aus seiner Limousine gestiegen ist. Es werden wichtige Fragen diskutiert: „Wie lang ist denn so ein Buch?“ Das folgende Video – pars pro toto ausgewählt – besticht vor allem durch seinen unsterblich witzigen Anfang. So habe ich es mir immer vorgestellt, von einem Erfolgsautor in seine Geheimnisse eingeweiht zu werden:
https://www.youtube.com/watch?v=Yx7XGYGa4Kc
Aber nicht nur der Anfang hat mir Tränen in die Augen getrieben, auch die folgende Formulierungsempfehlung ist einfach unschlagbar. Warum bin ich nicht so wie Christian Kißler? „Der adrette Mann öffnet die verschlossene Tür und betritt den obskuren Raum.“ So schreibe ich einen guten Roman.
P.S.: Es gibt selbstverständlich keine einzige Veröffentlichung von Christian Kißler.
Fatboy Slim – Praise You. https://www.youtube.com/watch?v=Ex1qzIggZnA

Unterwerfungsrituale bei Neuweltaffen

Washington/Nordkorea. Aktiv Schleimende und passiv Angeschleimte treffen sich zu einer „Kabinettssitzung“ am Hofe des amerikanischen Kaisers. Seine Majestät, Donald der Prächtige, die leuchtende Sonne unserer demokratischen Zukunft, der geliebte Führer und ewige Erlöser des Westens, kann jederzeit den Herzstecker seiner Untergebenen ziehen. Merke: Ohne Kotau keine Audienz.

Donnerstag, 15. Juni 2017

One way ticket to the blues


Blogstuff 136
„Da sieht man ältere Knaben,
die schon ihre fünfzig auf dem Buckel haben,
in kurzen Hosen umeinanderlaufen;
wenn sie schnell gehen, kriegen sie das Schnaufen –
aber bloß nicht hinten bleiben!
Modern! modern müssen Sie schreiben!
Nur nicht sein Leben zu Ende leben –
jung! jung musst du dich geben!“
(Kurt Tucholsky: Junge Autoren)
Woran erkennt man einen Menschen, der Glück hat? Er sucht es nicht, er redet nicht darüber und er verschwendet vermutlich keinen Gedanken daran.
Menschen können Menschenleben retten oder Menschenleben vernichten. Maschinen werden es auch bald können – ohne uns zu fragen.
„Was hatte Julian Oberhammer nicht alles versucht. Er hatte als Barpianist und in einer Margarinefabrik gejobbt, hatte sich in Gestalt eines angeblichen argentinischen Adligen als Heiratsschwindler versucht und hatte schließlich diese ABM-Stelle beim „Bundesverband der gemeinnützigen Tierstimmenimitatorinnen und Tierstimmenimitatoren“ bekommen (Geschäftsstelle: Allee der Dilettanten 23, Merlin-Barzahn). Nun wartete er auf den ersten Anruf.“ (Beginn eines geplanten Schelmenromans mit dem Titel „Eine kurze Geschichte der Shorts“)
Sozialmathematische Faustformel: die Zahl der Beobachter steigt proportional zur Peinlichkeit der Situation, in der Sie sich gerade befinden.
Hätten Sie’s gewusst? 1840 erfindet Friedrich Fröbel den Kindergarten. Nach ihm ist der Fröbelplatz im Prenzlauer Berg benannt. Siehe auch: Fröbelpädagogik heute (https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Fr%C3%B6bel#Fr.C3.B6belp.C3.A4dagogik_heute).
Wenn ich das schon höre: „artgerechte Haltung“ oder „Fleisch von glücklichen Tieren“. Was soll der Scheiß? Die Tiere werden umgebracht, damit wir sie fressen können. Sie sterben keines natürlichen Todes. Da liegt ein Mordopfer auf dem Teller, zumindest Teile davon. Es steht kein heulender Bauer in der Intensivstation, vor ihm die Sau auf dem Krankenbett, und er sagt: „Na gut, schalten Sie die Maschinen ab.“ Das sind die lauwarmen Halbheiten des typischen Grünwählers, der auch einen Hybrid-SUV fährt und Fernreisen mit Umweltschutzsiegel macht. Noch schlimmer sind nur die Veganer, die ihr moralisch aufgeladenes Konsumverhalten wie eine Monstranz vor sich hertragen. Immer heißt es: „Ich bin Veganer“. Und nie: „Heute habe ich einen leckeren Gemüseeintopf gegessen, den musst du unbedingt mal probieren“.
Wo sind eigentlich die Leute, die mir in meiner Kindheit gesagt haben, es wäre schlecht für meine Augen, wenn ich zu nahe vor dem Fernseher sitze? Entweder sind sie tot oder Veganer. Vielleicht erzählen sie mir demnächst auch, in der Nähe eines neuen Funkmasts wäre ein Kalb mit zwei Köpfen geboren worden.
Hätten Sie’s gewusst? Es gab zwischen 1969 und 1972 insgesamt sechs Mondlandungen. Harrison Schmitt war der zwölfte und bislang letzte Mensch, der den Mond betreten hat.
Durch den Klimawandel brutzelt die Sonne inzwischen so stark auf die kalifornischen Weinberge hinunter, dass die Winzer regelmäßig bis zu 130 Grad Oechsle erzielen, womit man dann alkoholmäßig beim Likör wäre. Daher wird er mit Wasser gestreckt, bevor er in unsere Supermarktregale kommt. Eigentlich müsste man kalifornischen Wein also als „weinhaltiges Getränk“ deklarieren.
Werbung: Sie brauchen eine üble Nachrede oder ein Limerick für die Betriebsfeier – Bonetti Media steht 25 Stunden am Tag für Ihre Wünsche zur Verfügung.
Fluchtursachen bekämpfen: der Kollege Hellenkamp war schon auf dem Weg zum Bahnhof, seine Frau sendete via Heulkrampf die News bei offenem Fenster in die umliegende Gegend, da haben wir ihn mit einer Flasche Bier überredet, die Abreise nach Madagaskar um einen Tag zu verschieben.
Hätten Sie’s gewusst? „Amok“ ist das kambodschanische Nationalgericht. Ein Fischcurry mit Kokoscreme, das in einer halbierten Kokosnuss oder auf Bananenblättern serviert wird.
Peter Alexander - Sag' mir quando, sag' mir wann. https://www.youtube.com/watch?v=PaOUt_vIYsk

Mittwoch, 14. Juni 2017

Kinder, wie die Zeit vergeht!

Vor 250 Jahren, am 14. Juni 1767, wurde vom französischen Schriftgelehrten Jean de la Copie, der am Hofe des Herzogs von Bordeaux lebte, das Plagiat erfunden. Insbesondere im fränkischen Hochadel und in Politikerkreisen wird dieser Festtag mit feierlichen Lesungen aus diversen Doktorarbeiten, Feuerwerk und Champagner begangen.

Retro-Look ins Zeitschriftenregal

„Schreib alles auf; gerade wenn sich etwas zuträgt, glaubt man, es nie zu vergessen, weil die Gegenwart glänzt; aber die nächste tut‘s auch, und dann vergisst man.“ (Jean Paul)
Es geht doch nichts über leichte Lektüre an heißen Nachmittagen, wenn ich auf der Terrasse sitze, von Ferne ein Rasenmäherbrummeln heranweht und rabenschwarze Sechziger-Jahre-Musik aus den Lautsprechern quillt. Erich Maria Remarque muss wieder einmal dem Besten aus Reader’s Digest weichen.
Mai 1986. Ich bin 19 Jahre alt und mache Zivildienst. Helmut Schmidt erklärt in einem Vorwort: „Wir leben in einer Welt gegenseitiger Abhängigkeit. Kein Land ist heutzutage in der Lage, seine politischen und wirtschaftlichen Probleme allein zu lösen.“ Könnten Schulz oder Steinmeier heute noch als Satzbaustein verwenden.
Auf Seite 18 erfahre ich: „Die Bundesrepublik Deutschland ist eine der führenden Videonationen der Erde.“ Jeder fünfte Haushalt besitzt einen Videorekorder, so wie in den USA. Es gibt 3500 Videotheken und selbst Buchhandlungen haben Kassetten in ihr Programm aufgenommen. 1987 soll jeder dritte Haushalt Video haben – der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.
In der Reportage „Bonn – eine Hauptstadt macht Karriere“ geht es um den Aufstieg der Provinzstadt am Rhein. Ältere Leser erinnern sich womöglich noch an das Palais Schaumburg (bis 1976 Kanzleramt), den Langen Eugen (Abgeordnetenhochhaus) und die Villa Hammerschmidt, Dienstsitz des Bundespräsidenten. 70.000 Politiker, Diplomaten, Lobbyisten und Journalisten bevölkern das „Raumschiff Bonn“, viele von ihnen hätten noch nie die Innenstadt oder Beethovens Geburtshaus gesehen.
Ein anderer Artikel befasst sich mit altehrwürdigen Kaffeehäusern in Italien, die man eigentlich gerne sofort besuchen möchte. Das Caffè Tommaseo in Triest, in dem schon Stendhal, James Joyce und Italo Svevo saßen und schrieben. Oder das Caffè Florian auf dem Markusplatz in Venedig, 1720 eröffnet. Giacomo Casanova, Goethe, Marcel Proust, Thomas Mann, Salvador Dali und Ernest Hemingway verbrachten in den edlen Salons ihre Zeit, bevor die Generation Lonely Planet einzog. Natürlich darf das Caffè Greco in Rom nicht fehlen, wo Schopenhauer grübelte und Nikolai Gogol letzte Hand an seine „toten Seelen“ legte.
Es geht weiter mit Kindern und ihren Vorstellungen über das Jahr 2000. Da soll es Roboter geben, die einem morgens die Zähne putzen und die Hosen anziehen. Oder eine Hausaufgabenmaschine. Sebastian (11) will als König Freikarten fürs Kino und Süßigkeiten verteilen, Schule und Zahnärzte werden abgeschafft. Ilka (12) schreibt lapidar: „Ich will Ballerina werden, und wenn mein Mann das Essen fertig hat, komme ich nach Hause.“ Das ist jedenfalls amüsanter als die Visionen auf der EXPO 1986 in Vancouver, wo im deutschen Pavillon eine Zukunftstechnologie namens „Transrapid“ vorgestellt wurde …
Zwischendurch erfahre ich, dass Niesen für Waliser Unglück bedeutet, während es in „östlichen Ländern“ heißt, Niesen vor dem Frühstück bedeute ein Geschenk noch vor dem Wochenende. Japaner glauben, jemand sagt gerade etwas Gutes über sie, wenn sie niesen, für Juden ist das Niesen während des Gebets eine von Gott gesandte Wohltat.
Dann wird es ernst: „Zwischen Mullahs und Moderne – die Araber“. Der schnelle Wohlstand durch die Ölmilliarden hätte die Menschen materialistisch gemacht, sie hätten durch die Technik und die Waren des Westens ihre Tradition und ihre Kultur verloren, analysiert ein Autor der Los Angeles Times. „Viele wurden fast über Nacht zu Millionären, und die Künstler, die das sahen, fragten sich, warum sie ein Buch schreiben sollten, wo sie als Vertreter oder Geschäftsführer ganz andere Summen verdienen konnten“, sagt Bahrains Erziehungsminister Ali Fakhro. Und weil die Araber ihre Ziele – einheitliche arabische Nation, Befreiung Pälastinas und Zerschlagung des Zionismus – nicht erreichten, „machen nur noch die religiösen Fanatiker Schlagzeilen“. Da war Mister David Lamb seiner Zeit weit voraus.
Der letzte Artikel trägt den Titel „Wohin steuert Jugoslawien?“ Heute, über dreißig Jahre später, wissen wir es längst.
Joe Jackson - You Can't Get What You Want ('Til You Know What You Want). https://www.youtube.com/watch?v=G3ZZN6ybwHg

Dienstag, 13. Juni 2017

Fragen an die Zukunft

Wie oft wachen die Menschen der nachfolgenden Generation neben einer geheimnisvollen Schönheit auf?
Wie oft nehmen sie an einer aufregenden Expedition teil?
Welches Wissen erwerben sie, um die Wunder der Welt zu begreifen?
Es wird nicht einfacher, wenn die Kuppel endgültig geschlossen ist.
Talk Talk - Talk Talk. https://www.youtube.com/watch?v=6hHnOBlwU3A

Wenn du in Rheinhessen nicht in deiner Stammkneipe erscheinst

… informiert der Wirt die Behörden und sie treten dir die Tür ein. Recht so!
https://merkurist.de/mainz/blaulicht/mainzer-gastwirt-rettet-stammgast_Zt1
„Rheinland-Pfalz, das sind fünf Hügel und dazwischen Flüsse. Hübsch da. Aber uninteressant. So ziemlich alles in dieser Resteverwertung aus Pfalz, Rheinprovinz und ein paar versprengten Exherzogtümern ist – na ja, so mittel: Mittelgebirge, Mittelrhein, mittelgut in Bildung, mittleres Bruttoinlandsprodukt“, hieß es neulich in der Taz.
Sie erinnern sich an die Taz? Ein ehemals linkes Blatt, das sich verzweifelt um Leser und Aufmerksamkeit bemüht.
http://www.taz.de/!5404844/
Woher kommt der Hass?
Ein Angestellter der Taz mit einer Vollzeitstelle verdient 2000 Euro brutto, das sind bei Steuerklasse 1 1366 Euro netto. Geht man von 160 Arbeitsstunden im Monat aus (4 x 40), kommt man auf 8,53 Euro Stundenlohn. Der Journalist, der den Text über Rheinland-Pfalz geschrieben hat, arbeitet in Berlin also für den Mindestlohn. Das ist traurig genug. Deprimierend. Kein Wunder, dass er sich über andere Menschen lustig macht. Das ist einfach nur Frustabbau. 50.000 Exemplare verkauft die Taz noch – genauso viel wie die Mainzer Allgemeine Zeitung. Nur ist in Mainz das Gehalt doppelt so hoch.

Montag, 12. Juni 2017

Andy und die Schokoladenfabrik

Der folgende Text ist ein lange verschollenes Juwel des Neorealismus und zeigt uns das harte und entbehrungsreiche Leben eines jungen Nachwuchsautors.
6 Uhr morgens: aufstehen. Das Substantiv zu diesem Vorgang ist der Aufstand. Entfällt wie immer. Der Wecker klingelt in einer Lautstärke, dass ich für einen Augenblick glaube, im Glockenturm von Notre-Dame aufzuwachen.
Anschließend konjugiere ich dreißig Minuten unregelmäßige Verben, während ich Sit-ups mache.
Kalte Dusche. Frühstück: eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Apfel.
7:30 Uhr. Auftragsarbeit für die „Brigitte“. Ein Text über peruanische Küche. Zweitausend Worte. Ich habe keine Ahnung. Ich improvisiere und beginne mit einem Rezept: Meerschweinchen im Schlafrock. Mit Blätterteig und Scheiblettenkäse. Meine Vorstellung von peruanischer Küche ist so unklar und verwaschen wie die buddhistische Vorstellung vom Jenseits. Warum ist das Internet noch nicht erfunden?
9 bis 10 Uhr. Wortschatzerweiterung. Damoklesschwert. Augiasstall. Ariadnefaden. Kreative Übung: Ich stelle mir das Schwert an einem Faden über dem Stall vor. Danach: Damoklesstall, Ariadneschwert, Augiasfaden.
10 bis 12 Uhr. Auftragsarbeit für die „Bravo“. Übersetzung des SPD-Wahlprogramms in straßentaugliches Alltagsdeutsch. Die Überschrift „Turbokapitalismus statt Turbanfanatismus“ verwerfe ich wieder, denn die „Bravo“ mag keine langen Wörter. Den Slogan „Sicher. Gerecht. Weltoffen.“ übersetze ich mit „Mehr Polizei, mehr Wahlversprechen, Pizza und Burger stehen nicht unter Terrorismusverdacht.“
In der Mittagspause: Einkaufen, Döner, Dosenbier, Wäsche bei Mutti vorbeibringen.
14 bis 16 Uhr. Nachhilfeunterricht für den extrem untalentierten und verwöhnten Sohn von Bankdirektor Horst Schöbel. Es ist zum Mäusemelken! Ich versuche, ihm zu erklären, dass ein fiktionaler Text nicht notwendigerweise mit „Es war einmal“ beginnen muss. Der Brustumfang seiner Protagonistin ist irrelevant, es sei denn, diese Information transportiert die Handlung. Nie mehr als drei Adjektive hintereinander!
16 bis 19 Uhr. Ich schreibe eine Kurzgeschichte für den Literaturwettbewerb einer Bausparkasse. Abgabeschluss ist übermorgen. Thema des Wettbewerbs: Frauen im Baugewerbe. Ich habe weder von Frauen noch vom Baugewerbe die geringste Ahnung.
Abendessen: Graubrot mit Margarine und Bierschinken von Aldi.
Danach: Fernsehen und Weißwein. Suche nach neuen Themen und Ideen.
Fazit: Der Weg zum Erfolg ist lang und steinig. Das sollten Sie nie vergessen, wenn Sie Andy Bonetti folgen möchten.
Extrabreit - Glück und Geld. https://www.youtube.com/watch?v=VLkviaaX7_w

Sonntag, 11. Juni 2017

Der Tiefpunkt

„Ich bin Politologe, also ein Mann, der nachher erklärt, warum man etwas hätte voraussehen müssen.“ (Alfred Grosser)
Inzwischen bin ich Trump dankbar für jeden Tag, an dem er Präsident ist. Ein Unternehmer ist der mächtigste Politiker der Welt, der Neoliberalismus hat seinen Höhe- oder Tiefpunkt erreicht. Die politische Welt der Kooperation – wie verlogen und von Eigeninteressen gesteuert sie auch gewesen sein mag – geht unter, das Zeitalter der totalen Konkurrenz hat begonnen. Trump denkt kurzfristig in Umsätzen, in Quartalsberichten, in Marktanteilen, langfristige Ziele und Werte gibt es in seinem Universum nicht. Bei Begriffen wie Ethik oder Menschenrechte bricht er in das gleiche zynische Gelächter aus, das ich von Volkswirten gehört habe, die ich kennenlernen durfte.

Ich will hier nicht den Godwin des Monats bekommen, aber wir haben in Deutschland natürlich auch unsere Erfahrungen mit dem „gesunden Menschenverstand“ und der angeblichen „Stimme des Volkes“, die man in hohe Ämter und vorbei am Establishment wählt. Da kann man nur auf die Schecks und Bilanzen im US-System hoffen, die das Schlimmste verhindern mögen.

Eines Tages wird man sich die Frage stellen, warum die Wahlvölker ihr Heil in Faschisten und Erzkapitalisten gesucht haben. Warum sie ihre Zukunft in die Hände ihrer größten Feinde gelegt haben. Warum ein so politisches und eher links tickendes Volk wie die Franzosen bei der Präsidentschaftswahl so abgestimmt hat, das am Ende nur die Wahl zwischen einer Faschistin und einem Investmentbanker blieb. Die Antwort ist einfach:

Nehmen Sie noch die Linken und Grünen dazu, um das Bild abzurunden.
Star Wars- The Imperial March (Darth Vader's Theme). https://www.youtube.com/watch?v=-bzWSJG93P8

Samstag, 10. Juni 2017

Rebecca

„Alles, was man anfassen kann, ist nicht von Dauer.“ (Tiger & Dragon)
Vor einigen Wochen war ich auf der Jahreshauptversammlung der Eigentümer unseres Hauses. Sie findet traditionell in einem Landgasthof im Schwarzwald statt, weil die Mehrheit der Eigentümer aus Baden-Württemberg ist. Wir treffen uns zur Sitzung um 18 Uhr, arbeiten die Tagesordnung ab und sitzen dann beim Abendessen zusammen. Nach dem Essen machen wir jedes Mal, auf Anregung einer Psychoanalytikerin, die zwei Wohnungen im ersten Stock besitzt, ein Spiel. Wir sollen reihum erzählen, welche Person wir gerne aus der Eigentümergemeinschaft bzw. aus dem Haus entfernen möchten. Wer soll gehen, warum und vor allem wie? Zu vorgerückter Stunde und nach ein paar Gläsern badischem Wein neigen einige der Anwesenden zu drastischen Scherzen und empfehlen nicht nur Umzüge, sondern schildern tödliche Unfälle. Es ist natürlich alles nur ein Spaß.
Ich habe mir bei dieser Gelegenheit erlaubt, die Ermordung von Otto Laienbäcker zu beschreiben, der als Staatssekretär im Innenministerium arbeitet und mein Nachbar im dritten Stock ist. Er muss sterben, weil er aufgrund seiner Kontakte zu den Nachrichtendiensten zu viel weiß. Wir haben sehr gelacht, Herr Laienbäcker kennt meine Arbeit als Schriftsteller und meine Phantasie als Autor zahlreicher Kriminalromane und Kurzgeschichten.
Am nächsten Morgen fuhren wir alle wieder nach Hause. Die Berliner Fraktion, darunter auch der Staatssekretär und ich, fuhr in die Hauptstadt zurück. Am gleichen Tag habe ich meine mündliche Erzählung vom Vorabend notiert und kurz darauf in meinem Blog veröffentlicht.
Ich schicke diese kurze Erzählung vorweg, um die nachfolgende Szene zu erklären. Denn offensichtlich hatte mein alter Freund T. von diesem Ritual erfahren und meine Geschichte gelesen. Da er beruflich eine sehr delikate Position bekleidet, die äußerste Diskretion erfordert, war sein Anruf kurz und kryptisch.
„Rebecca“, sagte er nur und legte wieder auf.
Das Spiel kannte ich. Ich sah mir das Kinoprogramm an und tatsächlich lief am Abend im Moviemento in Kreuzberg der Hitchcock-Film von 1940 in der Spätvorstellung.
Mit der U7 fuhr ich bis zum Hermannplatz und lief an diesem milden Juniabend die letzten Meter bis zum Kino auf dem Kotti. Laut Eigenwerbung ist es das älteste Kino Deutschlands, die rüstige Dame sollte man also mit allen gebotenen Mitteln unterstützen. Ich kaufte zwei Beck’s.
Wie erwartet war das Kino fast leer. Ein Dreiergrüppchen saß in der Mitte, etwas abseits zwei monolithische Cineasten. Ich setzte mich in die letzte Reihe. So hatte ich alles im Blick und noch nicht einmal der Filmvorführer konnte mich sehen.
Das Licht ging aus, die Werbung begann. Gelangweilt leerte ich mein erstes Bier.
Als das Orchester die Eröffnungsmelodie schmetterte, kam T. In dem schwarzen AC/DC-Shirt und den zerrissenen Jeans hätte ich ihn fast nicht erkannt. In seiner Gehaltsstufe legt man hohen Wert auf Maßanzüge und italienische Lederschuhe.
Er setzte sich neben mich und wir nickten uns kurz zu.
„Guter Text“, flüsterte er und beugte sich leicht zu mir hinüber.
Das Weiß seiner Augen hatte die Farbe von altem Elfenbein und war mit winzigen roten Schlangen durchzogen.
„Über Otto?“ flüsterte ich zurück.
„Ja. Ich brauche einen Text über unseren Innenminister.“
„Mitten im Wahlkampf?“
„Das ist doch nur Schattenboxen für die nächste KroKo“, sagte er leise und kicherte.
„Inhalt, Länge und Ziel?“
„Zwei Seiten Nachruf. Großer Verlust, unvergessener Kämpfer für die Sicherheit und so weiter.“ Sein Flüstern war kaum hörbar, niemand drehte sich nach uns um.
„Aber er ist doch noch gar nicht gestorben.“
„Das ist unwichtig. Wir treffen uns übermorgen Abend wieder hier. Du schreibst per Hand. Keine Spuren, keine Dateien. Verstanden?“
„Okay.“
Dann sahen wir uns in Ruhe den Film an. T. verließ vor mir den Kinosaal, ich wartete das Ende des Abspanns ab.
Drei Tage später war der Minister tot. Angeblich Herzinfarkt. Mein Nachruf wurde am selben Tag veröffentlicht.
Kurz darauf fand ich einen unbeschrifteten weißen Umschlag mit zweitausend Euro in meinem Briefkasten.
Visage – Look What They’ve Done. https://www.youtube.com/watch?v=hFc-gDjZGmY