Montag, 19. Juni 2017

Wie fing es an, wann hört es auf?

Es mag vielleicht zynisch klingen, aber meiner Meinung nach hat der Terrorismus aus dramaturgischer Sicht sehr nachgelassen. Beschleunigung ist das Wasserzeichen unseres Zeitalters, so auch im Bereich Terror und Mord. Es geht offenbar nur noch darum, sehr schnell möglichst viele Menschen zu töten und dabei selbst zu sterben. Oder man schickt eine gesichtslose Drohne, um die Arbeit zu erledigen.
Die Perspektive eines Autors ist naturgemäß eine andere. Personen und Handlungsstränge müssen behutsam entwickelt werden, es geht nicht um hastige Aktionen, die – wie im Falle der Terroranschläge in Europa in den vergangenen Jahren – nur noch eine Sache von Minuten sind. Der Todes-Quikie ist im Grunde genommen so unbefriedigend wie alles andere, das heutzutage viel zu schnell vorbei ist.
Wie es früher war, möchte ich Ihnen im Folgenden schildern. Achtziger-Jahre-Terror – gewissermaßen „old school“. Die Konstellation ist die gleiche wie in unserer spannungsarmen und dennoch hysterischen Gegenwart: arabische Muslime gegen den Westen. Es ist der Fall der „Achille Lauro“, einem italienischen Kreuzfahrtschiff, das in die Hände einer Gruppe gut ausgebildeter Palästinenser gerät. Am Ende wird es nur einen einzigen Toten geben, über die aufregende Begebenheit wird jedoch eine ganze Oper geschrieben und ein Spielfilm gedreht, in dem Burt Lancaster die Rolle des Leon Klinghoffer spielt. Tage voller Dramatik liegen vor uns, als das Schiff Anfang Oktober 1985 in Alexandria in See sticht …
Die vier jungen Männer, die gemeinsam an Bord gehen, wirken nicht wie Touristen. Sie verbringen die meiste Zeit in ihrer Kabine und zeigen sich an Deck nur mit einem Koffer in der Hand. Damals gab es keine Gepäckkontrollen und so war es kein Problem, Kalaschnikows und Handgranaten an Bord zu bringen. Während ein Großteil der Passagiere einen Tagesausflug zu den Pyramiden unternimmt, stürmen die vier Männer den Speisesaal des Schiffs und schießen einige Salven in die Decke. Dann treiben sie die Passagiere im Saal zusammen und stellen ihre Nationalität fest. Zwölf US-Bürger, sechs Briten und ein österreichisches Ehepaar – es sind Juden – werden ausgesondert.
Die Männer geben sich als Angehörige der Palestine Liberation Front (PLF) zu erkennen und forderten die Freilassung von fünfzig Gesinnungsgenossen, die in israelischen Gefängnissen sitzen. Außerdem fordern sie Asyl in Syrien, ansonsten würde man die Geiseln erschießen – angefangen mit den Amerikanern. Bei einem Angriff von Spezialeinheiten würden sie das Schiff in die Luft sprengen, drohen sie. Die „Achille Lauro“ nimmt auf ihren Befehl hin Kurs auf Syrien.
Exkurs:
Ein einziger Nicht-Palästinenser ist in dieser Gruppe, deren Befreiung erpresst werden soll: Odfried Hepp, ein deutscher Neonazi aus der Wehrsportgruppe Hoffmann, die sich nach ihrem Verbot und dem 1980 von einem ihrer Mitglieder verübten Sprengstoffanschlag auf das Münchner Oktoberfest in den Libanon absetzt, um sich dort dem Kampf der Palästinenser gegen Israel anzuschließen. Hepp kehrt jedoch nach Deutschland zurück, gründet eine neue Gruppe und greift die dort stationierten US-Truppen mit Autobomben an. 1982 wird er IM der Stasi, zwischenzeitlich entzieht er sich der Fahndung in der Bundesrepublik durch Flucht in die DDR, wo er im selben „Gästehaus“ bei Briesen, südöstlich von Berlin malerisch an der Spree gelegen, untergebracht wird wie die RAF-Mitglieder. Er kehrt in den Westen zurück, wird 1985 in Paris verhaftet und zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Danach wird er in die Bundesrepublik abgeschoben, wo er zu weiteren zehn Jahren Haft verurteilt wird. Er sagt als Kronzeuge aus und wird 1993 entlassen. Anschließend studiert er Sprachen an der Universität Mainz und arbeitet heute als Dolmetscher für Französisch und Arabisch.

Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, wird Leon Klinghoffer ausgewählt. Er ist Amerikaner, Jude und sitzt im Rollstuhl. Er kann sich nicht wehren. Die Terroristen fahren ihn in seinem Rollstuhl an die Reling, einer von ihnen setzt ihm die Gewehrmündung an den Kopf und drückt ab. Dann befehlen sie zwei Besatzungsmitgliedern, die Leiche mitsamt dem Rollstuhl ins Meer zu werfen. Falls Syrien sie nicht aufnehme, würde die nächste Geisel sterben, lassen sie den Kapitän über Funk durchgeben.
Syrien weigert sich, die Terroristen aufzunehmen. Die Fahrt geht weiter nach Zypern – auch hier werden sie nicht an Land gelassen. Schließlich fahren sie zurück nach Port Said, einem ägyptischen Hafen. Die Regierung in Kairo verspricht ihnen sicheres Geleit, im Gegenzug sollen alle Geiseln freigelassen werden. Die US-Regierung möchte eigentlich eine Militäroperation auf offener See durchführen, die italienische Regierung, unter deren Flagge das Schiff fährt, lehnt jedoch ab. Als die Ägypter die Terroristen mit einer Boeing 737 der EgyptAir entkommen lassen, gibt Ronald Reagan den Befehl, das Flugzeug von Jagdbombern der USS Saratoga abfangen zu lassen.
Südlich von Kreta geht die Maschine in die amerikanische Falle. Der Funk der EgyptAir-Maschine wird gestört, so dass der Pilot keine Anweisungen der ägyptischen Behörden für das weitere Vorgehen bekommen kann. Die Kampfflugzeuge zwingen den Jet zur Landung auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Sigonella am Fuß des Ätna auf Sizilien. Fünfzig Elitesoldaten der amerikanischen Delta Forces umstellen die Maschine – und werden ihrerseits von italienischen Soldaten und Carabinieri umstellt, da sich die Terroristen auf italienischem Staatsgebiet befinden. Fünf Stunden stehen sich die schwer bewaffneten Einheiten gegenüber, während die Maschine der Terroristen auf dem Rollfeld steht.
Die Italiener setzen sich schließlich durch, die Amerikaner ziehen sich zurück und überlassen die Terroristen den heimischen Behörden. In Ägypten hat auch der PLF-Boss Abu Abbas die Maschine bestiegen, wie erst jetzt bekannt wird. Mittlerweile hat Ägypten das italienische Kreuzfahrtschiff festgesetzt und gibt die Weiterfahrt erst frei, wenn man seine EgyptAir-Maschine zurückbekommt. Die Regierung des Sozialisten Craxi entscheidet sich, die Terroristen nicht an die USA auszuliefern, wo sie wegen Mordes an Klinghoffer vor Gericht gestellt werden sollen.
Die Terroristen werden schließlich nach Rom auf den Flughafen Ciampino ausgeflogen, permanent verfolgt von einem US-Kampfflugzeug, dass sogar auf dem Verkehrsflughafen der Hauptstadt eine Notlandung vortäuscht, um den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Nach der Landung in Rom versuchen die USA, einen internationalen Haftbefehl über Interpol zu erwirken, der in Italien vollstreckt werden soll. Ägyptens Staatschef Mubarak bezeichnet die USA öffentlich als „internationale Piraten“, PLO-Chef Arafat droht den Italienern, er könne für die Besatzung der „Achille Lauro“ nicht garantieren, wenn seine Landsleute ausgeliefert würden.
Italien lässt Abu Abbas nach Belgrad ausreisen, von dort fliegt er weiter über Aden nach Bagdad. Dort wird er 2004 schließlich von US-Spezialeinheiten festgenommen und stirbt kurz darauf in einem amerikanischen Militärgefängnis. Die vier Terroristen werden in Italien zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.
Im Nachhinein stellt sich heraus, dass sie eigentlich in einem israelischen Hafen, den die „Achille Lauro“ anlaufen sollte, einen Anschlag verüben wollten. Ihre Waffen seien aber vorher schon zufällig von einem Besatzungsmitglied gefunden worden, weshalb man sich zur Schiffsentführung entschlossen habe.
Was für eine Story! Allein die dreitägige Irrfahrt, in der niemand dieses Schiff ins seinem Hafen haben will. Da gäbe es heute im Stundentakt „Brennpunkte“ in der ARD und „Pizza Speciale“ im ZDF.
P.S.: Achille Lauro, der Namenspatron des Schiffes, war ein italienischer Faschist, der von den Alliierten nach der Kapitulation 1943 für knapp zwei Jahre ins Gefängnis geworfen wurde, bevor er als Bürgermeister von Neapel seine Karriere fortsetzen konnte. Für die Neofaschisten saß er bis 1979 im italienischen Parlament.
Tears for Fears - Pale Shelter. https://www.youtube.com/watch?v=d7UEPxY9_Ek

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