Donnerstag, 21. September 2017

Eine Berlin-Rundfahrt mit dem Kiezschreiber

Meine Damen und Herren, ich möchte Sie heute auf eine Stadtrundfahrt durch Berlin mitnehmen, die einige unvergessliche Höhepunkte für Sie bereithält. Wie Sie wissen, habe ich mich viele Jahre mit der Geschichte dieser Stadt beschäftigt und möchte Sie nun an einige Orte entführen, die Ihnen von anderen Reiseanbietern nicht präsentiert werden.
Wir beginnen unsere Stadtrundfahrt am Bahnhof Zoo. Ich zeige Ihnen die Stelle, an der sich Christiane F. ihre erste Crackpfeife angezündet hat. Schräg gegenüber, da wo heute das Waldorf Astoria steht, war übrigens früher die Modelschule, in der Heidi Klum Laufen gelernt hat.
Wir fahren weiter zum Hotel Adlon am Brandenburger Tor, wo John F. Kennedy bei seinem Berlin-Besuch eine heiße Nacht mit Marlene Dietrich verbracht haben soll.
Anschließend besuchen wir, nur wenige Meter entfernt auf dem Prachtboulevard Unter den Linden, die russische Botschaft, an deren Gitterstäben einst Gerhard Schröder rüttelte und rief: „Ich will hier rein.“
Dann geht es zum Fernsehturm auf dem Alexanderplatz, wo wir die höchste Brauerei der Welt besichtigen werden. Hier können Sie beim Blick über die Stadt das berühmte Berliner Kellerbier genießen.
Der nächste Haltepunkt ist der Invalidenfriedhof an der Scharnhorststraße. Wir besuchen das Grab von Adolf Hitler, dem hier wegen seines fehlenden linken Hodens ein Platz zugewiesen wurde. Er liegt zwischen Bertholt Brecht und Rex Gildo. Fans hinterlassen hier gerne selbstgeschmiedete Hakenkreuze und AfD-Fähnchen.
Dann kommen wir zum Höhepunkt der Rundfahrt, dem Geburtshaus von Angela Merkel. Es steht im Prenzlauer Berg, Knaackstraße 97. Es handelt sich um ein äußerst unscheinbares Gebäude ohne besondere Kennzeichen. Wer abergläubisch ist, steckt einen Wunschzettel in den Briefkasten der Kanzlerin.
Weiter geht es in die Normannenstraße in Lichtenberg. Hier ist der Firmensitz des VEB Walter Ulbricht, einem erfolgreichen Bauunternehmen. Der Firmengründer erfand 1961 die berühmte Berliner Mauer. Eine der großen Attraktionen der Stadt.
Zum Abschluss unserer Rundfahrt kehren wir ins Gasthaus „Zum alten Fritz“ ein. Das Fachwerkgebäude, Baujahr 1753, ist das älteste Restaurant Berlins. Hier wurde die erste Bratwurst der Welt serviert. Sie finden es in der Allee der Kosmonauten im Stadtteil Marzahn.
Vielen Dank! Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen.
Yello - Cuad El Habib. https://www.youtube.com/watch?v=1CE--qJai8U

Mittwoch, 20. September 2017

Erstaunliche Fortschritte der Nanopoesie


Blogstuff 157
„Die meisten Bücher von heute scheinen an einem einzigen Tage geschrieben zu sein, nach Büchern, die am Abend vorher gelesen wurden.“ (Nicolas Chamfort)
Zu alt für die angesagten Clubs, zu jung fürs Altersheim. 51 ist ein Scheißalter.
Pfaff vs. Singer – der große Nähmaschinenkrieg. Aber dafür kann man die Jugend heute nicht mehr begeistern.
Hätten Sie’s gewusst? 1965 war Roberto Blanco der einzige Schwarze in Deutschland.
Früher waren Medien Scharlatane, die behaupteten, bei spiritistischen Sitzungen den Kontakt zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Geister herstellen zu können. So betrachtet hat sich ja nicht viel geändert. Wir bezahlen Leute, die angeblich Stimmen hören.
Seit es arbeitsteilige Gesellschaften gibt, richtet sich die Tätigkeit des Einzelnen im günstigsten Fall an eigenen Neigungen und Fähigkeiten aus. Die einen sind handwerklich begabt, die anderen arbeiten gerne mit Vieh oder haben das richtige Händchen, um Getreide und Gemüse anzubauen. Später wird mancher Bauer, der auf dem Markt erfolgreich ist, zum hauptberuflichen Händler, und der Wirthausphilosoph zum Berufspolitiker. Die Arbeitsteilung differenziert sich aus. Der Ökonom David Ricardo hat dieses Prinzip einfach auf die Nationen übertragen. Ein Land verkauft Orangen, weil sie dort wachsen, das andere Land verkauft Nägel, weil dort keine Orangen wachsen. Diese Theorie ist dermaßen schlicht, dass man sich wundern muss, warum sie noch heute an unseren Universitäten gelehrt wird. In Zeiten, wo man in Gewächshäusern alles züchten und in Fabriken alles herstellen kann.
Hätten Sie’s gewusst? Der Begriff „neoliberal“ fällt bereits im Programm „Wir werden uns schon schaffen“ der Münchner Lach- und Schießgesellschaft von 1971.
Vier Jahre lebe ich jetzt in diesem Haus und in dieser Zeit sind alle Uhren irgendwann einmal stehengeblieben. Ich habe keine neuen Batterien mehr gekauft. In jedem Raum ist jetzt eine andere Zeit. In der Küche ist es immer viertel vor sechs, im Wohnzimmer ist es halb vier. Zweimal am Tag zeigen sie aber immer noch die korrekte Uhrzeit an.
Beim Lesen können wir drei Mal so viele Informationen aufnehmen wie beim Zuhören. Ein geübter Leser schafft tausend Worte pro Minute. Niemand kann so schnell sprechen. Deswegen werden schriftliche Informationen wie Bücher oder Zeitungen – ob in Papierform oder auf einem Monitor – nie durch Radio, Podcasts oder Fernsehen verdrängt werden.
Schlechte Bücher oder Drehbücher spielen immer in der Welt der Reichen, weil Geld so viele Möglichkeiten eröffnet. Wer arm ist, besitzt eigentlich nur sehr wenige Alternativen. Er kann nicht in Wladiwostok einen Laden für Anglerbedarf eröffnen, um sich selbst zu finden. Er kauft keinen Fesselballon, um ein Rennen um die Welt zu gewinnen. Deswegen sind Bücher, in denen es um Arme geht, eine echte Herausforderung für jeden Autor.
Die Angst baut größere Häuser als die Gewissheit.
Man müsse unbedingt etwas gegen den Klimawandel unternehmen, sagte der Mann, der neben mir im Flugzeug saß.
An den ägyptischen Tempeln von Abu Simbel finden sich griechische Graffiti aus dem 6. Jahrhundert v.Chr. Der Drang, irgendwo seinen Namen zu hinterlassen, ist älter, als wir denken.
Ganz im Süden von Rheinland-Pfalz, an der Grenze zu Frankreich, liegt das Dorf Schweigen mit 720 Einwohnern.
„Gestern Schwestern – Heute Beute – Morgen Sorgen. Geschichte aus ostdeutscher Perspektive“. Dieses Werk wird pünktlich zur Frankfurter Buchmesse bei Bonetti Media Unlimited erscheinen.
Über mein Heimatdorf Schweppenhausen wird ja gerne gelacht, aber wie ist es mit Hermann Schweppenhäuser? Der aus Frankfurt stammende Philosoph hat bei Adorno, Gadamer und Horkheimer studiert, war Assistent Adornos und hat später als Professor die Kritische Theorie bis in die neunziger Jahre vertreten.
Iggy Pop - Real Wild Child (Wild One). https://www.youtube.com/watch?v=def3ob2h-1s

Dienstag, 19. September 2017

Mein rechter rechter Platz ist frei

… ich wünsche mir die AfD herbei.
Meine These: Mittelfristig wird die AfD zur Mehrheitsbeschafferin einer neokonservativen Regierung der Union in der Post-Merkel-Ära. Sozialdemokraten und Grüne haben als Regierungsparteien, die seit 1998 an der Zerschlagung des Sozialstaats und der Arbeitnehmerrechte maßgeblichen Anteil hatten, ausgedient. Eine weitere Sozialdemokratisierung der Union ist daher gar nicht notwendig. Mithilfe der AfD als Koalitionspartner wird die Union ihr altes konservatives Profil schärfen können, da sämtliche politischen Ziele – Marginalisierung des linken Spektrums auf die zahnlose PdL und Splittergruppen, neoliberale Reformen, Spaltung und Verunsicherung der Gesellschaft, Stärkung der Arbeitgeberposition – erreicht wurden.
Sehen wir uns kurz die wesentlichen Programmpunkte der AfD an und überprüfen wir sie auf ihre Kompatibilität mit der Union:
Stärkung des Nationalstaats. Völlige Übereinstimmung mit der CSU, die auch aktuell an ihrer feudalen Außenpolitik festhält, wenn z.B. Seehofer Staatsbesuche bei Orban oder Putin unternimmt. Eine Ausweitung des europäischen Engagements der Union ist in der Post-Merkel-Ära nicht zu befürchten.
Aufrüstung des Militärs. Völlige Übereinstimmung mit der aktuellen Politik der Union.
Austritt aus dem Euro und dem ESM. Keine Übereinstimmung mit der Union. Wird aufgrund des fehlenden Konsens‘ marginalisiert wie zuvor die Themen Finanztransaktionssteuer oder Reform der Erbschaftssteuer bei Koalitionen mit der SPD.
Aufrüstung der Polizei, Erleichterung von Ausbürgerungen und Abschiebungen von Migranten, Begrenzung der Einwanderung. Völlige Übereinstimmung mit der Union.
Stärkung von Familien und der Ehe zwischen Mann und Frau, Kampf gegen Gender-Ideologie. Völlige Übereinstimmung mit der Union, selbst Merkel hat gegen die Ehe für alle gestimmt.
Deutsche Leitkultur. Völlige Übereinstimmung, v.a. mit der CSU.
Steuersenkungen, Abschaffung der Erbschaftssteuer. Übereinstimmung mit der CSU.
Kein Tempolimit auf Autobahnen, Ausstieg aus der Energiewende, Abschaffung der Umweltzonen. Übereinstimmung mit der CSU.
Schlanker Staat, Senkung der Subventionen und der Staatsquote. An diesem Punkt wird die Anschlussfähigkeit zur FDP als möglichem Partner einer sogenannten Scheißhauskoalition® (schwarz-braun-gelb) hergestellt.
P.S.: Im Kinderspiel „Mein rechter rechter Platz ist frei“ gibt es weder Gewinner noch Verlierer. In der politischen Variante gibt es 99 Prozent Verlierer. Die meisten von ihnen werden es – mal wieder – gar nicht oder zu spät begreifen.
Industry - State Of The Nation. https://www.youtube.com/watch?v=_SEn4Cc8BVM

Die Hinrichtung

„Eine Zeitlang waren sie alle still – der irdene Krug mit einem Wasserrest, der allen Gefangenen der Welt zu trinken angeboten hatte; die Wände, die Arme um die Schultern gelegt wie ein Quartett, das unhörbar flüsternd ein quadratisches Geheimnis bespricht.“ (Wladimir Nabokov: Einladung zur Enthauptung)
Am Ende saß er alleine auf der Bühne. Ein Holzstuhl ohne Lehnen, sehr schlicht. Ein älterer Herr in einem altmodischen Frack und mit beeindruckenden Tränensäcken trat aus der Kulisse und trug ein Silbertablett, auf dem ein Briefumschlag lag.
Er nahm den Umschlag. Der ältere Herr verließ wortlos die Bühne. Das Publikum schwieg gespannt. Er öffnete den Umschlag und entfaltete ein weißes Blatt Papier. Auf dem Blatt stand nur ein Wort: Schuldig.
Applaus brandete auf. Minutenlang. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nun standen sie auf und klatschten begeistert. Es wollte gar nicht mehr aufhören. Aber irgendwann war auch der letzte Zuschauer gegangen.
Er ließ das Blatt fallen und verließ die Bühne. Der Gang, den er nun betrat, war leer. Hier waren die Garderoben der Anklage, der Verteidigung und des Richters. Er schaute in jeden Raum, aber es war niemand zu sehen. Nur Schminke und Kostüme.
Eine Wendeltreppe führte hinauf in das nächste Stockwerk. Hier war der Fundus. In der Ecke standen die beiden Scheinwerfer, mit denen ihm Sonne und Mond vorgegaukelt worden waren. Er fand die Handpuppen, mit denen man ihm Politik vorgespielt hatte.
Endlich erkannte er, wie alles funktionierte. Am Ende des Raums war ein kreisrundes Fenster. Er ging hinüber, um es zu öffnen. War es gerade Tag oder Nacht? Wie schmeckte wohl die Luft außerhalb des Theaters?
Er streckte den Kopf aus dem Fenster und das Fallbeil raste augenblicklich auf seinen Nacken hinunter.
Beatles – Strawberry Fields. https://www.youtube.com/watch?v=0aX9-dhii3o

Barcelona. Copyright: David J. Lew.

Montag, 18. September 2017

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„Hi, du süßer kleiner Wähler. Ich möchte mir dir über DIE PARTEI sprechen.“

Blogstuff 156
„Ich hatte sechs Jahre revolutionäre Tätigkeit aufzuweisen, lediglich unterbrochen von einem Jahr Festungshaft. Eher als viele andere spürte ich das Nahen des Sturms, und gelassener als sie begegnete ich ihm.“ (Alexander Bogdanow: Der rote Stern)
Wir kennen es von unseren nächtlichen Träumen: es fehlt ihnen an Logik, sie ergeben keinen kohärenten Sinn. So ist es mit unseren Tagträumen auch. Der Traummann ist ein Latin Lover, der gerne Windeln wechselt, ein Literat, der die defekte Klospülung reparieren kann. Die Traumfrau ist Heilige und Hure zugleich usw. Wie ist der Traumstaat? Er überwacht nur die Bösen mit totalitärer Präzision, den Guten lässt er alle Freiheiten. Er hält Flüchtlinge und Zigeuner fern, erfreut uns aber sonntags mit geschliffenen Reden zur Pluralität unserer Gesellschaft. Er sorgt für ein funktionierendes Gesundheits-, Straßen- und Bildungssystem, verlangt aber praktisch kein Geld dafür. Wir sind wie Kinder. Immer verlangen wir das Unmögliche.
Der Doppler-Effekt sieht aus wie eine Katze:

Quelle: Wikipedia.
In der Ökonomie spricht man übrigens vom Bonetti-Effekt: Geld geht schneller als es kommt. Diesen Zusammenhang hat Andy Bonetti zum ersten Mal 1988 auf der Rückseite eines Kontoauszugs notiert. Die Formel lautet „Geld : Zeit = Verschwindibus“. Das Tempo dieses Vorgangs liegt irgendwo zwischen Reise- und Lichtgeschwindigkeit.
Hätten Sie’s gewusst? Clarence Nash, der Donald Duck ab 1934 seine Stimme geliehen hat, ist vorher als hauptberuflicher Vogelstimmenimitator im Varieté aufgetreten. Er war auf einem Bauernhof groß geworden und hatte sich die Zeit damit vertrieben, die verschiedenen Tiere zu imitieren.
Das einzige, was bleiben wird, wenn die Zivilisation längst untergegangen und überwuchert ist, sind diese albernen Fernseh- und Spionagesatelliten im Orbit.
Bonetti hat in seinem Testament festgelegt, dass sein gesamtes Vermögen für den Bau einer Pyramide verwendet werden soll.
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass mein Großvater Milliardär war? Das war 1923.
Wenn man sieht, wie sich mancher Türsteher oder manche alleinerziehende Mutter zum Despoten entwickeln kann, muss man sich über die vielen durchgeknallten Diktatoren und Könige in der Weltgeschichte nicht wundern.
Der Beauty Case ist der Werkzeugkasten der Frau. Wann haben Männer und Frauen endlich beides?
Andy Bonetti hat einige seltsame Angewohnheiten. Im Winter lässt er sich, verpackt in einen dicken Mantel und mit einer russischen Fellmütze auf dem Kopf, von seinem Chauffeur in einem Cabrio durch die Gegend fahren. Er liest in neuen Büchern immer zuerst die Seite mit der Schnapszahl 111. Er geht nie ohne seine kleine Jadeschildkröte Orlando auf Reisen. Grundsätzlich läuft er Katzen durch die Stadt hinterher und hat deswegen schon mal einen Termin bei der Bundeskanzlerin verpasst.
Eine Marotte teilt er jedoch mit vielen großen Geistern: die meiste Zeit des Tages verbringt er im Bett. Der Philosoph René Descartes verbrachte sechzehn Stunden des Tages in seinem Bett, weil er dort besser denken konnte. Goethe und Churchill diktierten ihre Werke gerne vom Bett oder einem Diwan aus. Richelieu wickelte seine Staatsgeschäfte vom Bett aus ab, Könige und Gräfinnen empfingen ihre Besucher im Bett. In der Renaissance gehörten sogenannte Schaubetten zur Ausstattung des Adels, eine Einladung ins Bett – allerdings nur zur Konversation – war eine Auszeichnung. Damals wurden übrigens Hunde im Winter als lebende Wärmflaschen genutzt: „Von einer Eiderdaunendecke hab ich mein Leben nichts gehört. Was mich recht warm im Bett hält, sind sechs kleine Hündchen, so um mich herum liegen.“ (Liselotte von der Pfalz)
Da lacht Rheinhessen: http://www.wormser-zeitung.de/lokales/polizei/worms-feuerwehr-befreit-bestes-teil-eines-mannes-mit-trennschleifer-aus-hantelscheibe_18182723.htm
Montell Jordan - This Is How We Do It. https://www.youtube.com/watch?v=0hiUuL5uTKc

Sonntag, 17. September 2017

Billardkugeln in der Dunkelheit

„Von vielen Künstlern lese ich in der Zeitung, sagte mein Vater, von dir nichts.“ (Herbert Achternbusch: 1969)
Wer heute als junger Mensch die Arbeitswelt betritt, macht eine Reise ins Ungewisse. Am Ende des Arbeitslebens wird man so viele Jobs und Projekte gehabt haben, dass man sich durch einen gigantischen Lebenslauf scrollen muss, um auch nur die Stichworte überschauen zu können. Es werden Jobs und Unternehmen dabei sein, die es heute noch gar nicht gibt oder die längst verschwunden sind.
Ständig trifft man neue Leute. Wie Billardkugeln, die im Dunkeln gegeneinander stoßen. Du kommst in ein Projekt und arbeitest mit einem Typen zusammen, mit dem du dich gut verstehst. Der Typ macht sich ein halbes Jahr später mit einem eigenen Projekt selbständig und fragt dich, ob du mit nach Chicago kommst. Jemand anderes geht und es wird eine Stelle im Unternehmen frei, die dich interessiert und auf die du wechseln kannst. Du hast nur wenige Tage, um über alles nachzudenken. Türen öffnen sich, Türen schließen sich. Permanent. Du triffst eine Entscheidung, die im Nachhinein zum Jackpot deines Lebens führt – oder in die Sackgasse. Du weißt es vorher nicht. Öffnen sich in Chicago weitere Türen oder stehst du ein Jahr später mit deiner Gitarre in der U-Bahn und spielst für die nächste warme Mahlzeit?
Ein Leben in Bewegung, die Phasen der Ruhe werden sich oft nur in Monaten messen lassen. Es wird Lücken zwischen Projektabschluss und Projektanfang geben, die man mit Arbeitslosengeld oder einem bedingungslosen Grundeinkommen überbrücken muss. Vollgas und Chill-Out, Arbeit und private Projekte wechseln sich ab. Im Lebenslauf steht dann auch: zwei Monate am Strand in Südfrankreich. Oder: Ich habe zwei Jahre für meine neugeborene Tochter gebraucht und sie mir genommen. Und das muss ohne Hartz IV-Stigmatisierungskeule funktionieren.
Für diese Abenteuerreise brauchst du gute Nerven, Selbstvertrauen und einen Körper, der dich nicht im Stich lässt.
P.S.: Was ist das Schlimmste, das uns im Arbeitsleben passieren kann? Hartz IV – länger als ein Jahr Arbeitslosigkeit. Das ist die Katastrophe. Davor haben wir alle Angst. Ich habe diesen Horror tatsächlich erlebt. Von 2006 bis 2008. War es der Tiefpunkt meines Lebens? Nein, in der Rückbetrachtung war es eine der besten Zeiten, die ich je hatte. Ich habe in dieser Zeit mein wichtigstes Sachbuch geschrieben (2006: die Gandhi-Biographie für Suhrkamp) und meinen ersten Roman (der Anfang 2009 erschien). Unter dem Pseudonym Rondo Delaforce habe ich zwei Bücher mit Kurzgeschichten, Skizzen und Aphorismen veröffentlicht, die der Arbeit am späteren Blog schon sehr nahe kamen: „Die singende Fleischwurst“ (2007) und „Beamtenanwärter in Seenot“ (2008). Außerdem entstand ein zweiter Krimi, den ich erst Jahre später publiziert habe. Ich erfüllte mir einen Jugendtraum und machte als Ostasien-Fan eine dreiwöchige Reise nach China (2007) und eine zweiwöchige Reise nach Japan (2008). Dann bekam ich den Job als Kiezschreiber im Wedding (ab 1.12.2008). Voraussetzung für die Bewerbung war: man musste Hartz IV-Empfänger sein. Ohne diesen Tiefpunkt meiner „Karriere“ hätte ich also diese Stelle nie bekommen, hätte dieses Blog nie gemacht und wäre nicht in die aktuelle Phase meines Lebens gekommen, in der ich so produktiv, so frei und so zufrieden bin wie noch nie zuvor. Hartz IV war das Beste, was mir passieren konnte. Ansonsten wäre vielleicht ein ausgebrannter Hochschullehrer aus mir geworden, der den ganzen herrlichen Stuss auf dieser Internetseite nie produziert hätte.
Yes – Time And A Word. https://www.youtube.com/watch?v=vYwSxZXy_Tk
Quelle: CJ Henry.

Samstag, 16. September 2017

Mädchen dürfen nicht ins Baumhaus


Blogstuff 155
„Ich bin frei wie ein Vogel, habe keine Idole, verbeuge mich vor nichts. Heldentum ist ein leeres Wort für mich. Die Liebe – nackte Physiologie. Kinder – eine subtile Rechnung mit der Unsterblichkeit. Der Staat – ein System der Vergewaltigung. Geld – ein Mythos. Ich lebe sorglos in den Tag hinein. Los, trinken wir auf das sorgenfreie Leben!“ (Konstantin Waginow: Auf der Suche nach dem Gesang der Nachtigall)
U-Topos – das Nicht-Örtchen: Warum sind Toiletten immer nur Gegenstand alberner Komödien, warum befasst sich die zeitgenössische Kunst nicht mit ihnen? Marcel Duchamps‘ „Fountaine“ von 1917

und die goldene Toilette im Guggenheim-Museum

– war’s das etwa schon?
Bald kommt der Herbst in unsere Firma, mit einer Aktentasche voll buntem Laub.
Wenn ich auf die letzten Jahrzehnte zurückblicke, ist schon eine Menge erreicht worden, wenn es um die Emanzipation der Frau von der Rolle der Hausfrau und Mutter geht. In Sachen Emanzipation des Mannes von der Rolle des arbeitenden Familienernährers ist dagegen kaum etwas passiert.
Um einen Hobbygärtner zu beeindrucken, der mich neulich besucht hat, habe ich im Supermarkt die größten Möhren gekauft, die ich kriegen konnte. Dann habe ich sie in meinem Garten eingegraben und vor seinen Augen wieder ausgebuddelt. Er war schwer beeindruckt. Vor seinem nächsten Besuch koche ich einen großen Topf Spaghetti und lade ihn zur Ernte an meinem Pastabaum ein.
Wu-xiu nennt man in China die Mittagspause, bei der man gerne auch ein Nickerchen macht. Laut New York Times von 1982 dauerte sie damals bis zu drei Stunden. Das ist im Kapitalismus zum Glück vorbei. Dafür haben die Chinesen jetzt mehr Geld und viele schöne Sachen.
Die Autokorrektur macht aus Sachkenntnis tatsächlich Sachsentennis. Die Maschinen übernehmen die Macht, oder? Nein. Zum Glück habe ich kein Smartphone, sondern produziere solchen Blödsinn beim analogen Lesen noch selbst.
Die Bierpreisentwicklung macht mir große Sorgen. Vor zwei Jahren hat der halbe Liter Bier in Berlin noch etwa zehn Prozent weniger gekostet. Oft steht inzwischen die Vier vorne. Als Indikator nehme ich mal die Entwicklung auf dem Oktoberfest in München, wo die Maß 1980 noch 2,40 € gekostet hat, dieses Jahr aber bis 10,95. Der Preis hat sich also zu meinen Lebzeiten mehr als verbierfacht, Verzeihung: vervierfacht. Dazu schlägt der Fiskus wirklich dreist zu: 16 Prozent Mehrwertsteuer und sechs Prozent Biersteuer beim Flaschenbier. Zum Glück trinke ich hauptsächlich Wein, dessen Preis – zumindest bei meinem Winzer und im Supermarkt - recht stabil ist. Ich könnte ansonsten bei dieser Inflation kein Auge mehr zu machen.
Haustierbesitzer versuchen einen immer mit dem Spruch „Bei anderen Leuten macht er das nie“ um den Finger zu wickeln.
Der altehrwürdige Beruf des Schlangenbeschwörers ist in Deutschland vom Aussterben bedroht. Die jungen Leute wollen ja heutzutage alle studieren.
„Bonetti“, brüllte der Verleger. „Wie sind Sie überhaupt zur Literatur gekommen?“ – „Mit der U 9. Ab Güntzelstraße.“
Bildung kann gefährlich sein. Neulich hat man in Palermo einen Mann erschossen, weil er zu viel wusste.
Thor hatte nur einen Hammer und wurde weltberühmt. Ich habe einen ganzen Werkzeugkasten, aber es interessiert kein Schwein.
Es gibt Lehrer, die schaffen es, ein Wunder zu vollbringen, das physikalisch unmöglich ist: in ihrem Unterricht bleibt die Zeit stehen.
Am Eingang zum Jahrmarkt in Bad Kreuznach werden Taschen und Rucksäcke nach Waffen durchsucht – aber auf dem Festgelände kann man Messer kaufen. #Terror
Da lacht der Hunsrück: http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/117703/3730891

Danke, Ackerboy!
Modern English - I Melt With You. https://www.youtube.com/watch?v=LuN6gs0AJls

Kommunismus ist doof

Der ganze Kommunismus ist viel zu oberflächlich und typisch westlich. Was nutzen mir die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und völlige Lohngleichheit, wenn ich hinterher immer noch dieselbe Scheiße herstelle, weil der Mensch auch als Kommunist noch nach Smartphones und Nutella schreit, und ich – nur eben auf andere Weise - immer noch die Natur ausbeute und die Welt kaputt mache? Wir brauchen Buddha statt Marx: den ewigen Kreislauf von Produktion und Konsum durchbrechen, unseren endlosen Begierden entsagen, Askese und innere Einkehr statt Jägerschnitzel und Mallorca.
P.S.: Lustigerweise wird das iPhone, das globale Feldzeichen des siegreichen Kapitalismus, in einem kommunistischen Land von glücklich befreiten Proletariern hergestellt. Selbstverständlich hat der „Schwarze Block“ bei der Randale rund um den G20-Gipfel in Hamburg auch einen Apple-Store geplündert. Vor dem Gott des Konsums und der Gier sind offenbar alle Menschen gleich. Den technischen Fortschritt und die Abrichtung des Menschen zu Jägern oberflächlicher Glücksmomente der Aneignung von Tinnef & Talmi stellt niemand mehr ernsthaft in Frage. Smartphones als Teil des Systems, gegen das man eigentlich revoltieren wollte? Soweit denkt der pseudopolitische Eventtourist zwischen 18 und 29 nicht mehr. Zu Lebzeiten von Herbert Marcuse und seiner Forderung nach „totalem Protest“, nach der „großen Weigerung“ war der Gedanke der persönlichen Bereicherung nicht so ubiquitär wie 2017.

Freitag, 15. September 2017

Wenn ich wählen würde, hätte DIE PARTEI meine Stimme

Es ist ganz einfach: Typen mit Kapuze sehen geil aus.



Pläne

„Je weniger Bedürfnisse wir haben, desto ähnlicher sind wir den Göttern.“ (Sokrates)
„Lass uns das Haus für vier Wochen mieten“, sagte sie.
„Abgemacht.“ Er strahlte sie an.
„Wir werden den Sommer genießen“, sagte sie, als sie im Aufzug nach oben fuhren.
„Wir werden uns jeden Abend auf der Veranda den Sonnenuntergang anschauen“, sagte er, als er die Wohnungstür aufschloss.
„Kein Fernsehen, kein Internet“, sagte sie, als sie ihren Mantel an die Garderobe hängte.
„Die Stille und Einsamkeit der Bergwelt“, sagte er, als er sich ein Bier aus dem Kühlschrank nahm.
„Nur das Zwitschern der Vögel, wenn wir beim Frühstück auf der Holzbank im Garten sitzen“, sagte sie, als sie den Fernseher einschaltete.
„Keine Elektrizität, kein Herd, kein Licht. Wir werden am Lagerfeuer grillen und abends eine Kerze anzünden“, sagte er, während er seine Mails checkte.
„Keine hochhackigen Schuhe, kein Make-up, keine Partys“, rief sie aus dem Badezimmer, als sie sich die Haare wusch.
„Kein Handyempfang, keine Zeitung, keine Informationen. Es wird absolut entspannend werden“, sagte er, als er sich ins Bett legte.
Am nächsten Tag beschlossen sie, zu Hause zu bleiben.
Public Image Limited - Bad Life. https://www.youtube.com/watch?v=fwD7_iQ5S6Q

Donnerstag, 14. September 2017

Stürzen – Fallen – Fliegen

„Jemand sagte, Sie können da nicht bleiben. Ich konnte da nicht bleiben, und ich konnte nicht weiter.“ (Samuel Beckett: Texte um Nichts)
Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, ob ich die Treppe hinunter stürzte oder ob ich hinab geworfen wurde. Es war ein langer und verwirrender Abend gewesen. Ich spürte es kaum, als ich Stufe für Stufe hinter mich brachte. War es der Alkohol, waren es Drogen? Ich spürte keinen Schmerz.
Ich dachte an ihre Lippen, an ihre schönen weißen Zähne. Sie saß auf meinem Schoß und ich betrachtete einfach nur ihren Mund, während sie sprach. Die Worte habe ich längst vergessen.
Ich stürzte weiter und dachte an das Meer. Den Schaum vor dem Bug des Schiffes, die Gischt, die zischend mein Gesicht traf. Ich schmeckte das Salz und freute mich in diesem Augenblick maßlos, denn der Geschmack von Salz verhieß neue Abenteuer.
Alles drehte sich um mich und ich dachte an den schönen Garten hinter dem Haus. Die großen ruhigen Bäume. Wie wir damals über die schmalen Wege schlenderten, das ausgelassene Geschrei der Kinder im Ohr.
Ich dachte an meine Mutter, während ich fiel. An Schokolade. An Bücher. Musik. Feste. Farben. Gerüche.
Du kannst im Rinnstein liegen. Kein Problem. Aber nicht mit dem Gesicht nach unten. Da ist die Grenze.
Grace Jones – The Crossing. https://www.youtube.com/watch?v=XZz4RI628B4

Wenn beim Cabrio die rote Sonne im Meer versinkt



Blogstuff 154
„Wo viel Raum ist, da ist viel Zeit (…). Wir Europäer (…) haben so wenig Zeit, wie unser edler und zierlich gegliederter Erdteil Raum hat, wir sind auf genaue Bewirtschaftung des einen wie des anderen angewiesen, auf Nutzung (…). Nehmen Sie unsere großen Städte als Sinnbild (…). In demselben Maße, wie der Boden sich dort verteuert, Raumverschwendung zur Unmöglichkeit wird, in demselben Maße (…) wird dort auch die Zeit immer kostbarer.“ (Thomas Mann: Der Zauberberg)
Mein Vater ist neulich mit meinem Neffen (20) in ein Museum gegangen. Kommentar des jungen Mannes zu den Gemälden: „Die kauft doch kein Mensch, die hängen bestimmt noch in zehn Jahren hier.“ Kann man sich nicht ausdenken …
Er hörte den Bass seines Chefs, den Bariton des Abteilungsleiters, den Tenor des Gruppenleiters und den Sopran des Betriebsrats, schließlich die Fistelstimme seines Kollegen. Sie näherten sich seinem Büro wie ein Gewitter. So war der Augenblick seiner Entlassung.
Ich würde gerne eine Universität für Jedermann gründen, mit Seminaren, Diskussionen und kurzen Impulsreferaten im Internet. Aber dann fiel mir ein, dass ich mich als Anarchist ja gar nicht organisieren darf – sonst fliege ich aus meinem Verein „Herrschaftsfrei statt alkoholfrei e.V.“. Dabei bin ich schon bei „Heidenspaß – Atheisten mit Humor“ mit meinen Beiträgen im Rückstand.
Gemüse? Kenne ich nur vom Möhrensagen.
Angela Merkel ist nicht unser Hauptproblem – es sind ihre Wähler.
Im Mittelalter hatte man Prophezeiungen, heute haben wir Prognosen. Früher las man die Zukunft aus den Eingeweiden von Opfertieren, jetzt studieren wir die neuesten Meinungsumfragen.
„Die CSU repräsentiert den engstirnigen Katholizismus und den Bauernstolz des vormodernen Bayern. Himmelherrgottsakrament! Malefizlumpen, elendige!“ (Professor Nepomuk Wirsing, Experte)
„Ich verstehe das nicht. Bald sind wieder diese Bundesligawahlen, aber mein Verein steht nicht auf dem Zettel. Dann eben ohne mich.“ (Heinz Pralinski: Ansonsten einwandfrei – Malbuch für Nichtmaler)
Es kann immer passieren, aber es ist nie passiert. Und dann passiert es doch: Ich schlage am Abend meiner Ankunft die Bettdecke zurück und darunter sitzt eine Spinne.
Manche Hindus tragen auf der Stirn ein Bindi, einen aufgemalten Punkt, wo das spirituelle dritte Auge vermutet wird. Andy Bonetti trägt bei öffentlichen Auftritten einen aufgeklebten Kronkorken auf der Stirn, um gegen die Diskriminierung von „kultureller Aneignung“ durch die Critical Whiteness-Bewegung zu demonstrieren.
Ich kenne einen Amerikaner aus der Kleinstadt Mexico in Missouri. Wie nennen sich die Einwohner im rassistischen Trump-Amerika, wenn sie nicht Mexicans sagen wollen? Sie nennen sich „MexicOans“. Gott schütze dieses Nest in the middle of nothingness.
Sandkuchen backen, Sandhäuser bauen. Mein Leben lang habe ich nichts anderes gemacht.
Für die Leserinnen und Leser aus Berlin ist der Leiter des Hauptstadtarchivs von Bonetti Media Unlimited tief in seine Katakomben gestiegen. Radio-Legende Lord Knud spricht zu uns. Danke, Harri!
http://rias1.de/sound4/rias_/knud/knud_interviews/000000_interview.html#radio972
Hier noch ein historisches Stück Radiogeschichte. Die ersten jemals gesendeten Worte aus der Weimarer Republik:
http://www.rias1.de/sound4/timeline_nachrichten/1920-1929/19231029_mitteilung_aus_dem_vox_haus_krutschke_.mp3

Mittwoch, 13. September 2017

Neulich im Restaurant

„Ein Tisch für eine Person oder erwarten Sie noch jemanden?“
„Für eine Person.“
„Raucher oder Nichtraucher?“
„Nichtraucher.“
„Am Fenster, auf der Terrasse oder lieber im hinteren Teil des Lokals?“
„Am Fenster.“
„Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“
„Ein Bier.“
„Ein Pils, ein Export, ein Schwarzbier, ein Weizenbier oder ein alkoholfreies Bier?“
„Ein Pils.“
„Vom Fass oder aus der Flasche?“
„Vom Fass.“
„Warsteiner, Krombacher, Pilsner Urquell oder Radeberger?“
„Ein Urquell.“
„Als Vorspeise Suppe oder Salat?“
„Suppe.“
„Gulaschsuppe, Leberknödelsuppe oder Soup du Jour?“
„Gulaschsuppe. Und danach ein Schnitzel.“
„Jägerschnitzel, Rahmschnitzel, Paprikaschnitzel oder Schnitzel Wiener Art?“
„Jägerschnitzel.“
„Mit Pommes frites, Kroketten, Bratkartoffeln oder Spätzle?“
„Wenn Sie mir noch eine Frage stellen, werde ich Ihnen das ungewaschene Maul blutig schlagen.“
„Gleich hier, vor dem Haupteingang oder im Hinterhof?“
„Gleich hier.“
„Kinnhaken oder Leberhaken?“
„Kinnhaken.“
Der Kellner schlägt wortlos zu. Der Gast geht zu Boden.
„Soll ich Ihnen einen Krankenwagen rufen?“
„Ja.“
„Johanniter, Malteser oder Rotes Kreuz?“
„Rotes Kreuz.“
„Wohin möchten Sie gebracht werden? Evangelisches Stadtkrankenhaus, katholische Diakonie oder die konfessionslose Klinik?“
„Evangelisches Krankenhaus.“
„Sind Sie Kassenpatient oder Privatpatient?“
„Kassenpatient.“
„Soll ich Ihnen ein Bett in einem Zweibettzimmer oder in einem Vierbettzimmer reservieren lassen?“
„Zweibettzimmer.“
„Möchten Sie das Bett am Fenster oder an der Tür?“
„Am Fenster.“
„Welches Essen soll ich für Sie bestellen? Vollkost, Schonkost oder Trennkost?“
Alison Krauss & Union Station – Blue And Lonesome. https://www.youtube.com/watch?v=-F4wYj_BnRE

Dienstag, 12. September 2017

Der perfide Alarmismus der Medien

Es geht auch anders. Ohne den wöchentlichen Weltuntergang, ohne Geflenne, ohne düstere Prophezeihungen.
Hier eine Meldung der "Aktuellen Kamera" des DDR-Fernsehens 1986:
http://www.mdr.de/damals/archiv/video-128426.html
Sachliche Berichterstattung statt Panikmache:
http://www.mdr.de/damals/archiv/video-128432.html

WELTUNTERGANG – Hier geht’s zum Live-Ticker


Blogstuff 153
„Er wollte immer nur Geld. Nicht um etwas damit kaufen zu können, sondern um es zu besitzen, um es zu vermehren. Er schrieb wie besessen einen Schundroman nach dem anderen und er hatte Erfolg. Er verdiente Geld mit Geld, in dem er mit Aktien Geschäfte machte. Er wurde reich und das Geld war wie ein Panzer, der ihn vor der Welt schützte. Er musste nicht mehr das Haus verlassen, er ließ sich Essen, Kleidung und alles andere liefern. Er musste nicht mehr freundlich sein, denn das Geld machte ihn unabhängig von anderen Menschen. Der Reichtum gab ihm Sicherheit. Das Dienstpersonal, mit dem er sich umgab, musste lernen, seine Schrullen und Marotten zu ertragen. Er konnte es sich am Ende leisten, sich völlig verwahrlosen zu lassen und andere zu schikanieren, die bereit waren, sich gegen eine fürstliche Entlohnung zum Sklaven seiner Boshaftigkeit zu machen. Er bewarf seine Köche mit ihrem eigenen Essen, er beleidigte und bedrohte seine Diener, er zerschlug beim geringsten Anlass das Porzellan und warf die Bücher seiner Konkurrenten, die er sich kistenweiße liefern ließ, ins Feuer seines Kamins. Er war ein Tyrann, der sich seine eigene Hölle geschaffen hatte.“ (Lupo Laminetti: Bonettis letzte Jahre)
Der Tod kontaminiert die Dinge und verwandelt sie in Gespenster. Die Kleidung eines Verstorbenen will niemand mehr tragen. Wer möchte die Löffel haben, die der Verstorbene in seinem Mund hatte? Erinnerungsstücke und Andenken haben ihren Wert nur in den Augen einer Person, die es nicht mehr gibt. Die Wohnung des Toten verwandelt sich in ein Gruselkabinett, obwohl sie doch vorher so vertraut war.
Warum messen wir die Entfernung zwischen Geburt und Tod in Jahren?
Bis 1989 gab es nicht nur ein militärisches Wettrüsten zwischen Ost und West, sondern auch ein Wettrüsten bei den Arbeitslöhnen. Deswegen stagnieren die Reallöhne ja auch seit 1990.
Coolness: Ich war schon im Kindergarten bei den Haribo Angels – aber ich hänge solche Sachen eben nicht an die große Glocke.
Ich sehe ein kleines Kind, das in seinem Kinderwagen fröhlich ein Lied vor sich hin kräht, und denke mir: beim nächsten Mal kommst du auch als Baby auf die Welt.
Sommerabend am Marheinekeplatz in Kreuzberg. Ich sitze mit Freunden auf der Terrasse eines italienischen Restaurants, am Nachbartisch ein einsamer Mann mit Halbglatze. Eine füllige Frau um die vierzig kommt vorüber und fragt den Mann: „Sind Sie alleine?“ Er antwortet: „Ja.“ Sie fragt: „Wollen Sie alleine bleiben?“ Er antwortet wieder mit Ja. Sie geht wortlos weiter. Flirten 2017. Kein Land für Romantiker.
Woher kommt die Formulierung „Der Furz des Kolumbus“? Die Königin von Spanien stellte den Entdecker vor die Aufgabe, einen Furz in fünf Teile zu spalten. Kolumbus löste das Rätsel, indem er in einen Handschuh furzte.
„Ich finde die US-Streitkräfte einfach großartig. Schon als Kind wollte ich zu den Fallschirmspringern. Ich packte meine Schmusedecke in einen Rucksack und sprang vom Küchentisch. Auf dem Fußboden rollte ich mich ab und robbte zum Kühlschrank hinüber.“ (Trump bei einer Ansprache vor hohen Militärs)
Wie alle Mythen lebt auch der Mythos von der Berliner Trümmerfrau von der Vereinfachung. Die Trümmerfrauen haben die Stadt nicht wieder aufgebaut, sondern die Handwerker. Mit den Trümmersteinen allein baut man keine Stadt, man braucht auch Mörtel. Die Trümmerfrauen haben nicht aus reiner Barmherzigkeit gearbeitet, sondern für Lebensmittelgutscheine. Es ist auch keine deutsche Erfindung aus dem Jahre 1945, Baumaterial von Ruinen und verlassenen Gebäuden zu recyceln. Diese Methode war schon in der Antike und im Mittelalter bekannt.
Neulich war ich bei einem Alphablogger zur Grillparty eingeladen. Auf dem Nachbargrundstück ist ein Altersheim. Der TV- und Musiklärm, der aus den offenen Fenstern der Schwerhörigen drang, war barbarisch. Aber die Clubs in der Innenstadt müssen wegen geräuschintoleranter Nachbarn reihenweise schließen.
Zum Schluss noch eine gute Nachricht: McDonald’s hat seine Filiale in Aleppo wieder eröffnet.
Bomb The Bass - Beat Dis. https://www.youtube.com/watch?v=mHh5rDcQKhQ

Quelle: Out of the box.

Montag, 11. September 2017

Jens und die Trends

Neulich war ein Kadett des Raumschiffs GroKo in einer Berliner Gaststätte in Mitte und musste feststellen, dass das Personal Englisch gesprochen hat. Die Gäste ebenso. Nun kann es schon einmal passieren, dass ein Neubürger aus dem erzkatholischen und erzlangweiligen Münsterland das Leben in der Großstadt nicht kapiert. Dann hält man erst mal die Klappe und macht sich ein Bild vom Ort des selbstgewählten Exils.
Jens Spahn hätte auf diese Weise schnell feststellen können, dass es in den touristischen Hot Spots („heiße Punkte“) jede Menge internationaler Gäste und internationaler Mitbewohner gibt. Sie sprechen Englisch, weil es die Lingua Franca des 21. Jahrhunderts ist. Er könnte chinesische Restaurants besuchen, in denen Chinesen ihr Essen auf Chinesisch bestellen. Man erlebt auch echte Italiener in einer Pizzeria.
Der Staatssekretär und Hoffnungsträger der christlichen Partei sieht dort, wo sich Menschen in einer gemeinsamen Sprache unterhalten, „eine völlig neue Form von Parallelgesellschaft“. Dort wo Berlin tatsächlich auf wenigen Quadratkilometer zumindest eine Anmutung von Metropole bietet, sieht er teutonische „Selbstverzwergung“. Und dann wird natürlich noch mit der Nazi-Keule draufgehalten. Es handle sich um eine Form der „Gleichschaltung“. Die zwanzigtausend Israelis in Berlin werden es mit Humor genommen haben.
Es ist das alte Spiel der Rechtspopulisten: mit gezielten Provokationen Aufmerksamkeit erzielen. Spahn wird die Union in vier oder acht Jahren in eine Koalition mit der AfD führen – dazu braucht man keine Phantasie. Schon jetzt macht er uns den Gauland, den Höcke, den Le Pen, den Haider.
Da interessieren die Petitessen schon nicht mehr, beispielsweise das „Oscar Wilde“ in der Friedrichstraße, dem früheren Treffpunkt britischer Bauarbeiter, in dem seit Jahrzehnten nur Englisch gesprochen wird. Vom Leben in den türkischen Cafés, in denen kein Wort Deutsch gesprochen wird, hat man als CDU-Politiker ohnehin keine Ahnung.
Berlin wird immer eine Projektionsfläche für den Hass bleiben. Rechtspopulisten sehen hier den Untergang der Bratwurstkultur durch globale Fraternisierung der Jugend. Das Stadtzentrum ist das Einfallstor für alles Fremde und Neue, vor dem man sich schon in den Vororten zu Tode fürchtet. Geschlechtskrankheiten, Mieterhöhungen, Anglizismen – von der Hauptstadt strahlt alles Böse ins Land ab. Traurig, wenn man als Karrierist gezwungen ist, hier zu arbeiten. Hoffentlich muss Spahn in seinem Job als Regierungsmitglied nie Besuch aus dem Ausland empfangen.
Ultravox - Fear in the Western World. https://www.youtube.com/watch?v=DclSrYbSn-E

Der Nachbar

„Die Welt schien mir nun vertraut bis ins kleinste, so wie die Klotür von innen.“ (Wiktor Pelewin: Omon hinterm Mond)
Die Häuser sehen alle gleich aus. Die Möbel, die Bilder an den Wänden. Es ist so deprimierend. Man geht hinein und da steht die unvermeidliche Kommode im Flur. An der Wand gegenüber sind die Haken der Garderobe. Es gibt nichts, das ich mitnehmen würde. Nichts, das mir gefällt. Nichts, das ich nicht selbst hätte. Ich gieße die Blumen und gehe wieder.
Drei Tage später bin ich wieder hier. Meine Nachbarn sind im Urlaub. Ich weiß nicht, warum ich das überhaupt mache. Ich selbst habe keine Blumen und ich würde auch niemanden in mein Haus lassen, wenn ich verreist wäre. Wem kann man heutzutage noch trauen?
Im Wohnzimmer stehen ein Sofa aus weißem Leder und ein Fernsehsessel. Ich setze mich hinein. Mit einem Schalter kann man sich in eine liegende Position bringen. Ich probiere es eine Weile aus. Lehne rauf, Lehne runter, Lehne rauf, Lehne runter.
Es ist so still hier. Im Regal, das eine ganze Wand einnimmt, ist eine Stereoanlage. Was hören denn die Meiers so? Ich schaue mir die CDs an. Classic Rock. Wie erbärmlich. Wolfgang Petry. Immerhin auch eine Platte von AC/DC. Soll ich Musik hören? Nein. Ich gieße die Blumen und gehe wieder.
Beim nächsten Mal werfe ich einen Blick in den Kühlschrank. Sie haben vor dem Urlaub wirklich klar Schiff gemacht. Da stehen nur Ketchup und Marmelade. Eine Flasche Wein mit Schraubverschluss. Eine Tube Senf, die fast leer ist.
Im Schlafzimmer steht ein Schrank, der zu drei Vierteln mit Röcken, Blusen und Mänteln der Ehefrau gefüllt ist. Was für ein langweiliger Mist. Faltenröcke von Frau Meier und Cordhosen von Herrn Meier. Wie kann man nur so ein ödes Leben führen? Ich gieße die Blumen und gehe wieder.
Einige Tage vor ihrer Rückkehr sitze ich am Schreibtisch von Herrn Meier. In den Schubladen alte Rechnungen und Ansichtskarten. Der Wagen ist nur geleast und offenbar kennen die Meiers ausschließlich Leute, die auf den Kanarischen Inseln Urlaub machen. Im Augenblick sind sie gerade an der Costa Brava. Nicht gerade originell.
Im Keller gibt es tatsächlich so etwas wie einen Gymnastikraum. Eine Bank und ein paar Hanteln. Ein Heimtrainer. Überall ist Staub auf den Geräten. Keine Disziplin, diese Leute. Kein Wunder, dass beide so dick geworden sind. Sie sollten sich mehr bewegen. Ob ich Herrn Meier nach seiner Rückkehr mal auf das Thema anspreche?
In einer Abstellkammer finde ich auf dem obersten Regal einen Karton mit Fotografien. Herr Meier hat seine Nachbarin fotografiert, die im Garten oben ohne ein Sonnenbad nimmt. Du kleine, miese Drecksau! Meier, du Spanner. Schnüffelt gerne hinter den Leuten her. Hätte ich mir ja denken können. Ich gieße die Blumen und gehe wieder.
Bryan Ferry - Let's Stick Together. https://www.youtube.com/watch?v=Z9EbR0ckb40

Sonntag, 10. September 2017

Berliner Milljöh 1979 – ein Meilenstein der Fernsehgeschichte

„Die große Flatter“ – das war ein TV-Dreiteiler des WDR, der 1979 im ersten Programm ausgestrahlt wurde. Armut ohne Hoffnung, Gewalt ohne Sinn und Trostlosigkeit ohne Ausweg – das Leben der Unterschicht hat sich bis heute nicht geändert. Gerade deshalb ist dieses Stück Fernsehgeschichte auch 2017 noch sehenswert. Warum werden solche Serien heute nicht mehr gedreht?
Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=7tCb_aCqjAc
Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=KLtbwJM8wsc
Teil 3: https://www.youtube.com/watch?v=shMBUIZwAgk
P.S.: Alle drei Teile sind jeweils neunzig Minuten lang – nicht durch die Zeitangaben bei YouTube täuschen lassen.

Die besten Witze aus der Totengräberszene

Colonel Clickbait haut wieder mal eine Fake-Überschrift nach der anderen raus. In den nächsten Tagen wird es noch schlimmer!

Blogstuff 152
„Dieses Blog ist in vielfacher Weise ironisch gebrochen und weißt so viele Bedeutungsebenen auf, dass ich an manchen Tagen selbst nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin.“ (Der Kiezschreiber)
Ein heißer Augustnachmittag. Die Singvögel sind ermattet und schläfrig vor lauter Zufriedenheit, nur gelegentlich ist ein leises Pfeifen zu hören. Aus dem Vorzimmer dringt gedämpft das Schnarchen des Kammerdieners. Bonetti sitzt am offenen Fenster und arbeitet an einem Sonett über die iberische Schweinezucht. Es ist nicht leicht, wenn man von der Welt gebraucht wird.
Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel ist neben ihrem deutschen Wohnsitz auch in Biel (Kanton Bern) gemeldet und zahlt in der Schweiz ihre Steuern. Sie möchte in den deutschen Bundestag, um als Teilzeitmigrantin und Steuerflüchtling etwas gegen die Überfremdung und für „deutsche Werte“ zu unternehmen. Da greift man sich an den Hintern, weil der Kopf zu schade ist.
Früher gab es keinen Online-Stellenmarkt und keine schriftlichen Bewerbungen. Du bist, wenn du auf der Suche nach Arbeit warst, von Dorf zu Dorf gezogen. Eines Tages kamst du in ein Haus oder auf einen Hof, wo man genau auf dich geradezu händeringend gewartet hat.
Wenn ich heute eine Wiese sehe, frage ich mich, wohin der Klatschmohn meiner Kindheit verschwunden ist, mit dessen Blütenblättern wir uns die Finger rot gefärbt haben.
Du arbeitest, aber es fühlt sich nicht so an. Das ist das Glück.
Neulich war ich in einem Porzellanladen in Oberkrämer, nördlich von Berlin, und habe tatsächlich beinahe etwas umgerissen wie der berühmte Elefant, dessen Namen wir nicht kennen, in dem geflügelten Wort.
Eines Tages hatte der Genius das Genie verlassen und das Genie dachte darüber nach, wie es vor den anderen klugen Leuten verbergen konnte, dass es nicht mehr genial war.
Steile These: Energy Drinks sind die Einstiegsdroge für Amphetamine, Kokain und Crystal Meth.
In einem fernen Königreich war es Brauch, dass ein zum Tode Verurteilter vor seiner Hinrichtung selbst noch einen anderen Menschen zum Tode verurteilen konnte. Ob dieser Mensch schuldig oder unschuldig im Sinne des Gerichts war, blieb ohne Bedeutung. Natürlich mit Ausnahme des Königs und seiner Familie. So kam es, dass eine Hinrichtung eine ganze Kette von weiteren Hinrichtungen nach sich zog, denn fast jeder Mensch kennt einen Menschen, dem er – im Angesicht des eigenen Todes – den Tod wünscht. Mal starben wenige Menschen, mal waren es hunderte oder gar tausende. Bis die Reihe an einen Menschen kam, der sich erbarmte und diese blutige Reihe von fallenden Dominosteinen unterbrach.
Aktuelle Forschungsfrage: Gibt es Bielefeld überhaupt? Wenn ja: Soll es uns zur Mahnung dienen? Wenn nein: Soll es eine Drohung sein?
Berlin: Die stählernen Spinnweben des Funkturms vor dem Abendhimmel.
Was lese ich in der ökologisch besorgten Presse? Einmal im Garten grillen belastet die Umwelt in gleichem Maße wie 35 Kilometer Autofahren. Derlei oberlehrerhafter Tüdelkram von Redakteuren, die ihre nächste Fernreise schon gebucht haben, geht den Leuten, mit denen ich in Schweppenhausen grille, inzwischen so richtig auf den Zeiger. Schließlich brauchen wir schon 35 Kilometer für die Hin- und Rückfahrt zum Metzger unseres Vertrauens, der übrigens auch nicht zur Bio- oder Neulandwelt gehört, weil wir das auf dem Land gar nicht nötig haben. Das ganze moralinsaure Geschwätz aus der Stadt erreicht genau das Gegenteil. Mittlerweile höre ich beim Grillen Sprüche wie „Hoffentlich stammt das Fleisch von gequälten Tieren.“
Diese irrsinnige Besessenheit von Eltern, unbedingt bessere Eltern sein zu wollen, als die eigenen Eltern es waren.
Früher setzte man sich in ein Kaffeehaus, um gemütlich eine Tasse Kaffee zu trinken. Man plauderte oft stundenlang, manche Schriftsteller haben hier ganze Romane geschrieben. Hätten sie vor dem Fenster einen Mann gesehen, der im Rennen seinen Kaffee aus einem Pappbecher trinkt, hätten sie ihn für einen armen und bedauernswerten Knecht gehalten. Und sie hätten recht gehabt.
Die Autoindustrie lamentiert, der Dieselskandal würde tausende von Arbeitsplätzen kosten. Das ist falsch. Die Konsumenten treffen einfach andere Entscheidungen und kaufen andere Autos. Das Geld fließt nur woanders hin und schafft in anderen Unternehmen neue Arbeitsplätze. Ob das eigene Unternehmen Arbeitsplätze verliert, hängt also ganz allein daran, ob VW & Co. Konsequenzen aus ihrem Fehlverhalten ziehen.
Billy Idol – To Be A Lover. https://www.youtube.com/watch?v=_L9epO3tJT4

Samstag, 9. September 2017

Der erste Preis

„Große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein.“ (Thomas Mann: Der Zauberberg)
Es muss schon recht spät gewesen sein. Ich saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher und weiß gar nicht mehr, ob ich noch gedankenlos auf den Bildschirm starrte oder schon eingedöst war.
Da klopfte es an meine Wohnungstür. Wer konnte das um diese Uhrzeit noch sein? Ich erwartete keinen Besuch mehr. Eigentlich erwartete ich nie Besuch. Ich saß einfach auf dem Sofa und wartete, bis es aufhörte.
Aber es hörte nicht auf. Es klopfte wieder. Und nach einer Weile ein drittes Mal. Ich wollte zur Tür schleichen, um durch den Spion zu sehen, wer dort war. Aber beim Aufstehen riss ich mit lautem Getöse eine Weinflasche um.
Resigniert ging ich zur Wohnungstür und öffnete sie. Vor mir stand ein korpulenter älterer Herr mit Mantel und Hut. Er hatte Falten wie eine Ziehharmonika.
„Sind Sie Herr Malotzke?“
„Ja“, antwortete ich ihm. „Was wollen Sie von mir?“
Er lächelte mich an. „Herzlichen Glückwunsch. Sie haben gewonnen.“
„Ich? Das kann nicht sein.“
„Sind Sie nicht Harald Malotzke aus der Kiebigstraße 17?“
„Doch, doch.“
„Sehen Sie. Dann sind Sie der Gewinner des ersten Preises der Firma Habermann & Loschkarowski“, sagte er triumphierend.
„Was habe ich denn gewonnen?“
„Darf ich bitte kurz hereinkommen. Dann kann ich es Ihnen näher erläutern.“
Ich trat zur Seite und bat ihn ins Wohnzimmer. Er setzte sich mit einem kurzen Ächzen auf einen Sessel. Als sein Mantel auseinanderklaffte, sah ich, dass er eine gestreifte Pyjamahose und karierte Filzpantoffeln trug.
„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“ fragte ich ihn, um Zeit zu gewinnen. Ich war misstrauisch geworden. In der Küche konnte ich mich mit einem Steakmesser bewaffnen.
„Champagner wäre angemessen“, sagte er.
„Leider kann ich Ihnen nur alkoholfreies Mineralwasser anbieten.“
Zornesadern zeigten sich auf seiner Stirn, als hätten sich Würmer unter seiner Haut eingenistet. Aber er nickte nur knapp und ich ging zum Kühlschrank.
Als ich zurückkam, hatte er seinen Hut auf den Wohnzimmertisch gelegt und eine Weltkarte ausgebreitet. Er bedankte sich für das Wasser und trank in langen Zügen.
„Wir müssen noch heute Nacht los, Herr Malotzke.“
„Warum? Wohin?“
„Das werde ich Ihnen alles unterwegs erklären. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Bitte ziehen Sie Mantel und Schuhe an.“
Das Telefon klingelte. Ich wollte an den Apparat, aber der Mann schüttelte energisch den Kopf. Es klingelte immer noch, als ich die Tür hinter mir zuzog.
Als wir auf die Straße traten, schwebte über uns ein riesiger Zeppelin, von dem eine Strickleiter herabgelassen wurde. Was soll ich Ihnen sagen? Wir waren achtzig Tage unterwegs und diese Reise hat mein Leben verändert.
The Kinks - All Day And All Of The Night. https://www.youtube.com/watch?v=fOGMRnKl5co

Marlon Brandy.

Freitag, 8. September 2017

SPD - the bottom is the limit


Blogstuff 151
„Nachts, wenn alle Bücher träumen, geht das Lesezeichen auf die Reise.“ (Johnny Malta: St. Goar statt Goa)
Kennen Sie das? Sie sind auf dem Weg in ein ganz bestimmtes Restaurant. Während Sie die letzten Meter zurücklegen, sind Sie voll im Tunnel. Hochkonzentriert wie ein Leistungssportler. Sie wissen genau, was Sie essen wollen. Was Sie dazu trinken werden. Welcher Kellner Sie bedient. An welchem Tisch Sie wie immer sitzen. Sie können das Gericht, das Sie in wenigen Minuten bestellen, praktisch schon auf der Zunge schmecken. Sie sind in diesem Augenblick in einer Art Raumkapsel, wie ein Schachgroßmeister bei seinem entscheidenden Zug. Und dann hat der Laden geschlossen. Betriebsferien. Sie sind wie vor den Kopf geschlagen und stehen minutenlang planlos in der Gegend rum. Beim Navi heißt das „Neuberechnung im Gang“. Endet gewöhnlich mit einer Currywurst und Pommes Rot-Weiß.
Über seinem Flohmarkttisch prangte das Schild „Der Stand der Dinge.“
Verstand – Verständigung – Verständnis
„Warum muss der Sohn betteln?“ (Graffito im U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz)
Aufgepasst, Ackerboys und Ackergirls! Ab September erscheint unser neues Magazin: das „Tomaten-Echo“. Es geht um euren Garten, um euren Balkon. In unserer ersten Ausgabe: „Der Kreuzkümmel – das unbekannte Wesen“, „Auf der Mauer, auf der Lauer – Schneckenjagd im Digitalzeitalter“ und „Die Top Ten der Frühkartoffeln“. Mit großem Preisausschreiben und Aussaathoroskop.
„Wenn es um räumlich und zeitlich begrenzte Aufgaben geht, sind sie gerissen. Nicht schlau, aber gerissen. Wenn es um größere Aufgaben geht, versagen sie völlig.“ (Urteil eines Expeditionsleiters einer extraterrestrischen Kultur nach einem Besuch der Erde)
Warum reisen die Menschen überhaupt noch, wenn sich doch nur die Kulisse ändert, vor der sie in ihr Smartphone starren? Ihren medialen Kokon verlassen sie doch sowieso nicht mehr. Reicht es nicht, wenn man sich einen Datenhelm aufsetzt und sich Paris im eigenen Wohnzimmer anschaut? Es würde zumindest die Umwelt schonen.
Wir benehmen uns alle wie Frontsoldaten an ihrem ersten Tag. Ständig denken wir: „Mir wird schon nichts passieren.“
Lustige Fakten, Teil 98: Die Politik arbeitet im Rahmen der allgemeinen Volksverarschung wie ihre Vorväter aus der christlichen Fraktion. Man verspricht uns für die Zukunft goldene Zeiten, wenn wir nur in der Gegenwart Verzicht üben. Jetzt sparen, später genießen. Und die Nummer verkaufen sie uns, bis wir auf dem Sterbebett liegen. Auch in der Sozialwissenschaft ist mir diese Lüge verkauft worden: Menschen, die Bedürfnisse aufschieben können, seien angeblich klüger sein als Menschen, die für sofortige Bedürfnisbefriedigung plädieren. Ich sage: das Gegenteil ist richtig. Wer weiß, ob du morgen noch lebst. Lebe im Hier und Jetzt. Nimm den Schokoladenkuchen zum Nachtisch, verschieb es nicht auf nächste Woche.
Um die Schmach der letzten Jahre zu tilgen, heißt der geplante Hauptstadtflughafen jetzt Frankfurt-Schönefeld.
Warum gibt es eigentlich Wohnungsnot in den großen Städten? Da wird viel gelabert. Der Hauptgrund: man will gar nicht, dass die vielen Emigranten in Deutschland Wurzeln schlagen. Man braucht nun mal einen Job und eine Wohnung. Und eine Wohnung kriegst du nicht, wenn du Ali oder Ahmed heißt. Die Wohnungen haben deutsche Eigentümer und die wollen deutsche Mieter. Das ist eine hinterfotzige Form von Apartheid, die gar nicht groß auffällt. Schon gar nicht den Medien. Politiker reden erst gar nicht über diesen Aspekt des Wohnungsmarkts. Wozu sollte man sich in die Karten schauen lassen? Für die linksliberale Öffentlichkeit war man 2015 tolerant, für die konservative Öffentlichkeit ist man 2017 König der Wagenburg. Nach der Wahl: GroKo Reloaded.
Dunkle Wolkengebirge schieben sich drohend über das Land wie feindliche Raumschiffe und alles duckt sich ängstlich in seinen Hütten und Nestern, um die nächsten Stunden mit dem vergeblichen Warten auf (Fragment)
Queen – Hammer To Fall. https://www.youtube.com/watch?v=JU5LMG3WFBw

Der Wedding – Wo das Rathaus wie ein Bahnhofsklo aussieht.

Donnerstag, 7. September 2017

Ein Fest

„Wenn schon die Erfindung des Schiffes so hoch gelobt wird, das Reichtümer und Güter von Ort zu Ort befördert, so müssten wir umso höher die Bücher preisen, die gleich Schiffen die Meere der Zeit überwinden und weit auseinanderliegende Epochen untereinander an ihrer Weisheit, ihren Erleuchtungen und Entdeckungen teilnehmen lassen.“ (Francis Bacon)
„Das ist Viktor. Er hat einige hervorragende Sachbücher über den Klimawandel und andere ökologische Themen geschrieben.“
Ich nickte ihm mit einem Lächeln zu und hob mein Sektglas. Gleichzeitig fragte ich mich, warum mir Sarah diesen Mann vorstellte. Sie war eine kluge Verlegerin, die nichts ohne Absicht tat. Wollte sie, dass wir zusammen einen Öko-Thriller schrieben? Seit dem Abgang von Wolkenstein, ihrem Bestsellerautor, zur Konkurrenz nach Hamburg, suchte sie nach einer Idee, die ihren Verlag wieder in die Presse und auf die Spiegel-Liste brachte. Oder hatte sie uns nur zusammengebracht, weil wir die einzigen Singles auf ihrer Jubiläumsparty waren?
Ich betrachtete ihr Gesicht. Die kleinen, scharfen Zähne, das Geflecht winziger Falten, das beim Lächeln durch ihr Make-up brach, die feinen grauen Haare an ihren Schläfen, dünn wie Spinnweben. Was hatte sie vor? Mein letzter Berlin-Krimi hatte sich gerade einmal zweitausend Mal verkauft. Damit lag er zwar nicht in den roten Zahlen, was Produktion und Marketing anbelangte, aber wir hatten an dem Buch beide nichts verdient. Nasenwasser, Kleingeld, dazu der jährliche Scheck von der VG Wort.
„Ich habe schon viel von Ihnen gehört“, sagte Viktor mit einem schlecht gespielten Lächeln. Er war hager, hatte schwarzes Jahr und einen dieser albernen Ziegenbärte, die seit Jahren aus der Mode waren. „Ihr neues Buch spielt im Hausbesetzermilieu in Berlin?“
Nicht ganz. Eigentlich überhaupt nicht. Aber es wäre dumm gewesen, an so einem wichtigen Abend zu widersprechen, während Sarah neben mir stand. Aber sie sagte nur „Ich lasse euch dann mal allein“ und ging zur nächsten Gruppe von Gästen.
„In dieser Stadt gehen die Milieus nie aus, Viktor“, sagte ich und kam mir einfach nur dämlich vor. Es sollte weltmännisch klingen, abgeklärt, ganz der Bonvivant und Künstler. Aber es klang hohl und schal.
Ich musste daran denken, wie Sarah mich vorgestellt hatte: „Das ist Arkadi Durtschagin, ein alter Studienfreund von mir. Er ist kurz nach der Wende aus Russland nach Berlin gekommen. Seine Kriminalromane spielen ausschließlich nachts und bei schlechtem Wetter.“ Was sagte das über mich? Was sagten diese kurzen Beschreibungen über einen Menschen? Drüben am Buffet stand Julian „Cäsar“ Mauck, Feuilletonchef des mächtigen „Berliner Boten“, und unterhielt sich mit Rainer Grunds, dem Leiter des Kulturradios Brandenburg & More. Was wusste ich über diese Menschen? Ich wusste nur, dass ich freundlich zu ihnen sein musste. Und ich wusste, dass ich jetzt gerne zu Hause oder allein an einer Bar wäre.
„Ich habe es hauptsächlich mit dem Wissenschafts- und Politikmilieu zu tun“, erzählte Viktor und trank sein Sektglas leer. Er sah mich beim Sprechen gar nicht an. Er starrte eine junge, blonde Volontärin an, als könne er ihr mit seinen Augen ein Brandzeichen verpassen.
Sie kam mit einem Tablett voller Häppchen näher. „Darf ich den Herren eine Kleinigkeit anbieten?“, fragte sie mit einem perfekten Reklamelächeln.
„Nicht nur eine Kleinigkeit“, sagte Viktor und blickte tief in ihren äußerst großzügig gefüllten Ausschnitt. Er war offensichtlich betrunken und nur wenige Silben von einem Skandal oder doch wenigstens von einer Ohrfeige entfernt.
Ich wäre zu diesem Zeitpunkt gerne gegangen, aber ich konnte mir mit meinen Verkaufszahlen unmöglich solche Freiheiten herausnehmen.
P.S.: Am 2. September war ich zum Sommerfest der Verlage Suhrkamp und Insel und des Literarischen Colloquiums Berlin in eine fette Villa am Wannsee eingeladen. Ich blieb zu Hause und ließ stattdessen ein wenig meine Phantasie spielen.
The Kinks - You Really Got Me. https://www.youtube.com/watch?v=fTTsY-oz6Go

Vor dreißig Jahren

Am 7. September 1987 besuchte Erich Honecker die Bundeshauptstadt Bonn. Der erste Staatsbesuch eines DDR-Regierungschefs im Westen. Am 11. September 1987 schrieb Robert Leicht in der ZEIT zu diesem Thema:
„Heute sind sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR jeweils die Nummer zwei in ihren Bündnissen, die nicht zuletzt geschaffen wurden, um sie ‚einzubinden‘. Jeder Gedanke an eine Veränderung, erst recht an eine Zusammenfassung ihres territorialen, politischen und wirtschaftlichen Potentials wäre für die Nachbarn besorgniserregend. Eine Wiedervereinigung müßte in europäischen, also auch in unseren Augen zurückführen in den Zustand, der letztlich die Teilung nach sich gezogen hat: zu einer Macht in der Mitte Europas, die alle angrenzenden Länder zu Randstaaten machen würde und die folglich zu Allianzen gegen uns führen müßte.“
Giulio Andreotti, siebenmaliger italienischer Ministerpräsident zwischen 1972 und 1992, sagte 1984 – da war er gerade Außenminister: „Es gibt zwei deutsche Staaten, und zwei sollen es bleiben.“
Michel Jobert, französischer Außenminister, argwöhnte Jahre später: „Deutschland beabsichtigt, seinen eigenen Weg zu gehen. Dies ist ein Volk, das denkt – bauend auf die wirtschaftliche Stärke und den gegenwärtigen Wohlstand der Bundesrepublik – einen Handel mit den Sowjets machen, um seine Einheit zurückzukaufen, in welcher Form auch immer.“

Mittwoch, 6. September 2017

Blogstuff 150

„Die Neger werden weiß gebohren, außer ihren Zeugungsgliedern und einem Ringe um den Nabel, die schwarz sind. Von diesen Theilen aus ziehet sich die Schwärze im ersten Monate über den ganzen Körper.“ (Immanuel Kant’s physische Geographie)
„Man hört hin und wieder Klagen über Seichtigkeit der Denkungsart unserer Zeit und den Verfall gründlicher Wissenschaft.“ (Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Vorrede zur ersten Auflage)
Andy Bonetti ist auf die Tibeter nicht gut zu sprechen, seit sie seinen Sohn Michi abgeholt und zum neuen Dalai Lama gemacht haben.
Auf der Fahrt von Mainz nach Koblenz, hinter Bacharach, in der Nähe von Oberwesel, kurz vor St. Goar, kam mir die Idee zu einer Kurzgeschichte mit dem Titel „St. Goar statt Goa“ oder umgekehrt, aber den Inhalt habe ich vergessen.
Einst waren Fernrohre gewaltige Monumente des Peniskults einer rein männlichen Wissenschaft. Heute öffnet sich die Vulva einer Sternwarte und wir werfen einen Blick auf die hervorlugende Klitoris des astronomischen Erkenntnisdrangs.
Ständig versuchen Martin Walser, Elfride Jelinek, Peter Handke, Herta Müller und andere Schriftsteller, Kontakt mit mir aufzunehmen. Sie schreiben lange Briefe und schicken teuren Wein. Den Wein trinke ich, die Briefe werfe ich ungelesen weg.
Zu einer Ehe gehören immer zwei – und zu einer Scheidung auch. Zum Martyrium der Ehe siehe auch: „Ungeschriebene Texte ungeschiedener Männer“. Der Sammelband ist gerade bei Bonetti Media Unlimited erschienen.
Was früher in meinem Kiez losgewesen sein muss! In der Ausgabe 103 der „Radikal“ vom April 1982 gibt es ein Bekennerschreiben, das auch die „Bewegung Winterfeldtplatz“ unterzeichnet hat. 23 Objekte hat man entglast und „einige Zweigstellen des Kapitals vorübergehend geschlossen.“
Der technische Fortschritt hat anfangs das Proletariat entlastet, die Roboter befreiten den Menschen vom chaplinesk verhöhnten Fabrikirrsinn. Jetzt hat sich der Fortschritt aber den Bürojobs zugewendet, es gibt keine automatischen Dönerstationen und Putzroboter. Keine Kaste darf komplett überflüssig werden.
Früher waren die Leute den ganzen Tag unterwegs, um zu jagen und zu sammeln oder um auf einer Wiese zu liegen und in der Sonne zu dösen, wenn keiner hingeschaut hat. Dann saßen sie abends um das Lagerfeuer und erzählten sich gegenseitig, was sie – tatsächlich oder angeblich – den ganzen Tag erlebt hatten. Sie nannten dieses Ritual „Tagesschau“. So vergingen die ersten fünfhunderttausend Jahre.
Während Wiesbaden noch vor zweihundert Jahren ein unbedeutender Handelsplatz für Jäger und Fallensteller war, kann Mainz auf eine zweitausendjährige Geschichte als Stadt zurückblicken.
Man muss im Leben auch Posterioritäten setzen können.
Du klopfst an die Tür, um hereingelassen zu werden. Aber es ist eine Falltür und du klopfst von unten.
Ich sehe mir eine Doku über Rettungsteams im syrischen Bürgerkrieg an. Neunzig Minuten. Länger als ein Gottesdienst. Ich fühle mich dank dieser Leistung moralisch überlegen und berichte darüber in meinem Freundeskreis. Ablasshandel statt FC Bayern oder ZDF-Krimi. Nicht nur Schweinefleisch ist billig in diesen Tagen.
Gegen WhatsApp ist Twitter ja geradezu episch. Zehn bis zwanzig Buchstaben müssen genügen, dazu die Emojis wie Grunzlaute aus dem Neolithikum.
Hätten Sie’s gewusst? Bonettis Schwester hat ins englische Königshaus eingeheiratet und heißt jetzt Susi Bonetti-Windsor.
Als ich neulich aus dem Bett gefallen bin, sind sämtliche Autoalarmanlagen in meiner Nachbarschaft angegangen. Es ist so ... so demütigend …
P.S.: Die besten Sprüche aus Blogstuff 1 bis 150 gibt’s jetzt auch als Glückskeks zu kaufen.
Depeche Mode – World In My Eyes. https://www.youtube.com/watch?v=nhZdL4JlnxI
Der komplette Autokorso durch Schweppenhausen zum Jubiläum. Ich danke allen Fans!

Dienstag, 5. September 2017

Peter und Jonas

„Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte.“ (Apostelgeschichte 2, 44-45)
Als er aufwachte, war es noch dunkel. Er blieb liegen und hörte den Geräuschen der Stadt zu. Das helle Wispern der Autos, das dumpfe Brummen der Lastwagen, der Hornissengesang der Motorroller.
Dann sah er durch die Mattglasscheibe der Wohnzimmertür Licht. Jonas war aufgestanden. Er wollte ihn nicht stören. Außerdem hatten sie sich gestern Abend gestritten. Irgendwas mit Politik. Irgendwo im Ausland. Irgendwie im Fernsehen.
Er hörte, wie Jonas duschte. Er hörte, wie in der Küche der Toast aus der Maschine sprang. Er hörte, wie die Tür geschlossen wurde. Schritte im Treppenhaus. Jonas war zur Arbeit gegangen. Immer wieder Schritte im Treppenhaus. Alle gingen zur Arbeit. Dann war es endlich still im Haus.
Er lag immer noch auf dem Sofa. Seit drei Monaten lag er auf dem Sofa, immer mit derselben Decke und demselben Kopfkissen. Er machte den Fernseher an. Die aufgekratzte Fröhlichkeit und deprimierende Oberflächlichkeit des Frühstücksfernsehens. Er ging auf die Toilette.
Als er am Fenster stand, sah er die Frau im Haus gegenüber. Sie kam an jedem Vormittag mit ihrem Baby und setzte sich auf den Balkon. Ob es ein Junge oder ein Mädchen war? Der Säugling trug einen weißen Strampelanzug. Auch die Mutter war in hellen Farben gekleidet. Er hätte die Farben gar nicht benennen können. Das Fenster war sicherlich seit einem Jahr nicht mehr geputzt worden.
Drei Monate hatte er jetzt keine eigene Wohnung mehr. Vor drei Monaten war er bei Jonas eingezogen. Seit einem Jahr hatte er keinen Job mehr. Beim Job-Center hatten sie ihm eine Umschulung angeboten. Aber er wollte nicht in einer Gärtnerei arbeiten. Er wollte einen Büro-Job. Notfalls auch eine Stelle als Pförtner.
Er zog einen Roman aus dem Bücherregal im Wohnzimmer und las ein paar Seiten. Aber er kam einfach nicht in die Geschichte rein. Er legte das Buch wieder weg und saß stumm auf dem Sofa. Er versuchte, den Moment noch ein wenig heraus zu zögern, aber um zwei Uhr nahm er die Flasche Wein aus dem Kühlschrank.
***
Als ich nach Hause kam, war Peter schon betrunken. Im Wohnzimmer roch die Luft abgestanden und nach Schweiß. Er hatte auch wieder geraucht, ohne wenigstens einmal die Fenster zu öffnen.
Ich trug die Einkaufstüte in die Küche und begann, alles in den Kühlschrank und das Küchenregal zu legen. Im Kühlschrank war kein Wein mehr, nur noch eine angebrochene Flasche Mineralwasser. Auf dem Küchentisch lagen ein kleines Holzbrett und ein benutztes Messer. Ich nahm die Butter vom Tisch und stellte sie in den Kühlschrank.
Ich ging ins Wohnzimmer. Er lag auf dem Sofa. Ich sah nur seinen Haarschopf, die Decke und am anderen Ende seine nackten Füße, die auf der Sofalehne lagen.
„Wir müssen reden.“
„Was ist denn los? Wegen gestern?“ Er lachte.
„Ich möchte, dass du gehst.“
„Wohin soll ich denn gehen?“
Der Fernseher lief. Wann hatte ich zuletzt auf meinem Sofa gesessen? Die Abende verbrachte ich auf dem alten Sessel oder gleich in meinem Schlafzimmer.
„Ich möchte, dass du gehst.“
Dann schloss ich die Tür.
10cc – I’m Not In Love. https://www.youtube.com/watch?v=2rgepWg4rzw

Montag, 4. September 2017

Die Zuflucht

Du hast dich freiwillig in eine Höhle einmauern lassen. Nur ein kleines Loch ist geblieben, durch das man dir Wasser und Nahrungsmittel reichen kann. Du bist auf deine Besucher angewiesen. Wenn die Menschen dich vergessen, wirst du verhungern und verdursten. Deine einzige Gegenleistung sind deine Worte. Von dem, was du ihnen sagen kannst, hängt dein Leben ab.

Durst und andere Männergefühle


Blogstuff 149
“Machete twittert nicht.” (Machete)
„Welcher Meinung soll ich denn heute sein?“ fragt der Abgeordnete.
Im Ernst: Im Bundestag werden keine Entscheidungen getroffen. Die Abgeordneten sollen die Ergebnisse in den Wahlkreisen verkaufen. Wenn man so will, sind sie Gebietsverkaufsleiter. Vorstand und Marketing sind eine Etage über ihnen.
In Berlin trifft man die Welt. Ich sitze in der U-Bahn, als sich drei gewichtige Damen aus Südostasien mit ihren Taschen um mich herum drapieren. Schräg gegenüber sitzt eine deutsche Rentnerin, die ob des umfangreichen Damenbesuchs – vorher saß ich allein – grinsen muss. An der nächsten Station wird die Vierergruppe auf der anderen Seite des Ganges frei und die Frauen setzen sich hinüber. Ich sitze wieder allein – für wenige Sekunden. Dann setzt sich eine offenbar arabische Mutter mit ihren beiden Töchtern (alle tragen eine Art Kopftuch, das auch Hals und Kinn bedeckt) zu mir. Die Rentnerin fängt an zu lachen. Was für ein Pechvogel, denkt sie vielleicht. Ich lache zurück. Dann gehe ich in ein indisches Restaurant in Charlottenburg. Als ich es verlasse, fällt direkt vor mir ein kleiner Junge mit Kippa vom Roller. Sein Bruder lacht, ich muss nicht helfen. Der Vater kommt um die Ecke, wir grinsen uns an, während die beiden zukünftigen Stuntmen um mich herum auf ihn zu rasen. Eine Stunde Berlin – und es fehlt nur noch Crocodile Dundee.
Hätten Sie’s gewusst? 1923 beginnt die Geschichte des Rundfunks in Berlin. Die private Funkgesellschaft Vox AG sendet aus einem kleinen Zimmer in der Potsdamer Straße 4. Die ersten Worte des Sprechers Alfred Braun lauten „Achtung! Achtung! Hier ist Berlin.“ Damals waren die kistenförmigen Empfangsgeräte sehr klein und besaßen einen Kristall, den man mit einer Nadel abtasten musste. Hatte man die richtige Stelle mit der Nadel entdeckt, konnte man über Kopfhörer Worte und Musik hören.
RTL-Pressemeldung: Aufgrund von Druckfehlern entfallen die Sendungen „Auf der Suche nach außerindischem Leben“ und „Ein böhmisches Grinsen“. Die Dokusoap „Freddy Lambada präsentiert: Die Stanztunte“ (Hinweis: Pointe dauert etwas länger) wird nachgereicht.
St. Pauli – das war schon immer vibrierende Sexualität. Hier trifft aufgestaute Matrosengeilheit auf ein Angebot echter Schaufensterpuppen in der Herbertstraße, obszöne Inszenierungen in diversen Etablissements auf der Reeperbahn und käufliches Fleisch aus aller Welt, an dem auch noch die Hafenarbeiter, Einheimischen und Auswärtigen gierig schnuppern. Tagsüber ist für die braven Touristen nichts davon zu spüren, es ist so öde wie Las Vegas ohne Leuchtreklame.
Bis auf wenige Ausnahmen ist mein Freundes- und Bekanntenkreis um die fünfzig Jahre alt. Inzwischen mögen sie alle ihren Job, ihren Arbeitgeber. Sie meckern nicht mehr, sie denken nicht mehr über Alternativen nach. Sie leben, aus ihrer Perspektive betrachtet, in der besten aller möglichen Welten. Wo soll es denn auch noch hingehen? Mit fünfzig bleibt man an seinem Arbeitsplatz, bis man in Rente geht oder mit den Füßen nach vorne rausgetragen wird. Es geht uns doch gut! Und so ist es auch mit den Wahlen. Der Durchschnittsdeutsche ist 46 Jahre alt, der Durchschnittswähler ist über fünfzig. Da will man keinen Wechsel mehr, alles soll so bleiben, wie es ist. Also wählen wir wieder die Merkel, die auch in der nächsten Auflage der GroKo die Spezialdemokraten wie einen roten Holzdackel hinter sich her ziehen wird.
Das Schöne am Älterwerden ist, dass die Zahl der Ausreden zunimmt.
Farben von Raucherzähnen: Gitanes-Maisgelb, Aschgrau, Zigarrenbraun.
Bahnhof Zoo: Hier bin ich 1981 aus dem Interzonenzug gestiegen und habe zum ersten Mal Berliner Boden betreten. Damals ein aufregender und gefährlicher Ort – zumindest laut „Christiane F.“. 36 Jahre später sitze ich in meiner Wohnung, die nur ein Kilometer entfernt ist. Keine Fernzüge mehr, keine Drogen, keine Aufregung.
Hätten Sie’s gewusst? Im Jahr 1649 beginnt das staatlich organisierte Postwesen in Berlin. Das erste Postamt ist im Schloss untergebracht. Dort dürfen sich die Berliner ihre Post abholen. Der Briefträger wird erst später erfunden. Allerdings hatte die preußische Hauptstadt damals auch nur 6000 Einwohner.
Die Akademikerschwemme wird uns richtig voranbringen. Zwanzig Semester Eventfloristik in Paderborn – da kann man natürlich bei jedem Thema mitreden.
The Eyes – As Tears Go By. https://www.youtube.com/watch?v=resHYlh_dOM

Sonntag, 3. September 2017

Houston, we have a poem

Erst war es ein Wirbelsturm.
Dann kam der verheerende Regen.
Am Ende auch noch Donald Trump.
Ist das die Apokalypse?

Variante:
Erst kommt der Wind, dann kommt das Wasser.
Die Situation wird immer krasser.
Und letztlich kommt – der Welten End?
Die dumme Sau von Präsident.



Zeitung "Jugend", 1899
Witthüser & Westrupp - Nimm einen Joint, mein Freund. https://www.youtube.com/watch?v=9zXhUnevS0I
Bernd Witthüser starb am 4. August im Alter von 73 Jahren. Die beiden singenden Hippies waren von 1969 bis 1973 ein Duo. Witthüser ging in die Toskana, lebte in einem Wohnwagen und einer Jurte und verdiente sein Geld als Straßenmusiker. Er sei friedlich eingeschlafen, sagen seine Freunde. Danke für die Info, Harri!

Marxismus und Neoliberalismus

„Marxismus ist die Religion der Armen, Neoliberalismus ist die Religion der Reichen.“ (Andy Bonetti: Die Apokalypse war gestern)
Es ist eine bittersüße Ironie der Geschichte, dass sich Marxisten und neoliberale Ökonomen gleichermaßen mit ihren "Gesetzmäßigkeiten" auf der Seite der Naturwissenschaft wähnen.
Der Marxismus war in den kommunistisch regierten Staaten zugleich Erkenntnistheorie, d.h. Basis aller wissenschaftlichen Methodik, und Weltanschauung, d.h. Grundlage aller politischen und gesellschaftlichen Praxis. Jede andere Philosophie war per se bürgerlich und daher klassenfeindlich. Der weitere Fortgang der Geschichte war durch Marx und Engels wissenschaftlich erwiesen, die Überwindung des Kapitalismus und die Diktatur des Proletariats mussten zwangsläufig erfolgen und waren alternativlos. Entweder wartet man einfach, bis es soweit ist (Revisionismus) oder man beschleunigt den historischen Prozess: Eine Avantgarde organisiert für das Proletariat eine Revolution (Leninismus) und im kommunistischen Staat wird das Klassenbewusstsein durch permanente und systematische ideologische Schulung erst nachträglich geschaffen (Stalinismus).
Der Neoliberalismus als Grundlage der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Praxis beweist in Form der herrschenden Volkswirtschaftslehre die Notwendigkeit, alle Prozesse marktförmig organisieren zu müssen. Auch hier erkennen wir ein angeblich unwiderlegbares Dogma. Dem globalisierten Handel dürfen keine Hindernisse (Zölle, Tarifverträge, Arbeitnehmerrechte, Umweltschutz usw.) in den Weg gelegt werden, sonst ist er nicht mehr „frei“. Steuern und Sozialbeiträge auf den Profit der Unternehmen sind des Teufels und müssen reduziert oder umgangen werden. Im „Steuerparadies“ gibt es den Staat nicht mehr, der Kapitalverkehr ist ohnehin steuerfrei (keine Transaktionssteuer, bitte!). Jede Alternative zu dieser Ideologie ist „links“, riecht nach Keynes und ist daher abzulehnen.
Es gibt jedoch leider keine eisernen Regeln, nach denen die Menschenwelt funktioniert, als wären wir Planeten, deren Bahn man berechnen kann. Der Marxismus ist nur eine Idee, ursprünglich übrigens eine Utopie - man kann nicht einfach zu Hause sitzen und auf die Revolution warten wie ein Schalke-Fan seit 1958 auf die nächste Meisterschaft, weil sie irgendwann zwangsläufig kommen muss. Der Marktglaube endet nicht im Paradies, selbst wenn auch der allerletzte Kindergarten ein kapitalistischer Musterbetrieb geworden ist. Gesellschaft funktioniert nicht nach ewigen physikalischen Gesetzmäßigkeiten, Gesellschaft ist ein lernender Organismus. Es gibt kein Ende der Geschichte. Auch Philosophien und Ideologien entstehen und vergehen im Laufe der Zeit – sonst hätten wir ja bei den Vorsokratikern schon den Schlussstrich ziehen können.
Den Beweis dieser These haben die Prophezeiungen von Karl Marx schon angetreten. Seine Beweisführung erschien zwingend, seine Schlussfolgerungen waren logisch aufgebaut. Je größer der Fortschritt der industriellen Revolution war und je materialistischer die Herrschenden seien, desto größer würde die Armut der arbeitenden Massen werden. Darum werde es auch dort, wo die Industrialisierung am weitesten vorangeschritten sei, zu einer Revolution kommen. Nach einer Phase der proletarischen Diktatur würde es zum Absterben des Staates kommen. Hernach würden alle in einer herrschaftsfreien, klassen- und besitzlosen Kommune leben.
Den europäischen Arbeitnehmern geht es bekanntlich heute besser als im 19. Jahrhundert. Die Revolution fand in Ländern wie Russland und China statt, die kaum industrialisiert waren. Es waren auch nicht die Arbeiter, die diesen Putsch gegen die herrschenden Monarchien durchführten. Und der Staat ist alles andere als abgestorben, ganz im Gegenteil. Die Bürokratie und die Planwirtschaft überwucherten alles, Polizei und Geheimdienste kontrollierten die Gesellschaft. Die Kommune hat es nur 1968 in West-Berlin gegeben – fragt Uschi Obermaier.
Den Prophezeiungen des Neoliberalismus wird es nicht besser ergehen, weil sich die leeren Versprechungen des politisch-industriellen Komplexes in nichts von den Propagandalügen der roten Bourgeoisie unterscheiden. Noch hält eine Mehrheit die „unsichtbare Hand“ des Marktes für den neuen Gott. Die Banktürme in Frankfurt gelten als Kathedralen des Geldglaubens, die Börse ist das Tabernakel. Das Netzwerk dieser Religion ist weit verzweigt bis in die Bankfilialen der Kleinstädte und Dörfer. Kommende Generationen werden über diese Naivität ihrer Vorfahren lachen.

P.S.: Zur Ehrenrettung von Karl Marx sei gesagt, dass er selbst seine zeitgenössischen Analysen der gesellschaftlichen Verhältnisse als grundsätzlich revidierbar und nicht als die Heilslehre verstanden hat, die seine Apologeten leider aus seinem Werk gemacht haben. Marx selbst sagte – im Hinblick auf seine Anhänger in der SPD –, er sei kein Marxist. Was später in seinem Namen verbrochen wurde, hätte vermutlich nicht sein Einverständnis gefunden. Aber so ging es ja auch schon Jesus Christus und Elvis Presley.
Dean Martin – Everybody Loves Somebody. https://www.youtube.com/watch?v=rXJL7tlECg0

Dr. Schäuble