Montag, 20. November 2017

Nachdenken über Rodin

Sie kennen Rodins Skulptur „Der Denker“. Da hat die Figur ihren rechten Ellbogen auf dem linken Oberschenkel aufgestützt. Das schaffe ich in meinem Alter gar nicht mehr. Kriegen Sie das hin?

Textbausteine, die auf dem Müllhaufen der Geschichte landen

Bei Bonetti Media Unlimited, wo täglich gigantische publizistische Zahnräder ineinander greifen und Tausende Mitarbeiter weltweit (btw: Kennen Sie die usbekische Ausgabe dieses Blogs?) für einen unaufhörlichen Strom von Hintergrundinformationen, Arztromanen und politischen Statements sorgen, wird natürlich nichts dem Zufall überlassen. Das Medienunternehmen ist auf alles vorbereitet. Hier liegen die Nachrufe sämtlicher Promis schon in der Schublade. Wenn Oliver Kahn heute bei einem Autounfall stirbt, sind wir mit dem Nachruf in drei Minuten online und morgen können sie seine Biographie in jeder Bahnhofsbuchhandlung kaufen. So ist Bonetti. Hier weiß man, wie das Geschäft läuft.
Natürlich hatten wir für heute auch einen Text vorbereitet, da wir angenommen haben, die Jamaika-Sondierungsgespräche würden erfolgreich verlaufen. Folgende Textbausteine wandern jetzt in den Müll. Danke, Patrick Lindner!
Es ist weniger das historische Verdienst Merkels, die erste Frau im Kanzleramt zu sein, als die Tatsache, dreimal eine Partei aus dem linken Lager bewegt zu haben, einer bürgerlichen Regierung zur Macht zu verhelfen. In Merkels erster und dritter Legislaturperiode wechselte die SPD aus dem linken ins bürgerliche Lager, jetzt werden es die Grünen sein. Das ist noch nicht einmal Adenauer oder Kohl gelungen. Rot-rot-grün hatte von 2013 bis 2017 eine Mehrheit im Bundestag. Man verzichtete auf das Kanzleramt zugunsten Merkels. Darüber hinaus ist es bemerkenswert, was man zu opfern bereit war und ist, um mit dem politischen Gegner ins Geschäft zu kommen. Bei den Sozialdemokraten war es das Soziale, bei den Grünen sind es Umweltschutz und Menschenrechte. Das werden zukünftige Historiker und Lehrer ihrer Klientel erst einmal erklären müssen. Merkel hat mehr Parteien als Steigbügelhalter benutzt als jeder ihrer Vorgänger: CSU, FDP, SPD, Grüne.
„Ich bewundere Angela Merkel. In ihrem Parlament gehen die Gesetzesvorlagen so heimlich und leise rein und raus wie ein Priesterschwanz in einen Kuharsch.“ (Donald Trump)
Spinnen pflegen den Leichnam ihres Opfers, der zum späteren Verzehr bestimmt ist, in ihrem Netz öffentlich auszustellen. Wie schaffe ich jetzt die Überleitung zu Merkel und den Grünen?

Bonetti‘s Weltwirken und seine Verankerung im Absoluten


Blogstuff 169
„Jeder nennt die Gedanken ‚klar‘, die den gleichen Grad der Konfusion wie seine eigenen haben.“ (Marcel Proust)
Wir sind gegenüber langsamen Entwicklungen oft hilfloser als gegenüber schnellen Veränderungen. Womit wir wieder einmal bei den Themen Übergewicht und Angela Merkel wären.
Alte Sicherheiten lösen sich auf wie auf einem Gemälde von Dali.
Keine Mücke, die in sein Haus geflogen ist, hat man jemals wiedergesehen. Bei den Menschen bin ich mir nicht sicher. Die Nachbarn behaupten, er sei ein schwarzes Loch.
Vorteil meines Gewichts: Ich bin Ende Oktober der letzte Mensch in Berlin, der im T-Shirt rumläuft, während andere schon Schals und Wintermäntel tragen.
Hätten Sie’s gewusst? Das Kiezschreiber-Blog wird auch im Bundeskanzleramt gelesen. Der Pförtner ist ein ganz großer Fan von mir.
Die Medien sind immer noch beleidigt, weil sie durch das Internet die Publikationshoheit verloren haben. Aber schon früher haben sich die Leute mindestens die Hälfte ihrer Informationen am Gartenzaun, in der Kneipe oder in der Kaffeeküche ihres Büros geholt. Jetzt steht eben die ganze Welt an meinem Gartenzaun.
Die drei Schubladen für meine Einfälle: a) Bierlaune, b) Schnapswahn, c) Eitelkeiten, Heikelkeiten, Heiterkeiten, d) erst nach meinem Tod veröffentlichen.
Kennen Sie Tristan Schweinehals? Von ihm entstammte der berühmte und zukunftsweisende Entwurf für das Urinal zu Ehren Bismarcks, der leider nicht mehr zur Ausführung gelangte.
Es gehört zum Repertoire der Konzernsender, arme Menschen durch den Dreck zu ziehen. Vorläufiger Höhepunkt ist die Serie „Promis auf Hartz IV“ auf RTL II, in der Omega-VUPs, die man höchstens aus dem Dschungelcamp kennt, einen Monat von Sozialhilfe leben müssen. Armut als Kinderspiel, nach Drehschluss geht’s dann mit dem Heli zum Luxus-Shopping.
Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Schildkröten haben immer denselben Gesichtsausdruck.
Häufig werde ich von meinen Lesern gefragt, was ich eigentlich am 20. Oktober 2017 gegen 13:33 Uhr gemacht habe? Eine heikle Frage, sehr persönlich, fast ein wenig intim. Trotzdem werde ich sie natürlich beantworten. Ich habe nachgedacht, liebe Freunde der Nacht, in langen Zügen und mit gutem Appetit nachgedacht.


Als ich am 12. Oktober nach Berlin kam, war die Linde vor meinem Fenster noch grün. Fünf Tage später waren fast alle Blätter gelb und heute, am 22. Oktober, ist er kahl. Selbst der Herbst ist in der Großstadt schneller als auf dem Land.
Der Orkan, der neulich hier unterwegs war, hat im Stadtgebiet über 50.000 Bäume zerlegt, aber keinen in meiner Straße oder im Garten hinter dem Haus. Schade, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht in Berlin war. Ich hätte gerne eine Lieferpizza bestellt.
Dort, wo früher das griechische Lokal Mykonos war und vor 25 Jahren kurdische Politiker ermordet wurden (beim diesjährigen Jubiläum waren wieder zahllose Menschen und Kamerateams anwesend – ein Mann bekam einen Herzinfarkt), ist jetzt eine Kita für Ein- bis Dreijährige. Was würde ein Dichter aus dieser Symbolik machen? Dort, wo einst das Leben von vier Menschen blutig endete, beginnt nun für viele Existenzanfänger ihre Zeit auf Erden. Sie krabbeln über den Boden, auf dem damals mit Kreide die Umrisse der Leichen gezeichnet wurden. Hurz!
Fox The Fox - Precious Little Diamond. https://www.youtube.com/watch?v=xMee76YLRQo

Sonntag, 19. November 2017

Nein!

Ja und dreimal Ja. Ich werde alt. Mir gehen Sachen auf den Senkel, die mir früher egal waren. Und jetzt möchte ich Ihnen etwas über Gewalt in den Medien erzählen.
Ich sitze bei Freunden im Wohnzimmer. Vater, Mutter, Kind. Das Mädchen ist zwölf Jahre alt. Der Fernseher läuft, ein Info-Kanal. Wir unterhalten uns.
Im Fernsehen laufen alte Dokumentaraufnahmen aus dem vergangenen Jahrhundert, es geht um Russland. Wir sehen ein paar Bauern, deren Hände auf dem Rücken gefesselt sind. Man zwingt sie in die Knie, dann werden sie von Menschen erschossen, die wir nicht sehen können.
Das Mädchen neben mir auf der Couch zuckt kurz, wir andern unterhalten uns routiniert weiter. Ich finde das nicht in Ordnung. Lachen Sie mich ruhig aus. Ich finde die ganze Gewalt in den Medien nicht gut. Ich habe mich daran gewöhnt. Aber was ist mit den Kindern? Werden sie abstumpfen wie Vieh?

Jamaika - mit Joschka und Guido?

Werden wir eines Tages "Hundert Jahre Jamaika-Witze" feiern?

Kiezschreiber exklusiv: Der Niedergang

„Na sowas, sie haben uns gefunden.“ – „Das ist eine Insel, Boss. Sie finden uns immer.“ (Shutter Island)
Wilmersdorf – Hort der Bürgerlichkeit, Heimat der Witwen. Aber in diesem Jahr ist der schleichende Niedergang dieses Stadtteils offenkundig geworden. An den Verrückten mit Tourette-Syndrom, der mir regelmäßig wild gestikulierend und brüllend entgegenkommt, habe ich mich ja schon gewöhnt. Aber jetzt das:
Im Sommer duscht ein Mann im Springbrunnen am Prager Platz. Mit Shampoo und Handtuch. Großes Hallo bei den Damen im nahegelegenen Café, die ihre Stühle in Richtung Brunnen drehen.
Im Herbst schlägt ein Mann auf der Verkehrsinsel mitten auf der Bundesallee, Ecke Spichernstraße, sein Zelt auf und lebt jetzt dort – umgeben von einer sechsspurigen Straße.
Eine Freundin sitzt mit ihrem Lebensgefährten im Lokal. Er hat 1500 Euro im Jackett, die er seinen Mitarbeitern später auszahlen will. Das Jackett hängt über der Stuhllehne. Zwei Männer setzen sich an den Tisch hinter dem Mann. Die Frau weist ihren Lebensgefährten mehrfach darauf hin, dass sich sein Jackett bewegen würde. Später stellt er fest: das Geld ist weg. Die Männer sind verschwunden.
Heute komme ich von einem vorzüglichen Drei-Gänge-Menü (Miesmuscheln in Weißweinsoße, Papardelle mit Hirschragout, Mandeleis) mit einer alten Bekannten in der Osteria No. 1 in Kreuzberg zurück und wir finden eine Handtasche im Vorgarten. Der Schulterriemen ist zerrissen, der Inhalt ist verstreut, das Geld fehlt, aber ansonsten sind die Papiere komplett. Eine Frührentnerin aus Pforzheim wurde das Opfer eines Diebstahls. Anstatt alles der lahmarschigen Berliner Polizei zu übergeben, rufen wir die Bank der Bestohlenen an. Banken haben immer die Telefonnummern ihrer Kunden, auch wenn sie die Nummer nicht rausgeben dürfen. Die Bankangestellte ruft für uns die Dame an, sie ruft sofort zurück und erzählt, sie sei einige Tage zuvor, auf dem Rückweg von einem Konzert in ein Hotel in unserer Nähe, überfallen worden. Immerhin bekommt sie von uns ihren Personalausweis, den Führerschein und die Fahrzeugpapiere, Bankkarten und den Schwerbehindertenausweis zurück. Sicher werden die Frau und ihr Ehemann nie wieder nach Berlin fahren.
Das alles sind nur aktuelle Beispiele aus einem Hundert-Meter-Radius rund um meine Wohnung. Schon vor zwei Monaten wurde ich am Bahnhof Südkreuz Zeuge eines Handtaschenraubs. Unmittelbar vor dem Einsteigen in den ICE reißt ein Mann der älteren Frau direkt vor mir die Handtasche von der Schulter und rennt weg. Im Zug wendet sich das Opfer an die Schaffnerin, sie ruft die Polizei an und lässt ihre Karten sperren. O tempora, o mores. Quo vadis, Wilmersdorf? Quo vadis, Berlin? Geht diese Stadt den gleichen Weg wie Sarajewo und Mogadischu? Wo ist die CSU, wenn man sie mal braucht?
P.S.: Vor dem Einkaufszentrum am Prager Platz steht ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr. Brennt es in meinem Kiez? Nein, aus dem Haupteingang tritt ein junger Mann in Uniform auf den Bürgersteig. Er hält drei Gläser Bautzener Senf in den Händen. Die Feuerwehr rückt wieder ab, die Zufahrt für Notfälle ist frei. Das ist Berlin.
Prince – Batman. https://www.youtube.com/watch?v=ulOLYnOthIw

Samstag, 18. November 2017

Malcolm Young

Lebende 0
Tote 1
https://www.youtube.com/watch?v=qFJFonWfBBM&feature=share
Ich hätte gedacht, ich würde es gefasster aufnehmen. Aber die "Highway To Hell" war - zusammen mit der "Wish You Were Here" von Pink Floyd - nun mal die erste Platte meines Lebens.

Bernburg und Tangermünde

„Dann traten sie durch ein Tor, das wacklig aussah, in das Land hinaus. Die Felder wurden gemäht. Der Himmel war blau und schwer, die Schwalben schwammen darin wie in trägem Wasser. Die Bauernhäuser dort drüben waren eingetaucht in heißes Flimmern, und ein Wald stand schwarz, mit blauen Wegen.“ (Heinrich Mann: Der Untertan)
Es ist unfassbar: Er hat nun schon zum zweiten Mal ein Meet & Greet mit Andy Bonetti gewonnen. Vermutlich, weil er wieder einmal der einzige Teilnehmer des Preisausschreibens gewesen ist: der Ultra Lights-Kettenraucher, Gelegenheitshanfwerker und Mitarbeiter des Monats vom Juli 1976 (ältere Leser dieses Blogs werden sich erinnern) Harri.

Das Ende der Welt – aber immerhin mit einem Toilettenhäuschen

Wir bezahlen Jimmy Thanatos, den Fährmann

Ein letzter Blick auf das Diesseits

Die General-von-Knorpel-Kaserne in Nieder-Schweinichen

Bernburg
Wir hatten die Auswahl zwischen einer teutonischen Schnitzelkneipe namens Bräustüberl und einem arabischen Restaurant direkt gegenüber. Im Osten fällt einem die Wahl nicht schwer und die Lammspieße mit Reis, Sesamcreme und Joghurt waren wirklich köstlich. Den Nachtisch gab’s umsonst dazu – ich revanchierte mich mit vier Euro Trinkgeld.



Tangermünde – Zuchtperle des DDR-Tourismus


„Sie blickten umher: Sie waren in einem weiten, fremden Land, die kleine Stadt dort hinten schlief fremdartig in der Sonne, und der Himmel sah ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist.“ (Heinrich Mann: Der Untertan)

Air – Moon Safari. https://www.youtube.com/watch?v=kxWFyvTg6mc

Die Erzählmaschine

Er hatte ein faustgroßes, knallrotes Geschwulst auf der Stirn, das permanent pulsierte und von lilafarbenen Adern durchzogen war. Eines Tages begann es zu singen:
Einem Hai namens Kai
Ging das Moped entzwei
So muss er bis Meppen
Auf Flossen sich Schleppen
Was ist schon dabei?

Die Erfinder von „Jamaika“

Die Taino sind längst vergessen. Dieses arme Volk hatte das Pech, als erstes mit Kolumbus und seinen Leuten in Kontakt zu kommen. Es ging den Europäern bekanntlich um neue Handelswege, um Gold und wertvolle Rohstoffe – wie heute. Die Ureinwohner waren ihnen herzlich egal. Nur wenige Jahrzehnte nach ihrer „Entdeckung“ waren die Taino ausgestorben.
Kolumbus schilderte diese Menschen als „unschuldig und von einer solchen Freigiebigkeit mit dem, was sie haben, dass niemand es glauben würde, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Was immer man von ihnen erbittet, sie sagen nie nein, sondern fordern einen ausdrücklich auf, es anzunehmen und zeigen dabei so viel Liebenswürdigkeit, als würden sie einem ihr Herz schenken.“ Schön blöd.
Allein auf der Insel Hispaniola lebten je nach Schätzung zwischen 300.000 und einer Million Taino. 1517 gab es noch 11.000, 1533 noch fünfhundert von ihnen. Das Land wurde unter den Spaniern aufgeteilt, die Ureinwohner galten als Teil des Grundbesitzes und hatten keine Rechte.
Von den Taino ist aber ein Teil ihres kulturelles Erbe unsterblich geworden: die Hängematte. Wir nutzen sie bis heute. Auch einige Wörter der Taino sind in die europäischen Sprachen eingewandert: huracán (Hurrikan, Wirbelsturm), manatí (Seekuh), tobaco (Tabak), maíz (Mais), papaya (Papaya), caimán (Kaiman, Krokodil), canoa (Kanu).
Sogar einige ihrer geographischen Bezeichnungen haben die Zeit überdauert: Jamaica, Cuba, Aíti (Haiti – ein Staat auf der Insel Hispaniola). Über die deutschen Sondierungsgespräche 2017 unter der Überschrift „Jamaika“ hätten sie vermutlich nur gelacht.

Freitag, 17. November 2017

Superhorstl

„Es gibt Menschen – moralische Abnormitäten, und ihre Anzahl ist größer, als man annimmt – die man nur beschreiben, nicht mehr verstehen kann.“ (Arno Schmidt: Brand’s Haide)
„Obergrenze“, rief er, mit Tränen in den Augen und voller Ehrfurcht. „Obergrenze!“ Er wirkte so ergriffen, als sei er gerade vierzig Tage und vierzig Nächte in der Wüste gewesen und habe das Wort Gottes empfangen. Dann sah er sich in der Runde um, als erwartete er, dass alle in Jubelschreie ausbrechen, auf die Stühle steigen und die Hüte schwenken.
Seehofer ist wie ein Punkt bei Euklid. Er hat eine Position, aber keine Substanz, keine flächenmäßige Ausdehnung. Aber manchmal möchte sich so ein Pünktchen trotzdem ausdehnen und zerplatzt wie die Schaumblasen auf einem bayrischen Weißbier.
P.S.: Was haben Simbabwe und Bayern gemeinsam? In beiden Ländern hat es noch nie einen demokratischen Machtwechsel gegeben. Der Wechsel auf dem Häuptlingsthron erfolgt regelmäßig durch einen Putsch.

Markus Söder erfährt, dass er den CSU-Parteivorsitz übernehmen soll.

Der Schabrackentapir

„Weisheit gehört zu den wenigen Dingen, die man weder kaufen noch verkaufen kann.“ (Robert Crumb: Die Nerds, 1978)
Ich saß mit einer Freundin an einem Vierertisch im ICE, als sich eine ältere Frau mit roter Kurzhaarfrisur und einem völlig überkandidelten bunten Schal neben mich setzte.
E. und ich sprachen gerade über die aktuelle Sexismus-Debatte. Es ging um die Frage, ob man noch Weinstein-Filme sehen durfte, nachdem die ekelhaften Details seiner sexuellen Belästigungen ans Licht gekommen waren. Ich gab zu bedenken, dass man dann auf die Quentin-Tarantino-Filme verzichten müsse. E. fügte an, sie könne dann die Herr-der-Ringe-Trilogie und „Shakespeare in Love“ nicht mehr sehen.
„Sie als Mann sollten sich aus dieser Debatte sowieso raushalten“, mischte sich die Frau mit einem giftigen Zischen in unser Gespräch ein.
Ich sah E. an und grinste. Dann legte ich los.
„Habe ich dir von dem Tierfilm erzählt, den ich neulich im Netz gesehen habe? Da ging es um den Schabrackentapir. Ein widerliches Tier. Es stinkt wie die Pest und fängt mit jedem Streit an.“
E. begann zu lachen.
„Der Schabrackentapir ist so aggressiv gegenüber anderen Tieren, das er in keinem Zoo der Welt gehalten werden kann. Die Tiere siehst du eigentlich nur im Film. Er ist so hässlich wie Dobrindt und so blöd wie Scheuer. Er hat ekelhafte rote Zotteln auf dem Kopf und einen fetten Schwabbelhals, den er nicht gerne zeigt. Das ganze Tier sieht aus wie ein Verkehrsunfall.“
Jetzt war E. nicht mehr zu halten. Sie bekam einen Lachanfall, Tränen liefen über ihre Wangen.
„Am schlimmsten ist der weibliche Schabrackentapir, wenn er die Wechseljahre hinter sich hat. Dieses Vieh ist wirklich die mit Abstand größte Scheißhausfotze im ganzen Tierreich.“
An diesem Punkt musste ich selbst aufpassen, dass ich nicht losprustete, aber ich brachte es zu Ende.
„Der Film ist der Hammer. Ich schick dir den Link. Ich weiß gar nicht, wie diese Tiere sich überhaupt fortpflanzen – und warum.“
Dann war Ruhe an unserem Tisch.
Eine Weile später sprachen E. und ich über unsere Vorliebe für T-Bone-Steaks.
Ultravox – While I’m Still Alive. https://www.youtube.com/watch?v=hqNvsJHP7TE
Copyright: Harri.

Donnerstag, 16. November 2017

Reichtum für alle!

Nachdem Lambsdorff von der FDP schon im Sommer den alleinerziehenden Müttern nahegelegt hatte, Immobilien zum Zwecke der Vermögensbildung zu erwerben, legt die FAZ jetzt nach. Die Armen sollen ihre Anlagestrategie ändern und ihr Aktienportfolio optimieren.
"Sie müssen Ihr Aktienportfolio optimieren", rufe ich heute der Kassiererin bei Aldi zu.
Dann treffe ich meinen alten Kumpel Jürgen, der gerade seinen Job verloren hat. "Du musst dein Aktienportfolio optimieren, Jürgen. Dein Aktienportfolio, verstanden?"
Am Bahnhof steht ein rumänischer Bettler. Ich gebe ihm kein Geld, aber einen wertvollen Rat: "Du optimiere Aktienportfolio."
Wir werden alle so schweinereich, es wird kaum auszuhalten sein.
http://www.faz.net/aktuell/finanzen/kommentar-reichtum-fuer-alle-15292399.html
"Hier liegt eine Chance für die Jamaika-Koalition. Mit FDP und Grünen sind zwei aktienfreundlichere Parteien beteiligt, als die SPD es ist."

Rätselhafte Performance - Medienberichte überschlagen sich

Die Medien berichten von einem Unbekannten, der mit schöner Regelmäßigkeit Hackfleisch auf die Bahngleise bei Pfinztal legt.
http://www.infranken.de/ueberregional/deutschland/unbekannter-legt-woechentlich-ein-pfund-hackfleisch-auf-bahngleise;art55462,3022651
Bonetti Media gibt dazu folgende Stellungnahme ab. Es handelt sich hierbei um eine Performance von Andy Bonetti, der damit gegen die Aufhebung der Buchpreisbindung protestiert, die von Amazon und anderen Unternehmen gefordert wird. Eine solche Aufhebung würde Hackfleisch aus seinen Einnahmen als Autor machen - und das zu einem Zeitpunkt, da der Bonetti-Zug gerade schulzmäßig Fahrt aufgenommen hätte.
Lesen Sie dazu auch: "Hut in Jauche getaucht und angezündet - Bruderstreit eskaliert".
http://www.infranken.de/regional/lichtenfels/weismain-hut-in-jauche-getaucht-und-angezuendet-bruderstreit-eskaliert;art220,3016257

Tanz auf der Rasierklinge


Blogstuff 168
„Die meisten Menschen (…) waren egoistisch, gierig, prinzipienlos, käuflich und von einer unverbesserlichen Selbstgefälligkeit, doch hatte er auch die Erfahrung gemacht, dass genau dieselben Menschen sehr empfindlich auf Kritik reagierten.“ (Richard Russo: Empire Falls)
Langsam und lautlos löst sich ein Schatten aus dem Nebel. Ist es der Jäger Gracchus? Nein, es ist die Fähre F 10 der BVG, die kurze Zeit später am Steg anlegt und mich über den Wannsee bringen soll. Das Schiff ist am frühen Morgen fast leer. So stelle ich mir den ersten Moment vor, nachdem man gestorben ist.
Wir malen einen Kreis in die Luft, sehen ihn scharf an und behaupten dann, wir kennen den Kern von irgendwas.
Wort der Woche: Kriegsschauplatz.
Die kulinarischen Highlights des Monats Oktober: Am 14. bin ich zu einem mexikanischen Abend bei einem der angesagtesten Alphablogger der Hauptstadt eingeladen, am 15. esse ich bei Uncle Sam’s das erste frittierte Mars in meinem Leben (sehr empfehlenswert), am 16. sitze ich bei 23 Grad im +39 in Kreuzberg im T-Shirt in der Sonne und esse die größte, nicht als XXL gekennzeichnete Pizza meines Lebens (Durchmesser: 45 cm) und muss zum ersten Mal aufgeben (Rand nicht geschafft). Wenn Sie alle Zahlen in diesem Text beim Lotto tippen, winkt eine Million!
Im Roman „1984“ werden mühsam die Zeitungsarchive der aktuellen Propaganda angepasst. Da ist Wikipedia schon ein großer Fortschritt.
Werbung: „Prinz Penispumpe“ – das neue Werk von Andy Bonetti. Jetzt! Nur für kurze Zeit in Ihrer Bahnhofsbuchhandlung.
Gladys Munro arbeitet als Kindergärtnerin in Sacramento, als ein Killerkommando die Kita stürmt. Was die Ganoven nicht wissen: Gladys war früher bei den Navy Seals und kann mit ihren bloßen Zähnen eine Kalaschnikow auseinandernehmen, den Ölfilter wechseln, umlackieren und wieder zusammenbauen – in weniger als zehn Sekunden.
„Dieses selten schöne Werk ist von unvergänglichem Wert für jede Privatbibliothek und darf auch für den Salon zur vornehmen Zierde des Tisches gerechnet werden.“ (Nauener Neueste Nachrichten)
Wenn ich am Nachmittag von meinem Pfleger im Rollstuhl auf dem Damm - links der Rhein und rechts die Obstfelder - mühsam vorwärts geschoben werde, ein zerknittertes Hütchen auf dem Kopf und eine Wolldecke auf dem Schoß, spiele ich immer den emeritierten Professor für Protestkultur, der früher mit seinem Vortrag „SOS – Spieler oder Spielfigur“ unterwegs war und nun von Passanten gelegentlich auf sein früheres Schaffen angesprochen wird (diesen Satz habe ich im Traum mehrmals nach dem Erwachen aufgeschrieben, bis ich wirklich aufgewacht bin).
Nicht alle Menschen sind käuflich, aber man kann sie leihen. Die Leihgebühr beträgt mindestens 8,80 € pro Stunde.
Hätten Sie’s gewusst? Auf alten Gemälden wird nie gelacht, weil die Menschen damals so schlechte Zähne hatten. Ein wohltuender Gegensatz zur heutigen Dentalprotzerei der Prominenz.
Wieder einmal vier entspannte Wochen ohne die Neuigkeitsäffchen von den Medien. Es soll einen Waldbrand in Portugal gegeben haben und in England ist eine Prinzessin schwanger. Eine Million überflüssiger Informationsschnipsel - ein Panoptikum menschlicher Bedeutungslosigkeit - sind an mir vorüber gerauscht.
Die ganzen Witze rund ums Thema „Jamaika“ öden mich jetzt schon an. Ob Politiker oder Journalisten – jeder versucht krampfhaft, witziger als die Kabarettisten zu sein. Wenn ich Clowns sehen will, gehe ich in den Zirkus Krone.
Wenn Männer mehr Gefühle als Sex und Tobsuchtsanfälle kennen würden, wäre die Welt sicherer.
Dr. Feelgood - Mad Man Blues. https://www.youtube.com/watch?v=Y-3Jl11PhIM

Mittwoch, 15. November 2017

Berufen & Abberufen

Ich ging im Wald so für mich hin
Weil ich nun mal ein Wand’rer bin

Da sehe ich – so meine Meinung -
Auf einer Lichtung die Erscheinung

Gevatter Tod auf seinem Rappen
Soll’s heute mit dem Jenseits klappen?

(aus „Joe“ Goethes Flagellantenoperette „Billy Master“)

Neulich im Berliner Untergrund

- Wo haben Sie eigentlich Ihre Frau kennengelernt?
- Im Speisewagen der U 7.
- Die U 7 hat einen Speisewagen? Das wusste ich gar nicht.
- Aber ja. Das ist natürlich nicht allen Reisenden bekannt, sonst säßen dort ja Krethi und Plethi.
- Donnerwetter!
- Es gibt auch eine Erste Klasse, einen Rauchsalon, einen Liegewagen und ein kleines Kino. Hat man Sie nie in diese Geheimnisse eingeweiht?
***
Die vier Sargträger steigen im angemessen langsamen Gleichschritt die Treppe hinunter. Am Bahnsteig setzten sie den Eichensarg kurz ab. Zum Glück ist die U9 nicht voll. Fünf Stationen bis St. Mathilde. Die Fahrgäste zeigen keine Reaktion, Berlin eben. Pietät-Malotzke geht neue Wege.

Dienstag, 14. November 2017

Wenn ich einmal reich wär

„Ewiger Sonnenschein schafft eine Wüste.“ (Arabisches Sprichwort)
Was macht man mit einhundert Millionen Euro? Ich hatte vor etlichen Jahren einmal tausend Euro in Bitcoins investiert und hatte nun ein Vermögen auf dem Konto. Ich fasste also, gestärkt durch einige Flaschen Riesling, den Beschluss, das Depot aufzulösen und mich daran zu machen, das Geld auszugeben. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer werden würde.
Es begann mit der Überweisung dieser riesigen Summe Geld auf mein Girokonto der hiesigen Sparkasse. Es folgte der Anruf eines aufgeregten Sparkassendirektors. Ich müsse sofort vorbeikommen und alles mit ihm besprechen. Ob es sich denn um einen Bankirrtum zu meinen Gunsten handele, fragte er mich ernsthaft, als würden wir hier Monopoly spielen.
Eine Stunde später betrat ich die Bank, wie immer in löchrigen Jeans und mit einem alten Supertramp-Shirt. Alle Angestellten staunten mich schweigend an, während ich zum Büro ihres Chefs ging. Er erzählte mir etwas von aufgeblähten Bankbilanzen und Einlagensicherung. Also verteilte ich das Geld auf neu eingerichtete Konten bei zwei Banken in Zürich und zwei Banken in New York. Auf der Sparkasse beließ ich zwanzig Millionen auf einem Tagesgeldkonto. Das heißt: fünf Banken mit jeweils einem Fünftel meines Vermögens.
Was macht man mit dem ganzen Geld? Ich kaufte mir eine Villa im Grunewald für fünf Millionen Euro. Ich rechnete mir aus, dass ich für meinen gewünschten Lebensstandard – jeden Tag gut essen gehen, gelegentliche Reisen, eine Haushälterin – nicht mehr als zweihunderttausend Euro im Jahr ausgeben würde. Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt. Das wären bis zu meinem hundertsten Geburtstag also weitere fünf Millionen Euro. Macht zusammen zehn Millionen Euro.
Was macht man mit neunzig Millionen Euro? Ich beschloss, das Geld zu verschenken. Vielleicht nicht die ganzen neunzig Millionen. Ein bisschen Reserve für verrückte Ideen würde ich womöglich noch brauchen. Aber auf achtzig Millionen konnte ich locker verzichten und mein Karma auf Hochglanz polieren. Das heißt konkret: Ich würde nach meinem Tod als Reicher wiedergeboren werden. Aber wem schenkt man so viel Geld?
Ich habe keine Kinder, nur eine Nichte und einen Neffen. Soll ich sie mit meinen Millionen zu Faulpelzen machen? Mein Bruder ist Unternehmer, die Kinder müssen sich keine Sorgen machen. Da beide gerade volljährig geworden waren, schenkte ich ihnen ein Auto ihrer Wahl. Sophie bekam einen schneeweißen Audi mit allen Schikanen und Max einen knallroten Alfa Romeo mit dreihundert PS. Damit waren hunderttausend Euro weg. Peanuts.
Welche Sache sollte ich mit meinem Geld unterstützen? Tiere und Kinder, Gerechtigkeit und Frieden. Es gibt zahllose Möglichkeiten. Da ich in den letzten Jahren immer die Linken gewählt hatte, überwies ich der Partei 1,848 Million Euro. 1848 – das Jahr des kommunistischen Manifests und der Revolutionen in Frankreich und Deutschland.
Damit ging der Ärger los. Parteispenden über zwanzigtausend Euro müssen veröffentlicht werden. So kam mein Name in die Zeitungen. Es war die höchste Parteispende aller Zeiten. Und so wurde aus einem anonymen Reichen ein landesweit bekannter Mogul.
Seit einigen Jahren betrieb ich unter meinem echten Namen ein Blog. Wer im Internet meinen Namen in eine Suchmaschine eingab, wurde sofort auf meine Seite verwiesen. Dort stand auch meine E-Mail-Adresse und im Impressum meine Anschrift. Noch war meine neue Villa nicht renoviert und eingerichtet, ich lebte in meiner alten Wohnung. Ich wurde mit E-Mails bombardiert, es klingelte an meiner Wohnungstür, der Kommentarbereich meines Blogs explodierte.
Der geheimnisvolle Spender – ausgerechnet bei den Linken und nicht den bürgerlichen Parteien, die sonst immer die fette Marie absahnen. Mein Name in der Tagesschau, im „Spiegel“, in der „Bild“. Zum Glück war auf meiner Seite nur ein uraltes Foto abgebildet, das mich mit fünfzig Kilo weniger zeigte. Ich musste untertauchen, so viel stand fest. In tiefer Nacht verließ ich das Haus und fuhr mit dem Taxi zum Flughafen.
Mit der ersten Maschine flog ich nach London. Ich buchte die Buckingham Suite im The Lanesborough am Hyde Park Corner. Hier wusste man, wie man das Inkognito des Geldadels schützte. Ich beschloss, keine Interviews zu geben. Nur beim „Neuen Deutschland“ wollte ich eine Ausnahme machen, schließlich sollten die Linken auch erfahren, wer ich bin und was meine Beweggründe für die Spende waren. Ich rief den Chefredakteur an und vereinbarte mit ihm einen Gesprächstermin in meiner Londoner Suite.
Inzwischen wurden die Texte in meinem Blog einer intensiven Rezeption seitens der Medien unterzogen. Ich hatte eine Menge politischer Texte geschrieben, die Regierung auf das Übelste beschimpft und eine Umverteilung von Reichtum gefordert. Die Kommentare in den Zeitungen und Fernsehsendungen waren zum Teil voller Häme, andere Journalisten zeigten sich verwirrt, einer verglich mich sogar mit Bruce Wayne alias Batman. Meine Spende war das große Thema bei Maybrit Illner, in ihrer Talkshow bezeichnete Wolfgang Bosbach mich als sozialistischen Scharlatan.
Im Interview mit dem „Neuen Deutschland“ erklärte ich, dass ich mit meiner Spende keinen Einfluss auf das Programm oder die Personen der Linken nehmen wolle. Es sei einfach eine Unterstützung der einzigen Partei im Bundestag, die man halbwegs als Opposition bezeichnen könne. Auch wenn ich in meinem Blog eine Transaktionssteuer auf Bankgeschäfte, eine Erhöhung der Erbschaftssteuer und viele andere konkrete Dinge gefordert habe, wolle ich mich nicht ins Tagesgeschäft der Partei einmischen. Auch wären mir die innerparteilichen Streitigkeiten egal, ich würde keine einzelne Person bevorzugen. Gysi fände ich allerdings sehr nett, seine rhetorischen Qualitäten seien unbestritten. So wurde es am nächsten Tag auch gedruckt. Damit hatte ich mir natürlich bei den anderen Medien keine Freunde gemacht, die sich übergangen fühlten. Vor allem im „Spiegel“ und der „Bild“ wurde ich offen verhöhnt.
Von London reiste ich nach New York. Es folgten Hawaii und Tokio. Als sich der Rummel wieder gelegt hatte, kehrte ich nach Berlin zurück und bezog meine neue Villa. Die alte Wohnung und das Blog gab ich auf. Seitdem lebe ich in Ruhe und mache den ganzen Tag, was mir gefällt. Was macht man mit einem riesigen Haufen Geld? Am besten gar nichts. Zuviel Geld kann einem auch auf die Nerven gehen. Ich habe ein Testament gemacht. Von meinem Vermögen soll ein Wald gekauft werden, der nicht bewirtschaftet werden darf. Soll Mutter Natur mit dem ganzen Zaster machen, was sie will.
Steely Dan – Peg. https://www.youtube.com/watch?v=LI7NDDQLvbo

Montag, 13. November 2017

Was mich ankotzt

Die Autos haben heutzutage keine Trittbretter mehr, auf denen man mitfahren kann. Recht so. Zu gefährlich. Was es leider immer noch gibt, sind die Trittbrettfahrer.
Ein aktuelles Beispiel: Es gibt in den USA eine Debatte über Sexismus in den Medien, in deren Verlauf etliche Straftaten öffentlich bekannt wurden. Sehr gut. Hoffentlich haben noch mehr Menschen den Mut, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch zur Anzeige zu bringen. Hoffentlich werden all diese Verbrecher auch bestraft. Hoffentlich lernen möglichst viele Menschen etwas aus dieser Debatte.
Was ich nicht brauche, sind die Trittbrettfahrer, die im Windschatten dieser Verbrechen auch gerne Opfer wären. Es ist kein mutiges Bekenntnis, wenn Frau Müller aus der Buchhaltung bei Facebook unter Pseudonym erzählt, ihr Chef habe ihr womöglich auf den Arsch gestarrt, als sie sich 1987 nach dem Bleistift gebückt hat. Das interessiert niemanden. Es geht hier um die Opfer von Verbrechen, nicht um private Eitelkeiten.
Dasselbe erlebe ich bei Debatten um Feinstaub, wenn dann der Typ neben mir am Tresen mit einer Kippe im Mundwinkel über die Abgaswerte eines VW-Diesels lamentiert. Danke, Spacko! Es gehört auch niemand zu den Armen und Elenden dieses Planeten, der diesen Winter ausnahmsweise auf den Skiurlaub verzichten muss, weil er sein Dach neu decken lässt. Ein Heer von Selbstdarstellern heuchelt jeden Tag online um unser Mitleid. Das kotzt mich an.

Nachrichten aus dem bekannten Weltall


Blogstuff 167
„Ihr wisst ja doch nicht, was ihr mit eurem Leben anfangen sollt. Und ihr könnt hingucken, wohin ihr wollt, immer guckt ihr in das Feuer, in dem euer Leben verbrennt. Dass man euch Fernseher und Supermärkte hinstellt statt Krematorien, ist ein Akt der Barmherzigkeit. Die Funktion ist die gleiche, und darauf kommt es an.“ (Viktor Pelewin: Generation P)
An der Wand des Lokals hingen die üblichen Schwarzweißfotos: der Wirt mit Frank Sinatra, der Wirt mit Muhammad Ali, der Wirt mit Andy Bonetti. Er stieg die steilen feuchten Treppenstufen zur sogenannten Herrentoilette hinab, einer düsteren Tropfsteinhöhle mit einer langen Pissrinne, die sich über die gesamte Länge des niedrigen Raums hinzog, der von einer nackten Glühbirne nur spärlich illuminiert wurde.
Einen Laien erkennt man an seinen Gewissheiten.
Sonntagmittag im Joe’s am Theodor-Heuss-Platz. Joe’s ist ein klassisches Berliner Gasthaus mit hoher Decke und alten Bierreklameschildern an den Wänden. Der Name klingt cool, aber es ist ein Seniorentreff. Einzelgänger und Pärchen, mit meinen 51 Jahren senke ich den Altersdurchschnitt erheblich. Als ein Greis am Nachbartisch Entenleber bestellt, verstehe ich zunächst Rentnerleber. Das Tagesgericht ist ein Schweinenackensteak mit Bratkartoffeln und „Möhrchen“. Eine Fleischbriefmarke auf Altersheimniveau, die älteste Kundin nimmt dennoch die Hälfte als Doggy Bag mit. Der Wirt ist ebenfalls uralt, sein Sohn bedient derweil das ganze Lokal und lamentiert gegenüber einem Gast über „unternehmerische Selbstversklavung“. Er wirkt in diesem Gemäuer wie ein Altenpfleger. Als er ein Glas fallen lässt, das mit einem lauten Knall zerspringt, ruft er „Alles wach?“ Spezialität des Hauses ist ein unerreichbares Bücherregal in drei Meter Höhe.
 
„Ihre gesamte Zimmereinrichtung bestand aus einer Matratze und einem Holzstuhl, auf dem eine Familienpackung Kondome lag. Junge Junge, sie gehörte zu den Frauen, die nichts anbrennen ließen.“ (Andy Bonetti : Meine hundert heißesten Affären)
Es ist bei jeder Abstimmung in Berlin dasselbe, egal ob es um Tegel geht oder das Tempelhofer Feld oder was auch immer. Der Senat stellt nicht einfach etwas zur Abstimmung und sagt: Entscheidet Euch – und genauso werden wir es machen. Nein, der Senat ist natürlich jedes Mal so blöd und mischt sich in die Debatte ein und erzählt den Wählern bzw. den Abstimmern, was er gerne für ein Ergebnis hätte. Natürlich stimmen dann die Leute schon aus puren Trotz gegen die Stadtregierung. Wenn man so abstimmt, wie es der Bürgermeister will, hätte man ja auch gleich zu Hause bleiben können. Es ist, als ob Sie einem Kind sagen, es darf auf keinen Fall in die unterste Schublade Ihres Schreibtischs schauen. Auf gar keinen Fall! Welche Schublade wird es öffnen, sobald Sie sich auch nur einmal umgedreht haben? Neulich habe ich bei einem Chinesen das Essen extra scharf bestellt. Der Kellner bringt mir ein geheimnisvolles Behältnis mit einem winzigen Löffel. Die Soße sei besonders scharf, das Schärfste, was sie im Haus hätten. Ich solle sie besser erst gar nicht probieren. Sie wissen, wie die Geschichte ausging.
Was fehlt? Ein Herrenfriseursalon in Neukölln namens „Ali Barber“.
Was fehlt noch? Die Formulierung „Es war mir ein innerer AfD-Parteitag“.
So wie die meisten Tiere sich selbst nicht im Spiegel erkennen, begriff er nicht, welchen Eindruck er mit seinen merkwürdigen Marotten bei anderen Menschen hinterließ.
Das Beste an Hotelzimmern ist die Minibar. Im Bett ein Bier trinken, ohne aufzustehen? Kein Problem. Warum hat niemand von uns eine Minibar zu Hause?
Jam & Spoon Feat. Plavka - Right In The Night. https://www.youtube.com/watch?v=V3MStWmq7Rs

Sonntag, 12. November 2017

Mainz, wie es einmal war

- Ein Besuch zu Hause, Gespräch mit der Mutter -
„Wieviel wiegst du jetzt?“
„Zweieinhalb Zentner“, antwortete ich und nagte einen saftigen Schweinsknöchel ab.
(…) „Soso, und da brauchst du bloß den ganzen Tag hinhocken und so was zusammenschreiben? Schwitzen musst du nie dabei, was? … Jaja, da glaub ich freilich, dass du gern Bücher schreibst.“
(Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter)
Geheimnisvolles Mainz, ewige Stadt. Von Römern, Franzosen, Amerikanern, Franken, Hunnen und Schweden beherrscht. Immer wieder zerstört, immer wieder an den Gestaden des Rheins aufgebaut. Ich denke an das Mainz meiner Kindheit zurück. Ein buntes Gemisch verschiedener Kulturen: Rheinhessen, Pfälzer, Eifelvolk, Moselaner, Westerwälder und so mancher wilde Hesse, der sich auf unsere Seite des Flusses gewagt hatte. Dazu Angehörige ungezähmter Stämme aus dem Hunsrück, in dem es damals noch Blutrache gab. Auf kleinen struppigen Pferden oder Eseln ritten sie durch die Stadt, sie stützten sich auf Wanderstäbe oder saßen auf Ochsenkarren. Menschen in den Trachten ihrer Urväter, mit Fellmützen, Lederjoppen, den Dolch im Gürtel und verwegene Bärte im Gesicht. Sie alle hatten ihre Sitten und Gebräuche, ihre Religionen und Traditionen, die in den jeweiligen Stadtvierteln von Mainz bewahrt wurden. So gab es im unübersichtlichen Gassengewirr des pfälzischen Viertels Schamanen aus den dunklen Wäldern des Südens, die magische Amulette verkauften. Im rheinhessischen Viertel gab es Wein und man hörte den Gesang der fröhlichen Zecher aus den Schankstuben. Felle aus dem Westerwald, dampfende Würste aus Trier, Leinenstoffe von den Webern der Eifel. Die vielen Mundarten, Gerüche und Köstlichkeiten, die es für mich als Kind zu entdecken gab. Die Schreie der Händler, die Gemüse und Teppiche feilboten. Hier wird ein Schwein durch die Gassen getrieben, dort wechselt eine Kuh den Besitzer. Bänkelsänger und selbsternannte Propheten ziehen das Volk in ihren Bann. Es ist alles vorbei, heute sind die Mainzer alle gleich, und sie rennen jeden Tag in dieselben Läden: Deichmann, Aldi, Kik, McDonald’s. Multikulti ist nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit.
Gerry Rafferty - Baker Street. https://www.youtube.com/watch?v=dU6w56epBdc

Typischer Hunsrücker Fleischwurstkosake um 1980.

Samstag, 11. November 2017

Warum der neue Kapitalismus so schön ist

1. Die Schafe lackieren sich gegenseitig die Hufe in Nagelstudios und scheren sich gegenseitig die Wolle in Friseursalons.
2. Die Wölfe kommen mit den Schafen gar nicht mehr in Kontakt. Sie leben in Gated Communities, in die sie sich die Profite online schicken lassen.
3. Die Schafe sehen abends im Fernsehen Filme, in denen Wölfe Schafe ermorden aka Krimis. Sie amüsieren sich und finden das gut.
4. Die Wölfe liegen bei den Lämmern. Ganz friedlich. Sie töten die Lämmer nicht. Sie machen Liebe mit ihnen. So wie Gott es gewollt hat.
5. Die Schafe machen Urlaub in bunten Pferchen wie Mallorca, wo sie Schafe von anderen Weiden treffen.
6. Die Wölfe treffen sich zu Gipfeltreffen, Konferenzen und Meetings, wo sie Wölfe aus anderen Revieren treffen.
7. Die Zukunft wird schön, weil sich Wölfe und Schafe so gut verstehen.

Flüstermond

Au revoir, bonjour tristesse –
Man glaubt es kaum.
Und wieder heißt es:
Aus der Traum.

(aus unserer neuen Rubrik „Tante Käthes Lyrikstübchen“)

Berlin – eine Foto-Love-Story

Dieser Baum steht vor meinem Schreibtisch (vom Küchenfenster aus fotografiert).
Vorsicht Anspielung: eine Flasche White Coke. Der Inhalt ist aus einer winzigen Wüste namens White Sands (USA) – dort explodierte 1945 die erste Atombombe.
Werbeplakat für einen Mega-Knüller aus dem Hause Bonetti.
Die Idylle im Hinterhof.
Architekturperle in meiner Nachbarschaft.
Graffito in Wilmerdorf – freiwilliger oder unfreiwilliger Humor.
Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.
Südkreuz.
Bonetti wurde nicht erkannt – sonst hätte er ja Autogramme geben müssen.
Ostkreuz.
Kruzitürken, jetzt reicht es endgültig: Homosexuelle Ausländer in der SAMOA-Straße.
Zwei nachdenkliche Herren blicken auf das neue Schloss im Herzen der Hauptstadt.
The XX Intro. https://www.youtube.com/watch?v=5ANlWQy7-I0

Freitag, 10. November 2017

Billige Drogen, schneller Sex – der Herbst in Schweppenhausen

Colonel Clickbait ist wieder da! Freuen Sie sich auf weitere haarsträubende Überschriften, die nichts mit den nachfolgenden Inhalten zu tun haben werden.

Blogstuff 166
„Die Weltgeschichte glich einem Müllsack voll zufälliger Begebenheiten, der im Wind geplatzt war.“ (Joseph Heller: Gut wie Gold)
Eigentlich sollte es für einen Menschen, der mit einem solchen Übermaß an Talent und gutem Aussehen gesegnet ist wie ich, selbstverständlich sein, erster Klasse zu reisen. Dennoch hat es bis zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum der Bahncard gedauert, dass ich in den Genuss dieses Komforts gekommen bin – für 25 Euro inklusive Reservierung darf jeder Bahncard-Kunde einmal im Leben von der zweiten in die erste Klasse wechseln. Ich staune über den Luxus, der mich auf dieser Reise umgibt: freundliches Personal, kostenlose Zeitungen, bequeme Sitze mit viel Beinfreiheit und zweimal kommt ein Herr mit einem Tablett voller Süßigkeiten vorbei, die er freigiebig verschenkt. Es gibt einen „Am Platz Service“ mit umfangreicher Speisekarte, z.B. Pfannkuchen mit Nutella, Spaghetti Bolognese oder Hirschrahmgulasch mit Steinpilzen, dazu Pfälzer Riesling oder Bitburger vom Fass. Ich teile mir das Abteil mit einem Greis, der mich nach einer Weile bittet, die Heizung voll aufzudrehen. Nach fünfzehn Minuten habe ich mich bis auf das T-Shirt und die Jeans entblättert, fächere mir mit der Speisekarte theatralisch Luft zu und schwitze wie eine Frau in den Wechseljahren. Als der alte Mann auf die Toilette muss, drehe ich das Thermostat wieder herunter. Nach fünfzehn Minuten zieht jener Herr, der bereits ein Hemd, einen Pullover und ein Jackett trägt, demonstrativ seine Winterjacke an, wickelt sich einen Schal um den Hals und setzt eine Baskenmütze auf. Seufzend drehe ich das Thermostat wieder auf volle Leistung. So geht es von Frankfurt bis Berlin hin und her.
Ja, liebe Leser. Und so ward aus Morgen und Abend der erste Reisetag.
Ist es Ihnen auch schon aufgefallen, dass man am Berliner Hauptbahnhof kein mehr Heroin kaufen kann? Als man in den achtziger Jahren in Berlin am Bahnhof Zoo ankam, gab es eine neunzigprozentige Wahrscheinlichkeit, das Gebäude als Heroinabhängiger zu verlassen.
Die deutsche Frau zeigt wieder Knie – durch einen Riss in der Hose („Used Look“ – gilt auch für ihre Gesichter). Frage: Wann sehen wir die ersten tätowierten Kniescheiben?
Andy Bonetti hat eine Ambient Jazz Band gegründet. Sie heißt „The Elevator Experience“.
Mag sein, dass man am Ende sagen muss, man habe an der Politik nichts geändert. Aber es ist andererseits auch ein tröstlicher Gedanke, wenn man selbst durch die Politik nicht verändert wurde.
Der Müll, der Müll, der macht, was er wüll.
Burn Out-Patienten – die traumatisierten Krüppel der Wirtschaftskriege.
Bei den aktuellen Koalitionsverhandlungen gibt es keine rote Linien, sondern nur den karibischen Imperativ.
US-Präsident ist kein Ausbildungsberuf. Das kann jeder. Trump beweist es jeden Tag. Das ist echte Demokratie.
Tag für Tag werden in der EU – also mitten unter uns – Menschen grausam unterdrückt und ihrer Freiheit beraubt. Die Welt darf nicht länger schweigen. Barcelona, du stolze Schönheit, belagert von den Heerscharen des spanischen Königs, dessen stolzes Banner im Sturmwind der Erhebung einer abtrünnigen Provinz knattert … - genug. Freddy Mercury und Montserrat Cabaret (Cabernet? Cabriolet?), übernehmen Sie: https://www.youtube.com/watch?v=Y1fiOJDXA-E

P.S.: Ich habe den Theaterdonner dieser iberischen Operette, die jedem Sommerloch zur Ehre gereicht hätte, von Anfang an nicht ernst genommen. Daher hoffe ich, dass keiner der Putschisten ins Gefängnis muss. Schön wäre es, wenn es – sagen wir mal in Andorra – eine lustige kleine Exilregierung gäbe, die uns mit weiteren Forderungen an die Welt erheitern würde.

Donnerstag, 9. November 2017

Neulich im Gin & Yang

„In einer Nation, die von Schweinen regiert wird, sind alle Ferkel auf dem Weg nach oben.“ (Hunter S. Thompson)
Am Tresen einer Bar in Berlin-Mitte.
A: Mensch, Holger. Dich hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen.
B: Norman? Das ist ja ein Ding. Setz dich.
A: Danke. Was trinkst du da?
B: Einen Moon Shadow. Musst du unbedingt probieren. Mit drei Sorten Gin, Rhabarber und Cranberries.
A: Klingt gut. (zum Barkeeper) Einen Moon Shadow, bitte.
B: Was machst du hier?
A: Ich bin jetzt Mitarbeiter bei einem Bundestagsabgeordneten. Im Augenblick lebe ich noch im Hotel, aber ich habe eine Wohnung in Aussicht.
B: Lass mich raten: Du bist bei den Grünen und wohnst demnächst im Prenzlauer Berg.
A (lacht): Du bist immer noch derselbe gerissene Hund wie an der Uni. Stimmt alles. Was machst du denn so?
B: Ich arbeite fürs Bundeskanzleramt.
A: Wow. Dann hast du es echt geschafft. Hast du nicht Marketing studiert? In welcher Abteilung bist du denn?
B: Ich bin in keiner Abteilung. Ich arbeite für eine Agentur. Wir machen Public Relations fürs Kanzleramt. Ich bin so eine Art Berater.
A: Wen berätst du denn? Die Kanzlerin?
B: Nein. Das steht nur auf meiner Visitenkarte. Mit Genehmigung des Kanzleramts bin ich in einem Planungsstab als Berater tätig. Aber in Wirklichkeit war ich noch nie im Kanzleramt.
A: Das verstehe ich nicht.
B: Es ist ganz einfach. Ich stelle Kontakte zur Presse her. Was meinst du, wie oft ich jede Woche in den großen Zeitungen und in den Fernsehnachrichten bin.
A: Echt? Was denn zum Beispiel.
B: Du hast vielleicht gehört, dass es bei den Sondierungsgesprächen zur neuen Koalition um den Familiennachzug für Flüchtlinge einen Riesenkrach gegeben hat.
A: Ja. Und das war von dir?
B: Genau. Es heißt dann immer: „wie uns ein Gesprächspartner aus dem Bundeskanzleramt berichtet hat, der ungenannt bleiben möchte“ oder „aus gewöhnlich gut informierten Kreisen“. Das bin ich. Ein echter Mitarbeiter des Kanzleramts steckt mir die Infos zu und ich streue sie in der Presse. Ich bin eine sogenannte Quelle. Im Kanzleramt schaut man sich dann genau an, wie die Öffentlichkeit auf mein Material reagiert.
A: Und wie läuft es wirklich? Ich krieg ja als Neuling nichts mit.
B: Alles läuft wie geschmiert. Deine Grünen verstehen sich prächtig mit den bürgerlichen Parteien. Vor allem die Göring-Eckardt ist ganz heiß auf einen Ministerposten. Die Frau hat sich jede Menge neue Klamotten angeschafft und extra einige Kilo abgenommen. Und Özdemir ist für die Rolle als Merkels Haustürke und Alibi-Moslem doch absolut perfekt. Ein Premium-Migrant mit schwäbischem Akzent.
A: Das sagt mein Chef auch immer. Er sagt, ich soll mir mal keine Sorgen machen. Wir gehen nicht in die Opposition. Zwölf Jahre im Schatten wären genug. Aber Özdemir ist doch ein Mann von unten, einhundert Prozent street credibility.
B: Machst du Witze? Der Typ ist besser bewacht als das Restaurant von Mojsche Pupik und Chaim Jankel in Dresden. Ich finde es auch interessant, wie schnell die Grünen noch vor den echten Koalitionsverhandlungen das ganze Lametta wie Vermögenssteuer und Steuererhöhungen für Besserverdienende abgeräumt haben.
A: Das waren ja auch nur Versuchsballons. Die haben wir steigen lassen, damit der Seehofer und der Lindner was zum Abschießen haben. Dafür müssen sie uns bei Energie und Flüchtlingen entgegenkommen.
B: Da muss ich dich enttäuschen. Bei Kohle und Verbrennungsmotoren sehe ich kein Durchkommen. Und die paar Frauen und Kinder, die zu ihren syrischen Männern dürfen, werden doch sowieso nächstes Jahr im Paket wieder abgeschoben, wenn es offiziell wieder Frieden bei Assad gibt. Die werden einfach auf die 200.000 angerechnet.
A: Weiß ich doch. Uns genügt ein Ausstiegsdatum für Kohlekraftwerke und Verbrennungsmotoren irgendwann in den dreißiger Jahren. Bis dahin ist diese Koalition Geschichte und alle Beteiligten genießen ihren Lebensabend in der Industrie. Das ist so, als ob wir beide heute festlegen würden, ab 2030 keinen Alkohol mehr zu trinken. Den Bierdeckel unterschreibe ich doch sofort.
B (grinst): Darf ich das „aus gewöhnlich gut informierten Kreisen“ an SpiegelBILD weitergeben?
A (lacht): Altes Schlitzohr. Die nächste Runde Moon Shadow geht auf dich.
B: Die nächste Runde geht immer auf den Steuerzahler. Das bleibt natürlich alles unter uns.
A: Ich werde dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen. Was würde denn passieren, wenn ich es einem Reporter erzähle?
B: Dir ist schon klar, dass alle Redaktionen abgehört werden, oder? Wir wären mit dem Dementi schon an der Öffentlichkeit, bevor du den Hörer aufgelegt hast.
A: War nur ein Spaß. Lass uns auf Jamaika anstoßen.
B: Prost! Auf Jamaika.
Howard Jones – No One Is To Blame. https://www.youtube.com/watch?v=pekhxxngQ3s
P.S.: Hunter S. Thompson definierte seinen Gonzo-Journalismus in einem Vorwort zu „Fear and Loathing in Las Vegas“, aus dem auch das Zitat am Textanfang stammt, wie folgt: „Dabei handelt es sich um einen Reportagestil, der auf William Faulkners Überzeugung basiert, die beste Dichtung sei weitaus wahrer als jede Art von Journalismus – und die besten Journalisten haben das schon immer gewusst.“ Das Gespräch, das ich hier wiedergegeben habe, beruht auf Informationen, die ich aus zuverlässiger Quelle habe. Die Namen wurden natürlich geändert.