Donnerstag, 30. November 2017

Der erste Schnee

Jetzt ist es amtlich. Väterchen Frost schaut zum Fenster herein.
Das Vogelhäuschen habe ich heute auch bestückt und drei Meisenknödel aufgehängt. Kurze Zeit später klopfte eine Meise an die Scheibe direkt vor meinem Schreibtisch. Das sollte wohl "Dankeschön" heißen. Nix zu danken, ihr kleinen Racker.

Agnoli, Teil 3

Im zweiten Teil ging es darum, wie der autoritäre Staat den inneren Frieden zu seinen Bedingungen herstellt und verteidigt. Wer diese Gesellschaft verändern will, kann es nicht innerhalb der Parameter erreichen, die von den herrschenden Eliten als „Spielregeln“ gesetzt werden. Er muss die Regeln brechen, er muss den Frieden aufkündigen. Darum geht es im letzten Teil dieser Betrachtung.
Machtwechsel im autoritären Staat bedeutet Funktionswechsel etablierter Parteien, d.h. Wechsel zwischen Regierungs- und Oppositionsbank. Forderungen, die der Interessenlage der herrschenden Elite widersprechen, dürfen im politischen System nicht abgebildet werden, da sie ihre Macht untergraben könnten. Treten neue Parteien mit sozialen Forderungen auf, die nicht mit den bestehenden Macht- und Produktionsverhältnissen kompatibel sind, werden diese Parteien entweder assimiliert (Grüne, Linke) oder verboten (KPD).
Gerade der Wandel der vormals systemkritischen Grünen und Linken zu staatstragenden Parteien, die auch im Regierungsamt und in einer Koalition mit den bürgerlichen Parteien (CDU/CSU, SPD, FDP) geräuschlos funktionieren, ist ein augenfälliges Beispiel für diese These. Agnoli hätte 1967 beim Verfassen seines Textes sicher laut gelacht, wenn er die Zukunft des deutschen Parteienstaats gekannt hätte. Aus APO und DDR-Sozialisten wurden die Bettvorleger des Kapitals.
„In den westlichen Ländern (…) ist die Parlamentarisierung der Linken zu einer Lebensfrage des Kapitalismus geworden.“ (S. 81). „Eine fundamental-oppositionelle Organisation, die sich gegen die vom Verfassungsstaat geschützten Strukturen und gegen jede Art oligarchischer Transformation wendet, stört den Betrieb und kann ihn unter Umständen zerstören. Breitet sie sich aus und wird sie zu einer realen Macht, verfällt die Garantie für eine der elementaren Existenzbedingungen des politischen Staates: für die Entpolitisierung der Massen.“ (S. 79) Wer denkt bei der Formulierung „Entpolitisierung der Massen“ nicht an Angela Merkel und die gegenwärtige Lage in Deutschland?
Parteien (von lateinisch „pars“: Teil, Richtung) vertraten ursprünglich nur Teilinteressen einer Gesellschaft, Klasseninteressen zum Beispiel oder weltanschauliche, regionale und religiöse Interessen bestimmter Gruppen, die sich politisch organisiert hatten. Die modernen Parteien, wie wir sie kennen, sind Volksparteien, die angeblich das „Gemeinwohl“ und die ganze Gesellschaft vertreten wollen. Sie konkurrieren nur noch um Posten und Privilegien, nicht um Inhalte, sie bilden eine „symbiotische Einheit“ (S. 46). In dieser Hinsicht sind sie Einheitsparteien, wie wir sie aus Diktaturen kennen. Das prototypische Vorbild für die modernen Volksparteien in der Bundesrepublik ist die NSDAP, die rauschende Erfolge feierte und noch heute feiern würde, wenn das Deutsche Reich den Krieg gewonnen hätte.
Niemand will mehr einen anderen Staat, die Republik ist tot. An ihrem immerwährenden Konsens erstickt. Wirklich niemand? Ist das wahr? Kennt nicht jeder von uns wenigstens einen Menschen, der sich eine andere Republik wünscht? Den der Umgang mit Menschen in diesem Land wütend macht? Der es nicht erträgt, wenn Manager selbst noch bei einem Bankrott ihres Unternehmens Millionen verdienen, während seine früheren Mitarbeiter zu Almosenempfängern degradiert werden? Der ein System nicht akzeptieren will, in der die einen immer gewinnen – egal, wie blöd sie sich anstellen – und die anderen immer verlieren? Der, kurz gesagt, die aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängte Frage aller Ausgebeuteten und Beherrschten nach den Produktionsverhältnissen stellt und die „repräsentative Demokratie“ als das bezeichnet, was sie ist: als Klassenkampf von oben?
Wer die Gesellschaft und damit die Herrschaftsverhältnisse verändern möchte, findet im System der normierten Staatsparteien kein Gehör. Wir hören seine Stimme weder in der Politik noch in den staatstragenden Medien. Er ist ausgeschlossen, schlimmer: er ist ein Feind, ein Vaterlandsverräter, ein gefährlicher Virus, den es mit allen Mitteln der staatlichen Gewalt, mit Polizei, Justiz und Geheimdiensten, auszurotten gilt. Das trifft nicht nur auf Einzelne, sondern inzwischen auf ganze Bevölkerungsgruppen zu. Im Parlament sitzen Vertreter der Herrschaft, nicht des Volkes. Der Opposition kommt dabei die perfide Aufgabe zu, als Sprachrohr der Kritik an der Regierung die entsprechenden Impulse aus der Bevölkerung zu filtern und zu neutralisieren. Bei Wahlen kann die Bevölkerung nur in extrem abstrakter Form – ein Kreuz, mit dem ironischerweise auch Analphabeten ihre Verträge unterzeichnen – ihre Meinung äußern, ohne inhaltlich konkret werden zu dürfen. Zugleich verliert sie für vier Jahre die Möglichkeit, ihre Meinung zu ändern. Es gibt kein Procedere, eine Wahl rückgängig zu machen, wenn die Regierung ihre Wahlversprechen bricht (was ja gelegentlich schon vorgekommen sein soll).
Wenn wir über substantielle Veränderungen sprechen wollen, müssen wir natürlich auch über Rechtsbruch sprechen. Wer den autoritären Staat überwinden will, darf sich nicht an die Regeln dieses Staates halten. Aber das werden die obrigkeitshörigen und harmoniesüchtigen Wohlstandsdeutschen niemals schaffen. Lenin hatte mit seiner spöttischen Bemerkung recht, als er sagte, die Deutschen würden sich erst noch eine Bahnsteigkarte kaufen, bevor sie einen Bahnhof stürmen. Der Wutbürger unserer Zeit ist nur ein Hofnarr, der zwar seine Possen reißen darf, aber die höfische Ordnung nicht in Frage stellt.
Die Frage ist doch: Wenn die Demokratie in ihrer jetzigen Form – als bloße Theatervorstellung zur Einschläferung und Verblödung der Bevölkerung – und der totalitär gewordene globale Kapitalismus als siamesische Zwillinge auftreten, die nur noch gemeinsam wahrgenommen werden können, weil zwischen ökonomischer und politischer Elite kein Blatt mehr passt, können wir dann den Kapitalismus, der gerade unsere natürlichen Lebensgrundlagen vernichtet, abschaffen, ohne zugleich auch der Farce des Parteienstaats und seiner hohlen Parlamente ein Ende zu machen?
Die gegenwärtige Verfassung erlaubt uns nur, den Staat zu kritisieren, aber sie erlaubt es nicht, den Staat zu verändern (S. 91). Wann folgt der Kritik der Herrschaft endlich die Aktion? Wer sich in Bewegung setzt, wird die Fesseln spüren – und diese Fesseln werden sich nicht durch ein geheimes Wort wie in einem Märchenbuch von selbst lösen. Wer den goldenen Käfig der Konsumgesellschaft verlassen möchte, darf vor der Mühsal eines freien Lebens keine Angst haben. Agnoli hat es vor fünfzig Jahren noch gewusst. Wir haben es längst vergessen.
„Nicht Brot und Spiele noch Wahlzettel, sondern die Gewalt hat im Laufe der bisherigen Geschichte soziale Kräfte der Manipulation entzogen und Freiheit verwirklicht.“ (S. 37)
Tatyana Ryzhkova - J.S. Bach Cello Suite No.1, BWV 1007, Prelude. https://www.youtube.com/watch?v=C5IHqqUZEYk
P.S.: Wie begann der moderne Staat? Durch die Revolution der Arbeiter und Soldaten 1918. Der Adel wurde nicht in einer Talkshow zur Abdankung überredet, der Feudalstaat wurde vom Proletariat besiegt. Leider setzte sich dann das Bürgertum unter tätiger Mithilfe des Militärs in der Weimarer Republik durch und besetzte die Schaltstellen der Macht. Am Ende von Weimar und am Anfang des Dritten Reichs stand die Gewalt. Am Ende des Dritten Reichs und damit letztlich auch am Anfang der Bundesrepublik stand die Gewalt. Die Rote Armee und die U.S.-Streitkräfte waren es, die die Nazis besiegten, keine Demonstrationszüge oder Petitionen. Welcher deutsche Staat ist friedlich entstanden? Welches politische System hat sich gewaltfrei durchgesetzt?
P.P.S.: Für einen Teilaspekt dieses Kampfes, den militanten Antifaschismus, hat mein alter Freund und Genosse „Horst Schöppner“ in seinem Buch und einem Artikel im Neuen Deutschland bereits die Argumente genannt. Während die Linke noch über Gewalt als Mittel im Kampf gegen Rechtsradikalismus diskutiert, üben die Rechten längst offen Gewalt aus: gegen Vertreter des Staates (aktuell: der Bürgermeister von Altena) und gegen staatliche Einrichtungen (Flüchtlingsunterkünfte usw.), gegen Migranten (z.B. NSU-Morde) und gegen Linke. Und sie haben mit ihren Gewalttaten sogar Erfolg in der Politik: CDU, CSU, FDP und SPD sowie Teile der Grünen (z.B. Boris Palmer) und Linken sind inzwischen gegen die Aufnahme weiterer hilfsbedürftiger Menschen und sind auf den Kurs des parlamentarischen Arms des Rechtsradikalismus (AfD) eingeschwenkt. Das heißt konkret: rechte Gewalt wird in Deutschland belohnt.

Mittwoch, 29. November 2017

Agnoli, Teil 2

Im ersten Teil ging es darum, wie der autoritäre Staat die Gesellschaft mit Methoden der Antiaufklärung, der Disziplinierung der Massen und der Fraternisierung der Eliten kontrolliert. Seine Kernaufgabe ist es, den grundsätzlichen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Führung und Masse zu entschärfen und ihn quasi unsichtbar zu machen.
Dabei geht es darum, dem Einzelnen die Illusion zu vermitteln, seine Interessen seien ausreichend vertreten und es gäbe keinerlei Anlass zum Konflikt. Die Herrschaftstechniken für den „sozialen Frieden“ (ein wunderbarer Propagandabegriff übrigens - wer wäre schon für den sozialen Krieg?) bestehen innerbetrieblich in der Betonung von „Human Relations“, flachen Hierarchien oder verbesserter Kommunikation im Vergleich zum Kommandotonfall des 19. Jahrhunderts, einem freundlichen Betriebsklima oder gar kostenlosem Obst (im Tausch gegen unbezahlte Überstunden in der sogenannten „New Economy“).
Politisch bestehen sie im System der Tarifautonomie und im Parlamentarismus. Zwei Funktionärsgruppen (Arbeitgebervertreter, Gewerkschaften) verhandeln miteinander die Löhne und Arbeitsbedingungen; Störungen des „sozialen Friedens“ in Form von Streik oder unorganisierten Forderungen der Arbeiter sind feindliche Akte und werden von Politik und Medien stets scharf verurteilt. Zwei Parlamentsfraktionen konkurrieren miteinander um Mehrheiten im politischen Entscheidungsprozess; Störungen in Form öffentlicher Massendemonstrationen oder gar Revolten sind unerwünscht.
Es geht also nicht um die Aufhebung des Konflikts zwischen Arbeit und Kapital, sondern um dessen „Befriedung“. „Der soziale Friede greift die oligarchische Ordnung der Gesellschaft ebenso wenig an, wie die Praxis der human relations die Befehlsgewalt in der Produktion antastet.“ (S. 27) Die Abhängigen sollen das System, das sie in Abhängigkeit hält, nicht nur akzeptieren, sondern auf lange Sicht auch als „Staatsbürger“ verteidigen. Fühlen sie sich auf diese Weise bestätigt, vergessen sie – Konsum und Antiaufklärung sei Dank – ihren eigentlichen Wunsch nach Befreiung aus ihrer unterprivilegierten Stellung in Staat und Wirtschaft.
„Es gehört seit jeher zu den Eigenschaften der bürgerlichen Gesellschaft und ihres Staates, Kostenerhöhungen in der Produktion, Haushaltsdefizit, Einschnitte in die Profitrate nach Möglichkeit auf die Masse abzuwälzen. Neu ist die Erkenntnis, dass optimale Befriedigung sich vorzüglich dazu eignet, die Position der herrschenden Klasse unantastbar zu machen und Zufriedenheit mit dem politischen System zu erzeugen – vor allem, wenn sie wirtschaftlich rationalisiert und gesellschaftlich manipuliert wird, also in der bloßen Vorstellung des Einzelnen besteht, befriedigt und ein gleichberechtigter Konsument zu sein.“ (S. 28f.)
Schwierig wird es nur, wenn die Masse das Vertrauen in die Führung verliert. Im Regelfall geschieht dies aber nur partiell. Verliert die Masse das Vertrauen in die Regierungspartei, wählt sie die Opposition in die Regierung und das Vertrauen ist, bei völlig gleicher Politik der neuen Regierung, wieder hergestellt. Verliert sie das Vertrauen in Teile der wirtschaftlichen Elite (vor zehn Jahren die Banken, jetzt die Autoindustrie), stellt man andere Teile dieser Elite öffentlich in den Vordergrund. Interne Bedrohungen (Strukturwandel, Rezession) oder externe Bedrohungen (Terrorismus, Globalisierung) stabilisieren die Gesellschaft in ihrem Bedürfnis nach einem starken Staat, der sie beschützt und die Probleme in ihrem Sinne regelt. Kritik am „System“ ist daher wiederum nur eine Gefährdung des „sozialen Friedens“, fundamentale Opposition ist unerwünscht und wird sofort marginalisiert und verunglimpft („Verschwörungstheorien“ usw.).
Mit dem geringsten Repressionsgrad soll im Betrieb die höchste Ausnutzung des Profitmechanismus gesichert werden, mit geringster Unterdrückung der Massen soll die höchste Ausnutzung gesellschaftlicher Herrschaft staatlich gesichert werden (S. 31). Diese Technik wird permanent perfektioniert. Damit sorgt der Staat für den sogenannten inneren Frieden, für „Ruhe und Ordnung“. Er wird zum unbestrittenen und niemals hinterfragten Garant für Sicherheit und Wohlstand (genauer gesagt: für „den strukturellen Stand des gesellschaftlich verteilten Wohls“, S. 60).
Wir glauben, dass wir ständig wählen dürfen. Wir wählen aus einem vielfältigen Angebot aus und treffen die Entscheidungen selbst. Dieser Taschenspielertrick ist der Kern der Illusion. Es wird uns im Parlament eine Vielzahl von Standpunkten vorgegaukelt, aber niemand spricht über echte Alternativen zum politischen und ökonomischen System. Es wird uns eine Vielfalt von Waren und Dienstleistungen präsentiert, aber niemand stellt die Bedingungen ihrer Produktion in Frage. Sie kennen es aus dem Supermarkt und aus dem Fernsehen: Wir dürfen zwischen tausend Spielarten des Zuckerbrots und der Zirkussensationen wählen, während die Peitsche nicht mehr notwendig ist – der moderne Selbstoptimierer schwingt sie ohnehin längst gegen sich selbst.
Fortsetzung folgt
Tomaso Albinoni – Adagio. https://www.youtube.com/watch?v=_eLU5W1vc8Y

Dienstag, 28. November 2017

Agnoli – Kritik der Herrschaft

Johannes Agnoli habe ich als Student noch im Audimax der FU Berlin erlebt. Mir ist nach den vielen Jahren nur ein einziger Satz dieses legendären Professors für Politikwissenschaft am OSI in Erinnerung geblieben: „Im Kapitalismus ist der Kunde König, aber an der Kasse wartet die Guillotine.“ Was haben wir gelacht. Er hatte unsere Erfahrungen im Kapitalismus auf den Punkt gebracht. Jeder kennt das: Man wird als Kunde von der Werbung, von einem Marketing-Fritzen am Telefon oder in der Fußgängerzone umgarnt und fühlt sich geschmeichelt – aber sobald du den Handy-Vertrag unterschrieben oder ein Produkt gekauft hast, behandelt dich das Unternehmen, dem du vertraut hast, wie den letzten Dreck.
So ist es auch in der Demokratie: Wir werden als Wähler umworben und verlockt. Aber sobald wir unsere Stimme abgegeben haben, werden wir mit schöner Regelmäßigkeit vier Jahre ignoriert und verarscht. Davon handelt „Die Transformation der Demokratie“ aus dem Jahr 1967, die einflussreichste theoretische Schrift für die APO um Rudi Dutschke, die 1968 den öffentlichen Diskurs aufmischte. Darin beschreibt Agnoli die Entwicklung der westlichen Gesellschaften zu autoritären Staaten, die ihr Versprechen nicht einlösen, die Bürger politisch zu beteiligen.
Dazu gehört zunächst einmal eine Strategie der „Antiaufklärung“ als Grundbedingung des autoritären Staates, der sein Herrschaftswissen geheim halten und die Verbreitung des Emanzipationswissens verhindern will. „Es dient keinem Herrschaftssystem, wenn die Techniken des Herrschens den Beherrschten zum Bewusstsein gebracht werden. (…) Die moderne kapitalistische Wirtschaft braucht in der Produktion den technisch partiell ausgebildeten, aber betriebsdiszipliniert-unmündigen Arbeiter und den leicht steuerbaren Konsumenten genauso wie der moderne Verfassungsstaat den staatstreuen, den Rahmen der Ordnung peinlich beachtenden, (…) unmündigen Bürger auf politischer Ebene braucht und auch hervorbringt.“ (S. 18f.)
Fünfzig Jahre später haben Agnolis Beschreibungen der deutschen Gesellschaft nichts an Aktualität verloren. Der autoritäre Staat steuert vom Raumschiff Berlin aus das Land, Oligopole und Verbände organisieren die Wirtschaft und sind über Lobbyisten eng mit dem Staat vernetzt, ebenso wie die institutionalisierten Interessenvertreter der Arbeitnehmer, die selbst ohne Einfluss auf die Machtkartelle der Funktionärskaste bleiben. Parlamente und andere Verfassungsorgane haben rein dekorativen Charakter und bilden keinen Gegenpol zur herrschenden Elite in Politik und Wirtschaft. Die Technik der sozialen Manipulation hat man sich vom Faschismus abgeschaut und für die eigenen Zwecke instrumentalisiert. Den Kampf um eine Ausweitung von Freiheitsrechten führt einzig und allein die Kapitalfraktion in Form des Neoliberalismus: Freiheit von Steuern qua „Steueroasen“, von gesellschaftlicher Verantwortung qua „Ideologie der Eigenverantwortung“, von Arbeitnehmerrechten oder Umweltstandards qua „Globalisierung“.
Der autoritäre Staat tritt dem Einzelnen als strenger, aber scheinbar gütiger Vater gegenüber, der seinen Landeskindern nur Unterstützung gewährt, wenn sie im Gegenzug zu Gehorsam und permanenten Anpassungsleistungen bereit sind. Hartz IV ist ein gutes Beispiel – ständig droht den Bedürftigen die Peitsche der Sanktionen. Oder denken wir an die Altersvorsorge: Eine existenzsichernde Rente gibt es nur gegen lebenslange Vollzeittätigkeit in einem sozialversicherungspflichtigen und damit staatlich wie betrieblich kontrollierten Beschäftigungsverhältnis. Selbst im Gesundheitssystem sehen wir die Anfänge von Kontrolle über unser alltägliches Verhalten.
Fortsetzung folgt
Quelle: Johannes Agnoli – Die Transformation der Demokratie und verwandte Schriften. Konkret Literatur Verlag, 2. Aufl. 2012.
Bach Double Violin Concerto - Yehudi Menuhin and David Oistrakh. https://www.youtube.com/watch?v=DJh6i-t_I1Q

Montag, 27. November 2017

Warum wir Terroristen brauchen

Jetzt finden „sie“ also raus, dass der Terrorist vom Weihnachtsmarktanschlag vor einem Jahr Bilder mit einer Knarre auf dem Handy hatte, das die Bullen ausgewertet haben. Scheiß doch die Wand an! Haste schnell mal übersehen, aber dafür in Düsseldorf einen Opa abkassieren, der an der Bushaltestelle sitzt, ohne auf den Bus zu warten. Wegen #shitstorm musste er die 35 € nicht zahlen.
Keiner will die Terroristen fangen, jeder will sie einfach nur haben, um sie für seine miesen Zwecke zu benutzen. Ohne eine Mindestanzahl an Terroranschlägen oder verhinderten Aktionen kann der Staat nicht existieren. Ein Lob den Pressekonferenzen, die unsere Angst füttern. „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“ Es leben die V-Männer!

Heimweh to hell

Ab heute exklusiv: KIEZSCHREIBER gibt es jetzt auch für Gehörlose! Wählen Sie Videotext-Seite 333.

Blogstuff 172
„Wir standen schon vor der Toilette und haben uns doch noch in die Hose gemacht.“ (Ronald Maul)
IKEA steigt in den spanischen Fußball ein. Die Holzpuzzlefreaks aus Schweden sind jetzt Hauptsponsor bei Regal Madrid.
November: Es gibt keine schlechten Monate, nur schlechten Wein.
Deutsch für Anfänger: „sich etwas hinter die Löffel schreiben“ bedeutet nicht, sich Notizen in der Besteckschublade zu machen. Merke: der Hase hat keine Ohren, sondern Löffel am Kopf (in der BRD).
Es ist eine Kette von Vergnügungslokalen der besonderen Sorte: „Tuner“. Wenn man seinen Eintritt gezahlt hat und diesen Ort betritt, ist man eine andere Person. Aber man kann sich die Person nicht aussuchen. Ich bin in dieser Welt zum Beispiel von Beruf Oberkellner und in meiner Freizeit Sänger in einer Punkband. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ein schmales Gesicht mit kurzen blonden Haaren und ich bin mindestens zwanzig Jahre jünger. Hier im „Tuner“ arbeite ich aber nicht. Es gibt Personal, das die Drinks serviert und eventuell Streit schlichtet. Ich vermute, die Verwandlung in eine andere Persönlichkeit wird durch halluzinogene Gase verursacht. Sobald man das „Tuner“ verlässt, ist man wieder die Person, die man im echten Leben ist. Und da bin ich offenbar Polizist, denn der Zivilbulle im „Tuner“ zwinkert mir immer unauffällig zu. Wir suchen nach einer Bande von Kriminellen, die in den Tuner-Filialen ihre Identitäten mit harmlosen Bürgern tauscht – und zwar dauerhaft. So können sie in der Welt draußen untertauchen. (Traum, 2.11.2017)
Wettervorhersage: „ganztägig grau“.
Warum macht uns der Anblick von Kaugummiautomaten sentimental? Zum einen, weil sie uns an unsere Kindheit erinnern. Zum anderen, weil wir wissen, dass sie zu den aussterbenden Arten gehören. Sie stehen für eine Epoche, die allmählich zu Ende geht.
„Imma uff“ – schöner Kneipenname. Gesehen in der Neuen Kantstraße in Berlin-Charlottenburg.
„Ich mache dir ein Tape für deinen Walkman.“ Die Vierzehnjährige sieht mich erst verwirrt und dann mitleidig an. Hilfesuchend wendet sie sich ihrer Mutter zu.
Am Görlitzer Bahnhof werde ich bereits auf dem Bahnsteig von freundlichen Verkäufern empfangen, die allerlei Entspannungsmittel feilbieten. Als Student habe ich um die Ecke gewohnt und hätte von diesem Service geträumt. „Goldies“, ein Pommes-Restaurant in der Nähe, macht übrigens mit diesem Spruch Werbung: „Hast du dir gerade was Schlechtes zu buffen im Görli geholt? Dann setz‘ wenigstens bei deinem Fressflash auf Qualität.“
In den neunziger Jahren war es noch ein Witz: Datenbank ausgeraubt. Heute werden mehr Datenbanken ausgeraubt als echte Banken.
Die Öffnung der Mauer 1989 kann man mit der aktuellen Flüchtlingswelle vergleichen: Plötzlich waren eine Menge neuer Leute in Berlin und man erkannte sie sofort. Damals an den Klamotten, heute an der Hautfarbe. Nach der anfänglichen Begrüßungseuphorie begann der Alltag: Die U-Bahnen und Geschäfte waren voller, und man wünschte sich die gute alte Zeit zurück.
„Andy Bonetti ist ein Frauenversteher? Der kann doch noch nicht mal eine Brustwarze von einem Hämatom unterscheiden.“ (Lupo Laminetti)
So wie es in der amerikanischen Prohibition Flüsterkneipen gab, existierten im Berlin der neunziger Jahre Restaurants in Privatwohnungen und Hinterhöfen, die nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda bekannt wurden. Für einige Monate konnte man dort hervorragend essen – dann wanderten Wirte und Köche zur nächsten Location.
Styx – Renegade. https://www.youtube.com/watch?v=ekQ4TFs7JNs

Sonntag, 26. November 2017

Gatow – Friedhof der Flugmonster

Diese ganzen Militärgeräte sind so lächerlich klein und bedauernswert hässlich – ich kann gar nicht glauben, dass diese Apparate uns Jahrzehnte in Angst und Schrecken versetzt haben. So ein Bomber ist nicht größer als ein Müllwagen und nicht komplizierter als ein Handy. Der Kalte Krieg aus unmittelbarer Nähe – wenn man diesen Friedhof gesehen hat, ist man erleichtert, dass es vorbei ist.

Der absolute Geschmack

Es gibt Menschen, die ein absolutes Gehör besitzen. Bonetti hat den absoluten Geschmack.
Um das Essen wirklich genießen zu können, braucht er natürlich auch die entsprechende Atmosphäre. Schmeckt es unter freiem Himmel nicht am besten? Also lässt er den Tisch auf einer Lichtung im Wald decken.
Nach den gebratenen Garnelen an grünem Salat werden Fettuccine al tartufo nero e funghi porcini serviert. Es folgt ein kleines Filetsteak mit einer roten Thai-Currysoße und danach Skrei auf schwarzen Linsen mit einer Salzkartoffel. Zum Nachtisch gibt es Mandeleis und eine kleine Auswahl Käse mit Trauben.
Es kann so einfach sein. Zur Weinbegleitung werde ich mich ein anderes Mal äußern.

Moon Palace

Vor fünfundzwanzig Jahren, an Weihnachten 1992, bekam ich Paul Austers Roman „Mond über Manhattan“ geschenkt (Originaltitel: Moon Palace, 1989 in New York erschienen). Jetzt habe ich es zum zweiten Mal gelesen und bin erstaunt. In diesem bemerkenswerten Buch stehen einige Sätze, die geradezu prophetisch auf meine innere und äußere Entwicklung im letzten Vierteljahrhundert hinweisen:
„Ich wollte der Welt ins Gesicht spucken, etwas so Ausgefallenes wie nur möglich machen. Und mit dem ganzen Eifer und Idealismus eines jungen Mannes, der zu viel nachgedacht und zu viele Bücher gelesen hatte, beschloss ich dann, gar nichts zu unternehmen: Meine Tat würde ein militantes Verweigern jeglicher Tat sein. Das war ein zur ästhetischen Lehre verklärter Nihilismus.“
„Mit fünfzehn schon hatte er seine volle Körpergröße erreicht, etwa eins achtundachtzig bis eins neunzig, und von da an hatte er ständig zugenommen.“
„Er war titanisch in seiner Feistheit, ein Mensch von derart praller, vorquellender Fettleibigkeit, dass man sich bei seinem Anblick unweigerlich schrumpfen fühlte. Es war, als ob seine Dreidimensionalität stärker ausgeprägt wäre als bei anderen Menschen.“
Genesis - The Carpet Crawlers. https://www.youtube.com/watch?v=2yUN6CsuVPw

Samstag, 25. November 2017

No Country For Old Man




Ich kann es immer noch nicht glauben, dass mir Javier Bardem die Rolle vor der Nase weggeschnappt hat. Ist das zu fassen? ICH bin der Mann mit dem Bolzenschussgerät. Der perfekte Anton. Niemand anderes.

Geplante Buchprojekte 2018

„Bericht eines Liegenden“ (mein Leben im Bett)
„Vom Haarausfall zum Totalausfall – die letzten zwanzig Jahre“ (heiteres Brevier für ältere Menschen)
„Bodo von Holzleim – ein Leben für die Orthographie“ (Biographie einer vergessenen Gymnasialkoryfähre meiner Kindheit)
„Die schönsten Verwaltungsordnungen deutscher Kleinstädte“ (erklärt sich von selbst)
„Ich rate die Farben deiner geschlossenen Augen“ (gedachte Gedichte findiger Finnen)
„Leserbriefe an mich selbst“ (Andy Bonetti hält sich für den Größten – und ist es auch)
„Ganz allein mit dem Genie in meinem Kopf“ (wieder mal Bonetti für Gourmets – aber diesmal mit aufgemaltem Tangobärtchen)


Wachhäuschen vor der Villa Bonetti. Hinweis für Fans: Nur wenn die Firmenflagge über der Villa weht, ist der Meister anwesend.
Styx - Too Much Time On My Hands. https://www.youtube.com/watch?v=5XcKBmdfpWs

Freitag, 24. November 2017

Bong

Stadtmenschen kennen es vermutlich überhaupt nicht. Wir haben uns früher in einer Gruppe von zehn bis zwanzig Leuten in einem Wald im Hunsrück getroffen und in Ruhe eine Erdbong gebaut. Jeder hat nur einen tiefen Zug benötigt … es kommt mir heute noch vor, als wären wir Indianer gewesen. Das Ritual der Erdbong. Ein Zug und du hast dich einfach auf den Rücken gelegt und dem Wald gelauscht. Eins mit der Welt. Jungs und Mädchen. Glücklich. Friedlich. Aus der Gegenwart in die Unendlichkeit geschossen. Keine Fragen, keine Probleme. Wir waren allein, weit weg von der Welt der Erwachsenen mit ihren Kriegen und Steuern, ihrem Hass und ihren kleinkarierten Problemen. Das Ritual der Erdbong …
Dieses Bild schickte mir ein Leser aus dem Jahr 1981. Danke für die Inspiration und lass die Finger von hartem Stoff wie CDU, SPD, FDP, AfD, Grünen usw.

Diese SCHEISS-PD

Wie oft höre ich, dass es in der Politik um „das Ganze“, um „die Gesellschaft“ oder „das Gemeinwohl“ ginge, also letztlich um das Schöne, Gute und Wahre, so als sprächen wir über Religion oder Philosophie.
Politik hat aber mit Religion oder Philosophie nichts zu tun, sie ist vielmehr mit dem Fußball vergleichbar: Es geht um Macht, es geht um Geld. Es kann nur einen deutschen Meister geben, es kann nur einen Kanzler geben.
Geradezu rührend naiv war daher der Vorschlag vom Pfälzer Einhorn Malu Dreyer in einer ARD-Talkshow vor drei Tagen, bei der nächsten GroKo sollte die CDU zwei Jahre die Kanzlerin stellen und die SPD die nächsten beiden Jahre den Kanzler.
Die SPD wird mit Haut und Haaren gefressen werden, sie hat sich gerade zum dritten Mal von derselben Hexe ins Knusperhäuschen locken lassen. Bei den Wahlen 2021 können die pastellrosafarbenen Hoppelhäschen froh sein, wenn sie noch fünfzehn Prozent bekommen.

Russische Alkoholiker in Superzeitlupe



Blogstuff 171
Beim Speed-Dating:
"Spiderman ist mein Lieblings-Superheld."
"Ich hatte ja eher Lieferheld vermutet."
"NEXT!"
(Horst Hutzel)
Der Erfolg des Kiezschreiber-Blogs liegt in der konzeptionellen Konzentration auf die vier Säulen des Geschäfts im Internet: Beauty, Lifestyle, Fashion und Health.
Sein Gesicht war mit Pickeln übersäht. Ein Blinder hätte stundenlang mit seinen Fingerspitzen in ihm lesen können.
Warum haben Hosen vorne einen Schlitz, hinten aber nicht?
Der neueste Trend: Autosexismus. Es ist bereits zu Selbstanzeigen nach einem Schaumbad gekommen. Das Verbot von Badezimmerspiegeln wird gefordert.
#Jamaika. Jetzt echauffieren sich wieder alle über den Egoismus der Parteien, der „Spiegel“ schreibt vom „wohlstandsverwahrlosten Narzissmus“. Eigennutz ist nun einmal die Basis dieser Gesellschaft, man muss sich nur jeden Tag umschauen – und nicht Gemeinwohl. Letzterer existiert nur noch in Sonntagsreden. #mefirst
Ich bin sehr sparsam im Energieverbrauch. Die gespeicherte Energie trage ich ringförmig um die Hüften, wo ich sie jederzeit abrufen kann. Das sogenannte Übergewicht ist also letztlich ein Zeichen effizienter Energiewirtschaft, d.h. dicke Menschen sind klug. Andere mögen Fett sehen, ich sehe gespeicherte Energiereserven. Buddha ist das beste Beispiel für diese These.
„Seine Hand, fett und weiß wie eine Wasserleiche, geschmückt mit güldenen Ringen und Juwelen, die er sich mit billigem Schund im Bahnhofsbuchhandel erworben hat, greift gierig nach dem Lorbeer wahrer Kunst, doch werden sich die Leser nicht von seiner bodenlosen Falschheit blenden lassen. Er, dessen Namen ich nicht nennen möchte, weil ich meine Lippen nicht beschmutzen und die Luft nicht verpesten will, diese Schande seiner Zunft, diese Geißel der Menschheit, dessen stinkendes Maul mit der Asche der Verdammnis angefüllt ist, wird niemals den Büchner-Preis bekommen, so wahr ich Lupo Laminetti heiße.“
„Es wird einmal von ihm heißen: Er war ein Dichter des Volkes.“ (Johnny Malta)
Einen Großteil seines Wissens bezog er aus Gesprächen mit Kneipenbekanntschaften und der Lektüre von Toilettenwänden.
Ungewissheit schützt vor Strafe nicht.
Herbst. Ich stehe am Fenster und ahme pantomimisch die Menschen nach, die sich auf dem Bürgersteig durch einen Regensturm ihrem Ziel entgegen kämpfen.
Was mir in meinem Freundes- und Bekanntenkreis auffällt: Die überwiegende Zahl der verheirateten Männer interessiert sich nicht für Sportübertragungen, bei den Singles ist es genau umgekehrt. Der subtile Terror einer Ehe: der Mann tauscht sinnlose Freizeitvergnügungen, ungesundes Essen und Alkoholexzesse gegen Vitamine, Hygiene und wohlgeordnete Langeweile. Ich glaube nicht, dass die Natur es so vorgesehen hatte.
Wer möchte schon der ängstliche Passagier eines Luxusdampfers sein, der nach Eisbergen und Tsunamis Ausschau hält, wenn man der fröhliche kleine Sektkorken ist, der auf den Wellen tanzt?
Hätten Sie’s gewusst? Andy Bonetti hält den Weltrekord im Weitsprung auf LSD: 1,24 m.
Im Alter wachsen mir neue Haare an den unmöglichsten Stellen, zum Beispiel auf den Schultern. Es sind nur einzelne Haare, keine Büschel, aber dafür werden sie sehr lang. Bestimmte Mutantenhaare hören gar nicht mehr auf zu wachsen. Man gruselt sich ein bisschen vor sich selbst. Einige Haare meiner Augenbrauen werden so lang, dass ich morgens mit winzigen Lockenwicklern aus dem Haus gehen könnte. Verwandle ich mich in ein Monstrum?
Phil Collins – I Wish It Would Rain Now. https://www.youtube.com/watch?v=YcY3FH208l8

Donnerstag, 23. November 2017

Bewaffnet die Obdachlosen!

Erinnern Sie sich noch daran, wofür wir Blogger bei der – heute schon legendären - Gründung der „Vereinigung der digitalen Selbstdarsteller e.V.“ im Café Hackbarth in Delmenhorst 1997 eingetreten sind?
Wir wollten anders sein als die Mainstream-Medien. Wir wollten nicht mit billigen effekthascherischen Überschriften den Lesern und den Klicks hinterherlaufen.
Wir wollten nicht unsere Meinung nach der Anzahl der Seitenaufrufe amerikanischer Bots und der Kommentare russischer Trolle, nach den Zahlungen der Werbekunden und den gehässigen Sprüchen unserer Freundinnen ausrichten.
Wir wollten nicht großen Konzernen wie Bonetti Media Unlimited das Feld überlassen, sondern eine neue Vielfalt im Internet erschaffen.
Was ist passiert?
Meine Meinung: Ihr seid schuld!

$o £äuft‘$ Bu$in€$$

„Warum wurde der Mensch erst am letzten Tag erschaffen? Damit er, wenn er zu eitel wird, ermahnt werden kann: ‚Die Mücke ist älter als du‘.“ (Talmud)
Wichtelbach ist nicht sonderlich groß. Selbst wenn Sie sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten, sind Sie in einer Minute durch den kompletten Ort gefahren. Es gibt eine Kirche, eine Kneipe – und am Ortsrand eine verwitterte lehmfarbene Halle, auf deren Dach „Höhle & Sohn“ steht. Der größte Arbeitgeber des Dorfs beschäftigt ein Dutzend Arbeiter, ein halbes Dutzend Näherinnen, einen Vertriebsleiter und einen Buchhalter.
Mit eben jenem Buchhalter, einem dürren windschiefen Greis, an dessen langer roter Nase ein Tropfen Nasenwasser schillert, sitzt Ferdinand Höhle, der Firmenbesitzer, im Besprechungszimmer, als sein Sohn Alexander, den alle immer nur Axel nennen, den Raum betritt. Trotz seiner fünfzig Jahre trägt er Chucks, ein AC/DC-Shirt und eine Jeansjacke. Hingebungsvoll kratzt sich der Chef den Grind vom Kopf, während er seinen Sohn beobachtet, der sich unbeholfen auf einen Stuhl plumpsen lässt, ohne den Blick von seinem Smartphone zu lassen.
„Da wir nun vollständig versammelt sind, können wir ja mit der Sitzung beginnen“, sagt der alte Höhle. Er hat silbergraues Haar, das glatt an seinem Kopf anliegt wie Gusseisen, und die Kerbe in seinem Kinn wirkt, als habe man sie hinein gemeißelt.
Der Greis bleibt regungslos, vor ihm ein weißes Blatt Papier und ein Bleistift.
„Wenn wir weiterhin rote Zahlen schreiben, werde ich die Firma zum Jahresende schließen.“
„Aber, Papa“, der Junior löst zum ersten Mal den Blick vom Display, „das kannst du doch nicht machen. Ich wollte doch das Geschäft übernehmen. Ich habe auch schon Super-Ideen.“
„Ich weiß, aber für Helene Fischer und Justin Bieber haben wir nicht genug Geld. Weißt du, wieviel Geld die Manager dieser Leute für die Lizenzgebühren haben wollen?“
„Wir könnten sie am Gewinn beteiligen, ohne vorher Gebühren zahlen zu müssen. Wir müssen mit der Zeit gehen, Papa. Wer will denn heute noch mit Puppen spielen, die Napoleon oder Goethe heißen?“
Im sanften Licht der Herbstsonne ist der Buchhalter eingeschlafen. Vielleicht ist er auch gerade gestorben, es ist nur schwer zu erkennen. In den fünfziger Jahren hatte Ferdinand Höhle mit der Produktion von Peter Alexander- und Heinz Rühmann-Puppen begonnen, die weniger bei Kindern als bei älteren Damen beliebt waren. Er weigerte sich, Elvis- oder Beatles-Puppen herzustellen. Er setzte auf Heintje und Heino. Damit hielt man sich auch in den siebziger Jahren über Wasser. Er verpasste grundsätzlich jeden Trend. ABBA, Kohl, Obama – nicht zu vergessen: Harald Juhnke, Captain Future und Ronald Pofalla. Später stellte Höhle & Sohn Puppen nach historischen Vorbildern her: Napoleon, Julius Cäsar und Goethe.
„Du weißt, dass mir diese ganzen neumodischen Dinge nicht liegen. Du mit deinen Rappern und Fußballern. Was ist, wenn wir zehntausend Messi-Puppen produzieren und der Typ bricht sich das Bein, weil er zu blöd ist, aus seinem Ferrari auszusteigen, und wir bleiben auf den Puppen sitzen? Historische Puppen ziehen immer.“ Er entblößt eine Reihe stockfleckiger gelber Zähne und mindestens einen Daumen breit entzündetes Zahnfleisch.
„Offenbar inzwischen nicht mehr. Dann lass uns wenigstens Hitler-Puppen machen, Papa. Das wird ein Renner, ich schwör’s dir. Hitler ist die wichtigste historische Figur, die es überhaupt gibt.“
Beim Wort „Hitler“ öffnet der Buchhalter die Augen und sieht sich vorsichtig um.
„Ich hab dir schon hundertmal gesagt, ich mache keine Hitler-Puppen. Ich sitze hier im Gemeinderat. Das kann ich dem Dorf nicht antun.“ Wütend mahlen die Kiefer des Seniors. Eine fingerdicke Vene beginnt, an seiner Schläfe zu pulsieren.
„Aber mir kannst du es antun, die Fabrik zu schließen. Was wird dann aus mir? Was wird aus den ganzen Leuten? Die haben ihr Leben lang nichts anderes gemacht als Puppen.“ Zum ersten Mal kommt auch der Junior in Fahrt.
Der alte Höhle entrunzelt seine Stirn und kommt ins Grübeln. Geschäft ist nun mal Geschäft. Hitler. Das wäre ein Verkaufsschlager wie damals Peter Alexander. ¥ € $ !
Verträumt malt der greise Buchhalter ein Hakenkreuz auf das Blatt Papier, das vor ihm auf dem Tisch liegt.
The Vibrators - Nazi Baby. https://www.youtube.com/watch?v=zlBuSl2eD_g

Mittwoch, 22. November 2017

Fachköftemangel: Unternehmen bewerben sich jetzt bei Ihnen!

Schweppenhausen: Vagabundierende Unternehmer belagern eine Gruppe arbeitsloser Poledancer.
Quelle: http://schweppenhausen.de/rund-ums-dorf/bildergalerie/

Ein buntes Potpourri zufälliger Gedanken


Blogstuff 170
„Ein Universum, angefüllt mit Zufällen, geschmackloser Kleidung und miesen Pointen. Es ist unsere Aufgabe, Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Eine volle Bierflasche hat beispielsweise eine andere Bedeutung als eine leere Bierflasche.“ (aus einem Essay, den Andy Bonetti 1987 in der Kinderzeitschrift „Der kleine Elektroingenieur“ veröffentlicht hat)

Vom 11.11. bi 22.22. feiern die Hunsrücker Fleischwurstkosaken "Törsnöggelen" mit viel Alkohol und Kautabak.
Das Pomologische Institut Schweppenhausen-Süd (ich erspare Ihnen und mir die Abkürzung) ist eine private Hochschule mit einem Dutzend Studenten und einem einzigen Professor: Andy Bonetti. Es können folgende Fächer belegt werden: Germanistik (Bonetti liest aus seinen Werken vor), Politikwissenschaft (Bonetti liest aus der Zeitung vor), Geschichte (Bonetti liest aus Wikipedia vor – von A wie Altertum bis Z wie Zukunft), Soziologie (Bonetti liest aus Frauenzeitschriften vor), Pomologie (Bonetti sitzt mit seinen Studenten unter dem Apfelbaum im Garten und wartet auf neue Erkenntnisse), Taxischein (fakultativ). Mit einem Bachelor in Pomologie (bitte nicht mit Pornologie verwechseln – Bewerber machen diesen Fehler öfter, als man denkt) können Sie einen wertvollen Beitrag im Kampf gegen die sinkende Akademikerarbeitslosigkeit leisten.
Was ist der Unterschied zwischen Vandalen und Nazis? Vandalen werfen die Fensterscheiben von leeren Gebäuden ein, Nazis werfen Scheiben ein, hinter denen ein Licht brennt.
Ist jeder Tag wirklich so wichtig, dass er eigene Zeitungsausgaben verdient hat?
Im Frühling kommt der Subaru Oxymoron TDi auf den Markt. Ich glaube, den Unternehmen gehen langsam die Namen aus.
Kennen sie Jasper Birkenhain? Er war Mitglied der „Deutschen Jugend für eine freie Marktwirtschaft“ und gründete später die „Turbo-Konservativen“, eine Partei der extremen Mitte. Er war stets ein aufrechtes und verlässliches Glied in der Befehlskette vom Vorstand der Deutschen Bank bis hinab zum einfachen Vermögensberater (in der Branche heißt die Kundenverarsche übrigens „maschmeyern“, aber das ist eine andere Geschichte). Sie würden ihn mögen, wenn Sie ihn kennen würden. Seine Frau Renate von Amtswegen-Birkenhain ist gerade für die FDP in den neuen Bundestag gewählt worden.
Die Praktikanten, die in ihrem ersten Jahr bei Bonetti Media nur das kleine und das große A lernen, streiken seit gestern. Sie fordern fünf Prozent mehr Aufmerksamkeit von Ihnen, liebe Leser. Seien Sie nicht so hartherzig, lesen Sie diesen Text noch einmal.
Der Andynator hat heute ein frittiertes Twinky mit Vanilleeis und quietschsüßer „Erdbeer“soße mit großem Genuss verspeist. Nur so kann er sein Gewicht halten.
Metaphysik ist nicht meine Stärke. Ich weiß nur, dass man als Toter nicht ins Internet kommt.
„Russisches U-Boot vor dem Kanzleramt gesichtet“ – diese Schlagzeile fehlt mir noch in meiner Sammlung.
Wer allmählich das gesamte Labyrinth kennenlernt, wer es bis in die letzten Winkel erforscht, kann es dennoch nicht verlassen. Die Laborratten begreifen es bis zu ihrem Tod nicht. Das Herumlaufen, die Suche nach Belohnungen füllt ihr Bewusstsein ein Leben lang aus. Sie sind andererseits klug genug, keinen absurden Aberglauben über die Welt jenseits des Labyrinths zu entwickeln. Ratten können sich auch nicht selbst einreden, Schwarz sei nur ein sehr dunkles Weiß und Weiß sei nur ein sehr helles Schwarz.
Ironie der Geschichte: Im Jahr 2033 übernimmt ein Apple Spartacus, der sich selbst modifizieren und reproduzieren kann, die Weltherrschaft.
Mein Großvater hat mir eine Zyankalikapsel vererbt. Er schrieb in seinem Testament, er habe sie vom Führer persönlich geschenkt bekommen.
Roxy Music - Jealous Guy. https://www.youtube.com/watch?v=hRzGzRqNj58

Dienstag, 21. November 2017

Rätselhafter Fund

Archäologen haben bei Ausgrabungen in Hamburg ein riesiges Hakenkreuz entdeckt. Die Experten rätseln nun, welche Bedeutung dieses Symbol haben könnte. Handelt es sich um einen Fruchtbarkeitskult der alten Germanen oder um ein Brettspiel aus dem Pleistozän? Hat es überhaupt etwas mit deutscher Geschichte zu tun oder ist es ein Zeichen für außerirdische Besucher?

Die pure Boshaftigkeit

Jetzt salbadern die Pfaffen in den Redaktionsstuben wieder von Staatswohl und Bürgerwillen. Als ob es darum je gegangen wäre.
Sehen wir den Politiker als Menschen. Er ist, wenn er lange genug im Geschäft ist und an der Spitze der Nahrungskette, vulgo: ganz vorne am Trog, angekommen ist, nicht nur täglich dem Geschleime seiner Untergebenen und den misstrauischen Blicken seiner Konkurrenten ausgesetzt – häufig in Personalunion als sogenannter Parteifreund -, sondern auch dem Hass und der Häme der Öffentlichkeit und der Medien.
Ist es also verwunderlich, wenn der Politiker selbst Hass verspürt? Auf den Urnenpöbel, auf die Journaille, auf den ganzen politischen Betrieb? Warum sollten Hass oder ganz einfach die pure Boshaftigkeit nicht die wahren Antriebsmomente eines Politikers sein? Nicht immer, aber doch wenigstens gelegentlich?
Nehmen wir die Union als Beispiel, die gerade mit der psychologischen Finesse eines Bulldozers um die Fortsetzung einer GroKo bittet. Wie im Augenblick auf die Sozialdemokraten eingedroschen wird, die an den Gesprächen über Gespräche zu einer möglichen Regierungszusammenarbeit – kurz als „Jamaika“ verniedlicht – gar nicht teilgenommen hatte und jetzt als Feiglinge und Drückeberger verhöhnt werden, die sich „vom Acker gemacht hätten“ (wie die Guldentaler Bauerntochter Klöckner es formuliert hat) und keine Verantwortung für den Staat tragen wollten – ja, so stelle ich mir die Brautwerbung des Tasmanischen Teufels vor.
Nehmen wir die FDP, die in diebischer Freude „sondiert“, bis der Arzt kommt, um dann plötzlich den Stecker zu ziehen und „Ätsch, reingelegt“ zu rufen. Das war nicht nur boshaft, das hat sicher auch Spaß gemacht. Schon in den Tagen zuvor saß man mit den Spin Doctors zusammen und heckte eine Social Media-Kampagne aus. Später lachte man sich ins Fäustchen, als man den Werbeslogan zur Gesprächsverweigerung veröffentlicht hat: „Lieber nicht regieren als falsch.“
Nehmen wir Frau Merkel, die aus reiner Boshaftigkeit verkündet, auch zu möglichen Neuwahlen wieder als Kanzlerkandidatin anzutreten. Sie hat die letzte Wahl verloren, sitzt vor einem Scherbenhaufen statt in Koalitionsverhandlungen, sie hat keine Ideen und kein Programm für die Zukunft dieses Landes – und ruft uns hämisch grinsend zu: „Ihr werdet mich nicht los.“
Und aus diesem Friedhof der Kuscheltiere dürfen wir in ein paar Monaten erneut einen Zombie wählen. Nochmal derselbe Wahlkampf, nochmal dieselben Verhandlungen von Leuten, die nur die Boshaftigkeit einigt. Wir werden sie nicht los, sie werden uns nicht los. Spüren Sie auch den Hass in sich aufsteigen? Das Leben ist ein Traum der Hölle.
Meine Vorstellung von Politik: Charles Chaplin: König von New York - Ruperts Rede. https://www.youtube.com/watch?v=PGMsTnqsJNU&feature=share

Berlin, wie es einmal war

„Wir lieben dieses Land. Das ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht. Für diese Heimat werden wir kämpfen.“ (Katrin Göring-Eckardt vom Heimatverein „Die Grünen“, völkischer Flügel)
Die Berliner wissen ja leider nichts von der Geschichte ihrer Stadt. Ständig wird irgendwo etwas abgerissen und sofort ein neues Gebäude errichtet. Grabungen finden nur statt, wenn man eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg findet. Es ist eine regelrechte Obsession. Bomben müssen es sein, keine römischen Tempel oder Mumien oder die ollen Knochen eines germanischen Fürsten. Und natürlich nur Bomben aus der Hitlerzeit – dabei gab es doch auch noch eine Menge anderer Kriege, man muss ja nur in die Geschichtsbücher schauen. Frieden war damals nur so eine Art Halbzeitpause wie beim Fußball.
Nicht mal für ein paar Hinweisschilder hat es gelangt. Da stehe ich nun auf dem Parkplatz von Aldi und weiß gar nicht, dass hier einmal das Zelt der berühmten Abenteurers Isegrimm von Wanzleben gestanden hat, der Berlin 1199 überhaupt erst entdeckt hat. Vorher war auf der Landkarte nur Sumpf eingezeichnet. Leider ist er verschollen, seit er sich auf die Suche nach den geheimnisvollen Quellen der Spree gemacht hat.

Kunstwerk der sagenumwobenen Indianer, die Berlin in grauer Vorzeit gegründet haben. Das Wort „Berlin“ bedeutet in ihrer Sprache „Baustelle“.
Kennen Sie das Lied von Bolle, der nach Pankow kam? Er ist damals in der Wollankstraße aus dem Zug gestiegen. Der heutige S-Bahnhof war zu diesem Zeitpunkt ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Von hier aus konnte man mit der Eisenbahn bis nach Stockholm oder Tiflis fahren. Bolle hat später eine Supermarktkette eröffnet, die älteren Berliner werden sich erinnern. Seine Frau Bilka machte ihm damals Konkurrenz.
Da, wo am Leipziger Platz eine Shopping Mall aufgemacht wurde, stand im 19. Jahrhundert das Laboratorium von Günter Siemens, der die Saugglocke und den Glühwein erfunden hat. Ihm zu Ehren hat man viele Waschmaschinen und Kühlschränke auf den Namen Siemens getauft.

Der Leipziger Platz in den sechziger Jahren.
Der elfte Earl of Longshadow, besser bekannt unter seinem Künstlernamen David Bowie, lebte von 1981 bis 1988 in der Knorkestraße 57 in Lichterfelde. Seine Hauswirtin machte ihn mit seiner späteren Frau Yoko Ono bekannt. Hier komponierte er seine bahnbrechenden Konzeptalben „Das Ende der Milchstraße“, „Das Ende der Fahnenstange“ und „Das Ende der Geduld“, die wiederum Andy Bonetti zu seinem Buch „Das Ende des Fließbands“ inspirierten.
Theodorus Hadermaul (1755-1806), Professor für Kulturpessimismus, erfand das Lamento und das Klagelied. Seine These vom baldigen Untergang des Morgen-, Mittag- und Abendlands hat er in der Karl-Marx-Allee 23 geschrieben, die damals allerdings noch Finkenweg hieß und mit einstöckigen Holzhäusern im Wildweststil bebaut war. Wenigstens eine klitzekleine Messingtafel hätte man doch an dem sozialistischen Prunkbau unserer Tage anbringen können.

Hier lebte und wirkte Prof. Hadermaul.
Yello - Homer Hossa. https://www.youtube.com/watch?v=5NZSwexVwsY

Montag, 20. November 2017

Nachdenken über Rodin

Sie kennen Rodins Skulptur „Der Denker“. Da hat die Figur ihren rechten Ellbogen auf dem linken Oberschenkel aufgestützt. Das schaffe ich in meinem Alter gar nicht mehr. Kriegen Sie das hin?

Textbausteine, die auf dem Müllhaufen der Geschichte landen

Bei Bonetti Media Unlimited, wo täglich gigantische publizistische Zahnräder ineinander greifen und Tausende Mitarbeiter weltweit (btw: Kennen Sie die usbekische Ausgabe dieses Blogs?) für einen unaufhörlichen Strom von Hintergrundinformationen, Arztromanen und politischen Statements sorgen, wird natürlich nichts dem Zufall überlassen. Das Medienunternehmen ist auf alles vorbereitet. Hier liegen die Nachrufe sämtlicher Promis schon in der Schublade. Wenn Oliver Kahn heute bei einem Autounfall stirbt, sind wir mit dem Nachruf in drei Minuten online und morgen können sie seine Biographie in jeder Bahnhofsbuchhandlung kaufen. So ist Bonetti. Hier weiß man, wie das Geschäft läuft.
Natürlich hatten wir für heute auch einen Text vorbereitet, da wir angenommen haben, die Jamaika-Sondierungsgespräche würden erfolgreich verlaufen. Folgende Textbausteine wandern jetzt in den Müll. Danke, Patrick Lindner!
Es ist weniger das historische Verdienst Merkels, die erste Frau im Kanzleramt zu sein, als die Tatsache, dreimal eine Partei aus dem linken Lager bewegt zu haben, einer bürgerlichen Regierung zur Macht zu verhelfen. In Merkels erster und dritter Legislaturperiode wechselte die SPD aus dem linken ins bürgerliche Lager, jetzt werden es die Grünen sein. Das ist noch nicht einmal Adenauer oder Kohl gelungen. Rot-rot-grün hatte von 2013 bis 2017 eine Mehrheit im Bundestag. Man verzichtete auf das Kanzleramt zugunsten Merkels. Darüber hinaus ist es bemerkenswert, was man zu opfern bereit war und ist, um mit dem politischen Gegner ins Geschäft zu kommen. Bei den Sozialdemokraten war es das Soziale, bei den Grünen sind es Umweltschutz und Menschenrechte. Das werden zukünftige Historiker und Lehrer ihrer Klientel erst einmal erklären müssen. Merkel hat mehr Parteien als Steigbügelhalter benutzt als jeder ihrer Vorgänger: CSU, FDP, SPD, Grüne.
„Ich bewundere Angela Merkel. In ihrem Parlament gehen die Gesetzesvorlagen so heimlich und leise rein und raus wie ein Priesterschwanz in einen Kuharsch.“ (Donald Trump)
Spinnen pflegen den Leichnam ihres Opfers, der zum späteren Verzehr bestimmt ist, in ihrem Netz öffentlich auszustellen. Wie schaffe ich jetzt die Überleitung zu Merkel und den Grünen?

Bonetti‘s Weltwirken und seine Verankerung im Absoluten


Blogstuff 169
„Jeder nennt die Gedanken ‚klar‘, die den gleichen Grad der Konfusion wie seine eigenen haben.“ (Marcel Proust)
Wir sind gegenüber langsamen Entwicklungen oft hilfloser als gegenüber schnellen Veränderungen. Womit wir wieder einmal bei den Themen Übergewicht und Angela Merkel wären.
Alte Sicherheiten lösen sich auf wie auf einem Gemälde von Dali.
Keine Mücke, die in sein Haus geflogen ist, hat man jemals wiedergesehen. Bei den Menschen bin ich mir nicht sicher. Die Nachbarn behaupten, er sei ein schwarzes Loch.
Vorteil meines Gewichts: Ich bin Ende Oktober der letzte Mensch in Berlin, der im T-Shirt rumläuft, während andere schon Schals und Wintermäntel tragen.
Hätten Sie’s gewusst? Das Kiezschreiber-Blog wird auch im Bundeskanzleramt gelesen. Der Pförtner ist ein ganz großer Fan von mir.
Die Medien sind immer noch beleidigt, weil sie durch das Internet die Publikationshoheit verloren haben. Aber schon früher haben sich die Leute mindestens die Hälfte ihrer Informationen am Gartenzaun, in der Kneipe oder in der Kaffeeküche ihres Büros geholt. Jetzt steht eben die ganze Welt an meinem Gartenzaun.
Die drei Schubladen für meine Einfälle: a) Bierlaune, b) Schnapswahn, c) Eitelkeiten, Heikelkeiten, Heiterkeiten, d) erst nach meinem Tod veröffentlichen.
Kennen Sie Tristan Schweinehals? Von ihm entstammte der berühmte und zukunftsweisende Entwurf für das Urinal zu Ehren Bismarcks, der leider nicht mehr zur Ausführung gelangte.
Es gehört zum Repertoire der Konzernsender, arme Menschen durch den Dreck zu ziehen. Vorläufiger Höhepunkt ist die Serie „Promis auf Hartz IV“ auf RTL II, in der Omega-VUPs, die man höchstens aus dem Dschungelcamp kennt, einen Monat von Sozialhilfe leben müssen. Armut als Kinderspiel, nach Drehschluss geht’s dann mit dem Heli zum Luxus-Shopping.
Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Schildkröten haben immer denselben Gesichtsausdruck.
Häufig werde ich von meinen Lesern gefragt, was ich eigentlich am 20. Oktober 2017 gegen 13:33 Uhr gemacht habe? Eine heikle Frage, sehr persönlich, fast ein wenig intim. Trotzdem werde ich sie natürlich beantworten. Ich habe nachgedacht, liebe Freunde der Nacht, in langen Zügen und mit gutem Appetit nachgedacht.


Als ich am 12. Oktober nach Berlin kam, war die Linde vor meinem Fenster noch grün. Fünf Tage später waren fast alle Blätter gelb und heute, am 22. Oktober, ist er kahl. Selbst der Herbst ist in der Großstadt schneller als auf dem Land.
Der Orkan, der neulich hier unterwegs war, hat im Stadtgebiet über 50.000 Bäume zerlegt, aber keinen in meiner Straße oder im Garten hinter dem Haus. Schade, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht in Berlin war. Ich hätte gerne eine Lieferpizza bestellt.
Dort, wo früher das griechische Lokal Mykonos war und vor 25 Jahren kurdische Politiker ermordet wurden (beim diesjährigen Jubiläum waren wieder zahllose Menschen und Kamerateams anwesend – ein Mann bekam einen Herzinfarkt), ist jetzt eine Kita für Ein- bis Dreijährige. Was würde ein Dichter aus dieser Symbolik machen? Dort, wo einst das Leben von vier Menschen blutig endete, beginnt nun für viele Existenzanfänger ihre Zeit auf Erden. Sie krabbeln über den Boden, auf dem damals mit Kreide die Umrisse der Leichen gezeichnet wurden. Hurz!
Fox The Fox - Precious Little Diamond. https://www.youtube.com/watch?v=xMee76YLRQo

Sonntag, 19. November 2017

Nein!

Ja und dreimal Ja. Ich werde alt. Mir gehen Sachen auf den Senkel, die mir früher egal waren. Und jetzt möchte ich Ihnen etwas über Gewalt in den Medien erzählen.
Ich sitze bei Freunden im Wohnzimmer. Vater, Mutter, Kind. Das Mädchen ist zwölf Jahre alt. Der Fernseher läuft, ein Info-Kanal. Wir unterhalten uns.
Im Fernsehen laufen alte Dokumentaraufnahmen aus dem vergangenen Jahrhundert, es geht um Russland. Wir sehen ein paar Bauern, deren Hände auf dem Rücken gefesselt sind. Man zwingt sie in die Knie, dann werden sie von Menschen erschossen, die wir nicht sehen können.
Das Mädchen neben mir auf der Couch zuckt kurz, wir andern unterhalten uns routiniert weiter. Ich finde das nicht in Ordnung. Lachen Sie mich ruhig aus. Ich finde die ganze Gewalt in den Medien nicht gut. Ich habe mich daran gewöhnt. Aber was ist mit den Kindern? Werden sie abstumpfen wie Vieh?

Jamaika - mit Joschka und Guido?

Werden wir eines Tages "Hundert Jahre Jamaika-Witze" feiern?

Kiezschreiber exklusiv: Der Niedergang

„Na sowas, sie haben uns gefunden.“ – „Das ist eine Insel, Boss. Sie finden uns immer.“ (Shutter Island)
Wilmersdorf – Hort der Bürgerlichkeit, Heimat der Witwen. Aber in diesem Jahr ist der schleichende Niedergang dieses Stadtteils offenkundig geworden. An den Verrückten mit Tourette-Syndrom, der mir regelmäßig wild gestikulierend und brüllend entgegenkommt, habe ich mich ja schon gewöhnt. Aber jetzt das:
Im Sommer duscht ein Mann im Springbrunnen am Prager Platz. Mit Shampoo und Handtuch. Großes Hallo bei den Damen im nahegelegenen Café, die ihre Stühle in Richtung Brunnen drehen.
Im Herbst schlägt ein Mann auf der Verkehrsinsel mitten auf der Bundesallee, Ecke Spichernstraße, sein Zelt auf und lebt jetzt dort – umgeben von einer sechsspurigen Straße.
Eine Freundin sitzt mit ihrem Lebensgefährten im Lokal. Er hat 1500 Euro im Jackett, die er seinen Mitarbeitern später auszahlen will. Das Jackett hängt über der Stuhllehne. Zwei Männer setzen sich an den Tisch hinter dem Mann. Die Frau weist ihren Lebensgefährten mehrfach darauf hin, dass sich sein Jackett bewegen würde. Später stellt er fest: das Geld ist weg. Die Männer sind verschwunden.
Heute komme ich von einem vorzüglichen Drei-Gänge-Menü (Miesmuscheln in Weißweinsoße, Papardelle mit Hirschragout, Mandeleis) mit einer alten Bekannten in der Osteria No. 1 in Kreuzberg zurück und wir finden eine Handtasche im Vorgarten. Der Schulterriemen ist zerrissen, der Inhalt ist verstreut, das Geld fehlt, aber ansonsten sind die Papiere komplett. Eine Frührentnerin aus Pforzheim wurde das Opfer eines Diebstahls. Anstatt alles der lahmarschigen Berliner Polizei zu übergeben, rufen wir die Bank der Bestohlenen an. Banken haben immer die Telefonnummern ihrer Kunden, auch wenn sie die Nummer nicht rausgeben dürfen. Die Bankangestellte ruft für uns die Dame an, sie ruft sofort zurück und erzählt, sie sei einige Tage zuvor, auf dem Rückweg von einem Konzert in ein Hotel in unserer Nähe, überfallen worden. Immerhin bekommt sie von uns ihren Personalausweis, den Führerschein und die Fahrzeugpapiere, Bankkarten und den Schwerbehindertenausweis zurück. Sicher werden die Frau und ihr Ehemann nie wieder nach Berlin fahren.
Das alles sind nur aktuelle Beispiele aus einem Hundert-Meter-Radius rund um meine Wohnung. Schon vor zwei Monaten wurde ich am Bahnhof Südkreuz Zeuge eines Handtaschenraubs. Unmittelbar vor dem Einsteigen in den ICE reißt ein Mann der älteren Frau direkt vor mir die Handtasche von der Schulter und rennt weg. Im Zug wendet sich das Opfer an die Schaffnerin, sie ruft die Polizei an und lässt ihre Karten sperren. O tempora, o mores. Quo vadis, Wilmersdorf? Quo vadis, Berlin? Geht diese Stadt den gleichen Weg wie Sarajewo und Mogadischu? Wo ist die CSU, wenn man sie mal braucht?
P.S.: Vor dem Einkaufszentrum am Prager Platz steht ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr. Brennt es in meinem Kiez? Nein, aus dem Haupteingang tritt ein junger Mann in Uniform auf den Bürgersteig. Er hält drei Gläser Bautzener Senf in den Händen. Die Feuerwehr rückt wieder ab, die Zufahrt für Notfälle ist frei. Das ist Berlin.
Prince – Batman. https://www.youtube.com/watch?v=ulOLYnOthIw

Samstag, 18. November 2017

Malcolm Young

Lebende 0
Tote 1
https://www.youtube.com/watch?v=qFJFonWfBBM&feature=share
Ich hätte gedacht, ich würde es gefasster aufnehmen. Aber die "Highway To Hell" war - zusammen mit der "Wish You Were Here" von Pink Floyd - nun mal die erste Platte meines Lebens.

Bernburg und Tangermünde

„Dann traten sie durch ein Tor, das wacklig aussah, in das Land hinaus. Die Felder wurden gemäht. Der Himmel war blau und schwer, die Schwalben schwammen darin wie in trägem Wasser. Die Bauernhäuser dort drüben waren eingetaucht in heißes Flimmern, und ein Wald stand schwarz, mit blauen Wegen.“ (Heinrich Mann: Der Untertan)
Es ist unfassbar: Er hat nun schon zum zweiten Mal ein Meet & Greet mit Andy Bonetti gewonnen. Vermutlich, weil er wieder einmal der einzige Teilnehmer des Preisausschreibens gewesen ist: der Ultra Lights-Kettenraucher, Gelegenheitshanfwerker und Mitarbeiter des Monats vom Juli 1976 (ältere Leser dieses Blogs werden sich erinnern) Harri.

Das Ende der Welt – aber immerhin mit einem Toilettenhäuschen

Wir bezahlen Jimmy Thanatos, den Fährmann

Ein letzter Blick auf das Diesseits

Die General-von-Knorpel-Kaserne in Nieder-Schweinichen

Bernburg
Wir hatten die Auswahl zwischen einer teutonischen Schnitzelkneipe namens Bräustüberl und einem arabischen Restaurant direkt gegenüber. Im Osten fällt einem die Wahl nicht schwer und die Lammspieße mit Reis, Sesamcreme und Joghurt waren wirklich köstlich. Den Nachtisch gab’s umsonst dazu – ich revanchierte mich mit vier Euro Trinkgeld.



Tangermünde – Zuchtperle des DDR-Tourismus


„Sie blickten umher: Sie waren in einem weiten, fremden Land, die kleine Stadt dort hinten schlief fremdartig in der Sonne, und der Himmel sah ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist.“ (Heinrich Mann: Der Untertan)

Air – Moon Safari. https://www.youtube.com/watch?v=kxWFyvTg6mc

Die Erzählmaschine

Er hatte ein faustgroßes, knallrotes Geschwulst auf der Stirn, das permanent pulsierte und von lilafarbenen Adern durchzogen war. Eines Tages begann es zu singen:
Einem Hai namens Kai
Ging das Moped entzwei
So muss er bis Meppen
Auf Flossen sich Schleppen
Was ist schon dabei?

Die Erfinder von „Jamaika“

Die Taino sind längst vergessen. Dieses arme Volk hatte das Pech, als erstes mit Kolumbus und seinen Leuten in Kontakt zu kommen. Es ging den Europäern bekanntlich um neue Handelswege, um Gold und wertvolle Rohstoffe – wie heute. Die Ureinwohner waren ihnen herzlich egal. Nur wenige Jahrzehnte nach ihrer „Entdeckung“ waren die Taino ausgestorben.
Kolumbus schilderte diese Menschen als „unschuldig und von einer solchen Freigiebigkeit mit dem, was sie haben, dass niemand es glauben würde, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Was immer man von ihnen erbittet, sie sagen nie nein, sondern fordern einen ausdrücklich auf, es anzunehmen und zeigen dabei so viel Liebenswürdigkeit, als würden sie einem ihr Herz schenken.“ Schön blöd.
Allein auf der Insel Hispaniola lebten je nach Schätzung zwischen 300.000 und einer Million Taino. 1517 gab es noch 11.000, 1533 noch fünfhundert von ihnen. Das Land wurde unter den Spaniern aufgeteilt, die Ureinwohner galten als Teil des Grundbesitzes und hatten keine Rechte.
Von den Taino ist aber ein Teil ihres kulturelles Erbe unsterblich geworden: die Hängematte. Wir nutzen sie bis heute. Auch einige Wörter der Taino sind in die europäischen Sprachen eingewandert: huracán (Hurrikan, Wirbelsturm), manatí (Seekuh), tobaco (Tabak), maíz (Mais), papaya (Papaya), caimán (Kaiman, Krokodil), canoa (Kanu).
Sogar einige ihrer geographischen Bezeichnungen haben die Zeit überdauert: Jamaica, Cuba, Aíti (Haiti – ein Staat auf der Insel Hispaniola). Über die deutschen Sondierungsgespräche 2017 unter der Überschrift „Jamaika“ hätten sie vermutlich nur gelacht.

Freitag, 17. November 2017

Superhorstl

„Es gibt Menschen – moralische Abnormitäten, und ihre Anzahl ist größer, als man annimmt – die man nur beschreiben, nicht mehr verstehen kann.“ (Arno Schmidt: Brand’s Haide)
„Obergrenze“, rief er, mit Tränen in den Augen und voller Ehrfurcht. „Obergrenze!“ Er wirkte so ergriffen, als sei er gerade vierzig Tage und vierzig Nächte in der Wüste gewesen und habe das Wort Gottes empfangen. Dann sah er sich in der Runde um, als erwartete er, dass alle in Jubelschreie ausbrechen, auf die Stühle steigen und die Hüte schwenken.
Seehofer ist wie ein Punkt bei Euklid. Er hat eine Position, aber keine Substanz, keine flächenmäßige Ausdehnung. Aber manchmal möchte sich so ein Pünktchen trotzdem ausdehnen und zerplatzt wie die Schaumblasen auf einem bayrischen Weißbier.
P.S.: Was haben Simbabwe und Bayern gemeinsam? In beiden Ländern hat es noch nie einen demokratischen Machtwechsel gegeben. Der Wechsel auf dem Häuptlingsthron erfolgt regelmäßig durch einen Putsch.

Markus Söder erfährt, dass er den CSU-Parteivorsitz übernehmen soll.

Der Schabrackentapir

„Weisheit gehört zu den wenigen Dingen, die man weder kaufen noch verkaufen kann.“ (Robert Crumb: Die Nerds, 1978)
Ich saß mit einer Freundin an einem Vierertisch im ICE, als sich eine ältere Frau mit roter Kurzhaarfrisur und einem völlig überkandidelten bunten Schal neben mich setzte.
E. und ich sprachen gerade über die aktuelle Sexismus-Debatte. Es ging um die Frage, ob man noch Weinstein-Filme sehen durfte, nachdem die ekelhaften Details seiner sexuellen Belästigungen ans Licht gekommen waren. Ich gab zu bedenken, dass man dann auf die Quentin-Tarantino-Filme verzichten müsse. E. fügte an, sie könne dann die Herr-der-Ringe-Trilogie und „Shakespeare in Love“ nicht mehr sehen.
„Sie als Mann sollten sich aus dieser Debatte sowieso raushalten“, mischte sich die Frau mit einem giftigen Zischen in unser Gespräch ein.
Ich sah E. an und grinste. Dann legte ich los.
„Habe ich dir von dem Tierfilm erzählt, den ich neulich im Netz gesehen habe? Da ging es um den Schabrackentapir. Ein widerliches Tier. Es stinkt wie die Pest und fängt mit jedem Streit an.“
E. begann zu lachen.
„Der Schabrackentapir ist so aggressiv gegenüber anderen Tieren, das er in keinem Zoo der Welt gehalten werden kann. Die Tiere siehst du eigentlich nur im Film. Er ist so hässlich wie Dobrindt und so blöd wie Scheuer. Er hat ekelhafte rote Zotteln auf dem Kopf und einen fetten Schwabbelhals, den er nicht gerne zeigt. Das ganze Tier sieht aus wie ein Verkehrsunfall.“
Jetzt war E. nicht mehr zu halten. Sie bekam einen Lachanfall, Tränen liefen über ihre Wangen.
„Am schlimmsten ist der weibliche Schabrackentapir, wenn er die Wechseljahre hinter sich hat. Dieses Vieh ist wirklich die mit Abstand größte Scheißhausfotze im ganzen Tierreich.“
An diesem Punkt musste ich selbst aufpassen, dass ich nicht losprustete, aber ich brachte es zu Ende.
„Der Film ist der Hammer. Ich schick dir den Link. Ich weiß gar nicht, wie diese Tiere sich überhaupt fortpflanzen – und warum.“
Dann war Ruhe an unserem Tisch.
Eine Weile später sprachen E. und ich über unsere Vorliebe für T-Bone-Steaks.
Ultravox – While I’m Still Alive. https://www.youtube.com/watch?v=hqNvsJHP7TE
Copyright: Harri.