Freitag, 31. März 2017

Noch mehr Schraubenzieher-Man vs. Werkzeug-Kartell

Was bisher geschah: In Bad Gotham herrscht Prohibition, die Stadt ist fest im Griff des Werkzeug-Kartells von Don Marek. Der Schraubenzieher-Man hat sich in die illegale Heimwerkerszene eingeschlichen, um den Verbrechern das Handwerk zu legen.
***
Ein breitschultriger Kerl, dessen eingekerbtes Kinn die Größe einer Küchenschublade hatte, trat an den Schraubenzieher-Man heran, der am Verkaufstresen eines Flüsterbaumarkts namens „Unsicht-Bar“ lehnte.
„Bist du der Schraubenzieher-Man?“ Er hatte die ausdruckslosen Augen eines Serienmörders.
Die Frage war natürlich überflüssig, denn der Schraubenzieher-Man trug seine Superheldenstrumpfhosen und sein Cape. Bevor er antworten konnte, rief jemand „Die Bullen kommen!“
Der Barkeeper drückte einen Knopf unter dem Tresen. Sofort drehten sich die Wände, an denen Regale voller Werkzeug und Baumaterial angebracht waren. Harmlose Bilder schmückten den Raum, als die Polizisten eintraten.
„Sie gehören also auch dazu, Schraubenzieher-Man?“ fragte ein Beamter. „Ich bin enttäuscht. Sie sind der Held meiner Kinder.“
Der Schraubenzieher-Man war in den Augen der Öffentlichkeit endgültig zum Outlaw geworden.
***
Der breitschultrige Kerl hatte einen Auftrag. Er sollte den Schraubenzieher-Man zu Don Marek führen, dem Chef des Werkzeug-Kartells.
Don Marek war ein älterer Herr mit großem Schnurrbart, dessen verschmitztes Lächeln ein wenig an Lech Walesa erinnerte. Er trug einen Arbeitsoverall aus dunkelblauer Seide, dessen Kragen mit Hermelin besetzt war. An seinen dicken Fingern glänzten noch dickere Goldringe in Form von Schraubenmuttern. Er hielt eine diamantbesetzte Rohrzange als Zepter in die Höhe, als er den Schraubenzieher-Man begrüßte.
„Komm zu mir“. Seine Stimme war nur ein heiseres Flüstern.
Der Schraubenzieher-Man kam näher und beugte sein Ohr an den Mund des Patriarchen.
„Wir haben ein Problem. Es ist eine Schraube. Sie sitzt seit einhundert Jahren bombenfest und ist total verrostet. Nur du kannst sie lösen.“
Der Schraubenzieher-Man lächelte, als man ihm die Adresse gab. Er selbst hatte diese Schraube präpariert. Sie hatte eine Kindersicherung und war linksdrehend. Eine Spezialanfertigung, die er selbst in der Schraubenzieher-Cave hergestellt hatte. Für Don Marek würde er so aussehen, als könnte er mit seiner Superschraubkraft selbst schwierigste Probleme bewältigen.
***
Der Kreuzschlitz-Boy hatte das GPS-Signal eines Senders, der in der Gürtelschnalle des Schraubenzieher-Mans verborgen war, glasklar empfangen. Jetzt wusste er, wo sich Don Marek aufhielt und wo das Lager mit den illegalen polnischen Werkzeugen und dem Baumaterial zu finden war.
Wenig später war Commissioner Schmuhlke mit seinen Einheiten auf dem Weg zu der versteckten Container-Siedlung in den Mangrovenwäldern an der Küste. Spezialkräfte seilten sich aus Helikoptern über dem Hauptquartier der Ganoven ab.
Die Männer des Kartells, die den Schraubenzieher-Man bei seinem Auftrag begleiteten, wurden auf der Baustelle bereits von der Polizei erwartet und festgenommen.
***
Der Bürgermeister von Bad Gotham hatte aus diesem Fall gelernt. Die Prohibition wurde aufgehoben. Aber es gab strenge Grenzen: Werkzeug durfte nicht an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft werden, Kinder konnten Baumärkte nur in Begleitung ihrer Eltern betreten, es gab Schockbilder von Arbeitsunfällen auf Schraubenschachteln, Suchtprävention an Schulen und im Fernsehen, limitierte Abgabe von Baumaterial an Einzelpersonen usw.
Vergessen wir eines nicht, liebe Leserinnen und Leser:
Es sind zu allem entschlossene Männer wie der Schraubenzieher-Man und Kreuzschlitz-Boy, die über unsere postapokalyptische Gesellschaft wachen.
https://www.youtube.com/watch?v=wKp2t7kW70E
P.S.: Eine gestrichene Szene dieser Geschichte spielt nachts auf einem Friedhof. Die Kamera fährt ganz langsam auf einen Grabstein zu. Dann sehen wir das Grab, das gerade erst zugeschaufelt worden ist. Wir warten gespannt. Nichts passiert. Dann fährt die Kamera langsam wieder zurück. Als das Grab kaum noch zu sehen ist, hören wir plötzlich einen markerschütternden Schrei und das Kratzen von Fingernägeln auf Holz. Unerbittlich fährt die Kamera weiter zurück. Gruselig, oder? Der Horror dieser Szene findet ganz allein in Ihrem Kopf statt. Ihr Vorstellungsvermögen bestimmt den Grad Ihrer Erregung, Ihrer Angst. Sehen Sie sich jetzt in dem Zimmer um, in dem Sie sich gerade befinden. Und stellen Sie sich vor, irgendwo in diesem Raum sei eine Leiche versteckt. Dieser Gedanke verändert Ihre Umgebung augenblicklich. So arbeitet Meister Bonetti.

Donnerstag, 30. März 2017

Aus dem schönen Künstlerleben

„Naturgemäß ist mir, als Schriftsteller, nichts so verhasst, als über Schriftstellerei reden zu müssen und ich habe es auch immer abgelehnt, darüber zu reden, damit sehr viele Leute immer wieder vor den Kopf gestoßen, aber dieses Vordenkopfstoßen haben alle diese Leute verdient in ihrer Instinktlosigkeit, dachte ich, dass ich tatsächlich vor nichts einen größeren Ekel empfinde, dachte ich, als über Schriftstellerei zu reden und am ekelhaftesten ist es mir, von meiner eigenen Schriftstellerei zu reden.“ (Thomas Bernhard: Holzfällen. Eine Erregung)
Kunst und Leben sind geheimnisvoll ineinandergeschlungen. Ein altvertrauter Geruch weckt eine Erinnerung und die Erinnerung zwingt dich geradezu an den Schreibtisch.
Ich lese gerade „Holzfällen“ von Thomas Bernhard. Nach den ersten sechzig Seiten bin ich in einen Baumarkt gefahren und habe eine Kettensäge gekauft. Das war vorgestern. Gestern habe ich Bernhard gelesen, habe im Garten mit der Kettensäge gearbeitet und dann wieder Bernhard gelesen. Bei Bernhard geht es eigentlich gar nicht ums Holzfällen, sondern um die Widerwärtigkeit des modernen Kulturbetriebs, um die angepassten Schleimscheißer, die ihn bevölkern, um die sinnlose Konkurrenz um Preisgelder, Stipendien, Orden und Urkunden.
Heute habe ich wieder Bernhard gelesen und bin hinaus in den Garten gegangen. Die Arbeit mit der Kettensäge fasziniert mich, man muss höllisch aufpassen, es ist tierisch laut und man bewegt in kürzester Zeit Dinge, die wie festgewachsen erscheinen. Einige stark verästelte Rankpflanzen haben mehrere Säulen eines Vordachs eingeschlossen. An manchen Stellen sind sie verholzt: unten dick wie ein Oberschenkel, weiter oben armdick, dann noch daumendick. Nach und nach befreie ich in stundenlanger, schweißtreibender Arbeit die Träger des Dachs vom Bewuchs. Teilweise haben sich die Äste wie Schlangen um die Balken gewickelt, so dass ich mit dem Stemmeisen nachhelfen muss. Überall haben sich kleinere Äste durch das Dach gemogelt, so dass ich ganze Schlangennester aus den Höhlungen ziehe. Es wird langsam wieder Licht in diesem Teil des Gartens – ein Akt der Befreiung.
Dann lese ich wieder Bernhard. Am Ende des Buches wird der Titel aufgeklärt. „In die Natur hineingehen und in dieser Natur ein- und ausatmen und in dieser Natur nichts als tatsächlich und für immer Zuhause zu sein, das empfände er als das höchste Glück. In den Wald gehen, tief in den Wald hinein, sagte der Burgschauspieler, sich gänzlich dem Wald überlassen, das ist es immer gewesen, der Gedanke, nichts anderes, als selbst Natur zu sein. Wald, Hochwald, Holzfällen, das ist es immer gewesen.“
Mein Werkzeugkasten, Inspiration unzähliger Geschichten um Schraubenzieher-Man und Kreuzschlitz-Boy, reicht mir nicht mehr. Jetzt ist es die Kettensäge, die meine Phantasie beflügelt. Ich arbeite an einer Geschichte, in der dem Protagonisten gleich zu Beginn beide Hände sauber abgetrennt werden. Aus dramaturgischen Gründen aber nicht durch eine Kettensäge. Ich bin geistig schon über die Kettensäge hinaus. Aber blutig wird es trotzdem. Nächsten Monat werden Sie mehr darüber erfahren. Arbeitstitel der Geschichte: „Hände“.

Franken in Farbe

Bevor ich am letzten Wochenende das Coburger Land in Franken besucht habe, wurde ich von einem Nachbarn in Schweppenhausen, der in Coburg geboren und aufgewachsen ist, mit wichtigen Informationen versorgt. Die beste Bratwurst der Welt wird nämlich nicht in Thüringen gereicht (und schon gar nicht in Nürnberg), sondern in Coburg. (Danke, Volker!)
Sie wird auf Kiefernzapfen gegrillt, ist 31 Zentimeter lang und wird traditionell ohne Senf und im Doppelweckla gegessen. Am besten an einer der Buden auf dem Marktplatz, aus denen dichter Qualm kommt und wo die Flammen bis zu den Würsten hochschlagen. Genau das war vor einigen Jahren auch das Problem: Aufgrund der hohen Werte eines bestimmten Schadstoffs (Benzo[a]pyren) wollte die EU die Wurst verbieten, der „Coburger Bratwurststreit“ ward entfessselt, die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die redlichen Wurstbrater wegen Verstoßes gegen das Lebensmittelrecht, Lokalpolitiker bissen vor laufenden Kameras in die Wurst, um die Ehre Coburgs zu retten (aus dem hiesigen Adelsgeschlecht ist immerhin das Haus Windsor hervorgegangen!), und man einigte sich schließlich, dass in Coburg und im Landkreis weiterhin die schmackhafte Delikatesse angeboten werden kann.
Überall sonst in der Welt ist sie verboten – Sie müssen schon zur Wurst kommen, die Wurst kommt nicht zu Ihnen. Es ist also wie mit dem Bier in den kleinen Dorfbrauereien. Ich habe drei Coburger Bratwürste mit gutem Appetit verzehrt und kann sie besten Gewissens weiterempfehlen. Werden die Würste übrigens ohne das Raucharoma der Kiefernzapfen gebraten, z.B. auf einem hundsgemeinen Gartengrill, verlieren sie augenblicklich ihren Zauber.
Zunächst präsentiere ich zwei Details der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen, einer Rokokoperle, wie man sie nur selten nördlich der Alpen zu sehen bekommt. Von unserem Basislager im Gasthof Maintal sind es nur 1,8 Kilometer bis zur Kirche und dem angrenzenden Biergarten. Der Wandergeselle N. war wie immer ausgerüstet wie Reinhold Messner am Nanga Parbat und wir schafften den Aufstieg (mehrere Höhenmeter!) tatsächlich innerhalb von 45 Minuten mit nur zwei Pausen auf Parkbänken. Der Weg ist übrigens ein behindertengerecht ausgebauter Bürgersteig rechts der Straße und man sieht die Kirche bereits am Beginn des Wegs, weswegen ich Wanderstiefel, Stöcke, Höhenmesser, Landkarte, Rucksack und Multifunktionsklamotten beim Kollegen nicht ganz nachvollziehen konnte. Aber das Abenteuer findet bekanntlich im Kopf statt. Der Heimweg war, gestärkt durch drei Seidla Bier (siehe Bild 3) und einen Schweinsbraten, übrigens ohne Erholungspause in 25 Minuten geschafft.



Einige Impressionen aus Bamberg:




Jean-Michel Jarre - Orient Express. https://www.youtube.com/watch?v=QMV2lvwPXhs

Mittwoch, 29. März 2017

Schraubenzieher-Man vs. Werkzeug-Kartell

Es ist sicher das dunkelste Kapitel in der Geschichte von Bad Gotham: die Zeit der Prohibition. Damals waren die Bürger der Stadt verrückt nach Heimwerkerbedarf, sie stürzten sich in Schulden, um Baumaterial und Werkzeug zu kaufen. Manche waren so süchtig nach Do-it-yourself, dass sie nicht mehr zur Arbeit gingen, sondern den ganzen Tag in Baumärkten herumhingen und anschließend Bücherregale und Vogelhäuschen bauten, obwohl sie weder Bücher noch Vögel hatten. Die Situation drohte zu eskalieren und der Bürgermeister sah sich gezwungen, die Prohibition auszurufen. Alles Schrauben, Hämmern und Sägen war plötzlich illegal, die Baumärkte mussten schließen, die Süchtigen wurden in Heimwerkerheilanstalten therapiert.
Sie können sich denken, was dann passierte. Bald darauf entstanden sogenannte Speak-easys, Flüsterbaumärkte, in düsteren Hinterhöfen und dunklen Kellern. Hier konnten sich die Menschen, die ihre Finger nicht vom Schlagbohrer lassen konnten, mit allem eindecken, was das schwarze Herz eines DIY-Junkies begehrte. Es war die große Zeit der Werkzeugschmuggler.
Aus Polen wurden ganze Lkw-Ladungen mit illegalem Baumaterial und Werkzeug über die Grenze nach Bad Gotham gebracht. Im Darknet kursierten Bauanleitungen für Kleiderschränke und Kommoden. Die Geheimdienste hoben immer wieder kleine Terrorzellen von Leuten aus, die sich diese Baupläne aus dem Netz heruntergeladen hatten und gerade planten, ein Schuhregal zu bauen.
Nur ein Jahr nach Beginn der Prohibition war Bad Gotham fest in der Hand von Don Marek. Der gerissene polnische Handwerkerkönig hatte das mächtige „Werkzeug-Kartell“ gegründet, das zahllose Flüsterbaumärkte betrieb und dessen Dealer an den Straßenecken Päckchen mit Nägeln und Schrauben an die Süchtigen verkauften. Als Heimwerken noch legal war, kosteten fünfzig Neuner-Schrauben noch 5,99. Die osteuropäische Mafia verlangte dreißig Euro.
Don Marek wurde der reichste Mann von Bad Gotham und konnte es sich leisten, die Streifenpolizisten der Stadt mit Schmiergeld zu kaufen. Aber es strömte auch jede Menge Konkurrenz in die Stadt, um an diesem Holz- und Eisenrausch teilzuhaben. Die albanische und die rumänische Mafia verkauften gefälschte Schrauben und Muttern, die wesentlich billiger hergestellt waren. Es gab viele Verletzte unter den Heimwerkern, weil die Bohrmaschinen ihnen Stromschläge verpassten oder die Akku-Schrauber in ihren Händen explodierten. Nägel und Schrauben verbogen sich, manche waren sogar linksdrehend und sorgten für Ratlosigkeit und Verzweiflung unter den Junkies. Eines Tages zog die Polizei einen Toten unter einer Wohnzimmerschrankwand hervor, die illegal errichtet worden war.
Es wurde immer schlimmer. Die wenigen lizensierten Handwerksbetriebe wagten es nicht mehr, ihre Mitarbeiter morgens zu ihren Kunden zu schicken. Selbst Klempner wurden angegriffen, obwohl sie die Geschäfte des Werkzeug-Kartells nicht störten. Es gab Brandanschläge und Bombenattentate auf Einrichtungshäuser. Die Besitzer verwandelten ihre Küchenstudios und Möbelgeschäfte in Festungen. Fenster und Türen wurden verrammelt und private Wachdienste schützten die Gebäude Tag und Nacht. Aber es nutzte nichts. Die Besitzer, zermürbt durch Drohbriefe und Anschläge auf ihre Villen, verließen nach und nach die Stadt. Am Ende machte sogar IKEA zu.
Aber das war noch nicht das Ende. Das Werkzeug-Kartell lieferte sich mit seiner Konkurrenz aus Osteuropa, Eritrea und Offenbach wilde Schießereien. Die illegalen Baumärkte wurden von Männern mit Hüten und Nadelstreifenanzügen aus fahrenden Autos mit Maschinenpistolen beschossen. Es gab jede Nacht Tote und Verletzte. Da wusste der Bürgermeister von Bad Gotham, was zu tun war. Sie wissen es auch.
Wen brauchen wir jetzt? Ruft es laut und ruft es jetzt!
Schraubenzieher-Man und Kreuzschlitz-Boy
https://www.youtube.com/watch?v=wKp2t7kW70E
Der Schraubenzieher-Man saß an der Theke eines illegalen Flüsterbaumarkts und starrte traurig in ein Glas mit verrosteten Muttern. Er hatte in der Stadt das Gerücht gestreut, der Bürgermeister würde ihn nicht mehr als Superheld beschäftigen, weil er nie eine Lehre als Handwerker gemacht habe und auch nie eine offizielle Lizenz zum Schrauben besessen hätte. Deswegen trieb er sich in den Speak-Easys herum.
Der Barkeeper, der gerade einen Imbus-Schlüssel polierte, sah ihn mitleidig an. „Noch ein Glas?“
„Ja, mach mir noch eine Bloody Mother“.
Über dem Regal mit den Werkzeugen und anderem Heimwerkerbedarf hing ein Schild: „Solang das Deutsche Reich besteht, wird jede Schraube rechts gedreht.“
Hier trafen sich die Hardcore-Heimwerker. Männer, die vor nichts zurückschreckten. Die nachts illegal komplette Gartenhäuschen bauten. Männer, denen alles egal war. Die den ganzen Keller voller Baumaterial hatten. Die einen Schlagbohrer im Schulterholster trugen – und noch einen Schraubenschlüssel in ihren Stiefeln versteckt hatten. In diesem Flüsterbaumarkt konntest du Männer für jeden Job anheuern. Männer, die keine Fragen stellten. Männer, die keine Rechnungen ausstellten. Hier hatte noch keiner Mehrwertsteuer auf seine Schrauben bezahlt oder Einkommenssteuer für einen Job. Harte Jungs. Sie kannten die Gefahr. So mancher dieser aufrechten Kerle überlebte den Einsatz nicht und seine Leiche landete im Betonfundament eines Parkhauses.
Fortsetzung folgt
The Sisters Of Mercy – Emma. https://www.youtube.com/watch?v=t0IN_5qZtxE
P.S.: Die Schraubenzieher-Man-Erkennungsmelodie und das Video sind von Ackerboy, dem treuen Gehilfen unserer Superhelden. Vielen Dank! Auch Du wirst eines Tages gerettet, falls Du ihre Hilfe benötigen solltest.

Dienstag, 28. März 2017

Blugstoff 118

„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ (Matthäus 16, 26)
Die politische Lage bleibt angespannt. Robert, Stammgast in meiner Berliner Kneipe, ist neulich in eine Imbissbude gegangen und hat sich einen Döner Kebab bestellt. Auf die Frage, welche Soße er möchte, hat der alte Spaßvogel geantwortet: Hollandaise. Der Dönermann war wohl Erdogan-Fan. Fazit: kein Döner, Hausverbot.
In Wirklichkeit ist das deutsch-türkische Verhältnis nicht so problematisch, wie es augenblicklich in den Medien dargestellt wird. Eine der vielen Bonetti-Leserreporter hat am vergangenen Donnerstag (23. März) den Bundesminister des Innersten in einem türkischen Edelrestaurant in Prenzlauer Berg getroffen, dessen Namen zu nennen mir die Diskretion verbietet. Zunächst kamen zwei Sicherheitsmenschen mit breiten Schultern und Knopf im Ohr in den Gastraum und bauten sich links und rechts des Durchgangs auf. Dann kamen Thomas de Maizière und ein Gast, die durch den Raum in ein Hinterzimmer gingen. Es folgten zwei weitere Security-Gestalten – dann war wieder Ruhe. (Danke, Nadine!)
In den Bonetti-Laboratorien wird derzeit fieberhaft an einem Verfahren gearbeitet, mit dem man arme Leute auf Puppengröße schrumpfen lassen kann. Dann brauchen diese Menschen auch weniger Nahrung und Wohnraum.
Der BER ist ein Kinderflughafen. Hier fliegen keine echten Flugzeuge. Männer wie Wowereit, Mehdorn oder Dobrindt haben nur gespielt. Die Ruine wird dereinst als Mahnmal der Schande gelten. Deutsche Ingenieurs- und Baukunst haben es nicht vermocht, die Hauptstadt mit einem modernen Flughafen auszustatten.
Wen man vom Mangel spricht, dann meistens von Geld oder anderen materiellen Dingen. Niemand spricht von seinem Mangel an Geist, an Mitgefühl, an Verständnis. Wir können unsere Dummheit, unsere Kälte und unsere Ignoranz nicht spüren, wir besitzen kein Organ, das den Schmerz über die eigenen Unzulänglichkeiten empfinden kann.
Er schneidet Spaghetti immer noch mit der Schere klein und findet Peter Frankenfeld gut: Django Unchanged.
Ich kenne Menschen, die mehrere Musikinstrumente spielen können, aber noch nie ein Stück komponiert haben. Menschen, die regelmäßig in Kunstausstellungen gehen, aber noch nie ein Bild gemalt haben. Die regelmäßig das Feuilleton und die Werke der Weltliteratur lesen, aber selbst keinen einzigen Text schreiben. Es sind leere Menschen, die ich nie verstehen werde.
Restauranttipp: „Zum Lotus-Broiler“ in Berlin-Friedrichshain. Tibetanisch-säxische Fusion-Küche vom Feisten.
Wenn Automatisierung und Digitalisierung die Arbeitswelt der Zukunft beherrschen, stellt sich natürlich die Frage, inwiefern Bildung überhaupt noch notwendig ist. Für den Konsum oder einfache manuelle Tätigkeiten, die aufgrund ihrer geringen Werthaltigkeit nicht von Maschinen ausgeübt werden, braucht der Mensch keine Bildung. Bildung ist im Gegenteil für die Herrschenden gefährlich, wenn der Gebildete nicht durch Erwerbsarbeit beschäftigt und mental ermüdet wird. Bildung braucht die Gesellschaft dann nur noch auf der Steuerungsebene an der Spitze der Hierarchie (Management, Politik) und bei der Weiterentwicklung, Steuerung und Wartung der Maschinen. In der Wissenschaft sieht man die Reduktion des Bildungssystems auf einen notwendigen Kern schon heute: Natur- und Ingenieurwissenschaften werden gefördert, Geistes- und Sozialwissenschaften sind zur Bedeutungslosigkeit degradiert worden und vegetieren im Bällchenbad der Autoreferenz vor sich hin.
Ich habe gerade eine Erdbeermilch der Edeka-Hausmarke „Gut & Günstig“ getrunken, in der sage und schreibe 0,3 Prozent Erdbeersaft enthalten war. Bei 500 ml sind das also genau 1,6 ml, d.h. ein Tropfen.
Meine Mutter konnte noch einen neuen Gummizug in meine Unterhosen einnähen. Wer besitzt hierzulande und heutzutage noch diese handwerkliche Fähigkeit?
Wir brauchen nicht noch eine weitere Sorte Bionade, sondern den Warp-Generator.
TV-Tipp: „Die toten Augen von Berlin“. Doku über Thomas de Maizière. Sonntag, ARD, 22:45 Uhr. In einer Nebenrolle spielt Heiner Lauterbach einen armenischen Urologen.
Eurythmics - Sex Crime. https://www.youtube.com/watch?v=IcTP7YWPayU

Montag, 27. März 2017

Ein weiterer Spitzenwitz

Donald Trump sitzt abends ganz trübsinnig in seinem Bademantel vor dem Kamin und drückt sein Atomköfferchen an sich. Sein Gesetz zu Abschaffung von Obamacare ist gerade im Parlament gescheitert.
Stephen Bannon kommt zu ihm und sagt: „Angela Merkel hat eben angerufen und ihr Beileid ausgesprochen. Theresa May hat auch angerufen, um Ihnen ihr Beileid auszusprechen.“
Trump sieht ihn traurig an und fragt: „Was ist mit Putin? Hat er mir auch sein Beileid ausgesprochen?“
„Ja. Schon zwei Stunden vor der Abstimmung.“

Witz des Monats

In Wichtelbach sind fünf Asylbewerber aus Papua-Neuguinea untergebracht. Da sie Menschenfresser sind, wird ihnen vom Bürgermeister eingeschärft, keine Einwohner zu verspeisen. Die Männer versprechen es.
Nach einem Monat kommt der Bürgermeister in ihre Unterkunft. „Ich bin sind sehr zufrieden mit Euch. Aber gestern ist die Putzfrau verschwunden. Jetzt ist es total schmutzig in meinem Büro. Ihr wisst nicht zufällig, was passiert ist?“
Die Menschenfresser schütteln die Köpfe und schwören, dass sie nichts von der Sache wüssten.
Als der Bürgermeister gegangen ist, fragt einer der Männer in die Runde: „Wer von euch war es?“
„Ich habe sie gefressen“, sagt einer von ihnen kleinlaut.
„Du Idiot! Den ganzen Monat haben wir Meinungsforscher, Immobilienmakler, Homöopathen und Verwaltungsbeamte gefressen und niemand hat es gemerkt. Warum musstest du unbedingt die Putzfrau fressen?“

Welcome to Berlin


Vergessen Sie Konnopke oder Curry 36. Vergessen Sie die Empfehlungen aus sämtlichen Reiseführern. Hier in der Currybaude am Bahnhof Gesundbrunnen gibt es die beste Currywurst der Stadt. Hier isst man die Wurst auch in entsprechendem Ambiente (Wedding) und ohne Touristen. Wenn Sie „Doppelte Curry mit, Pommes Mayo und’n Schultheiß“ (mit = mit Darm) in weniger als drei Sekunden fehlerfrei aussprechen können, gehören Sie dazu. Dann fragt der Mann hinter dem Tresen sogar noch, ob das Bier kalt oder nicht so kalt sein soll. Und wenn Sie dann antworten: „Kalt. Ist doch endlich Frühling“ (denn das nicht so kalte Bier trinkt man nur im Winter), erleben Sie sogar das seltene Phänomen eines breiten Lächelns (ein Lächeln, das im Gegensatz zum allgemeinen Service-Zähnefletschen auch ehrlich gemeint ist) und hören den Satz „Dit is’n schöner Frühlingstach, wa.“

Leider kann ich an dieser Stelle keine weiteren gastronomischen Tipps mehr geben, denn es spricht sich allzu schnell herum, wo Meister Bonettis gnädige Gabel die gebratenen Garnelen zum Munde führt. In meinem Stammlokal kocht ein langjähriger Mitarbeiter von Witzigmann, mit dem ich längst über das Thema Speisekarte hinaus bin. Er kocht für mich und sitzt oft bei mir am Tisch, wo wir über Wein und gastronomische Trends sprechen (bei uns im Hunsrück ist ja gerade Lafer wegen einer Steuerhinterziehung völlig abgekackt, hä hä; einem benachbarten Edellokal in meinem Berliner Kiez sind beide Chefköche davongelaufen). Heute hatte ich gebratene Blutwurst mit Ziegenkäse, dann Wolfsbarsch und zum Nachtisch selbstgebackenen Käsekuchen. Mit Weinbegleitung und Espresso für 45 Euro. Hier nimmt man Bonetti auch als Künstler ernst, ein Musiker der Berliner Philharmoniker (ebenfalls Stammgast) fragt höflich nach meinem neuesten Buch und macht sich Notizen. Aber wo Bonetti isst, wanzt sich auch schnell die Prominenz heran. Als ich heute das Lokal betrete, verlässt gerade ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank (mit einem veritablen Bäuchlein ausgestattet und in edelstem Zwirn) den Speisesaal. Vorgestern war Gina-Lisa Lofink hier und in der Woche zuvor die Witwe von Richard von Weizsäcker.
Währenddessen ist in Berlin ein gedrucktes Fanzine mit Blogstuff-Texten entstanden, das in der Untergrundszene kursiert. Die For-Profit-Organization Bonetti Media hat wieder ein paar unbezahlte Mitarbeiter mehr.
Außerdem zieht das Thema Schraubenzieher-Man weite Kreise in der Hauptstadt:
http://diezeitensindvorbei.blogspot.de/2017/03/herr-wanzl-wie-haben-sie-das-gemacht.html?m=1
Hierzu hat mich auch dieses Video erreicht: https://www.youtube.com/watch?v=NqpHrKzA2Rs
Wie wird das alles enden? Erfahren Sie mehr – demnächst in diesem Blog.
In meinem Berliner Kiez blüht die Wissenschaft:

Leider ist das Institut immer geschlossen, wenn ich mit den letzten Menschheitsfragen anrücke:

Das Wahrzeichen des Brunnenviertels, in dem ich drei Jahre als Kiezschreiber tätig war. Ein alter Flakbunker:

Will Smith – Welcome to Miami. https://www.youtube.com/watch?v=IwBS6QGsH_4

Dienstag, 7. März 2017

Tapetenwechsel

Vita longa, ars brevis
Kennen Sie Jan Philipp Möller? Nein? Ganz sicher? Sie kennen ihn. Unter diesem Pseudonym hat Goethe 1786 seine berühmte italienische Reise angetreten. Andy Bonetti begibt sich unter dem Pseudonym Matthias Eberling ebenfalls auf Reisen.
Ab 7. März bin ich auf Informationsdiät. Langjährige Leser dieses Blogs kennen das Procedere. Keine News, keine Mails, keine Blogs. Man bekommt wieder den richtigen Abstand zu den Dingen, die persönlich wichtig oder unwichtig sind. Nahes kommt näher, Entferntes entfernt sich. Am 27. März ist Bonetti Unlimited Success (BUS) wieder online.

Ein verhängnisvoller Zufall

Oder einfach nur:
Blogstuff 117
„Ich muss meine Kritiker nicht widerlegen. Es genügt mir, wenn ich sie überlebe.“ (Andy Bonetti: Executive summary of a keynote speech)
Zwei Maler sitzen gemeinsam am Ufer eines Flusses. Eigentlich sieht das Panorama für beide gleich aus, aber sie sehen es anders. Also werden auch ihre Bilder verschieden aussehen. Vielleicht ist der eine Maler Expressionist, der andere Surrealist. Wenn sie klug sind, werden sie über ihre unterschiedlichen Bilder nicht in Streit geraten. Politikern ist dieses Glück der Künstler nicht vergönnt.
Hätten Sie’s gewusst? Wenn Sie beim Telefonieren am Steuer Ihres Autos erwischt werden, kostet es sechzig Euro. Wenn Sie am Steuer Ihres Autos bei 180 auf der linken Spur der Autobahn ein Tausend-Teile-Puzzle zusammensetzen, kostet es nichts. Ist das gerecht?
Leider ist die Zahl der Menschen, die bereit sind, große Verantwortung zu übernehmen, und gleichzeitig der Verlockung widerstehen, sich in dieser Position zu bereichern, sehr begrenzt. Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen sind die Voraussetzungen, um den Konkurrenzkampf zugewinnen. Aber wer bremst den Ehrgeiz der Mächtigen, sobald sie an der Spitze eines Unternehmens, einer Behörde oder einer Partei sind? Wahlen, Rechtsprechung oder die zeitliche Begrenzung einer Tätigkeit sind zu ihrer Begrenzung ersonnen worden, aber diese Instrumente helfen offenbar gegen die neuen Despoten nicht mehr.
Fast jeder Mensch besitzt eine Waschmaschine. Wer keine Maschine hat und in den Waschsalon muss, gehört zu den Outlaws. Sie treffen sich an diesen Orten und bilden eine geheime Gesellschaft. Im Waschsalon kommt man mit Gleichgesinnten schnell ins Gespräch.
Seine Zeit war nicht knapp. Er besaß Zeit im Überfluss. Es war wie in den Sommerferien seiner Kindheit. Und diese Ferien hörten nie auf. Die meisten Menschen hatten einen Beruf und eine Familie. Sie arbeiteten hart und setzten Kinder in die Welt, die später wieder hart arbeiten würden. Er hatte weder einen Beruf noch eine Familie. Keine Termine, keine Verpflichtungen. Kein Wecker, der klingelt. Wie viele Menschen wünschten sich manchmal mehr Zeit? Er hatte alle Zeit der Welt.
Ku’damm 63: Hier ist das „Militärbüro der Botschaft des Königreichs Saudi-Arabien“. Wer hat eigentlich noch solche Militärbüros in der Hauptstadt?
Die Demokratie ist in der Krise und das Krisenmanagement versagt. Ich denke an die These von Claus Offe aus den frühen Siebzigern zurück: Wenn es kein Wirtschaftswachstum mehr gibt, das in den Brieftaschen der Mehrheit ankommt, gerät nicht nur die Wirtschaftsordnung, sondern auch die Staatsordnung in die Defensive. Wir sehen es überall: Das medial und politisch propagierte Wachstum wird in der Oberschicht verteilt, die Mehrheit ist verbittert und wendet sich von der Demokratie ab. Putin, Trump oder Erdogan sind nur Symptome dieser Entwicklung, aber sie beschleunigen den Niedergang der Volksherrschaft. Letztlich sind wir immer noch darauf dressiert, die Befehlsgewalt der Elite zu akzeptieren, die angeblich aus purem Eigennutz daran interessiert ist, uns Bürger am Leben zu erhalten. Wer hat gerade „Schafe“ in den Hörsaal gerufen?
Das schwarze Zwergkaninchen, das ich mit elf bekommen habe, nannte ich mit sechzehn „Josef K“. Namen von Haustieren sind Selbstbespiegelungsspielereien und wir können alle heilfroh sein, dass wir unsere Vornamen und Nachnamen nicht selbst aussuchen dürfen.
Wirtschaft und Religion hängen eng miteinander zusammen. Mit den Lebensmitteln, die wir in Deutschland in den Müll schmeißen, ließen sich sämtliche Hungersnöte der Welt verhindern. Wir schmeißen Brot weg und in Afrika verhungern die Leute – dafür sollten wir alle in der Hölle braten, wo ein spezieller Teufel die Banker mit großen Mistgabeln in die Flammen treibt. Da ist man doch lieber gleich Atheist, oder?
Er war wie einer jener Tiefseefische, die ihr eigenes Licht verbreiten, um etwas sehen zu können.
Hätten Sie’s gewusst? Plutos ist in der griechischen Mythologie der Gott des Reichtums. Da er seine Güter so wahllos und ungerecht verteilt, nahmen die Griechen der Antike an, er sei blind. Oft wurde er in der Kunst als Knabe mit einem Füllhorn dargestellt. Penia ist die Göttin der Armut. Sie gilt als Erfinderin der Künste.
Vorschau auf kommende Attraktionen: Die Geschichte von Ignaz Sichelbarth (1811 – 1889), dem Pionier der pfälzischen Eisenbahnfotografie. Demnächst in diesem Blog.
Udo Lindenberg – Russen. https://www.youtube.com/watch?v=782WGH9X5eU

Montag, 6. März 2017

Pro Kalorien – Contra Vitamine

Esst mehr Gemüse und Obst, heißt es. Treibt Sport und lebt gesund, heißt es. Keine illegalen Drogen, kein Alkohol, keine Zigaretten und ihr werdet hundert Jahre alt, heißt es. Ich widerspreche in dieser Debatte aus zweierlei Gründen.
Erstens haben meine Mutter und meine Großmütter das gleiche gesagt. Es handelt sich hierbei also um sogenanntes Frauenwissen, das für mich keine Gültigkeit hat. Zweitens reden uns die Politiker und die Krankenkassen seit Jahren diesen Blödsinn mit Fitness und Gesundheit ein. Beide sind der natürliche Feind von leckerem Essen und gepflegten Bacchanalien.
Wieso sollte ich eigentlich hundert Jahre alt werden, wenn ich nicht ungesund leben darf? Das erinnert mich an die Tiere im Zoo. In Gefangenschaft leben Tiere länger als in Freiheit. Aber ich saufe doch lieber fünfzig Jahre wie ein Loch, qualme wie ein Schornstein und esse fettige Bratwürste, als hundert Jahre wie ein Mönch zu leiden.
Als Kind hat mir meine Mutter manchmal fünf Mark mitgegeben, damit ich nach der Schule an der Pommesbude zu Mittag essen konnte, weil sie keine Zeit zum Kochen hatte. Was haben mich die anderen Kinder beneidet, mit denen ich zum Bahnhof gegangen bin. Sie standen an der Bushaltestelle und hatte ein trostloses Mahl mit Klößen und Gemüse, vorzugsweise Erbsen, Möhren und Spinat, vor sich, während ich auf der anderen Seite des Bahnhofsvorplatzes stand und vor ihren Augen goldgelbe Pommes, rotleuchtende Currywurst und eine eiskalte Cola mit viel Zucker (die Light-Scheiße war damals noch nicht erfunden) in meinen Schlund expedierte. Schwarz-Rot-Gold, wie die Väter des Grundgesetzes es gemeint haben!
Ich weiß nicht, wie es an manchen Würstchenbuden heutzutage zugeht, aber damals gab es in der Welt der Imbisse kein Obst und kein Gemüse, keine sinnlose Salatgarnitur am Rand und auch keine Vitaminverstecke namens Hamburger (Tomate, Salat, Zwiebeln), keinen Tee und keine Milch. Es gab Pommes, Bratwurst und Frikadellen. Limonade und Bier. Ketchup, Senf und Mayonnaise. Garantiert nichts Gesundes. Haben wir nicht alle diese Augenblicke am Tresen unserer Stammbude geliebt? Haben Fett und Zucker uns nicht glücklich gemacht? Wer will den hundert Jahre alt werden, wenn man sich stattdessen eine gepflegte Bratwurst und ein kühles Blondes genehmigen kann?
Herbert Grönemeyer – Currywurst. https://www.youtube.com/watch?v=apdc2tZCpKg

Ein äußerst merkwürdiger Traum

Ich bin arbeitslos und soll eine Fortbildung machen. Da aber alle Plätze in regulären Fortbildungen derzeit besetzt sind, soll ich stattdessen zwei Wochen lang auf eine Dorfschule gehen. Da es in dem Dorf keine Unterkunft gibt, miete ich in einer kleinen Pension in der Stadt unweit des Dorfes ein Zimmer. Der Besitzer der Pension ist ein riesiger Mann, etwa zwei Meter groß, aber er kann sich kaum noch bewegen. Er humpelt vor mir, als er mir das Zimmer zeigt. Ich frage ihn nach dem genauen Weg ins Dorf und er macht mir eine Skizze.
Am Morgen des ersten Tages mache ich mich auf den Weg. Es sind etwa fünf Kilometer. Ich folge einer stark befahrenen Hauptstraße und durchquere ein Industriegebiet. Eine Landstraße führt zu einem Fluss hinunter, wo es eine Fähre gibt. Ich warte eine Weile und überquere den Fluss. Erschreckt stelle ich fest, dass es schon zehn Uhr ist. Der Unterricht hat längst angefangen. Außerdem fällt mir ein, dass ich vergessen habe, in der Pension zu frühstücken.
Am anderen Ufer macht die Fähre in einem uralten, offenen Bootsschuppen fest. Ich gehe ins Dorf und frage einen Jungen, der mit seinem Fahrrad an einem Zebrastreifen steht, nach dem Weg zur Schule. Er schüttelt den Kopf und geht. Dann treffe ich eine junge Frau und stelle ihr die gleiche Frage. Sie antwortet, sie kenne sich hier im Dorf nicht aus. Sie wäre hier, um Ausgrabungen zu machen. Aber sie kämen nicht voran, weil ihnen Personal fehlt.
Ich nehme mir vor, in der Schule gleich mit dem Direktor zu sprechen. Es ist doch idiotisch, mich zwei Wochen in den Schulunterricht zu stecken. Ich habe schließlich studiert. Außerdem könnte ich doch bei den Ausgrabungen helfen. Aber ich finde die Schule nicht. Wütend und hungrig mache ich mich auf den Rückweg zur Pension. Erst spät am Abend komme ich dort an, empfangen von den misstrauischen Blicken des Besitzers. Ein Schuldirektor und ein Sachbearbeiter vom Job-Center hätten für mich angerufen. Vor ihm auf dem Tresen liegt eine große Karte der Umgebung, die er schon aufgeschlagen hat.
Grauzone – Film 2. https://www.youtube.com/watch?v=yoNN1GdNC9c

Sonntag, 5. März 2017

Auf vielfachen Wunsch: Bild des Monats


Andy Bonetti bereitet sich auf das Überqueren einer Straße vor.

P.S.: Mister Bonetti gibt es demnächst auch bei Twitter, Facebook, Snapchat, Youtube, Netflix und Instagram. Außerdem wird eine Steadycam live aus seinem Darm über die aktuellen Verdauungsvorgänge berichten.

99 Sachen, die mit Ketchup besser schmecken

Kapitel 1: Das Wurstbrot. (Fortsetzung folgt)

Blogstuff 116
„Ich kann gar nicht glauben, dass ich gerade gesagt habe, dass ich ein Politiker bin. Aber ich vermute, das bin ich jetzt wohl.“ (Donald Trump)
Wer aus Ihrem Schuljahrgang ist in die Politik gegangen? Die einen wollten was mit Medien machen, die anderen wollten Kohle machen. Die Streber wurden Pharmareferent oder sind in der Kreissparkasse gelandet. Keiner aus meinem Abi-Jahrgang macht heute Politik. Und bei Ihnen? Deswegen haben wir im September die Wahl zwischen der Schildkröte aus der Uckermark und dem Karnevalsprinzen von den Anonymen Alkoholikern.
Experiment: Sie stellen sich im Supermarkt an der Kasse an, aber Sie legen nichts aufs Band. Sie gehen einfach schweigend, vielleicht mit einem Lächeln, an der Kassiererin vorbei. Dann gehen Sie zurück in den Supermarkt und kaufen wieder nichts. Beim zweiten Mal sagen Sie der Kassiererin, dass Sie sich nicht entscheiden konnten. Frage: Beim wievielten Mal sprechen Sie mit dem Geschäftsführer, wann kommt die Polizei?
Wissen Sie, warum Trump ein Toupet trägt? Weil die Amerikaner nie einen Mann mit Halbglatze zum Präsidenten wählen würden. Genauso wenig würden sie einen Mann mit Bart wählen. Haare haben etwas Magisches. Denken Sie an Gerhard Schröder: der Mann ist 72 und hat noch immer kein einziges graues Haar. Wie macht der Mann das nur? Wir werden nie dahinter kommen.

Auf Konrad den Beliebten folgte Friedrich der Streitbare, auf den wiederum Wilhelm der Unbekannte folgte. So ging die Dynastie des Despotats Deutonien zugrunde.
„Prachtvolles Franken, deine lieblichen Weinberge und stolzen Hopfenfelder möchte ich rühmen, deine klaren Flüsse und herrlichen Wälder, deine schönen Städte mit ihren einladenden Gasthäusern, schließlich deine unvergleichlichen Bratwürste und das köstliche Bier.“ (Beginn eines geplanten Reiseberichts)
Wie viele Menschen kennen Sie in Ihrem Freundeskreis und in Ihrer Familie, die schon tot sind? Wie viele Freunde oder Angehörige leben noch? Wenn Sie mehr Tote als Lebende kennen, sind Sie alt.
Du schreibst entweder alles oder gar nichts. Aber wenn du anfängst, lauwarme Kompromisse zu machen, wenn du dich fragst, ob du mit irgendeinem Thema, einer Formulierung oder einer Meinung jemandem auf den Schlips treten könntest, hast du schon verloren.
Hätten Sie’s gewusst? Björn Höcke hat jetzt einen „Kampfbund für die deutsche Kultur“ gegründet, um gegen die Entartung unserer völkischen Leitkultur und gegen die „Verbastardisierung und Vernegerung unseres Daseins“ anzugehen. Ach, das gab’s schon mal? Dieser kleine Schuft Alfred Rosenberg. Obwohl Rosenberg ja irgendwie jüdisch klingt …
Unser Mitgefühl hilft den Armen in der Welt leider gar nicht. Es erreicht sie nicht. Wie klopfen uns in den sozialen Medien gegenseitig auf die Schulter und haben mehr für uns selbst als für andere getan. Wer hilft wirklich? Ein Euro in den Hut des Bettlers, fünfzig Euro für Greenpeace? Ich bitte Sie. Hilfe hieße doch auch, selbst auf etwas zu verzichten, sich zugunsten anderer Menschen einzuschränken. Keine Almosen aus der Portokasse. Sondern: Ich fahre in diesem Jahr nicht in den Sommerurlaub und spende tausend Euro an ein Hilfsprojekt. Ich glaube, von dieser Sorte Mensch gibt es weniger als Veganer.
Wo sind eigentlich die ganzen Nervensägen und Besserwisser aus den Soziologie- und Ethnologie-Seminaren abgeblieben? Sie wurden in der sogenannten „Berliner Projektlandschaft“ endgelagert und betreuen jetzt transsexuelle Kulturtherapeuten bei ihrem Coming Out als Mettbrötchenfetischisten mit Hertha BSC-Hintergrund.
Hätten Sie’s gewusst? Wenn man beide Arme unter den Achseln des Gegners hindurchsteckt und die Hände auf seinem Nacken verschränkt, spricht man von einem „Doppelnelson“. Nächste Woche: der Doppelwhopper.
Einer der dümmsten Kommentare zum neuen SPD-Posterboy Schulz ist ja, er solle sich den Bart abrasieren. Männer mit Bärten hätten nämlich was zu verbergen. Stand das in der neuen „Brigitte“? Küchenpsychologie auf Gesamtschulniveau. Als ob die ganzen bärtigen Hipster von der Bionademafia Geheimnisse hätten.
Fargo - Karlsson vom Dach. https://www.youtube.com/watch?v=V4dBe0ovEyE

Rätsel der Woche: Welcher Flughafen wurde von der rheinland-pfälzischen Landesregierung an die Chinesen verkauft?

Samstag, 4. März 2017

Die Kunst der Politik

Wenn keiner von uns Ahnung von Kunst hätte, würden wir wahrscheinlich das Geschmiere von Dreijährigen für große Meisterwerke halten. Irgendwann würden unsere Museen mit dem Geschmiere von Dreijährigen gefüllt sein. So geht es auch in der Politik. Die Bürger sind ahnungslos, interessieren sich nicht wirklich für die politische Praxis und die langfristigen Anforderungen der Gesellschaft. Als kämen die Probleme wie Naturkatastrophen über uns.
Wenn ich heute eine Lehrerin brauche, bekomme ich sie in fünf Jahren, weil die Ausbildung so lange dauert. Und ich bekomme sie als Referendarin, also als Berufsanfängerin, die ihre Ausbildung noch abschließen muss. Wenn ich heute einen Polizisten brauche, bekomme ich ihn in drei Jahren – und dann kennt er die Pappenheimer in seinem Kiez noch gar nicht. Wir haben exakt die Politiker und die Politik, die wir verdient haben. Weil wir zu faul sind, uns um unsere gemeinsamen Angelegenheiten zu kümmern.
Woher soll denn das Geld für eine funktionierende Schule oder eine ordentliche Verwaltung kommen, fragen wir und heben den Blick zum Himmel wie die Menschen des Mittelalters. Ganz einfach: Wir holen uns das Geld dort, wo es schon ist. Bei den Wohlhabenden. Als Kohl Kanzler wurde, war der Spitzensteuersatz auf das Einkommen bei 56 Prozent. Er senkte es später auf 53 Prozent, Schröder auf 43 Prozent. Das sind 13 Prozent weniger. Macht bei einem Jahresbruttoeinkommen von einer Million immerhin 130.000 Euro Differenz. Davon kann man schon wieder drei Lehrer bezahlen. Rechnet man die Differenz auf das ganze Erwerbsleben des „Besserverdienenden“ (was für ein idiotisches Wort hat man uns da anerzogen – als ob diese Leute etwas Besseres wären, nur weil sie sich dafür halten) hoch, kann man eine neue Grundschule bauen.
Prince – Computer Blue. https://www.youtube.com/watch?v=6KJA4PVZvQk
Zum Thema: https://kiezschreiber.blogspot.de/2011/10/neuanfang.html

Hungry Joe’s III

„Er hatte auf der Hand fünf Asse, jetzt trinkt er aus der Schnabeltasse.“ (Zockerspruch)
Es ist vier Uhr morgens. Massive Bulgur hat sich mit einem satten Tausender Gewinn verdrückt und sitzt vermutlich mit einer Edelnutte im Whirlpool und säuft Schampus. Silver Bucket ist auch schon gegangen.
Am Pokertisch sitzen Kosher Ken, Ugly Jim, der Ex-Mittelstürmer von Gladiator Wichtelbach, Zero One, der Leadsänger der rheinhessischen Mundartpunkband “Bichsewoscht“, Funky Beans, ein kroatischer Schrotthändler, und Moon Dog. Keiner weiß, was Moon Dog genau macht. Er hat einen dichten grauen Bart und kleine schwarze Knopfaugen, so dass er entfernt an einen Koalabären erinnert. Manche vermuten, er sei Lehrer, und es sei ihm peinlich, darüber zu sprechen.
Ken hat gerade den Pot gewonnen und macht seine üblichen Sprüche.
„Poker ist wie Sex. Jeder denkt er wäre der Beste, aber die meisten haben überhaupt keine Ahnung, was sie machen.“ Dann legt er drei Damen auf den Tisch.
„Wann hast du denn zuletzt eine Dame angefasst?“ fragt er Moon Dog, als er die Chips vor sich stapelt.
„Gestern Nacht. Deine Schwester.“
Die nächste Runde Karten. Ken ist betrunken und jagt den Einsatz hoch. Nacheinander steigen alle aus. „Je höher der Einsatz, desto einfacher der Bluff“, sagt er und grinst. „Auf lange Sicht ist Poker kein Glücksspiel.“
Aber im Pot waren nur achtzig Mäuse. Ken ist kein Gewinner, weil er das Maul nicht halten und den Hals nie voll genug kriegen kann.
Dann kommt LL Cool J ins „Hungry Joe’s“.
„Da war ein Kumpel von dir hier. Nannte sich Cold Blood“, sagt Hungry Joe.
LL Cool J lacht. „Kumpel ist übertrieben. Aber ich kenne ihn.“
„Wird der Typ uns Ärger machen?“
„Der? Nein, der macht nur einen auf dicke Hose. Er ist ein kleiner Sachbearbeiter in der Stadtverwaltung und völlig harmlos. Hat auch keine Waffe, sondern nur Pfefferspray der Marke ‚Bitchdefender‘ bei sich.“
Hungry Joe grinst. „Bier?“
„Nein, ich will bis zum Frühjahr ein bisschen abnehmen. Ich habe mich sogar im Fitnessstudio angemeldet.“
„Du bist fünfzig. Lass das mit dem Fitnessstudio. Fang mit Schokolade an.“
***
Wieder drei krachende Schläge an der Tür.
Hungry Joe öffnet. „Hey, da ist ja mein Lieblingszwerg von der Cosa Nostra. Dein Geld ist schon vor einer Stunde gegangen.“
Cold Blood sieht ihm nicht mal in die Augen. „Ich habe meinen Hut vergessen.“
So geht es zu bei „Hungry Joe’s“. Offenbach ist nicht Chicago.

P.S.: Ein Nachbar meines Vaters wurde letzte Woche tot im Fitnessraum gefunden, den er sich in seiner Wohnung eingerichtet hatte. Mit 51! Vermeiden Sie Sport im Alter. Essen Sie mehr Schokolade.
Neil Diamond - Beautiful Noise. https://www.youtube.com/watch?v=UVLv1El1vh4

Offenbach, ganz nüchtern betrachtet.

Freitag, 3. März 2017

Hungry Joe’s II

„Folge deinem Herzen. Es ist in dem Styroporbehälter auf der Rückbank des Pickup-Trucks vor dir. Beeile dich, du hast nicht mehr viel Zeit.“ (Cecil Palmer)
Hungry Joe zögert eine Weile. So klopft niemand an, den er kennt. Soll er seine abgesägte Schrotflinte unter dem Tresen hervorholen?
Nein. Er geht zur Tür und öffnet sie.
„Hey, warum hat das so lange gedauert?“
„Weil mir eine Nutte gerade den Schwanz gelutscht hat. Wer bist du?“
„Cold Blood. Ich bin ein Freund von LL Cool J.“
Ladies Love Cool Jürgen.
Vor ihm steht ein Mann, der höchstens 1,60 groß ist und einen schwarzen Mantel und einen Hut trägt.
„Du bist also Cold Blood“, sagt Hungry Joe und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen.
Cold Blood nickt und hängt Mantel und Hut an die Garderobe. Er trägt einen Nadelstreifenanzug und macht den Eindruck, als hätte er ein oder zwei Mafiafilme zu viel gesehen. Seine Geheimratsecken sind mit den Jahren beträchtlich gewachsen, haben sich auf dem Schädeldach getroffen und ein lockiges Büschel schwarzer Haare auf der Stirn umzingelt.
„Ich würde gerne eine Runde Poker spielen.“
„Du musst dich mit fünfhundert an einem Tisch einkaufen.“
Wortlos legt Cold Blood fünf Hundert-Euro-Scheine auf den Tresen. Hungry Joe gibt ihm 450 Euro in Chips. Zehn Prozent für die Bank. Er führt ihn zu einem der Tische.
„LL Cool J ist heute nicht da. Die vier Jungs wollen gerade ein Spielchen beginnen.“
Hungry Joe stellt die anderen Gäste am Tisch vor. Da ist Lucky Bones, ein Möchtegern-Zuhälter, der seine Frau immer am Monatsende auf den Strich schickt.
Neben ihm sitzt Massive Bulgur. „Du scheinst ein mächtig wichtiger Typ zu sein. Ich glaube, von dir kann ich noch eine Menge lernen, Chef.“ Er ist nach eigener Auskunft Türke in der siebten Generation in Deutschland. Seine Vorfahren sind als Schwertschlucker mit dem Zirkus Sarrasani in die Gegend gekommen. Er nennt grundsätzlich alle Leute Chef, das ist eine seiner vielen merkwürdigen Angewohnheiten.
Die Karten hat Kosher Ken in der Hand, angeblich ein Rabbiner. Er ist ungefähr so jüdisch wie ein Schinken-Käse-Sandwich, hat eine Mireille Mathieu-Gedächtnisfrisur und seine Arme sehen aus wie eine vollgemalte Klotür. Seinen Tätowierer hätte jeder andere verklagt. Kosher Ken behauptet, seine Pokersprüche seien Weisheiten aus dem Talmud, und hofft, mit seiner Woody-Allen-Masche die Frauen aufzureißen, die sowieso nie ins „Hungry Joe’s“ kommen.
Als letztes haben wir noch Silver Bucket, einen ehemaligen Juwelier, der seinen eigenen Laden überfallen hat, um seine Spielschulden in Frankfurt zu bezahlen, und dafür sechs Jahre im Knast gesessen hat.
***
Das Spiel läuft seit einer Stunde, die Zigaretten qualmen, Chips stapeln sich vor den Männern auf dem Tisch.
Cold Blood liegt hinten, hat schon vierhundert Euro verspielt. Er hat die anderen Spieler unterschätzt. Eigentlich wirken sie wie Idioten, aber sie sind ziemlich abgezockt. Wenn Du nach den ersten zwanzig Minuten nicht weißt, wer der Dumme am Tisch ist, dann bist Du es.
Vor allem Massive Bulgur hat einen Lauf. Gerade hat er wieder den Pot geholt. „Fullhäuschen.“
„Ein gewonnener Euro ist doppelt so süß wie ein verdienter Euro“, kontert Kosher Ken.
„Apfelsaft gibt Pokerkraft“, sagt Silver Bucket und nippt an seiner Saftschorle. Er ist trockener Alkoholiker.
Cold Blood ist schon wieder ein paar Chips los. „Das Ende entscheidet, nicht der Anfang“, gibt er etwas lahm zu bedenken. So langsam muss er mal einen Pot holen oder aussteigen. Oder sich neu in das Spiel einkaufen. Aber so viel Geld hat er nicht dabei.
Nur Lucky Bones schweigt verbissen. Er will sich nicht verraten, in dem er die ganze Zeit Sprüche klopft wie Kosher Ken. Seine Mimik verrät ihn jedoch regelmäßig: Die meisten Spieler versuchen schwach auszusehen, wenn sie stark sind, und stark, wenn sie schwach sind.
Das nächste Spiel beginnt. Diesmal verteilt Silver Bucket die Karten.
„Spielt Hungry Joe eigentlich nicht selbst Poker?“ fragt Cold Blood.
„Nein“, antwortet ihm Kosher Ken. „Er hat alles aufgegeben bis auf Gras und Kuchen. Kein Schnaps, keine harten Drogen, keine Karten, keine Frauen.“
„Klingt nach einem gottverdammten Heiligen.“
„Das ist er, Chef, das ist er“, sagt Massive Bulgur.
***
Eine weitere Stunde später hat viel Geld den Besitzer gewechselt. Ein Mann ist All In gegangen. Sie haben ihn ausgesogen, zerquetscht und weggeworfen wie eine Dose Bier.
„Ich werde wiederkommen. Ich hole mir mein Geld zurück!“
Mit dieser Drohung verlässt Cold Blood wutentbrannt das Lokal.
Fortsetzung folgt
Righteous Brothers - You've Lost That Loving Feeling. https://www.youtube.com/watch?v=uOnYY9Mw2Fg

Das Hungry Joe's bei Tageslicht.

Donnerstag, 2. März 2017

Ministerium für Wahrheit und Liebe

Ende des Jahres wird in Berlin der Neubau des BND bezogen. Die viertausend geheimnisvollen Überwachungsbeamten kommen in zehn Etappen von Pullach bei München in die Hauptstadt. Die neue Zentrale wirkt so düster wie die alte, die man von den Nazis übernommen hat. Der BND-Präsident hat sein Büro im ehemaligen Schlafzimmer des Hitler-Vertrauten Martin Bormann, auf dem Gelände gab es auch einen Führerbunker. In der Chausseestraße 96 werden sich die Mitarbeiter nicht frei bewegen können, ihre Karte berechtigt sie nur zum Betreten der eigenen Abteilung und dort nur zum Betreten des eigenen Büros. Namensschilder gibt es an den Bürotüren nicht, nur Nummern. Sie machen sich als Blogger Sorgen, jemand könne Ihr Pseudonym lüften? Hier weiß man, wessen Katze krank ist, wer gerade Rückenschmerzen hat oder Witze über seinen Chef reißt. 1,3 Milliarden Euro lassen wir uns die neue Hütte für die Schnüffler kosten.
Bildquelle: rbb-online

Augenfutter

Ein paar Reiseimpressionen aus Dinkelsbühl, Wolframs-Eschenbach, Weißenburg und Schwäbisch Hall. In Feuchtwangen und Merkendorf habe ich nicht fotografiert. Nebenbei bemerkt: Der Glaube, die Schwaben könnten ein ordentliches Bier brauen, ist eine Krankheit, die nur im Bett geheilt werden kann.

Hungry Joe’s

„Zuviel kann man wohl trinken, doch trinkt man nie genug". (G.E. Lessing)
Die Hanauer Straße ist wirklich eine üble Gegend. Keine Ahnung, ob sie nach Hanau führt, aber sie führt in ein Gewerbegebiet, das nie richtig ins Laufen gekommen ist. Es gibt ein paar Lagerhallen, die von Trucks mit osteuropäischen Kennzeichen angesteuert werden, eine Firma, die Spielautomaten herstellt, und viele leere Grundstücke mit Autowracks und anderem Müll. Aber es gibt das „Hungry Joe’s“, eine Kneipe, die erst um Mitternacht öffnet. Wer also bei Beginn der Sperrstunde, die um ein Uhr anfängt, noch Lust auf ein paar Drinks oder ein Spielchen hat, kommt hierher.
Es ist das letzte Haus auf der Straße, bevor das Gewerbegebiet losgeht. Ein zweistöckiger Kasten, hinter hohem Gestrüpp verborgen. Keine Lichter, kein Schild. Offiziell auch keine Kneipe, sondern das Haus von Hungry Joe. Alle nennen ihn so, keiner fragt nach seinem richtigen Namen. Er verdankt seinem legendären Appetit diesen Namen. Knapp zwei Meter groß, dreihundert Pfund schwer, die Haare so fettig wie der ganze Kerl. Das ist Hungry Joe. Er raucht pfundweise Gras und isst am liebsten Kuchen: Schokoladenkuchen, Käsekuchen, Orangenkuchen, Zitronenkuchen, Mandelkuchen. Eigentlich das ganze Programm. Manchmal auch einen Pappeimer voller Chicken Wings.
Die Tür der Kneipe ist immer abgeschlossen. Hungry Joe sieht durch den Türspion, bevor er einen Gast reinlässt. Er kennt seine Stammgäste. Ab und zu bringt ein Gast auch mal einen Kumpel mit. Kein Problem. Die Rollläden sind unten und die Musik ist nie laut. Von „Hungry Joe’s“ siehst und hörst du nichts, wenn du es nicht kennst. Allerdings ist die Luft auch zum Schneiden dick, denn erst am Vormittag, wenn die Kneipe schließt, wird gelüftet. Alle rauchen hier, am liebsten Gras, aber auch Joints, in denen Speed oder Kokain ist. Und wenn es eine Line sein muss, braucht man nicht erst auf die Toilette gehen. “Mehrgenerationenscheißhaus” steht an der Tür zur Unisex-Toilette.
***
Phony Dime ist einfach nur blöd. Als ein Spieler der Pokerrunde mal sagte, er könne in der nächsten Nacht nicht kommen, weil er auf eine Beerdigung müsse, fragte er glatt: „Ist jemand gestorben?“ Die Art von blöd.
„Glaubst du, ich wäre nicht intelligent genug für so einen Schlips-und-Kragen-Job? Ich bin intelligent, genau deswegen mache ich ja keinen Schlips-und-Kragen-Job.“
„Das ist schön für dich, Phony Dime, aber trotzdem bist du mal wieder pleite.“
Die Gäste haben alle merkwürdige Spitznamen wie Frosty Nipple oder Urban Donut, die sie sich irgendwann mal ausgedacht oder bekommen haben. So kann man auch keinen verpfeifen, selbst wenn man es will. Die Namen haben nur im „Hungry Joe’s“ ihre Bedeutung.
„Gib mir noch einen Whisky, Hungry Joe. Ich hatte heute kein Glück. Genauso gut hätte ich mein Geld in einen hundert Meter tiefen Brunnen werfen können. Der Teufel hat mir diesen Bluff eingeredet.“ Phony Dime hat riesige Mutantenaugenbrauen wie Theo Waigel und zieht sie zornig zusammen.
„Also gut. Aber dann ist Schluss. Ist heute nicht dein Tag und nicht dein Blatt.“
„Danke. Morgen bringe ich dir einen ganzen Frankfurter Kranz. Ehrenwort.“
Hungry Joe gibt ihm einen Tumbler Glenmorangie, der wirklich großzügig gefüllt ist. Die Rechnung in seiner Kneipe ist ganz einfach: jedes Getränk kostet fünf Euro. Ein Glas Bier, ein Glas Wein, ein Whisky, ein Gin Tonic. Immer fünf Euro glatt und kein Trinkgeld. Im „Hungry Joe’s“ gibt es kein Münzgeld.
Phony Dime ist der Typ, der immer zu spät dran ist. Wahrscheinlich tritt er morgen als Sinatra-Imitator auf. Und wenn man sich seine gesammelten Weisheiten anhört, scheint er sie komplett aus chinesischen Glückskeksen zu haben. Aber Hungry Joe mag den kleinen Loser, er gehört dazu und bezahlt immer anstandslos seinen Deckel. Wer weiß, vielleicht bringt er wirklich noch einen Kuchen mit, wenn er wieder vorbeikommt?
Plötzlich krachen drei Schläge an die Tür.
Wer kann das sein?
Fortsetzung folgt
The Stranglers – Peaches. https://www.youtube.com/watch?v=kdgmfxW3N00
https://en.wikipedia.org/wiki/Hungry_Joe

Das Hungry Joe’s – eine Mischung aus Jugendstil und Art Deco (Danke für das Foto, Harri)

Mittwoch, 1. März 2017

Franken-Content

Das Wichtigste vorweg: Trink- und Essempfehlungen werden ausgesprochen für „Sindel-Buckel“ in Feuchtwangen, „Weib’s Brauhaus“ und „Zum wilden Mann“ in Dinkelsbühl.
Tür in Dinkelsbühl
In einem uralten Haus ist die Buchhandlung eines uralten Mannes. Ich kaufe „Die Falschmünzer“ von André Gide. Der Preis ist noch in DM aufgedruckt, das Buch steht hier seit 1991, also seit 26 Jahren. Mein halbes Leben hat es hier gewartet, jetzt ist es meine aktuelle Lektüre. Das Foto ist von einem Ledersessel aufgenommen und leider etwas unscharf. In Dinkelsbühl gibt es viele Buchhandlungen, diese ist die Schönste.
Haus in Dinkelsbühl
Immer noch Dinkelsbühl
In der Scheibe spiegelt sich die Altstadt von Schwäbisch Hall.
Er bloggte noch mit der Harfe: Wolfram von Eschenbach
Die Stadt, die um den Singer/Songwriter herum gebaut wurde: Wolframs-Eschenbach
Not currently on tour: http://www.preamped.com/artists/matthias_eberling.aspx

Welcher Clown sind Sie?

„Kunst ist kein Beruf, es ist die Art, wie man einen Beruf ausübt. Es ist überhaupt die Art und Weise, in der man gleich welche menschliche Tätigkeit ausübt. Dies ist meine Definition von Kunst. Kunst ist das 'Machen'. Dichtkunst ist die Kunst, Gedichte zu machen. Liebeskunst ist die Kunst, Liebe zu machen.“ (Jean Renoir)
„Die Leute heute halten sich schon für Künstler, wenn sie ein lässiges, müßiges Leben führen. Sie meinen, es genüge, Käse zu essen, Rotwein zu trinken und endlos über Dramen von Shakespeare zu diskutieren. Sie können Kunst und Literatur studieren, sie können einen Job in der Kultur bekommen, sie können sogar Talent haben, doch im Grunde gehören sie nach wie vor dem Bürgertum an. Ihre Arbeit geht nicht über ein bestimmtes Niveau hinaus, sie ist zu weit von der Realität und ihren wirklichen Problemen entfernt. Aber ein Künstler kann ohne weiteres ein Schurke sein, alles Mögliche, ein Killer oder einer von der Müllabfuhr. Aber er hat etwas, was man nicht an der Kunsthochschule lernen kann.“ (Woody Allen)
„Die sogenannten aufgeklärten Leute werden in Dingen der Kunst immer unfähiger. Es entgeht ihnen sogar, was Kunst überhaupt ist.“ (Gustave Flaubert)
Vernunft und Freiheit sind Gegensätze. In der Komödie werden sie durch den Weißclown und den Rotclown, allgemein auch als „dummer August“ bekannt, verkörpert.
Die Vernunft, das ist der Staat, der Vorgesetzte, der Erwachsene, das ist Konfuzius. Die Freiheit, das ist der Rebell, der Taugenichts, das Kind, das ist Laozi.
Der Weißclown will Ordnung, die perfekte Lösung eines Problems (die aufgrund ihrer Perfektion alternativlos erscheint), der dumme August will Chaos, Spaß und Entscheidungen nach dem Lustprinzip. Für den Weißclown ist die Uhr ein Planungsinstrument, für den dummen August klingt ihr Ticken wie der Herzschlag des Teufels.
Kinder mögen den Weißclown nicht, sie stehen immer auf der Seite des dummen August. Sie wählen instinktiv die Freiheit und nicht die Herrschaft der Vernunft. Das Herz ist in ihren Augen dem Verstand überlegen.
Erst später lernen sie, dass der dumme August eine gescheiterte Existenz und der Weißclown der Chef ist, der den Ernst des Lebens und die Maximen des Erfolgs repräsentiert.
Fatboy Slim - Love Island. https://www.youtube.com/watch?v=6mPfrYFRKNY

Netsuke 3: Jurojin, der Gott der Weisheit.