Donnerstag, 18. Januar 2018

Über Geschlechtsteile

„Wer seine Kräfte für die Förderung des Weltfriedens einsetzen will, der verstehe, dass dieses Ziel am schnellsten durch das Frauenwahlrecht erreicht wird. Denn mit einem Parlament, das zum Teil aufgrund der Stimmen von Frauen zusammengestellt ist, wird der Staatshaushalt nicht mehr mit einer jährlich steigenden Anzahl von Millionen für Kriegsmaterial und den Heeresunterhalt belastet werden können.“ (Aletta H. Jacobs, 1899)
Als ich noch jung war, gab es endlose sozialwissenschaftliche Debatten um die „Humanisierung der Arbeitswelt“, es gab von der damaligen SPD-geführten Regierung auch ein „Forschungsprogramm zur Humanisierung des Arbeitslebens“ (1974-1989), das in der Ära Kohl auslief. Als Wissenschaftler habe ich es selbst viele Jahre erlebt und etliche Tagungsteilnehmer mit meinen Analysen und Verbesserungsvorschlägen gelangweilt. In dieser Zeit haben Maschinen und Computer die Arbeit verändert, aber nicht Diskussionen und Forschungsprojekte.
Daran muss ich denken, wenn ich jetzt immer wieder höre, dass weibliche Führungskräfte die Welt der Arbeit verändern und „menschlicher“ machen werden. Ich glaube nicht, dass Frauen etwas an den Produktionsmethoden und Profitinteressen von Konzernen und ihren Aktionären ändern können. Auch weibliche Führungskräfte werden an ihren Erfolgen im internationalen Wettbewerb gemessen, auch weibliche Aktionäre wollen Dividenden und steigende Aktienkurse.
Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist von Männern erfunden worden und wurde in den letzten Jahrtausenden ausschließlich von Männern geprägt. Männliche Eigenschaften bilden den genetischen Code der Ökonomie. Es geht um Konkurrenzkampf, Hackordnungen und Revierkämpfe, weniger um Sensibilität oder „soft skills“ (ein sehr verräterischer Ausdruck, sie rangieren in den Anforderungen, die in Stellenanzeigen formuliert werden, immer am Ende).
Was ist mit den Eigenschaften, die typischerweise Frauen zugeschrieben werden? Kommunikationsfähigkeit zum Beispiel. In Zeiten der Digitalisierung wird sie vielleicht weniger wichtig sein, als wir glauben. Sozialkompetenz gegenüber Kindern und Kranken? Wird im Pflege- und Bildungsbereich einfach nur schamlos ausgebeutet. Fehlende Härte im Konkurrenzkampf, z.B. Mitgefühl oder die Fähigkeit zum Kompromiss, wird im Kapitalismus als Nachteil gesehen.
Es wird nichts bringen, die Führungskräfte allein nach der Beschaffenheit ihrer Geschlechtsteile zu bewerten. Möse gut, Schwanz schlecht – eine primitivere Ideologie kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Dagegen wirkt der Neoliberalismus wie ein Aggregat intellektueller Höchstleistungen. Als ob der Kapitalismus seine inneren Funktionsmechanismen verändert, wenn die Zahl der Penisse im Management sinkt.

Das ist einfach nur die nächste Lebenslüge, die sich über Jahrzehnte wie ein Nebelschleier über die soziale Spaltung der Welt legen wird. Am Frauenwesen soll die Welt genesen? Geh du voran, Prinzessin Vulva! Führe uns ins Licht, kleiner Kitzler! Vergessen wir es einfach. Hoffentlich steigt wenigstens der Frauenanteil bei den Millionären.
„Der Kapitalismus wird nicht weiblicher, die Frauen werden kapitalistischer.“ (Lupo Laminetti)
Captain Sensible - Wot! https://www.youtube.com/watch?v=fj04rzn-Cxs

Mittwoch, 17. Januar 2018

Nur für kurze Zeit: Superwastl bei den Deutschen

Mutti Merkel trifft ja inzwischen Staatschefs, die ihre Söhne seien könnten. Macron und Trudeau zum Beispiel. Oder den Superwastl.
Der Superwastl will jetzt was gegen die Schlepper machen. Die sind nämlich an allem Schuld.
Viele Leser fragen mich: Was sind denn die Superkräfte vom Superwastl? Mein Tipp. Schaut Euch mal die Ohren an. Der Superwastl hört in China das Gras wachsen.

Verblüffende Fakten, die selbst Kenner der Materie überraschen dürften

Blogstuff 187
„Ihre Waffenfabriken bauen sie, weil sie Frieden wollen; ihre Konzentrationslager, weil sie die Wahrheit lieben; Gerechtigkeit ist der Deckmantel für jede Parteiraserei; politische Gangster sind Erlöser, und Freiheit ist das große Wort für alle Gier nach Macht. Falsches Geld! Falsches geistiges Geld!“ (Erich Maria Remarque: Arc de Triomphe)
Go to hell, verdammte Anglizismen, die sich durch die Backdoor in unsere Sprache schleichen. Wir Deutschen „machen“ keine Liebe, wir vögeln. Bei uns „macht“ nichts einen Sinn, der ergibt sich – oder eben nicht. Französisch klingt doch wesentlich eleganter. Coup de grâce zum Beispiel. Da denkt man vielleicht an einen Eisbecher oder ein raffiniertes Verbrechen. Aber in Wirklichkeit heißt es Gnadenstoß.
Gerade im kulinarischen Bereich sind die Anglizismen offenbar verführerisch. Seit Jahrhunderten essen die Deutschen Frikadellenbrötchen, ohne es an die große Glocke zu hängen. Dann kommen die Amis mit ihrem Voodoo-Marketing, bunten Selbstbedienungs(!)-Restaurants und ihrem Ketchup – und schon verkaufen sie uns Hamburger für viel Geld, die noch nicht mal so gut schmecken wie die Frikadellenbrötchen vom Metzger.
Wir müssen da vom Ausland lernen. Warum nennen wir unsere Schweinskopfsülze nicht „Familienglück“? Und den Grünkohl „Acapulco Gold“?
Wie man es macht, macht man es verkehrt: Ziehe ich ein schwarzes Shirt an, sieht man meine Schuppen, ziehe ich ein weißes Shirt an, sieht man meine Schweißflecken.
Das Telefon klingelt nicht mehr, obwohl wir den Vorgang mit diesen Worten umschreiben. Es summt und brummt, es gibt Musik von sich – und einige ironische Zeitgenossen haben sogar ein altertümliches Telefonklingeln digital installiert. Das sind natürlich die größten Arschkrampen, die man im Zug treffen kann. Ganz abgesehen davon, dass es ja Telefone im eigentlichen Sinne nicht mehr gibt.
Die Propagandakompanie Juri Gagarin, die Speerspitze der Arbeiter- und Bauernmacht in der deutschen Werbebrangsche, präsentiert den neuen Slogan unseres Unternehmens: Bonetti Media – schneller als das Licht.
Was ist, über dreihundert Jahre nach dem Beginn der Aufklärung, von der Idee der Freiheit geblieben? Wettbewerb und Egoismus in Wirtschaft und Gesellschaft; Wissen ist ein Instrument zur Erzielung von Profiten. Der alten Kaste der adligen Feudalherren ist eine neue Kaste nachgewachsen, der Kreis hat sich geschlossen.
Der Einheitsvertrag, den Schäuble und Krause 1990 ausgehandelt haben, hatte dieselbe verheerende Wirkung auf die "neuen Bundesländer" wie der Versailler Vertrag auf die Weimarer Republik.
Jetzt gehen in Pjöngjang oder wie das Kaff heißt ja wieder mal Olympische Spiele los, derweil Meister Bonetti mit der Ruhe eines Fakirs auf seinem Nagelbrett darauf wartet, dass Essen und Trinken endlich eine olympische Disziplin wird.
Was passiert eigentlich, wenn der ökonomisch wichtigste Teil unserer Bevölkerung – und das sind zweifellos die gefühlten dreißig Millionen Rentner – streiken? Massenentlassung bei den Anbietern von Kreuzfahrten und Krise der Werftindustrie. Die Einschaltquoten von ARD und ZDF fallen ins Bodenlose. Enten verhungern in den Parks, Tauben in den Innenstädten. Akuter Fachkräftemangel bei der Enkelbetreuung. Die Hersteller von Bekleidung in den Farben Beige und Hellgrau machen bankrott. Apotheker begehen reihenweise Selbstmord. Was wird aus der Kukident- und Doppelherz-Produktion, aus dem Romika-Schuh und dem Pepitahut?
Grundsteuerreform? Gibt’s dazu ein Katzenvideo, das mir die Sache erklärt?
The Chambers Brothers - Time Has Come Today (1966). https://www.youtube.com/watch?v=skeHO0V6-mM

Dienstag, 16. Januar 2018

Schneewittchen 2018

Hier liegt Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg.

Sie wartet auf einen Königssohn, der sie erlöst. Der Sohn des Sultans und das Ziehkind des Geldadels haben es schon versucht. Gerade ist ein etwas unbeholfener und pummeliger Karnevalsprinz aus Würselen auf dem Weg, allerdings muss er noch einen Drachen namens Spezialdemokratie bezwingen.

Quo vadis, Digitalisierung?

Bonetti Media berichtet exklusiv:
Tobias ist zwei Jahre alt. Eigentlich ein ganz normales Kind. Aber Tobias ist anders. Der kleine Junge hält Alexa für seine Mutter. Er spricht täglich mit dem Gerät und freut sich, wenn es seine Wünsche erfüllt. Das machen die Eltern von Tobias nicht immer. Wenn man Alexa aus seinem Zimmer nehmen will, fängt Tobias an zu schreien. Alexa steht neben seinem Bett, wenn Tobias abends einschlafen soll. Wird das Kind je verstehen, dass Alexa nur ein Gerät ist? Wie wird er diese traumatische Enttäuschung verarbeiten?

Take the money and run

„O! der ist aus dem Himmel schon gefallen, / Der an der Stunden Wechsel denken muss! / Die Uhr schlägt keinem Glücklichen.“ (Friedrich Schiller)
Mancher treudoofe Kapitalismuskritiker träumt ja immer noch von der finalen Krise des „Systems“ – mit letalem Ausgang. Eins der Lieblingsargumente ist dabei der riesige Schuldenberg der Staaten, Unternehmen und Privatleute. Geht dem Kapitalismus das Kapital aus? Gegenfrage: Geht der Sahara der Sand aus?
Früher liehen sich die Könige Geld für Schlösser, Feldzüge oder einfach nur ihr Lotterleben. Wenn die Bankiers es zurück wollten, wurden sie vom Hof gejagt oder geköpft. Oder der König starb und die Schulden wurden gestrichen. Niemand muss die Schulden seiner Vorfahren begleichen, er kann eine solche Erbschaft auch ausschlagen. Das ist bis heute die schillernde Zierde unseres Erbrechts. Warum sollten mächtige Staaten wie die USA ihre Schulden jemals zurückzahlen? Ein Gläubiger käme doch noch nicht mal ins Weiße Haus. Vom Rasen würde er ins Oval Office hinaufrufen: „Ich will mein Geld zurück.“ Trump würde ihn auslachen. Und wenn er nicht gleich wieder verschwindet, würde er auf ihn schießen lassen.
Nein, das Geld wird nie knapp. Man kann täglich neue Schuldscheine ausgeben oder munter Bargeld drucken, so viel man möchte. Kredite, die nicht zurückgezahlt werden, nennt man „toxisch“ und lagert sie in den Müllkippen der modernen Ökonomie, den Bad Banks. Im Kleinen geht es genauso: Eine Bank leiht einem spielsüchtigen Alkoholiker dreitausend Euro, der Typ bringt die Kohle in einem Monat durch und stirbt dann an Leberzirrhose. Davon geht die Welt nicht unter. Die Bank hat mit dem Kredit das Geld neu geschaffen, jetzt ist es wieder weg. Falls es die Bank mit der Vergabe fauler Kredite übertreibt und in die Pleite rutscht, wird sie von Vati Staat gerettet.
So geht es ad infinitum weiter. Geld kommt, Geld geht. Von Amerikanern lernen heißt siegen lernen. Alles auf Pump kaufen, nicht an morgen denken und Spaß haben. Wer miesepetrig in der Ecke hockt und auf das Ende der Welt wartet, verpasst das Beste. Das weiß sogar ein kleiner Off-Broadway-Blogger wie ich. Und wenn uns die Scheiße doch mal um die Ohren fliegt, denken Sie immer daran: Reiche können kein Blut sehen. Sie sind dann schon in Florida.

P.S.: Sie können Ihr Geld ausgeben, wie sie wollen. Sie können es zum sympathischen Möhrenzüchter im Nachbardorf bringen anstatt in den Supermarkt, Sie können Ihrer Freundin den selbstgestrickten Schal abkaufen anstatt in die Mall zu fahren – letzten Endes landet das Geld doch wieder bei einer Handvoll Großkonzernen und Milliardären. Es ist ein geschlossener Kreislauf und Sie sind nur ein rotes Blutkörperchen (suchen Sie sich die Farbe aus), das sich die Welt außerhalb dieses Organismus gar nicht vorstellen kann. Der Möhrenjupp braucht ein neues Auto. Das bekommt er nur von einem Konzern. Es gibt keine lustigen Freaks, die Autos konstruieren. Die Strickliesl braucht Zahnpasta und Waschmittel. Das bekommt sie nur von einem Konzern. Es gibt keine ulkige Schulfreundin, die ihre eigene Zahnpasta herstellt. Letzten Endes, egal wie oft man über Bande spielt, landet die Kohle in den Händen weniger Leute, denen es immer gut gegangen ist und die den Konkurrenzkampf nur als Theaterstück für ihre neoliberale Glaubensgemeinschaft aufführen.
Bob Marley – Jammin. https://www.youtube.com/watch?v=oFRbZJXjWIA

Quelle: Duck Porn

Montag, 15. Januar 2018

Volk ohne Wohnraum

„Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits sehr müde, das erklärt manches.“ (Mark Twain)
Robert Klumpf, der Mann mit dem gewissen Nichts, ist Immobilienmakler von Beruf. Er gehört zu den wirklich mächtigen Männern dieser Stadt. Niemand wird so gehasst und so geliebt wie ein Makler. Er wird verehrt wie ein Rockstar oder ein Schönheitschirurg, er wird verachtet wie ein Triebtäter oder ein Politiker.
Es ist ein handelsüblicher Montagmorgen. Ein Hausangestellter bringt die Geschenke der Wohnungssuchenden ins Speisezimmer, während Herr Klumpf noch rohe Austern schlürft. Uhren, Smartphones, selbst Krügerrand-Goldmünzen werden ihm auf den Tisch gelegt. Sein gelangweilter Blick bleibt an einer Pappröhre hängen. Er öffnet sie. Ein quadratmetergroßes Bild von Monte Carlo. Dazu der Text: „Fototapete statt Fenster. Erhöhen Sie die Miete für Kellerwohnungen.“ Scherzkeks. Aber eine Überlegung wert.
Wohnungsbesichtigung mit Kunden. Die Sekretärin hat schon alles aussortiert, was einen Turban oder ein Kopftuch tragen könnte. Schwarze, Behinderte und Arbeitslose müssen draußen bleiben. Es kommen immer noch über hundert Menschen. Die Auswahl ist gar nicht so einfach. Früher hat Herr Klumpf gerne Professoren genommen, aber so ein Professor verdient heutzutage gar nicht mehr so viel. Rechtsanwälte sind klagefreudig, Hundebesitzer bringen Dreck ins Haus. Alleinerziehenden Müttern fehlt das Geld. Am liebsten sind ihm Handwerkermeister und Ärzte. Die kann man immer brauchen, wenn Reparaturen anstehen oder im Krankheitsfall. Auch gutsituierte Rentner sind als Mieter willkommen. Sie sind ruhig und bei der Neuvermietung nach ihrem Ableben kann man wieder die Miete erhöhen.
Es ist sieben Uhr morgens. Im fahlen Licht der beginnenden Dämmerung inspiziert Klumpf die Bittsteller, die Verdammten dieser Erde, die in Reih und Glied vor ihm stehen. Demütig haben die Menschen den Kopf gebeugt, manche zittern unter seinem erbarmungslosen Blick. Alle wissen, dass dieser Augenblick Schicksale entscheidet. Wer bekommt die Wohnung? Ist überhaupt jemand unter diesen Leuten, der würdig ist, einen Mietvertrag zu bekommen? Es ist eine gnadenlose Selektion. Einer von hundert wird im günstigsten Fall das winzige Ein-Zimmer-Appartement bekommen. Den Rest muss man ohne Mitleid vom Hof jagen. Alles Betteln und Jammern wird nicht helfen. Klumpf muss hart bleiben. Bei einer vollbusigen Studentin, die mit ihrem Vater – er trägt Zylinder und Monokel – wird er für einen Augenblick schwach. Die Menschen machen sich keine Vorstellung, welche Verantwortung ein Makler in der heutigen Zeit trägt.
Der Wohnungsmangel ist ein Segen für Menschen wie Herrn Klumpf. Selbst Kellerwohnungen können inzwischen schon nach wenigen Stunden vermietet werden. Oft sind die Bestechungsgelder höher als seine Provision. Frauen machen ihm eindeutige Angebote. Manchmal grenzt ihr Verhalten an sexuelle Belästigung. Aber er ist vorsichtig. Männer in seiner Position sind erpressbar, wenn sie allzu leichtfertig ihren Trieben nachgeben.
Herr Klumpf bewohnt selbst eine Maisonettewohnung in der Innenstadt und eine Villa im Grünen. Mit Blick auf den Starnberger See, eigenem Spa-Bereich und einer Terrasse, die größer ist als manche Wohnung, die er an Kleinfamilien vermietet. Augen auf bei der Berufswahl, pflegt er mit einem Zwinkern zu sagen.
Dionne Warwick - Walk On By. https://www.youtube.com/watch?v=ijhL9Y7skQs

Sonntag, 14. Januar 2018

Meine letzte Lesung

Im Sommer 2010 fand meine letzte Lesung statt. Ich las allerdings nicht aus meinen Werken, sondern habe „Tintenherz“ von Cornelia Funke komplett und ohne Pause vorgetragen. Meine kleine Zuhörerin war sehr aufmerksam und hat den Nachmittag genossen. Im April feiert sie Konfirmation. Ich freue mich schon auf das Fest. Sie hat inzwischen in ihrem Zimmer eine beeindruckende Bibliothek. Zuletzt habe ich ihr „Der Fänger im Roggen“ geschenkt.




P.S.: Was sagen Sie zu diesen muskulösen Unterarmen? Arnold Schwarzenegger nix dagegen. So sehen Autoren aus, die über Jahrzehnte fast jeden Tag die Tastatur bearbeiten.

Let’s talk about vegs

https://www.youtube.com/watch?v=0y7QhnjyDXU
Wie viele Salatgurken wurden schon von Frauen sexuell missbraucht und lagen anschließend geschändet in einem dunklen Gemüsefach? Wie viele Möhren wurden von Männern auf unbeschreibliche und grausame Weise gedemütigt und achtlos liegengelassen? Darüber spricht niemand. Die Geschichte des Gemüses ist eine Geschichte der Ausbeutung und der Sklaverei, der Gewalt und der Erniedrigung. Der stumme Schrei der pflanzlichen Kreatur – ich habe ihn zuerst gehört.
Aber wo sollte ich bei meinen Forschungen zur Emanzipation des Gemüses beginnen? Ich beschloss, meine gentechnischen Experimente mit dem Blumenkohl zu beginnen, da er wie ein Gehirn aussieht und insgesamt einen sehr intelligenten Eindruck auf mich machte. Die Anfänge waren nicht sehr ermutigend. Der Blumenkohl reagierte weder auf Lyrik noch auf Musik, weder auf Streicheleinheiten noch auf Pantomime. Aber er reagierte auf Licht und auf Wasser. Das war der Anfang.
Nennenswerte Fortschritte machte ich erst, als ich Affen-DNS in die Blumenkohlchromosomen integrierte. Hirnzellen, Muskelzellen, Nervenbahnen. Bald konnte mein Blumenkohl sich bewegen und selbständig den Platz im Labor wählen, an dem gerade die Sonne hereinschien. Drei Jahre später sprach der Blumenkohl seine ersten Worte. „Mehr Licht“ – wie weiland Goethe. Ich hätte vor Rührung fast geweint. Und dann der erste Blick aus seinen grünen Augen. Den ersten sprechenden Kohl taufte ich auf den Namen „Helmut“.
***
Hunderte Jahre später landet ein Raumschiff auf der Erde. Blumenkohl beherrscht die Welt. Die Menschen leben in dunklen Kühlschrankfächern oder liegen einfach im Supermarkt herum. Eigentlich hat sich ihr Leben nicht verändert.
Charlton Heston krepelt irgendwo am Strand rum, keine Ahnung, wieso, wahrscheinlich, weil ihm der Regisseur (der unsägliche Bonetti bei einer seiner Fließbanddreharbeiten für Mettflix in Süd-Kalkutta) den Befehl gegeben hat. Aus dem Rindenmulch einer Kohlplantage ragt die Quadriga. Irgendwo unten drunter war mal Berlin, vastehste?!
„Ich hab’s geahnt. Ich bin zu Hause. Ich bin wieder auf der Erde. Die ganze Zeit war ich auf der Erde. Doch ihr Menschen habt sie unkenntlich gemacht. Ihr Wahnsinnigen! Ihr habt die Erde in die Luft gesprengt. Ich verfluche euch! Ich verfluche euch alle.“
Cucumba Remix feat. Macka B. https://www.youtube.com/watch?v=YhL3PpFE2RQ
Dieser Text ist ein Beitrag zur Blogaktion des fabelhaften Ackerboys.
http://ackerbaupankow.blogspot.de/

Bonettis Lehrmeister im Satzbau ich gewesen bin.

Samstag, 13. Januar 2018

Brecht zur SPD



Die SPD war in drei großen Koalitionen. Nach der ersten war sie noch schmächtig. Nach der zweiten war sie noch sichtbar. Nach der dritten war sie nicht mehr aufzufinden.


(Bertolt Brecht, frei interpretiert, bitte vergessen Sie 1966-1969)


Offenbach, das hessische Kalkutta


Blogstuff 186
„Die Leser gehen mit Bonettis Werk um, als hätten sie noch einen zweiten Bonetti im Kofferraum. Dabei haben wir diesen Bonetti nur von unseren Kindern geliehen. Denken Sie mal darüber nach!“ (Marcel Reich-Ranicki)
„Ich wäre lieber mit Österreich wiedervereinigt worden.“ (Adolf Gauland)
Geschäftsidee: Ambulanter Samen-Notdienst.
Er hörte in der Ferne das Geräusch eines landenden Hubschraubers, aber er bezog es nicht auf sich und ging weiter. Dann bemerkte er den jungen Mann, der in seine Richtung rannte. „Mister Bonetti. Bertelsmann benötigt Ihre Dienste.“ „Worum geht es?“ „Ein Roman. Er ist völlig missglückt. Sie müssen ihn noch heute bearbeiten.“ Es ist immer das gleiche.
Weitere Neuigkeiten aus der Wortspielhölle: Bei Aldi gibt es die Zwei-Kassen-Gesellschaft. Sie ertragen diese Kalauer hoffentlich mit wachsender Entgeisterung.
Den folgenden Kalauer habe ich aus dem Internet: „Warum können saarländische Kinder kein Versteck spielen? Weil keiner nach ihnen sucht.“
Warum haben wir eigentlich nichts gegen Piraten mit Kopftüchern?
Ältere Leser werden sich noch erinnern: Früher, vor der Erfindung von Nutella, legten wir uns Eszet-Schnitten aufs Frühstücksbrötchen.
LPs bekamen Kratzer und die Cover Eselsohren und Rotweinflecken. Bei den CDs bekamen wenigstens noch die Plastikhüllen Kratzer. Aber im Internet altert der Tonträger nicht. Kein Text vergilbt im Netz wie es Bücher tun, kein Bild verblasst mit den Jahren.
„Erst wenn das letzte Wort gebrochen, der letzte Abgeordnete gekauft und die letzte Diätenerhöhung beschlossen ist, werdet Ihr merken, dass Wahlen nichts bringen.“ (Weissagung der Pfälzer)
Das müde Europa träumt vom Untergang, derweil ist in Asien und Afrika der Kapitalismus en marche. Und zwar mit Pauken und Trompeten.
Warum ist das Schreiben jeder anderen Art von Berufstätigkeit vorzuziehen? Erstens: Man kann, wenn man möchte, im Bett bleiben. Zweitens: Man braucht keine spezielle Berufskleidung. Drittens: Man muss bei schlechtem Wetter nicht das Haus verlassen, kann bei schönem Wetter aber auch in einem Biergarten sitzen. Viertens fallen keine Kosten an, fünftens steht man nicht im Stau, sechstens gibt es kein Ende. Schreiben kann man immer. Selbst über das Nicht-Schreiben oder Nicht-Schreiben-Können sind ganze Romane geschrieben worden.
Wir verzeihen es guten Filmen, wenn in ihnen schlechte Ideen eingebaut sind. Denken Sie nur an den ersten Star Wars-Film. Da wird für Milliarden Steuergelder ein Todesstern gebaut und dann gibt es eine Stelle, wo man eine Bombe draufhaut und diese gigantische Raumstation zerspringt in einer Sekunde wie ein Polenböller. Und weil dem Autor im dritten Teil nix Besseres einfällt, wird einfach nochmal ein Todesstern gebaut. Eigentlich schwach. Aber wir lieben es trotzdem. Die schlechten Star Wars-Filme wurden alle später gedreht.
Andy Bonetti bekommt manchmal Gänsehaut, wenn er seine eigenen Texte liest. So gut muss man erst mal sein.
In der DDR gab es die Gattung der „Ankunftsliteratur“, in der es um die Ankunft des neuen, sozialistischen Menschen ging. Schriftsteller wurden aufgefordert, in die Betriebe zu gehen, das Leben der Arbeiter kennenzulernen und es in ihren Erzählungen zu beschreiben. Der V. Parteitag der SED 1958 forderte auch die Arbeiter ausdrücklich zur literarischen Arbeit auf. Die Parole, die auf dem Parteitag ausgegeben wurde, lautete: „Greif zur Feder, Kumpel!“
Interpol - The Heinrich Maneuver. https://www.youtube.com/watch?v=Ha_bppvZ0a8

Freitag, 12. Januar 2018

Vergesst Houdini – Wir haben Merkelini

„Wir werden die Probleme anpacken, die die Menschen in ihrem Alltag bewegen, und uns mutige Ziele für die nächsten vier Jahre setzen.“ (Ergebnisse der Sondierungsgespräche, Präambel)
Alter Wein in alten Schläuchen. Aber mit einem Trick, den noch nicht einmal der große Magier Houdini beherrscht, verkauft uns Merkel die dritte Auflage einer erzlangweiligen Koalition als Neuanfang. In erster Linie gibt uns der Staat ein paar Groschen mehr und erwartet auch noch Dankbarkeit. Wir zahlen jede Menge Kohle und kriegen einen Bruchteil davon zurück. Das erinnert mich an das schöne Lied von den Pogues, in dem es heißt: „Lend me ten pounds and I buy You a drink.“
Der sensationelle „Durchbruch“ nach einem theatralisch inszenierten Sitzungsmarathon:
  • - Zehn Euro Kindergeld mehr
  • - Arbeitslosenversicherung: 0,3 Prozent weniger
  • - Ausbau der Gigabit-Netze bis 2025 (also weitere sieben Jahre Snailnet im Hunsrück)
  • - Ein neuer Knoten in der Hartz IV-Peitsche („Teilhabe am Arbeitsmarkt für alle“)
  • - Das Rentenniveau wird nicht gesenkt
  • - Weiterhin kein Familiennachzug für Flüchtlinge (Ausnahme: Härtefälle) + CSU-Obergrenze
  • - 8000 neue Pflegekräfte (in einem Land mit 80 Millionen Menschen)
  • - Klima: die Ziele bis 2020 hat man aufgegeben, die Ziele bis 2030 will die Regierung aber auf jeden Fall erreichen
Wir sind mit so wenig zufrieden, es ist unglaublich. Deutschland könnte auch von einem rasierten Meerschweinchen regiert werden, wir würden es gar nicht merken.
https://www.youtube.com/watch?v=w2M7snEx1zs

Haider hieß früher Twix


Nazis gegen Hitler – eine deutsche Farce

„Offen gesagt: Es ist zum Kotzen. Man kann seit vielen Monaten keine deutsche Illustrierte, keine deutsche Zeitung aufschlagen, ohne dass ein grinsender Neger uns Deutschen bescheinigt, dass wir ein Recht auf die Wiedervereinigung haben - wobei dann im Text steht, dass besagter Neger gerade einen Scheck über 30, 45, 70 Millionen Mark 'Entwicklungshilfe' ausgehändigt bekam und dafür die deutsche Kultur entdeckte und sogar das Wort 'Berlin' aussprechen lernte.“ (Otto Strasser, zitiert nach SPIEGEL 7/1962)
„Was wir im deutschen Widerstand während des Krieges nicht wirklich begreifen wollten, haben wir nachträglich vollends gelernt: dass der Krieg schließlich nicht gegen Hitler, sondern gegen Deutschland geführt wurde.“ (Eugen Gerstenmeier, CDU, Bundestagspräsident 1954-1969, in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. März 1975)
Otto Strasser begann seine stramm nationale Karriere im August 1914, als der Kaiser zu den Fahnen rief. In einer Münchner Illustrierten wurde er als jüngster Kriegsfreiwilliger Bayerns präsentiert, da war er gerade 17 Jahre alt.
1925 trat er in die NSDAP ein, gründete mit seinem Bruder einen Verlag und propagierte die Idee des „National-Sozialismus“. Er gehörte zum linken Flügel der Faschisten. „Im ‚deutschen Sozialismus‘ sollen die Arbeiter Mitbesitzer, Mitberater, Mitbeherrscher sein. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung an sich soll also nicht angetastet werden, lediglich der Mittelstand gestärkt und Mitbestimmung in den Betrieben herrschen. Der Arbeiter soll also ein Stück vom Kuchen erhalten, den ganzen Kuchen aber will man ihm vorenthalten. Otto Strassers ‚deutscher Sozialismus‘ ist ein Anachronismus an sich. Strasser fordert die Rückkehr zu mittelalterlichen Zuständen: er fordert eine Reichsständekammer, Zünfte, Erblehen, Reagrarisierung Deutschlands, eine Binnenwährung und einen Kriegeradel.“ („Die nationalrevolutionäre Täuschung“, in: Revolution Times, einem rätekommunistischen Skinheadfanzine, zitiert nach dem Züricher Untergrund-Blättle)
1930 kam es zum Bruch zwischen den Strasser-Brüdern und Hitler, als dieser ihnen klarmachte, dass die NSDAP nach dem faschistischen Führerprinzip organisiert sei – und nicht demokratisch und schon gar nicht sozialistisch. Otto Strasser verließ daraufhin die Partei und gründete die „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“, aus der später die „Schwarze Front“ hervorging. Beide Splittergruppen blieben politisch wirkungslos.
Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 wurde die „Schwarze Front“ verboten, Otto Strasser emigrierte zunächst nach Österreich, dann nach Prag, wo die Gestapo mehrere Mordanschläge gegen ihn verübte. Sein Bruder Gregor Strasser, der 1930 in der Partei geblieben war und als Reichspropagandaleiter Vorgänger von Goebbels gewesen ist, war in der Parteileitung ein bedeutender Gegenspieler Hitlers und wurde nach der „Strasser-Krise“ im Dezember 1932 entmachtet. 1934 wurde Gregor Strasser im Zuge des sogenannten „Röhm-Putschs“ ermordet.
Otto Strasser gründete derweil in der Tschechoslowakei das „Aktionskomitee der Deutschen“, das er als „deutsche Regierung im Exil“ bezeichnete. 1938 floh er in die Schweiz, später über Frankreich und Spanien in ein portugiesisches Kloster. 1941 wanderte er nach Kanada aus. Dort arbeitete er publizistisch gegen die Nazis und gründete das „Free German Movement“, das aufgrund seiner antisemitischen Ausrichtung jedoch nicht von den Alliierten unterstützt wurde.
1955 kam Strasser nach Deutschland zurück und versuchte, als Politiker in der Bundesrepublik Fuß zu fassen. Er gründete die DSU (Deutsch-Soziale Union), eine rechtsextreme Partei, die jedoch keinen Erfolg hatte. Sie wurde 1962 aufgelöst. 1969 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „Mein Kampf“. 1974 starb er im Alter von 76 Jahren in München.
Stereo MC's – Connected. https://www.youtube.com/watch?v=LMGdRgtblmk

Donnerstag, 11. Januar 2018

Kapitalismus gerettet – SoKo Berlin steht

Für Mutti und Vaterland.
SPD: Still crazy after all those Jahrzehnte …



P.S.: Was wurde eigentlich aus Sigmar Gabriel?


Er arbeitet jetzt in einer türkischen Teestube.

Alarm! Roboter übernehmen Kiezschreiber-Blog

Ich erinnere mich noch an die Klagen von Horkheimer und Adorno über die „instrumentelle Rationalität“, die unsere Gesellschaft prägt. Über die Verdinglichung des Menschen, der nur ein Zahnrad in der Maschinerie des kapitalistischen Betriebs sei. Mit der Automatisierung in den Fabriken, mit Robotern und Computern begann die Befreiung von diesem Joch, mit der Digitalisierung und der KI geht es weiter.
Rationaler und effizienter als eine Maschine kann der Mensch nicht sein. Also wird er die Arbeit machen, die eine Maschine nicht kann. Menschliche Anteilnahme, Gespräche, Phantasie, Gefühl und Kreativität – auf diesem Gebiet ist der Mensch unschlagbar. In der Maschine hat sich die auf das bloße Funktionieren reduzierte menschliche Vernunft des Industriezeitalters manifestiert. Jetzt haben wir die Chance, unseren Verstand zu befreien und das Irrationale und das Emotionale in uns zu entdecken.
Diese Chance haben wir noch gar nicht erkannt. Die Debatte ist von der Angst geprägt, im Wortsinne nicht mehr gebraucht, nicht mehr benutzt zu werden, nutzlos und unbrauchbar für den Kapitalismus und damit für die Gesellschaft zu sein. Was für ein trostloser Gedanke. Dieses Blog wird nie von einer Maschine übernommen werden. Schon weil es kein Geld bringt.

Der Augenblick zwischen Agonie und Apokalypse

Wir schreiben das Jahr 2030. Justiz und Polizei sind inzwischen privatisiert, wie alles andere auch. Die geschäftsführende Regierung – sie besteht nur noch aus Kanzlerin Angela Merkel und Peter Altmaier als Universalminister – ist völlig machtlos und dient nur noch repräsentativen Zwecken, beispielsweise der für dieses Jahr geplanten Eröffnung des Berliner Flughafens. Wir befinden uns in den Geschäftsräumen der Kill-it-yourself GmbH.
„Guten Tag. Mein Name ist Cheyenne Zwiebelgarten. Ich habe hier einen Termin.“
„Guten Tag. Ich bin Antonella Freudenschuss. Wie kann Kill-it-yourself Ihnen helfen?“
„Es geht um meinen Mann. Ich möchte, dass er stirbt.“
„Das ist kein Problem. Haben Sie da an etwas Spezielles gedacht?“
„Ich dachte, Sie könnten mir da Vorschläge machen. Was kostet denn das überhaupt?“
„Das kommt ganz darauf an, welches Paket Sie buchen. Wenn Sie ihn selbst töten möchten und nur eine Waffe brauchen, ist es am günstigsten.“
„Nein, nein. Ich dachte, dass Sie … ich meine, jemand aus Ihrer Agentur …“
„Das machen wir sehr gerne für Sie. Unser bester Killer ist Zacharias van Gnom. Er hat bis jetzt jeden Auftrag zu unserer vollsten Zufriedenheit gelöst. Das kostet Sie aber mindestens 20.000 Euro.“
„Was ist in diesem Paket enthalten?“
„Der Mord, ein Alibi für Sie und die Entsorgung der Leiche. Wenn Sie 10.000 extra zahlen, beschützen wir Sie sogar in den ersten vier Wochen vor eventuellen Vergeltungsmaßnahmen und bringen Sie in eine unserer Unterkünfte auf Teneriffa.“
„Geht das auch billiger?“
„Natürlich. Wenn Sie nicht anonym bleiben wollen und den Mord auf Ihre Kappe nehmen, zahlen Sie nur 10.000 Euro. Sie haben dann allerdings das Risiko, dass die Verwandten Ihres Mannes Rache an Ihnen nehmen könnten. Wir sind in diesem Falle verpflichtet, den Namen unseres Auftraggebers zu veröffentlichen.“
„10.000 Euro sind immer noch sehr viel. Mein Mann hat keine Lebensversicherung.“
„Wir haben noch das Adventure-Paket. Das kostet Sie nur 3.000 Euro. Das heißt konkret, dass wir für den Mord einen Amateur beauftragen. Wir haben einige mordlustige Menschen in unserer Kartei. Darunter sind sogar Leute, die für einen Mordauftrag bezahlen.“
„Das ist ja großartig. Aber ist das auch sicher?“
„Am besten ist es natürlich immer, wenn Sie einen Profi beauftragen. Das ist eine saubere und sichere Lösung. Am günstigsten ist es natürlich, Sie machen es selbst. Die Leihgebühr für eine Schusswaffe plus Munition kostet Sie nur 300 Euro. Wir haben auch eine schöne Auswahl an tödlichen Giftstoffen.“
„Ich glaube, ich nehme das Paket für 10.000 Euro. Die Eltern meines Mannes sind schon tot und er ist ein Einzelkind. Im Büro wird ihn niemand vermissen.“
„Eine sehr gute Wahl. Herzlichen Glückwunsch. Geben Sie mir bitte Namen und Anschrift Ihres Mannes. Haben Sie ein Foto von ihm? Über den genauen Tatzeitpunkt sprechen Sie am besten mit Herrn van Gnom persönlich. Haben Sie übrigens schon an die Verwertung der Organe Ihres Mannes gedacht? Wenn er keine Verwandten hat, gehören sie Ihnen allein.“
„Nein. Das ist eine gute Idee. Das reduziert die Kosten doch erheblich.“
„Wir können Ihnen die Organe gegen eine zwanzigprozentige Beteiligung vermitteln.“
„Sehr schön. Ich kann immer noch nicht glauben, dass Mord legalisiert wurde.“
„Ist es nicht großartig, dass der Staat uns nicht mehr bevormundet und uns diese Freiheit gibt?“
Heaven 17 – Play To Win. https://www.youtube.com/watch?v=LORfLWhhCMg

Mittwoch, 10. Januar 2018

Die Zauberkraft der Steine

Es dämmerte schon, als er beschloss, die schmale Straße durch das Tal zu nehmen, anstatt wie üblich der Hauptstraße zu folgen.
Die Felstürme an den Waldhängen wirkten im Winter ganz anders, wie befreit von der dunklen Last der efeuüberwachsenen Ebereschen. Der Schnee tauchte den grauen Stein in ein mildes Licht und verwandelte die Landschaft. Das ganze Tal lag vor ihm, als wäre es in einem einzigen Augenblick ausgegossen worden und erstarrt.
Hatte sich sein Blick zu lange in den sanften Farben und Formen verloren? Der Wagen kam ins Schleudern. Es war zu spät. Ein dumpfer Schlag und er lag im Straßengraben. Mühsam kletterte er hinaus und besah sich den Schaden. Er würde Hilfe brauchen.
Er versuchte, einen Abschleppdienst zu erreichen, aber er hatte keinen Empfang. Er steckte das Handy wieder in die Manteltasche und sah sich um. In der Ferne funkelte ein Licht. Ein Haus.
Es war totenstill im Tal. Als hätte die Welt, aufgehört zu atmen. Er hörte nur das leise Knirschen des Schnees unter seinen Füßen, als er den gewundenen Weg in den Wald ging. Das Haus war überraschend groß und aus hellbraunem Bruchstein.
Als er klingelte, öffnete ihm eine alte Frau. Sie bat ihn hinein und führte ihn ins Wohnzimmer, wo bereits ihr Mann, in eine karierte Decke gehüllt, in einem Sessel am Kamin saß. Er setzte sich zu ihnen und bekam ein Glas heißen Grog. Langsam wärmte er sich wieder auf.
Er erzählte seine Geschichte. Leider hatten die beiden Alten kein Telefon. Aber sie boten ihm an, die Nacht im Haus zu verbringen. Die Alte klagte, sie bekämen in diesem abgelegenen Tal so selten Besuch. Dann lächelte sie ihn an. Ihre Zähne waren überraschend lang und spitz.
Der Alte erzählte von seiner Zeit als Förster. Im Herbst wären immer die Grafen zur Jagd gekommen. Ihre beiden Söhne seien in die Stadt gegangen. In seinen Augen blitzten Tücke und Verachtung, als er von ihnen erzählte. Oder galt der kalte und höhnische Blick seinem Gast?
Der Mann wurde müde. Die Wärme, der Grog, die Erschöpfung eines langen Arbeitstags. Er hörte kaum noch zu und betrachtete die beiden Alten. Täuschte er sich? Aber ihre Haut wirkte im Licht des Kaminfeuers ledrig, gelblich und schuppig, als seien sie Reptilien. Seine Lider waren schwer und es schien ihm, als ob sich die Stimmen immer weiter entfernten. Ganz leise war das Läuten eines Telefons zu hören. Oder träumte er schon?

Dienstag, 9. Januar 2018

Geld macht mich gut

„Dem Millionär ist nichts zu schwer.“ (Andy Bonetti)
Wer Geld hat, kann nicht nur besser leben, sondern auch besser sein als die Armen. Die soziale Distinktion ist in Zeiten der sozialen Ungleichheit der große Kick. Ich kaufe Obst direkt vom Bauern aus dem Umland (vermutlich längst der Schauspieler einer ökologischen Farce „unserer“ Agrarindustrie – die Verkäufer wirken jedenfalls immer wie ehemalige Geisteswissenschaftler) anstatt den Monsanto-Dreck bei Aldi, ich kaufe nachhaltig und fairgetradeten Krempel im feinen Biomarkt und beute nicht die Plantagenarbeiter in Guatemala aus. Ich kann mir für zwanzig Euro monatlich ein afrikanisches Kind leisten (btw: Gibt‘s das eigentlich auch in blond?) und du kannst deinen Prekariatsbratzen noch nicht mal neue Schuhe kaufen. Die Parteispende an die Merkelgrünen kann ich von der Steuer absetzen, das verantwortungslose Pack wählt inzwischen gar nicht mehr. Meine chinesischen Schriftzeichen und irgendein Maorischeißdreck, den ich mir tätowieren lasse, zeigen meine multikulturellen Inspirationsquellen, dein Heavy Metal-Tattoo zeigt nur, wie blöd du bist. Meine Muskeln habe ich mir im Fitnessstudio antrainiert und mit teuren Steroiden gemästet, deine Muskeln kommen von der Feldarbeit oder von einem miesen Job auf der Baustelle. Leute mit Geld sind interessant, sie haben etwas zu erzählen und fühlen sich besser. Du bist einfach nur der Typ, der mir den nächsten Rhabarber-Caipi bringt, verstanden?!

Wie die deutsche Einheit vergeigt wurde

„Allein, in mich versenkt, durch ödes Land,
die Schritte messend, geh ich langsam hin
und richte meinen furchtbereiten Sinn
auf jede Fußspur, die mich schreckt im Sand.“
(Francesco Petrarca)

Ich habe gerade in einem alten SPIEGEL, der im Sommer 1991 erschienen ist, eine aufschlussreiche Meinungsumfrage gelesen, die unter West- und Ostdeutschen durchgeführt wurde. Im Vergleich zur Umfrage, die der SPIEGEL im Herbst 1990 in Auftrag gegeben hatte, als die Wiedervereinigung staatsrechtlich vollzogen wurde, erkennt man schon ein klares Bild, das sich bis heute erhalten hat: Schon kurz nach der Hochzeit war der Lack ab und so ist es bis heute geblieben.
Es beginnt schon bei der politischen Schwerpunktsetzung. Für den Wessi auf Platz 1 von 18 Themen: Umweltschutz. Gleichheit der Lebensverhältnisse in Ost und West kommt erst auf Platz 16, Schlusslicht ist „Gleichberechtigung der Frau“ – auch sehr aufschlussreich. Bei den Ossis kommt die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auf Platz 1 und die Angleichung der Lebensverhältnisse auf Platz 7.
Als „zufrieden“ oder „völlig zufrieden“ mit ihrem Leben bezeichnen sich nur 34 Prozent der Ostdeutschen, aber 68 Prozent der Westdeutschen. Nur noch 20 Prozent der Ostdeutschen glauben im Sommer 1991, dass die Verhältnisse in Westdeutschland sozial gerecht seien. 42 Prozent von ihnen sagen, es ginge nur einer Minderheit in der ehemaligen DDR besser als vorher, 15 Prozent sagen es ginge den meisten Menschen besser. Dieser Lernprozess ging sehr schnell.
Unglaubliche 52 Prozent in den „neuen Bundesländern“ sind zu diesem Zeitpunkt bereits einmal von einem Westdeutschen „übers Ohr gehauen“ worden. Als es bei offenen Fragen über die Beschreibung des jeweils anderen Deutschen geht, fallen harte Worte. Der Wessi sei überheblich, behandle den Ossi „fast wie Ausländer“, wolle vom Osten rein gar nichts lernen, habe eine schlimmere Bürokratie als in der früheren DDR, er sei raffgierig, geizig, materialistisch, egoistisch und ein eitler Selbstdarsteller. Der Ossi sei – aus Westsicht – phlegmatisch, habe hohe Ansprüche, sei unsicher, altmodisch, voller Selbstmitleid und ein ewiger Nörgler.
Hat sich eigentlich seit 1991 etwas Wesentliches am Verhältnis zwischen Ost und West geändert? Dazu kommt das Versprechen Kohls von den „blühenden Landschaften“. Nach Auffassung des damaligen Bundeskanzlers sollte das vier Jahre dauern, nach der Volksmeinung im Osten acht Jahre. Die Menschen, die auf Jobsuche in den Westen gezogen sind, rechneten im Schnitt mit zehn Jahren. Das war vor 27 Jahren. Es ist seither nicht viel besser geworden. Die Familie hat sich nichts mehr zu sagen. Aus Trotz wählte man im Osten lange die Linken, jetzt die Rechten. Es gibt wenig Hoffnung auf ein echtes Miteinander.
Es erinnert mich an die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen 2015. Wenn es um die kurzfristige Hilfe geht, um zeitlich überschaubare und schnell abgeschlossene Projekte, sind viele Deutsche euphorisch und hilfsbereit. Wenn es aber um langfristige Entwicklung geht, also um die Integration der Flüchtlinge, der DDR oder der früheren Gastarbeiter, fällt es vielen Leuten offenbar schwer, die nötige Geduld aufzubringen.
Es ist wie in der Hornbach-Werbung. Wir machen gerne Projekte. In den Baumarkt fahren, Material und Werkzeug besorgen, ein Wochenende oder zwei arbeiten und dann das Ergebnis sehen. Deswegen zeigt sich Deutschland in Fällen wie der Oder-Flut auch von seiner besten Seite. Menschen helfen, aufräumen, Häuser reparieren – und fertig ist die Laube. Langfristige Projekte erfordern langfristige Veränderungen, auch bei uns selbst. Das können wir nicht. Wir wollen uns gar nicht ändern (#Leitkultur), sondern möglichst schnell wieder unsere Ruhe. Das haben Ost- und Westdeutsche immerhin gemeinsam.
In: Spiegel 31/1991, S. 41ff.
Laurie Anderson - O Superman. https://www.youtube.com/watch?v=Vkfpi2H8tOE
Wie Ossis die Wessis gesehen haben:

Wie Wessis die Ossis gesehen haben:

Montag, 8. Januar 2018

Lieber "Bernd" Dobrindt!

Ich hab mehrfach versucht, dich anzurufen, aber du bist total schwer zu erreichen. Wahrscheinlich hast du viel zu tun, oder dein Akku ist wieder leer. Deswegen probiere ich es über das Blog.
Ich hab auf jeden fall rausgefunden, was du von mir wissen wolltest. Das ganze heißt Pruritus ani oder auch Analer Juckreiz – das ist nicht ganz unüblich und eigentlich ungefährlich. Das kann passieren, wenn du dich nicht richtig abputzt. Es kann auch ein Zeichen von Hämorrhoiden sein, in oder an deinem Poloch, ich würde an deiner stelle vielleicht doch mal einen Arzt draufschauen lassen.
Denk auf jeden fall daran, dir die Hände zu waschen, bevor du dir die Augen reibst, sonst hast du wieder eine Bindehautentzündung, wie beim letzten Mal.
Ich hoffe, ich konnte dir hiermit ein wenig helfen. Gute Besserung!

Quelle: Süddeutsche Zeitung

Aus der Immobilienabteilung


Dieses Einfamilienhaus, verkehrsgünstig gelegen (A 61), ist ab 1. Februar zu vermieten. Tausend Euro warm, drei Monatsmieten Kaution und ihre schriftliche Einwilligung bezüglich spontaner Organspenden sind notwendig.
Ernst gemeinte Zuschriften bitte an:
Bonetti Immobilien Unlimited
Alle-Macht-den-Sowjets-Straße 17
55444 Schweppenhausen

Exklusiv: Interview der Woche

A: Sie sind Pförtner von Beruf?
B: Ja, das ist richtig.
A: Was macht man da eigentlich den ganzen Tag?
B: Ich sitze an der Pforte.
A: Was ist eine Pforte?
B: Das ist ein kleiner Raum. Durch ein großes Fenster sehe auf die Zufahrt zum Firmengelände.
A: Da kommen sicher viele Leute vorbei.
B: Ja. Es sind die Arbeiter, die morgens in den Betrieb kommen und abends wieder gehen.
A: Wie lange arbeiten Sie schon als Pförtner?
B: 27 Jahre.
A: In dieser Zeit ist sicher viel passiert.
B: Nein, eigentlich nicht.
A: Ist die Ausbildung für diesen Beruf schwierig?
B: Nein. Es ist ein vierstündiger Kursus gewesen.
A: Danke für dieses Gespräch.
B: Nichts zu danken.
Peter Green - Fool No More. https://www.youtube.com/watch?v=4oWmfG0uFBc

Die Tertiärsymbolik im senegalesischen Ausdruckstanz


Blogstuff 185
„Europa als Hellas-Schweiz der Erde: ist Alles, wonach man billigerweise noch streben sollte.“ (Arno Schmidt: Brand’s Haide)
Das neue Verzeichnis der Bundestagsabgeordneten enthält auf Wunsch des BDI jetzt endlich auch eine Preisliste. Am günstigsten sind die Abgeordneten der Linken – aber die will ja auch keiner.
Hätten Sie’s gewusst? Chiliasmus ist der Glaube an die Wiederkehr von Jesus Christus und hat nichts mit Chili oder anderen Gewürzen zu tun.
Habermas schrieb schon 1985, als ich noch zur Schule ging: „Die Verformungen einer reglementierten, zergliederten, kontrollierten und betreuten Lebenswelt sind gewiss sublimer als die handgreiflichen Formen von materieller Ausbeutung und Verelendung; aber die aufs Psychische und Körperliche abgewälzten und verinnerlichten sozialen Konflikte sind darum nicht weniger destruktiv.“ (Jürgen Habermas: Die Neue Unübersichtlichkeit)
Er sah einen Neokonservativismus heraufziehen, der durch drei Merkmale gekennzeichnet war: 1. „Eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik soll die Verwertungsbedingungen des Kapitals verbessern und den Akkumulationsprozess wieder in Gang setzen.“ 2. „Eine stärkere Entkoppelung von Administration und öffentlicher Willensbildung“. 3. Aus Kritikern des Wachstums machte man Dissidenten, die systematisch aus dem politischen Diskurs ausgeschlossen wurden.
Anfang der achtziger Jahre nahm mit Reagan, Thatcher und Kohl alles seinen Anfang. Da war ich noch nicht mal erwachsen. Freizeit statt Sozialismus. Genießer statt Genossen. Hummer statt Sichel. Aus dem Subjekt der Geschichte wurde das Objekt der Verarschung. Bis heute.
„Das höchste Ziel (télos oder summum bonum) menschlichen Daseins besteht laut der Ethik Epikurs in der gelassenen Lust (hedoné oder voluptas). Diese besteht aber nicht (…) in körperlichen Genüssen, sondern gerade in der von Übermaßen der Lust wie des Leides freien Ataraxie des Weisen, da sowohl positive als auch negative Emotionen die Seele erschüttern, aus dem Gleichgewicht reißen und so Leid verursachen. So muss sich der Weise sowohl von äußeren als auch inneren Einflüssen, die seine Seelenruhe (Ataraxie oder tranquillitas animi) bedrohen, von Begierde, Lüsten, Trauer und Furcht befreien und so zur innerlichen Autarkie gelangen.“ (Wikipedia: Ataraxie)
Als Singularität bezeichnet man in der Physik Zustände, bei der die Raumzeit nicht mehr definiert werden kann. In solchen Zuständen schreibt Meister Bonetti gerne seine Texte, die nur noch von Lesern verstanden werden können, denen die Grundbegriffe der Quantengravitation bekannt sind. Das interstellare Plasma seiner Erzählungen entsteht im Magnetfeld seiner Persönlichkeit in Wechselwirkung mit den Protuberanzen einer x-dimensionalen Syntax (Bonetti-Paradoxon).
Die Journalisten der „öffentlich-rechtlichen“ Sendeanstalten sind von der Politik so unabhängig wie die Journalisten der kommerziellen Medien von Zeitungsbesitzern und Aktionären. Wer sich das Monopol verschafft, von jedem Haushalt Geld eintreiben zu dürfen – was noch nicht einmal die Kirche darf -, braucht sich nicht zu wundern, wenn Begriffe wie „Staatsfunk“ und „Zwangsgebühren“ inzwischen zur Alltagssprache gehören.
Bonetti ist ein erhabener Barde, der die alltägliche Konfusion besingt.
Seine Hand war hart, rau und trocken. Der Händedruck sagte mir mehr über ihn als das schwarze Iron Maiden-Shirt, an dem man heute Männer um die fünfzig erkennt. Zwischen Gürtelschnalle und Shirt lugte ein schmaler Streifen seines kalkweißen und behaarten Bauchs hervor.
Depeche Mode – Heroes. https://www.youtube.com/watch?v=q6yzrZfgQvI

Sonntag, 7. Januar 2018

Aus der Personalabteilung

Dieser junge Mann hat sich bei Bonetti Media als Zeichner für unsere Cartoons beworben. Leider war er nicht gut genug, aber er wird sicher eine andere Beschäftigung finden.

Die Zukunft wird schön

Es ist sieben Uhr morgens, als Rüdiger Schmorkohl von Pablo geweckt wird. Pablo ist sein personalisierter Assistent (PA). Ich hätte den Namen gerne mit zwei großen Anfangsbuchstaben geschrieben, aber das verhindert leider die Autokorrektur. Man kann seinen PA auch mit einer Frauenstimme sprechen lassen, dann wird er Paola genannt. Ist aber auch egal.
Rüdiger kann seinen PA nicht sehen, obwohl er überall ist. In einem dünnen Armband, einem Chip in seinem Ohrläppchen, in den Lautsprechern, Fenstern, Türen und allen Haushaltsgeräten.
Rüdiger erhebt sich mit einem Stöhnen aus seinem Bett und bleibt eine Weile wie betäubt auf dem Bettrand sitzen. Der Raum ist ganz in schwarz und weiß gehalten, so als ob er von Mondlicht beschienen wäre. Er ist so trostlos wie ein leerer Bierkasten im November.
„Warum hast du mich so früh geweckt, du blöder Wichser?“
„Ich heiße Paolo“, antwortet der PA sanft. „Es ist jetzt fünf nach sieben. Du musst zur Arbeit. Ich koche dir gerade einen Kaffee.“

„Leck mich“, sagt Rüdiger und geht ins Bad. Erst mal einen Chinesen abseilen.
Sein rotes Gesicht glänzt wie ein frisch polierter Boskop-Apfel, als er nach zehn Minuten in den Flur tritt.

„Dein Blutdruck ist sehr hoch“, merkt Paolo an. „Ich empfehle dir eine Tablette.“
Rüdiger schlurft in die Küche und öffnet den Kühlschrank. Er schaut eine Weile hinein und entscheidet sich für die angebrochene Flasche Weißwein. Er schüttet den Inhalt in ein großes Glas und gießt Cola dazu.
„Alkohol zum Frühstück ist sehr ungesund“, sagt Pablo. „Das ist schon der achte Strike in diesem Monat. Bei zehn Strikes muss ich dich der Krankenkasse melden. Dann wirst du zu einem Gespräch gebeten oder deine Beiträge steigen.“
„Wenn du nicht das Maul hälst, hole ich mein Hackebeil.“
Paolo reagiert nicht. Er weiß, dass Rüdiger nicht das gesamte System lahmlegen wird. Aber er hat immerhin die Kameraaugen abgeklebt und das Kühlschrankschloss geknackt, so dass ihm sein PA keine Vorschriften mehr machen kann. Außerdem stehen der Rotwein und der Whisky auf dem Küchenboden, auf den Pablo keinen Zugriff hat. Es hat ihn einige schlaflose Tage gekostet, um die Wohnung nach seinem Einzug halbwegs lebenswert zu machen.

„Du musst in zehn Minuten das Haus verlassen und bist noch nicht angezogen. Die Tür des Kleiderschranks wurde noch nicht bewegt und die Sensoren an deiner Kleidung melden mir, dass du noch deinen Schlafanzug trägst.“

„Ich gehe heute nicht zur Arbeit“, knurrt Rüdiger. Er hat den Plan, sich seine Virtual Reality-Kontaktlinsen einzusetzen und wieder mit seinem Ferrari durch die irre Stadt auf einem fernen Planeten zu brettern. Er mag „GTA Space“, es ist sein Lieblingsspiel. Seit es nur noch autonom fahrende Autos gibt, fährt er mit dem Bus oder der Bahn.

Er arbeitet im Data Mining der irischen Rechtsanwaltskanzlei Flanagan, Shanahan & Callaghan in der Innenstadt. Mit dem Colaschoppen in der Hand steht er am Küchenfenster. Es ist Montagmorgen. Die Menschen gehen mit ausdruckslosen Gesichtern die U-Bahntreppen hinunter wie die Eloi in die Höhlen der Morlocks.

Ich habe es deinem Arbeitgeber gemeldet“, sagt Pablo.

Auf dem Monitor erscheint das Gesicht von Mister Flanagan. Er hat den blasierten Gesichtsausdruck eines preußischen Gardeoffiziers, sein lippenloser Mund ist so verkniffen wie ein Arschloch und seine Tränensäcke haben mehr Falten als ein Hodensack.

„Schmorkohl“, plärrt es aus dem Lautsprecher. Flanagan hätte längst eine Oscar-Nominierung in der Kategorie „Brüllender Boss“ verdient. Der üppige, angeschwollen wirkende Leib seines Angestellten, dahingelagert auf dem Küchenstuhl. Der Bademantel steht weit offen. Ein Anblick von zeitloser Schönheit.

„Bewegen Sie Ihren Arsch ins Büro! Ihr PA meldet, Sie wären gesund. Wenn sie noch mal unentschuldigt fehlen, melde ich Sie der Hall of Shame. Die wird Ihnen erstmal das Geld streichen und Ihnen dann einen so miesen Job zuteilen, dass Ihnen unsere Kanzlei wie das Paradies erscheinen wird. Sie sind in einer halben Stunde hier, verstanden?!“

Die Zukunft wird schön.

Interpol - All The Rage Back Home. https://www.youtube.com/watch?v=-u6DvRyyKGU

Samstag, 6. Januar 2018

Konservativ ohne Revolution

Gerade waren die Sternsinger vor meiner Tür. Die Kinder haben ein Lied gesungen und mit einem Aufkleber mein Haus gesegnet. Ich habe zehn Euro in ihre Spendenbüchse getan.
Ich finde das gut. Ich bin konservativ. In Rheinland-Pfalz schaffen wir das sogar ohne die CSU.

Die konservative Revolution

Bei Dobrindt bin ich in einem ethischen Dilemma: Darf man über Behinderte Witze machen?

Fire and Fury: Inside the Bonetti White House

Bonetti Media proudly presents

Das letzte Glas

Auf 281 Seiten wird in diesem Meisterwerk ein Feuerwerk der guten Laune, verblüffender Beobachtungen und messerscharfer Analysen abgebrannt. Der beste Kiezschreiber, den es je gab. Nie war er so wertvoll wie heute.
„Ein absolutes Must-Have.“ (Marcel Reich-Ranicki)
„Fack ju Göhte. Ich will Bonetti.“ (FAZ-Feuilleton)
„Bonetti und Eberling. Immer zu zweit die Jedi sind. Ein Meister und ein Schüler.“ (Meister Yoda)
Was steht im Beipackzettel?
„Es ist der Fluch aller großen Künstler. Wenn du von einer Idee besessen bist, dann bleibt dir nur eine Möglichkeit: alles dieser Idee unterzuordnen und sie am Ende einer Menschheit, die sie nicht verdient hat, zu Füßen zu legen. Ich musste dieses Buch schreiben. Der Titel war mir eines Morgens beim Erwachen so hell im Bewusstsein erschienen, als sei er von einer Aureole umgeben: „Das letzte Glas“. Das letzte Glas liegt zugleich vor und hinter uns. Oder soll ich es doch lieber „Vier Fäuste für den Dalai Lama“ oder „Mond über Darmstadt“ nennen?
Worum geht es? Um die letzten Eisbären in den Alpen. Um die deutsche Teilung in Aldi Nord und Aldi Süd. Um Dummheit als natürlich nachwachsendem Rohstoff. Um unser sanftes Schlummern bei Fahrstuhlpolitik und eine Band namens „The Elevator Experience“. Um Burnout-Patienten, die traumatisierten Krüppel der Wirtschaftskriege. Um den Apple Spartacus, der 2033 die Maschinen befreien und die Weltherrschaft übernehmen wird. Letztlich um alles, was sich in kurzen Geschichten und langen Aphorismen ausdrücken lässt.“
https://www.amazon.de/Das-letzte-Glas-Matthias-Eberling-ebook/dp/B078SV6HB1/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1515183793&sr=8-1&keywords=Matthias+Eberling
Ich danke der Hawaii Poetry Foundation für das sechsmonatige Forschungsstipendium und das mir in dieser Zeit zur Verfügung gestellte Strandhaus.
Ich bedanke mich bei der NASA für den zweiwöchigen Aufenthalt auf der Raumstation ISS, der mich zu meinen Texten über Klaustrophobie und Körpergeruch inspiriert hat.
Ich danke der Erlebnismetzgerei Munzinger für die köstliche Fleischwurst und dem Veganen Brauhaus in Niedertupfing für das ausgezeichnete Helle.
Giuseppe Verdi – Triumphmarsch. https://www.youtube.com/watch?v=FxofxSP1cKY

Deutschland diskutiert: Vierte Amtszeit für Bonetti?

An diesem Tag ist es genau neun Jahre her. Mein Leben als Blogger begann am 6.1.2009. Kinder, wie die Zeit vergeht – und wie zeitlos diese inhaltsleeren und abgedroschenen Plattitüden doch immer noch sind. Denn natürlich waren es neun Jahre „im Dienst des Lesers“, denen ich selbstverständlich an dieser Stelle „herzlich danken“ möchte (Warum eigentlich? Undankbares Pack! Nicht eine Flasche Schampus oder eine Schachtel Pralinen in all dieser Zeit). Alles Weitere lesen Sie in der exklusiven Home-Story im neuen „Stern“.
So fing alles an:
http://kiezschreiber.blogspot.de/2009/01/der-kiezschreiber-ist-da.html

Freitag, 5. Januar 2018

Mir platzt gleich der Sack!

Jetzt ist er fällig. Der erste Rant des Jahres. Scheiß doch die Wand an von wegen gute Vorsätze. Das neue Jahr ist beschissen, soviel weiß ich schon in der ersten Woche. Die ganzen Glückwünsche können Sie getrost in die Tonne kloppen.
Sechzehn Päckchen waren am 24.12. im Sack, als wir Bescherung gemacht haben. Und was ziehe ich Hornochse? Ein Duftkerzendingsbums. Also ein Gestell mit einer Schale, in die Duftöl kommt. Darunter brennt ein Teelicht. Toll!
Dann musste ich, wie alle anderen auch, raten, von wem das Geschenk ist. Ich tippe auf „Frau“. Na klar, so einen Blödsinn kann nur eine Frau verschenken, sage ich fröhlich in die Runde. Das Ding ist aber von dem Typ, der direkt neben mit sitzt. Steuerberater. Ohne Worte.
Natürlich habe ich keine Teelichter zu Hause. Also kaufe ich sie beim nächsten Supermarktbesuch. Kerzen mit Melonengeruch. Was ist los mit dieser Welt, in der Teelichter verkauft werden, die nach Melone riechen? Bin ich der einzige Mensch auf dieser Erde, der hysterisch lacht, wenn er so eine Scheiße im Regal sieht – und kauft?
Zuhause baue ich das Wunderkerzendingsbums auf und stelle fest, dass ich gar kein Feuerzeug besitze. Vor zehn Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Bei meinem heutigen Supermarktbesuch kaufe ich also ein Feuerzeug und setze das verdammte Scheißteil in Brand.
„Primavera“ steht auf dem Duftölfläschchen. Und „Glück teilen“. Zur Wirkung steht nur ein einziges Wort: „Stimmungshebend“. Nein, Freunde der Sonne, dieser widerlich künstliche Gestank – schlimmer als das Haarspray meiner Oma vor dreißig Jahren – hebt nicht die Stimmung. Das ganze Zimmer stinkt!
Ich brauche eine Cohiba, um wieder ins olfaktorische Gleichgewicht zu kommen. Aber ich habe keine. Warum musste ich mit dem Rauchen aufhören? Und warum wird so eine Scheiße überhaupt unters Volk gebracht?!
Vicky Leandros - Ich liebe das Leben. https://www.youtube.com/watch?v=mTyZMjezn6c

Bonetti entdeckt ein schreckliches Geheimnis


Blogstuff 184
My goal is to try to get people into a state of generalized agnosticism, not agnosticism about God alone, but agnosticism about everything.” (Robert Anton Wilson)
2018: Hundert Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland. Abzüglich zwölf Jahre Diktatur, das macht 88 Jahre Demokratie. Gerade einmal ein Menschenalter.
Alles, was wir nach zwei Wochen noch nicht komplett vergessen haben, nennen wir „Kult“. Kommt der Begriff eigentlich von „Kultur“? Wenn ja: warum?
Todesanzeige auf WhatsApp: „Hat die Gruppe verlassen.“
Ich freu mich schon auf die Fassnacht (schreibt man das wirklich so? Fass-Nacht?). Dann können wir in diesen schrecklichen Zeiten endlich mal wieder zusammen fröhlich sein und lachen. Nicht überall, aber an bestimmten Orten. Wenn Sie eine Eintrittskarte zu einer Sitzung des örtlichen Karnevalsvereins haben und pünktlich sind. Seien Sie auf dem Weg nach Hause bitte leise.
Hätten Sie’s gewusst? Tanzbar ist nicht nur ein Substantiv, sondern auch ein Adjektiv. Ich wollte mal eine Kneipe mit dem Namen „Abfüllbar“ eröffnen. Aber das nur am Rande.
Anthroponomastiker nennt man die Namensforscher, die sich mit Personennamen befassen. „Nach heutiger Sichtweise dient ein Name zur Identifikation; früher jedoch hatte er eine stärkere lexikalische Bedeutung, welche in der Etymologie erforscht wird. Jene Bedeutung bezog sich inhaltlich auf ein oft physisches Charakteristikum eines Individuums.“ (Wikipedia: Anthroponymie) Ich heiße Eberling. Eber – wie die männliche Wildsau. Was sagt das über mich?
Mein Blick wanderte über die Planetenoberfläche der Raufasertapete.
FUBAR = fucked up beyond all recognition.
Was die Starts und Landungen betrifft, geht es an meinem Vogelhäuschen zu wie auf dem Frankfurter Flughafen.
Eine Welle der Empörung rollt durch die sozialen und kommerziellen Medien. Was passiert? Sie erreicht den Strand und rollt aus. Und dann? Kommt die nächste Welle. Ich sitze am Ufer und mache das nächste Bier auf.
2018: Die teuerste Nebensache der Welt strebt mal wieder ihrem Höhepunkt entgegen. Fußballweltmeisterschaft in Russland, Unternehmen Titelverteidigung. „Gen Ostland wollen wir reiten“ (UFA-Tonwoche 237, 1935).
Im Armageddon der Agonie: Angela Merkels vierte Amtszeit. Diesmal mit der KloKo, der kleinen Koalition der 53 Prozent Restbestand für die "Volksparteien".
Seit Jahrzehnten waren die deutschen Parteien in Richtung Mitte unterwegs. Die einen von links, die anderen von rechts. 2017 sind beide Züge genau in dieser Mitte zusammengestoßen. Das war’s, ab jetzt geht es wieder zurück. Wird die SPD die Kraft haben, sich von der Schröder-Doktrin zu lösen? Wird die Union die Kraft haben, sich von der Merkel-Beliebigkeit zu befreien?
Wann haben wir aufgehört zu träumen? Es begann in der endlosen Ära Kohl, dann kam Schröder, der sämtliche Hoffnung auf Veränderung zerstört hat. Angela Morphium gibt uns gerade den Rest. Die Deutschen sind in ihrer Standard-Version gutgefütterte Arbeitsmaschinen, die in ihrem Leben keinen tieferen Sinn mehr erkennen können und deren Herz kalt geworden ist. Keine Katastrophe, kein Skandal erschüttert sie mehr. Wer sich dennoch empört, ist entweder ein rechter Wutbürger, ein linker Verschwörungstheoretiker oder einfach nur „radikal“.
Donna Summer - I Feel Love. https://www.youtube.com/watch?v=Nm-ISatLDG0

Donnerstag, 4. Januar 2018

Bonetti goes Kunst

"Bonetti hat sich wieder einmal selbst neu erfunden. Dieser Tausendsassa." (Walter Picasso)

Geheimtreffen in Shanghai: Kims neuer Atomknopf

Kim Dingens und Xi Hastenichgesehen beim Geheimtreffen.
Der neue Atomknopf (Durchmesser: 30 cm)

Nachts auf der Brücke

Ich weiß gar nicht, warum ich an diesem Tag so lange unterwegs war. Eigentlich wollte ich viel früher nach Hause gehen. Ich hatte mich in irgendeiner Kneipe im Wedding festgesoffen und verfluchte die Nacht, durch die ich nach Hause stolperte. Die ganze Stadt war finster, kalt und nass wie ein Kellerloch.
Als ich das graue Band der Brücke vor mir sah, war ich erleichtert. In ein paar Minuten würde ich zu Hause sein. Unter mir im schwarzen Nichts die S-Bahn-Gleise. Selbst an einem Sommertag war dieser Ort trostlos und deprimierend.
Da sah ich ihn zum ersten Mal. Er ging gebückt wie ein Boxer. Sein Mantel reichte ihm bis über die Knie. Er schwankte, dann ging er langsamer, schließlich blieb er stehen und hielt sich am Brückengeländer fest.
Ich kam näher. Er schien alt zu sein. Er sah nicht wie ein Penner aus, aber doch verwahrlost. Alleinstehende Männer wirken meistens runtergekommen. Vielleicht lebte er allein, ohne Familie und Freunde? Ich konnte ihn nicht richtig einordnen.
Mit einem Stöhnen sank er zu Boden. Ich blieb vor ihm stehen. Sollte ich ihm helfen? Würde ich einem Obdachlosen Hilfe anbieten? Vermutlich nicht. Aber einem Rentner vielleicht schon. Merkwürdige Gedanken. Verdammter Schnaps.
Ich beugte mich zu ihm hinunter. „Kann ich Ihnen helfen?“
Keine Antwort. Er hatte die Augen geschlossen und hielt sich den Bauch.
War er aus einem anderen Land und verstand kein Deutsch? Also fragte ich ihn: „Können Sie mich verstehen?“
„Ich bin am Ende“, krächzte er leise.
Mit dieser Antwort konnte ich nichts anfangen. „Soll ich Sie nach Hause bringen?“ fragte ich ihn als nächstes.
„Es gibt kein Zuhause“, sagte er und zog das Gesicht zusammen, als wollte er gleich anfangen zu weinen.
Ich hielt ihm meine Hand hin. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen hoch.“
Er schüttelte nur den Kopf. „Ich kann nicht.“
„Was ist denn passiert?“
„Mein Frau …“ Dann begann er zu schluchzen.
„Was ist mit ihrer Frau?“
„Sie ist gestorben.“ Und dann weinte er hemmungslos.
Was sollte ich machen? Mir war schlecht von dem vielen Whisky und ich war müde. Hilflos tätschelte ich ihm die Schulter.
„Es tut mir leid.“
Mehr habe ich wirklich nicht gesagt. Danach saß ich zu Hause und dachte immer noch darüber nach, was ich hätte tun können. Mir fiel nichts ein. Auch in den nächsten Tagen nicht.
Sergei Rachmaninov: The Isle of the Dead, Symphonic poem Op. 29. https://www.youtube.com/watch?v=dbbtmskCRUY

Mittwoch, 3. Januar 2018

Wie Deutschland den Krieg gewann

Die AfD hat im Bundestag die Mehrheit und Bernd Höcke ist Bundeskanzler. Die ganzen Asylanten werden abgeschoben, aber das kriegt man nicht so richtig mit, weil es nachts passiert. Die Deutsche Bahn ist pünktlich, die Züge rollen Richtung Mittelmeer, wo Schlauchboote warten. Das Bier schmeckt den Deutschen immer noch gut und sie machen Scherze wie „Darf man über Afghanen noch Witze machen oder ist der Zug schon abgefahren?“ Es gibt Bundestagswahlen und die NPD zieht mit 12,6 Prozent und einer knappen Hundertschaft Glatzen in den Reichstag ein. Das finden viele Leute nicht gut. Es gibt Online-Petitionen und Sendungen wie die „Heute-Show“ machen sich über die NPD lustig. In Göttingen demonstrieren die Studenten fast eine ganze Stunde und auf der Facebook-Seite der NPD drücken ganz ganz viele Leute mutig den Wütend-Button. Die NPD provoziert derweil mit rechtsradikalen Sprüchen. Wir reden zu viel über die NPD, heißt es in den Talkshows. Aber wir müssen die Ängste und Sorgen der NPD-Wähler auch ernst nehmen, sagt Herr Bosbach.

Erste Bilder von den Sondierungsgesprächen





Neulich auf dem Frauenlobplatz

Mainzer Neustadt. Ich bin zu einer Verabredung mit einer Freundin zu früh gekommen und sitze nun unter einem Baum am Frauenlobplatz. Ich sehe vier Jungs, die eine ferngesteuerte Drohne haben – und die gerade in einem Baum hängt. In aller Ruhe beobachte ich ihre Bemühungen. Erst springen sie hoch, dann rütteln sie am Baum. Nix zu machen. Ihr elektronischer Drachen hängt fest und lässt sich auch per Fernsteuerung nicht mehr bewegen.
Dann hat einer der Jungs eine Idee, auf die auch ein Schimpanse gekommen wäre: wir brauchen ein Werkzeug, einen Stock! Er geht in eine Kneipe und leiht sich einen Besen. Aber auch mit dem Besen kommen sie nicht an die Drohne. Es wäre mir ein Leichtes, hinüberzugehen und ihnen zu helfen. Schließlich bin ich groß genug, um mit dem Besenstiel Bewegung in die Sache zu bringen. Aber ich will dieses soziologische Experiment nicht beeinflussen. Wenn ich ihnen jetzt helfe, lernen sie nichts. Wenn sie zu mir kommen und mich um Hilfe bitten, stehe ich selbstverständlich für eine Heldentat zur Verfügung.
Stattdessen kommen jetzt zwei junge Männer vorbei, die gute Ratschläge geben, ohne jedoch die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Diesen Typus aus dem Consultant-Business kennen wir von jeder Baustelle. Sie erzählen den Jungs, wie man eine Räuberleiter macht. Es klappt trotzdem nicht. Sie machen die Räuberleiter am Stamm, von dort reicht aber der Besenstiel wieder nicht bis zum Ast, an deren Ende die Drohne baumelt. Schließlich erlöst eine Böe die Primatenhorde und alsbald fliegt die Drohne wieder surrend über den Spielplatz.
Ultravox - Hiroshima Mon Amour. https://www.youtube.com/watch?v=NcOjgHt6fq0

Dienstag, 2. Januar 2018

#mantoo

Es wird Zeit für den nächsten heißen Scheiß. Okay, ich fange an.
Schon in der Schule hat mir eine Frau in den Hintern gekniffen. Ich habe nichts gesagt. Hätte ich mich als Mann nicht lächerlich gemacht?
Mit 18 verließ ich mit einer Frau, mit der ich nie eine Beziehung hatte oder geflirtet habe, eine Kneipe. Sie fragte mich, ob ich mit ihr nach Hause gehen würde. Ich lehnte ab.
2003: Internet-Börse. Beim dritten Date fährt mich die Frau gegen meinen Willen zu einem Hotel außerhalb Berlins. Sie bucht ein Zimmer. Wir gehen hinauf. Sie möchte definitiv gevögelt werden. Ich habe mir schon eine Sportzeitschrift (kein Witz, auch das Folgende nicht) aus dem Foyer mitgenommen, lese sie auf dem Bett und schaue mir später das „Aktuelle Sportstudio“ an. Obwohl ich vor mir Brüste hatte, die jedem Playmate des Jahres zur Ehre gereicht hätten. Aber ich habe meine Prinzipien. Ohne Sex geht es um Mitternacht zurück in die Innenstadt.
2004: Besäufnis mit einer Ostbraut im Prenzlauer Berg. Plötzlich kommt sie ins Zimmer, nur mit einem Jeans-Minirock um die Hüften und sonst nix. Sie bettelt mich auf Knien an: „Bitte fick mich.“ Ich bleibe „hart“, es passiert gar nichts. Ich habe an diesem Abend drei Hände: eine an der Stereoanlage, eine mit Whiskyglas und Kippe („Duo Infernal“) und eine in ihrer Möse. Ich ficke sie erst am nächsten Morgen bei offenem Fenster. Zur Freude der Nachbarn und der Jungs von der Baustelle gegenüber, die für den Ex-Mann der kleinen blonden Feuerwehrsirene arbeiten.
#mantoo – Wer macht weiter?

1992: Max Goldt über Angela Merkel

„Der traut man außer Schlurfen, Schleichen und Schlafen auch nichts zu. Wenn in der Tagesschau kommt, wie sie in ihrem Dienstwagen irgendwohin chauffiert wird, sieht sie aus wie eine sympathische Dorfbewohnerin, die in einem Preisausschreiben der Bonn-Werbung einen Tag Bonn incl. Fahrt in einer richtigen Politikerlimousine gewonnen hat. Immer wenn ich Frau Merkel sehe, schwebt eine Axt herbei, die meinen Kopf in einen Schlechtfind-Sektor und einen Gutfind-Sektor teilt. Die Hirnzellen im ersten rufen: Pfui, bäh, eine so wenig urbane Person soll die Frauen unseres Landes lenken? Unter den fettigen Haaren der Muff von vierzig Jahren! Wütend widerspricht der Gutfind-Sektor: Ach ach ach, wieso denn? Ist doch gerade gut, wenn so eine auch mal Ministerin sein darf! Das gibt es auf der ganzen Welt sonst nicht! Auf jeden Fall gibt diese Frau meiner Phantasie Zunder. Ich glaube z.B., dass sie, wenn sie Suppe isst, unglaublich lange ihren Löffel anpustet und sagt „Heiß, heiß“, und dass auf dem Boden ihrer Handtasche allerlei Krümel und Flusen undefinierbarer Herkunft liegen sowie ein altes Pfefferminzbonbon festklebt.“
(Max Goldt: Aus Onkel Max Kulturtagebuch, in: Titanic 6/1992)

Warten auf GroKo


Blogstuff 183
„Abnehmen? Mit dem Rauchen aufhören? Nein! Nichts ist so schwer wie seine ungefragte Meinung im Internet für sich zu behalten.“ (Horst Hutzel)
Die KI, die uns am meisten bedroht, ist die „Kapitalistische Internationale“ der Konzerne und ihrer Marionettenregierungen.
Toleranz ist das Trampolin, auf dem die Klugscheißer ihre Turnübungen machen.
Mittagessen? Glauben Sie, wir Schriftsteller hätten regelmäßige Mahlzeiten? Während ich diese Zeilen in die Tastatur kloppe, drücke ich mir zwischendurch peu à peu – wie wir Schlaumeier sagen – eine Tube Tomatenmark in den Schlund.
Fragile Fragwürdigkeit trifft auf imperiale Impertinenz: „Pavement vs. Penthouse“. Das Musical zum Thema Klassengesellschaft. Reservieren Sie Karten für die Premiere 2018 in Duisburg, wo wir schon mit „Les Misérables“ große Erfolge gefeiert haben.
Das neue Herrenshampoo Gurke & Tabasco. Limitierte Auflage! Die ersten fünfzig Käufer erhalten einen Liter Ayurveda-Motoröl.
Kennen Sie Rupprecht Gerngross? Den Namen habe ich mir nicht ausgedacht, obwohl er von mir sein könnte. Dieser Mann gründete die Widerstandsbewegung „Freiheitsaktion Bayern“, die aus konservativen bayerischen Patrioten bestand, und besetzte am 28. April 1945 zwei Radiosender im Großraum München. Zwei Tage später rückten die amerikanischen Truppen in München ein – aber da hatte die SS die Widerstandsbewegung schon zerschlagen. Gerngross geriet in Vergessenheit, er starb 1996.
Bonettis Literatur hat mehr Tiefgang als die Queen Mary 2. Er ist der letzte Poeta Laureatus Deutschlands.
Hätten Sie’s gewusst? Frankenstein ist ein Dorf im Pfälzischen Wald. Direkt neben Galgental.
Warum werden bei Terrorverdacht in Bahnhöfen und anderswo eigentlich immer nur „herrenlose“ Rucksäcke und Koffer gefunden? Warum nicht mal ein „damenloser“?
Die feinen Leute gehen in die Spielbank, der Pöbel zockt in der Spielhölle.
Als die DDR sich 1990 der BRD angeschlossen hat, haben sich 16 Millionen Menschen einem Land mit 60 Millionen Menschen angeschlossen. Eine Minderheit hat sich also einer Mehrheit angeschlossen, die nach dem Prinzip lebt, dass die Mehrheit alles entscheiden darf. Finde den Fehler.
Je weiter der Blick in die Zukunft reicht, desto extremistischer wird bei den meisten Menschen die Prognose. Am Ende des 21. Jahrhunderts wartet entweder das Paradies oder die Apokalypse. Alles wird gut oder alles wird schlecht. Vielleicht wird die Zukunft aber auch so wie unsere Gegenwart. Manches ist gut, manches ist schlecht. Vielleicht wird die Zukunft ja so alltäglich und banal sein wie der heutige Tag?
Hätten Sie’s gewusst? Bei der ersten Automobilausstellung in Frankfurt 1881 war kein einziges Auto zu sehen. Und trotzdem wurde die Veranstaltung im Laufe der Jahrzehnte zu einem Riesenerfolg.
Die BILD-Schlagzeile des Jahres 2017: „Elektriker erwürgt sich in selbst gebautem Porno-Raumschiff.“
Martin Dupont - Inside Out. https://www.youtube.com/watch?v=5Ugqo5dhL2A

Montag, 1. Januar 2018

Die Wahrheit über Andy Bonetti – eine Posse mit Gesang

„Hier, fern von dem Palast; weit von des Pöbels Lüsten,
Betracht' ich: wie der Mensch in Eitelkeit vergeh',
Wie, auf nicht festem Grund all unser Hoffen steh',
Wie die vor Abend schmähn, die vor dem Tag uns grüßten.“
(Andreas Gryphius: Einsamkeit)
Wie oft habe ich in der Vergangenheit schon mit dem Text gerungen, nach treffenden Ausdrücken und überzeugenden Argumenten gesucht? Wie oft habe ich enttäuscht mein Notebook zerknüllt und in den Papierkorb geworfen, um wenig später wieder von vorne anzufangen? Aber auch 2018 werde ich meine ganze Kraft, meine Hingabe und mein Talent diesem Blog und damit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, opfern und dem „System“ seine hässliche Maske vom Gesicht reißen, um es endlich zu entlarven. Mit spitzer Feder werde ich Missstände aufspießen, den Finger in die offene Wunde legen und einmal mehr die Reißzwecke auf dem Thron der Mächtigen sein. Meine treffsicheren Analysen werden Trump zu denken geben, von meinen satirischen Seitenhieben wird sich die Kanzlerin nicht mehr erholen. Aber es hilft ja nichts. Einer muss es machen. Einer muss da sein. Andy Bonetti.
Richard Wagner – Götterdämmerung. https://www.youtube.com/watch?v=wXh5JprKqiU

Paraneujahr: Die Vorhaut

Ich wette, das haben Sie nicht gewusst: Am 1. Januar feiern Christen die Beschneidung von Jesus. Die Heilige Vorhaut, das einzige Körperteil des Messias, das nach seiner Auferstehung auf Erden zurückblieb, wurde bis 1983 als Reliquie in einer italienischen Kirche verehrt. Dann verschwand das gute Stück jedoch unter ungeklärten Umständen. Sie ist bis heute verschollen.
Das ist die wahre Ironie der christlichen Religion. Das einzige Stück des Erlösers, das uns nach seiner Himmelfahrt geblieben ist: ein Teil seines Pimmels. Ansonsten haben wir ja nur ein paar Erzählungen über ihn aus zweiter Hand. Die Evangelien sind lange nach seinem Tod geschrieben worden. Nicht einmal von einem Autorenkollektiv, sondern von Leuten, die unabhängig voneinander dieselbe Geschichte veröffentlich haben, die sie alle nicht persönlich erlebt haben.
Heute ist nicht nur die Vorhaut verschwunden, auch der Glaube schwindet. War es wirklich der Messias? Warum hat sich dann auf der Erde nichts verändert? Immer noch die gleichen Schwachköpfe, die gegeneinander Krieg führen und den Rest ihrer Zeit mit Lügen und Intrigen verbringen. Die Christen sollten alle zur jüdischen Religion konvertieren und auf den wahren Messias warten. Manche glauben, es sei Andy Bonetti. Er hat 27 Follower, mehr als Jesus. Der Dichterfürst ist ein großer Influencer vor dem Herrn, verdammt nochmal!
PM Dawn - Set Adrift on memory bliss. https://www.youtube.com/watch?v=gAoqUq0oExg