Mittwoch, 28. Februar 2018

Was ist eigentlich die linke Linke?

Auweia. Lapuente ist unter die Buchautoren gegangen. Sein Werk ist der politischen Gesäßgeographie von „Links“ und „Rechts“ gewidmet. An dieser Stelle liegt der Ball ja schon auf dem humoristischen Elfmeterpunkt, denn Regierungsparteien und eine Mehrheit des Wahlvolks tummeln sich in der sogenannten Mitte, wo wir - rein anatomisch betrachtet - das Arschloch vermuten müssen.
Aber so einfach will ich es mir nicht machen. Was ist eigentlich die „linke Linke“, von der Lapuente spricht? Für ihn ist sie der Gegner, er selbst bezeichnet sich aber auch als Linker. Gehört er zu den „rechten Linken“? Was ist ein „rechter Linker“? Ist das schon Satire? Dada oder Surrealismus?
Wenn ich eine Analyse der politischen Verhältnisse wage, brauche ich ein präzises sprachliches Instrumentarium. Klar definierte Begriffe, mit denen ich im Text operieren kann. Wenn man sich überhaupt auf das mitleiderregende Niveau dieser degoutanten Schülerzeitungsbegrifflichkeiten hinab begibt, ist ganz links eben nicht die „linke Linke“, sondern der Marxismus.
Marxisten sind authentische Linke, rechts von ihnen beginnt das weite Feld des Leninismus, Stalinismus und Maoismus, der deutschen Partei, die sich aus Modegründen oder warum auch immer „Die Linken“ nennen, bis hin zu marginalisierten Teilen einer neoliberalen Sozialdemokratie oder grünen Merkelianern, die sich selbst gerne noch diesem Spektrum zuordnen möchten.
Das Geld für Lapuentes Buch ist besser angelegt, wenn man sich ein oder zwei Flaschen Rotwein anschafft. Prost und Venceremos.

Focus

Was finde ich in einem der zwölf Zimmer dieses Hauses? Eine alte Focus-Ausgabe von 1997. 330 Seiten dick! Das waren noch goldene Zeiten für die Printmedien.
Schon im Editorial geißelt Markwort den Sittenverfall der Medien: „Was wir in diesen Tagen an Heuchelei, Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit vorgesetzt bekommen, ist abstoßend“. Was würde er 2018 schreiben?
Der israelische Ministerpräsident Netanyahu kündigt an, mit „kompromissloser Härte“ gegen den palästinensischen Terror vorzugehen. Helmut Kohl plant eine Steuerreform und will den Soli senken. Außerdem soll es eine Rentenreform geben. Das waren also schon damals die Nachrichten? Kein Wunder, dass keiner mehr den Focus kauft. Es genügt, die alten Hefte noch einmal durchzublättern.
Stoiber, damals noch bayrischer Ministerpräsident, wird im Interview gefragt, ob er Populist sei. „Was heißt Populismus?“ fragt Stoiber. „Ich kann mit der negativen Untermalung des Begriffs nichts anfangen“. Er sei „im Volk verwurzelt“ und kenne die Sorgen der Menschen. Ohne Worte. Ein Minister der Bundesregierung namens Horst Seehofer plagt sich derweil mit den Defiziten der gesetzlichen Krankenversicherungen in den neuen Bundesländern herum, der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder plustert sich als Law&Order-Mann auf, dem der CDU-Landeschef Christian Wulff allerdings „ein politisches Armutszeugnis“ ausstellt. Ein Gammelfleischskandal erschüttert NRW, die grüne Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn verspricht: „Diesen Sumpf müssen wir trockenlegen.“
In der Focus-Serie „Superstadt Berlin“ geht es um das Nachtleben. Ein Wahnsinn! „Wenn Wanne-Eickel schon im Tiefschlaf liegt und selbst in München Rausschmeißer die Ärmel aufkrempeln, läuft Deutschlands Hauptstadt gerade warm.“ DJs wie Marusha und Westbam legen in Clubs wie dem E-Werk oder dem Tresor auf. Im Kit-Kat-Club muss es auch schön sein: „Nasskalte, halbnackte Leiber in Lack und Latex stampfen auf den Metallboden wie das Vieh vorm Schlachthof.“ Ein knuffiger Transvestit namens Marcella Masturbani schreibt für das Szeneblättchen 030 über „sichere Partys mit garantierter Qualität.“ Daniel Barenboim sagt über die Berliner: „Sie meckern mir noch zuviel. Sie betreiben ständig Selbstanalyse: Kann Berlin? Soll es? Darf es? In Paris und London wird über solche Dorfmentalität müde gelächelt.“ Die Gastronomin Julia Regehr schwärmt: „Eine Stadt für totale Selbstverwirklichung.“ Die Schauspielerin Sophie von Kessel weiß: „Berlin ist eben ein kunterbunter Haufen. Jeder akzeptiert einen, wie man ist.“ Das kann ich für die Schweppenhäuser Kerb auch bestätigen.
Zurück zur Politik: Der PDS-Bürgermeister von Schulzendorf (Brandenburg) klagt, er sei seiner Basis „nicht revolutionär genug.“ Gregor Gysi vermutet, seine Partei würde durch politische Kompromisse „ihre Unschuld“ verlieren. Auch die Linke hat Humor. Noch lustiger sind nur die Grünen, denn sie haben den westdeutschen Kommunismus erfolgreicher bekämpft als die CSU oder der Verfassungsschutz: „Bereits zuvor hatten sich etliche radikale Linksrebellen, die den paradiesischen Verheißungen kommunistischer Gruppen in den siebziger Jahren auf den Leim gegangen waren, zu gemäßigten Reformern und cleveren Nutznießern des Kapitalismus gemausert.“ Indem sie zu Grünen wurden wie der Maoist Trittin, KBW- Genosse Winfried Kretschmann oder Antje Vollmer von der „Liga gegen den Imperialismus“. Aus dem „Marsch durch die Institutionen“ wurde der Marsch in die Institutionen. Im Interview verrät der arrivierte Ex-Kommunist und Rechtsanwalt Gerhard Strate über seine alten Genossen aus der K-Gruppe: „Die meisten von denen haben ja ordentlich Karriere gemacht und wollen von ihrer Vergangenheit nichts mehr wissen.“
https://www.focus.de/politik/deutschland/k-gruppen-wende-genossen_aid_166129.html
Nerds, aufgepasst! Eine Toshiba-Werbung von 1997 für Notebooks. Ich sage nur: Tecra 730XCDT. 150 MHz-Prozessor, 2,1 Mrd. Bytes Festplatte, 12,1“-Farbbildschirm und CD-ROM-Laufwerk. Für schlappe 8999,- DM. Alter Finne! Über zwei MILLIARDEN Bytes Festplatte. Und praktisch geschenkt.
Jetzt wird es wieder ernst: Können wir 3,5 Millionen Russlanddeutsche integrieren? Außerdem sind wegen „Klimaerwärmung“ zwischen den frühen 50ern und Mitte der 70er Jahre 25 Prozent der Polkappen abgeschmolzen. Zum Glück haben wir das Thema heute im Griff.
Der Doppelagent Hagen Schmidt, der sich für einen BRD-Geheimdienst von der Stasi anwerben ließ, klagt: „Leute meines Alters, die ehrlich gearbeitet haben, stehen heute beim Arbeitsamt Schlange, während Funktionäre von damals (…) wieder auf lukrativen Posten sitzen.“ Für Köln geht 1997 ein neues Tatort-Team (Behrendt/Bär) an den Start und auf Platz 1 der Sachbuch-Bestsellerliste ist ein Kochbuch von Alfred Biolek.
Wirtschaft: „In der Information und Kommunikation entstehen über eine Million neue Jobs.“ Gesucht werden Netzwerker, Java-Programmierer oder Systemberater. Es ist ein „Mekka für Quereinsteiger“. Übersetzt: Können musst du nix.
Der Hammer findet sich auf S. 325: Dr. Peter Hartz von VW wirbt mit dem Satz „Soziale Konfrontation bringt uns nicht weiter.“

Public Enemy - Don't Believe The Hype. https://www.youtube.com/watch?v=9vQaVIoEjOM

Dienstag, 27. Februar 2018

Der Kampf geht weiter

Brecht Merkel die Gräten

Alle Macht den Räten



Quelle: Titanic 1/1983
Gänsehaut bekommt man bei einer Satire aus dem Heft 4/1983. Kohl hatte gerade die Bundestagswahl gewonnen und auf einer fiktiven Zeitungsseite vom März 1999 werden 16 Jahre Kohl gefeiert. Man stellt sich die Zukunft mit brennenden Asylantenheimen und Lohnkürzungen vor, an denen die Gewerkschaften fleißig mitarbeiten. Was soll ich sagen? Genauso ist es gekommen, liebe Titanic-Redakteure von damals.

Der letzte Dienstag in der Geschichte der Menschheit



Blogstuff 197
“Wenn es finster wird auf Erden, erwachen die Vampire und beginnen zu wandeln.” (Stephan Hermlin: Ein berühmter Schriftsteller)
Wir besitzen die Freiheit, hoffen zu dürfen, aber es gibt keinen Anlass zur Hoffnung, keine Begründung, optimistisch zu sein. Wir können aber immerhin grundlos optimistisch und voller Hoffnung sein – das kann uns keiner nehmen.
Eine lustige Debatte: öffentlicher Nahverkehr umsonst. Aber er ist natürlich nicht umsonst. Man muss einen Bus kaufen, den Busfahrer bezahlen und das Benzin an der Tankstelle ist auch nicht kostenlos. Entweder wir bezahlen unsere Fahrt direkt beim Busfahrer, in dem wir ein Ticket kaufen, oder wir bezahlen das Nahverkehrssystem über unser Steuern, die wir ans Finanzamt abführen müssen. Oder die Daimler AG verschenkt die Busse, Aral verschenkt das Benzin und die Busfahrer machen ihren Job ehrenamtlich. Aber dann müssten die Stahlkonzerne auch ihr Blech an Daimler verschenken und die Arbeiter den Bus ehrenamtlich zusammenbauen, mit Maschinen, die nichts gekostet haben und Strom, den es umsonst gab usw. „There ain’t no such thing as a free lunch“, wissen wir seit 1966 von Robert A. Heinlein (”Revolte auf Luna”).
„Sie sind Mitarbeiter der Abteilung ‚Investigativ, bis der Arsch platzt‘. Ihre Namen, ihre Gesichter, ihr Arbeitsplatz – alles streng geheim. Die Navy Seals von Bonetti Media. Wir haben Sie besucht. Lesen Sie den Bericht bei Kiezschreiber +. Nur 99 Cent im Probe-Abo.“
Achten Sie bitte bei Facebook e tutti quanti auf Großbuchstaben und Ausrufezeichen, bevor Sie mit dem Lesen anfangen. So vermeiden Sie die Kontaminierung mit Nazi-Inhalten und komplettem Schwachsinn.
Hätten Sie’s gewusst? MC Bonetti hat seine Rapperkollegen bei einem Drive-by-Shooting in Wermelskirchen kennengelernt.
Unsere Biographie als Tag: nach dem Aufstehen ein Glas Milch, vormittags sind wir in der Schule, das Mittagessen nehmen wir auswärts ein (die Lehr- und Wanderjahre), wir arbeiten den ganzen Nachmittag, abends sitzen wir gemütlich auf dem Sofa, genießen einen letzten Happen und dann schlafen wir ein.
„Es ist aber auch immer irgendwas. Haste das gesehen? Da fährt schon wieder ein Auto vorbei. Man kommt nicht zur Ruhe. Ständig ist hier was los. Man kommt zu nix.“ (am Küchenfenster)
Was ich an Hazel Brugger mag, ist nicht nur die Präzision ihrer lakonisch vorgetragenen Beobachtungen und Phantasien, sondern ihr stoischer Gesichtsausdruck. Ist es eine Persiflage auf die Botox-Fressen der Medienwelt? Seit Buster Keaton hat niemand mehr mit diesem Blick, mit dieser vollkommenen Ausdruckslosigkeit seine Pointen vorgetragen.
Hätten Sie’s gewusst? Nur die SPD hat aktuell weniger Punkte als der 1. FC Köln auf Tabellenplatz 18.
Es geht ständig aufwärts in Deutschland. Ins Gewöhnliche. Ins Banale. Ins tausendfach Gesehene.
Datenschutz? Die Bullen sind über die Ernteausfallversicherung auf meine Cannabis-Plantage gestoßen.
Meine Liebeserklärung an A.Nahles: Cameo - She's Strange. https://www.youtube.com/watch?v=kbN1rVNTexo

Ich finde es gut, dass Übergewichtige jetzt auch zu den Bevorzugten gehören, wenn es um Sitzplätze in der Bahn geht. Mein Bauch ist jedenfalls gut getroffen.

Product Placement 2

Meinen vierten Berlin-Krimi gibt es jetzt auch als e-Book.

Jede Nacht brennen Autos in der deutschen Hauptstadt. Ganze Hundertschaften der Polizei suchen seit Monaten fieberhaft nach dem Brandstifter. Aber was passiert, wenn bei einem dieser Brände ein Mensch ums Leben kommt? Und was passiert, wenn es den Falschen trifft? Dann entfesselt dieser Feuerteufel ein Inferno der Gewalt, in dem alsbald Linksradikale, Neonazis, ein österreichisches Killerkommando und ein paar sehr wütende Russen mit Messern, Pistolen und Panzerfäusten übereinander herfallen. Und was wäre, wenn eigentlich alles ganz anders ist, als es scheint? Jan Mardo, Privatdetektiv aus dem Wedding, und Kommissar Leber von der Mordkommission stürzen sich in ein Berliner Kriminalabenteuer der besonderen Art.
https://www.amazon.de/dp/B07B2QW5QD/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1519645856&sr=8-1&keywords=Berliner+Asche

Montag, 26. Februar 2018

Der Abschied

Die Maschine ging in den Sinkflug über. Ich sah aus dem Fenster. Wir näherten uns der Wolkendecke und waren kurz darauf von Nebel umgeben. Dann konnte ich das Land unter uns sehen. Ein Flickenteppich aus grünen, braunen und gelben Vierecken, dunklen Waldflächen und winzigen Dörfern.
„Jetzt dauert es nicht mehr lange“, sagte die alte Dame neben mir.
Wir hatten uns während des Fluges unterhalten. Sie hieß Elfriede Schweikhardt und war Witwe. Sie hatte mir von ihren beiden Töchtern erzählt, die sie in Berlin besuchen wollte. Und sie hatte mir Bilder von ihren vier Enkelkindern gezeigt: Lara, Benjamin, Sören und Liliane.
„Jede Reise geht einmal zu Ende“, sagte ich zu ihr und lächelte sie an. „Darf ich Sie zum Abschied zu einem Glas Champagner einladen?“
„Sehr gerne“, sagte Frau Schweikhardt und lächelte zurück.
Ich bestellte bei der Stewardess den Champagner und wir stießen miteinander an. Frau Schweikhardt erzählte von ihrer Hochzeit 1962 in Stuttgart. Damals habe es Sekt vom Kaiserstuhl gegeben. Ich erzählte ihr von meiner rheinhessischen Heimat und den hervorragenden Schaumweinen der Region.
Kurze Zeit später landeten wir. Ich half der alten Dame mit dem Handgepäck, das sie über ihrem Sitz verstaut hatte. Wir verabschiedeten uns herzlich mit einem Händedruck voneinander und sie versprach, ihren Kindern und Enkelkindern meine allerbesten Grüße auszurichten.
Danach ging ich zur Stewardess.
„Vielen Dank für alles“, sagte ich zu ihr.
Ich nahm sie in die Arme und drückte sie ganz lange und sehr fest an mich.
„Ich werde unsere gemeinsame Reise nie vergessen.“
Sie schaute mich nur stumm an. Vermutlich war sie vom Abschiedsschmerz überwältigt.
Ich betrat das Cockpit, um mich persönlich vom Kapitän zu verabschieden.
„Kapitän Müller! Sie haben uns sicher an unser Ziel gebracht. Ich möchte mich im Namen aller Passagiere ganz herzlich bei Ihnen und Ihrer Crew bedanken.“
Ich kniff ihm freundschaftlich in die Wange und ging zum Ausgang.
Schweren Herzens verließ ich die Maschine. Frankfurt – Berlin. Kein leichter Flug, wenn man ein leidenschaftlicher Weltenbummler ist.
Shalamar - A Night To Remember. https://www.youtube.com/watch?v=x9IimLb3b2U

Product Placement 1

Meinen zweiten Berlin-Krimi gibt es jetzt als e-Book. Eine zeitlos verstörende Geschichte, die ich vor zehn Jahren geschrieben habe.
Ein junger Mann verschwindet spurlos in Berlin. Es bleibt nicht der einzige Fall. Sie haben etwas gemeinsam: Sie stammen alle aus dem gleichen Haus in Wilmersdorf. Die Polizei findet nur Blutlachen und steht vor einem Rätsel. Der Philosoph Schlomo Bergomask, Nachbar des ersten Opfers, und seine Freundin werden in die Mordserie verwickelt. Der Täter ist ihm näher als er denkt - und die Vermissten tauchen auf grauenvolle Weise wieder auf.
Der zweite Bergomask-Krimi nach „Ich träume deinen Tod“.
https://www.amazon.de/dp/B07B2KW1C8/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1519585499&sr=8-1&keywords=Matthias+Eberling+Tote+leben+ewig

Sonntag, 25. Februar 2018

Essen als Erinnerung

Viele unserer Erinnerungen sind mit Mahlzeiten verbunden. Vielleicht sprechen wir so selten von ihnen, weil es so banal ist. Aber die Erinnerung ans Essen ist schließlich eine Erinnerung an unser vergangenes Leben. Wenn wir uns wieder an das Essen erinnern, kommen womöglich andere Erinnerungen an die Oberfläche des Bewusstseins geperlt.
Angeregt hat mich die Lektüre von „kafka on the road“, der seine kulinarischen Memoiren als Aufzählung präsentiert hat. Ich folge ihm gern auf diesen Trip.
https://kafkaontheroad.wordpress.com/2018/02/19/quer-durch-den-garten/
Fangen wir mit den Orten an. Es sind im Wesentlichen drei Küchentische. Bei uns zu Hause, bei den Großeltern und bei der verwitweten Großmutter. Selten ein Tisch in einem Gasthaus oder bei Verwandten.
Was gab es zum Essen? Glücklicherweise habe ich ab Januar 1977, da war ich zehn Jahre alt, bis 1982 ein Tagebuch geführt, in dem nachzulesen ist, was ich zu Mittag gegessen habe. Mein Lieblingsessen war damals Nudeln mit Fleischsoße. Das geht in Richtung ragù alla bolognese, schmeckt aber nicht so tomatig und kommt ohne Gemüse aus. Haschee hieß das damals, also Hackfleisch mit Tomatenmark und ein paar Gewürzen. Das gab es einmal die Woche, darauf habe ich bestanden.
Dann die Klassiker wie Gulasch oder Bouletten mit Kartoffeln sowie die Combinazione Tedesco Spinat-Spiegelei-Kartoffelbrei. Überhaupt Unmengen Kartoffeln, der halbe Garten meiner Großeltern war ein Kartoffelacker, der Rest ein Gemüsegarten. Morgens Brot mit Marmelade (selbstgemacht, Vorräte bis zum Jüngsten Tag und darüber hinaus waren immer vorhanden), abends Brote mit Wurst und Käse. Morgens ein Glas Milch dazu, abends Tee oder Wasser.
Sonntags Schweinebraten mit Kartoffeln und Wirsing, gelegentlich auch mal paniertes Schnitzel mit Kartoffeln, Rouladen oder Rollbraten. Bei den Großeltern gab es Erdbeeren aus eigenen Anbau zum Nachtisch, rote Beete und Stachelbeeren. Bei der anderen Oma Vanillepudding von Dr. Oetker. An Wochentagen gab es keinen Nachtisch.
Landestypische rheinhessische Klassiker gibt es gar nicht. Der Saumagen ist aus der Pfalz und solche Kleinigkeiten wie Handkäs mit Musik oder Spundekäs sind kein Mittagessen. Es gab bei uns nichts Typisches vom Rhein, dafür aber Fischstäbchen von Käpt’n Iglo und der insbesondere von meiner Schwester gefürchtete „Pichelsteiner Eintopf“ aus der Dose.
Einmal im Monat ging es ins Gasthaus. Ich habe immer Jägerschnitzel mit Pommes frites bestellt. Ein gefühltes Erdzeitalter lang. Keine Experimente. Ich kann mich an ein einziges Zigeunerschnitzel erinnern. An diesem Tag muss mich der Teufel geritten haben. Pommes gab es sonst nie. Fritteusen gab es in keinem Haus, das ich kannte. Tiefkühlpommes für das Ofenblech gab es noch nicht. Dafür tauchte um das Jahr 1980 herum der Begriff Pizza zum ersten Mal in unserem Wortschatz auf.
Artgerechte Ernährung gab es für uns Kinder aus dem PEZ-Spender, dem Ahoi-Brausebeutel oder in gefrorener Form (Wassereis in Plastikfolie für zehn Pfennig, Milcheis für zwanzig Pfennig), es gab Vollmilchschokolade, Plätzchen an Weihnachten und natürlich Käsekuchen, Streuselkuchen und Pflaumenkuchen. Das Auslecken der Rührschüssel galt als Privileg der Jugend. Wir tranken Orangen- und Zitronenlimonade, aber kein Fanta und kein Sprite. Beim Bäcker bekam ich immer eine Mohnstange oder eine Kümmel-Salz-Stange.
Übrigens sauge ich seit fast fünfzig Jahren Tomatenmark aus der Tube im Kühlschrank, wenn keiner hinschaut. Ich bin Single – Sie können sich denken, wie hoch inzwischen mein Verbrauch ist. Mein Übergewicht verdanke ich allerdings den Millionen und Abermillionen von Kaugummis, die ich in meiner Kindheit verschluckt und nicht ausgespuckt habe. Sie sammeln sich bekanntlich im Bauch und können nicht ausgeschieden werden.
Ein Beispiel aus der aktuellen Tagebuchlektüre:
20.2.1978: Schweinefleisch, Kartoffeln und Rotkraut
21.2.1978: Nudeln mit Ketchup
22.2.1978: Bouletten und Kartoffeln
23.2.1978: Spaghetti mit Fleischsoße
24.2.1978: Pfannkuchen
25.2.1978: Nudeln mit Ketchup
26.2.1978 (Sonntag): Rollbraten mit Kartoffeln.
P.S.: Eine türkische Freundin, die im selben Kaff am Rhein aufgewachsen ist, erzählte mir, in ihrer Familie wäre Reis die Hauptbeilage gewesen, nicht die Kartoffel wie bei den Deutschen. Reis mit Joghurt, Reis mit Tomatenmark, Reis mit Kichererbsen seien die Klassiker gewesen. Damals hat es noch fahrende Händler gegeben, die den türkischen Familien säckeweise Reis geliefert haben.
João Gilberto, Stan Getz - The Girl From Ipanema. https://www.youtube.com/watch?v=8PYKOo_jgJo

Samstag, 24. Februar 2018

Schalten Sie Bonetti nicht aus - Installiert wird Update 1 von 999


Blogstuff 196
„Die Deutschen, die so leicht schweigen, wenn ein mutiges Wort nottut, verfallen manchmal in heftiges Reden, wo der Respekt Schweigen gebietet.“ (Stephan Hermlin: Rückkehr)
Spätestens seit Marx und Freud wissen wir, dass das Ich nicht der Kapitän ist, der souverän das Schiff unseres Lebens steuert, sondern dass es nur eine Vermittlungsinstanz zwischen inneren und äußeren Zwängen, zwischen Trieben und Vorschriften ist. Woher stammt eigentlich dieses gorillahafte Selbstbewusstsein der Leute, wenn sie ihre Meinung verkünden?
Nicht vergessen: Am 27. März ist der fünfzigste Todestag des sowjetischen Konsonanten Juri Gagarin. Der erste Mensch im Weltraum war ein Kommunist! Fun Fact For Fans: Der Mann war nur 1,57m groß.
Es wird immer über die Magermodels gemeckert, die uns ein falsches Bild vom menschlichen Körper vermitteln, aber inzwischen sind die Medien komplett von dürren Klappergestellen bevölkert. Gibt es noch eine Moderatorin im deutschen Fernsehen, die über fünfzig Kilo wiegt? Dicke sieht man nur noch bei „The biggest loser“, wo man unter Gelächter beobachten kann, wie sie abnehmen wollen. Oder Oliver Welke, der in jeder „heute-show“ einen Witz über sein eigenes Gewicht machen muss.
Dabei sind Dicke das Rückgrat unserer Gesellschaft. Sie essen und trinken viel mehr als die Dünnen, sie brauchen riesige Hosen und Jacken, Medikamente gegen hohen Blutdruck und zur Senkung des Cholesterinspiegels, außerdem Treppenlifter und diese kleinen Elektrowagen. Sie fördern also die Wirtschaft, gleichzeitig entlasten sie das Rentensystem durch ihren frühen Tod. Während sich Menschen wie ich mit Messer und Gabel für dieses Land aufopfern, werden wir auch noch verhöhnt.
Auf einer Familienfeier habe ich mich unlängst über die Fortschritte im deutschen Bildungswesen unterrichten lassen. Wie wird heutzutage eine Doppelstunde Biologie vom Lehrpersonal gestaltet? „Planet der Affen“ auf DVD in voller Länge. Wir sprechen hier von einem rheinhessischen Gymnasium. Immerhin hat der Unterricht stattgefunden, wenn man an den ganzen Unterrichtsausfall wegen Krankheit oder Lehrermangel denkt, haben wir sowieso G8 – selbst in G9-Bundesländern. An der Berufsschule sehen die Auszubildenden im Jahre 2018 Action-Filme, wie mir ein Handwerker berichtet, haben aber mit der Rechtschreibung immer noch große Probleme.
„Andy“ ist eigentlich ein Künstlervorname. Bonetti hat sich an seinem Vorbild Warhol orientiert, der übrigens in Wirklichkeit Anastasio Warkoholsky hieß. Sein tatsächlicher Vorname ist Adonis.
Kennen Sie Wiggles? http://www.bild.de/news/ausland/finger/finger-abgeschnitten-54829746.bild.html
Hätten Sie’s gewusst? Der schöne Jüngling Adonis musste auf Geheiß des Göttervaters Zeus ein Drittel seiner Zeit mit Aphrodite und ein Drittel seiner Zeit mit Persephone verbringen. Work-Life-Balance und Ménage à trois waren also schon in der Antike ein großes Thema. Fun Fact For Fans: Die Propoetiden waren im alten Griechenland sexuell zügellose Frauen. Muss eine wilde Zeit gewesen sein.
Politik und demographischer Wandel: 2015 sind 925.000 Menschen in Deutschland gestorben, 2016 911.000. Stammwähler sterben, Wechselwähler werden volljährig. Die unruhigen Zeiten gehen weiter.
Kennen Sie die neue Show, die Stefan Raab produziert? „Das Ding des Jahres“, da geht es um Erfindungen und Geschäftsideen. Mein Vorschlag „Bonetti’s Pizzaverleih“ war diesen Flachwichsern noch nicht mal eine Absage wert. Soll dieser Raab doch für zwanzig Euro PIEP hinter dem Hauptbahnhof lutschen, dieser verdammte PIEP einer PIEP.
Sie haben keine Kohle für einen Zoobesuch? Mein Tipp: Besuchen Sie mal wieder eine Tierhandlung.
The Church - Now I Wonder Why. https://www.youtube.com/watch?v=ZBo8g--M8LM

Andy Bonetti mit Zigarre.

Freitag, 23. Februar 2018

Mösenkinn

"Menschen mit einer kleinen Kerbe im Kinn sind interessante Persönlichkeiten. Sie haben eine hohe sexuelle Anziehung und stehen gerne im Mittelpunkt." (InStyle)


Bitte melden Sie weitere Fälle von Mösenkinn an unsere Redaktion.

65

Bereuet! Das Ende der Welt ist nahe. Der Meeresspiegel wird bis zum Jahr 2100 um sage und schreibe 65 Zentimeter steigen. Ich hab’s ja immer gewusst. Es geht mit uns zu Ende. In den Nachrichten zeigen sie eine Deutschland-Karte mit der neuen Küstenlinie. Städte werden im Meer versinken. Wacht endlich auf!
Oder gibt es Hoffnung? Werden wir es schaffen, in den nächsten 82 Jahren die friesischen Deiche 65 Zentimeter höher zu bauen? Und woher nehmen wir den ganzen Sand?
Ich habe schon mal an den Piers von New York gestanden. Sie ragen tatsächlich mehrere Meter aus dem Wasser. Aber was ist mit Tonga, werden ernsthaft beunruhigte Leser jetzt fragen. Dieser Staat hat so viele Einwohner wie Koblenz. Da das Wasser aber erst in 82 Jahren so hoch gestiegen ist, werden diese Leute bzw. ihre Nachkommen nicht ertrinken, sondern umziehen. O grausame Welt.
Ganz Polynesien hat übrigens so viel Einwohner wie Köln. Sie werden in Neuseeland, in Papua-Neuguinea oder in Köln weiterleben. Sie, liebe Leser, müssen sich darüber keine Gedanken machen, denn 2100 sind Sie längst tot.
P.S.: Was ist mit der Erderwärmung? Möglicherweise verdunstet das Wasser ja auch vorher? Und kommt als Regen in der Sahara runter, wo ein neuer Urwald wächst? Smiley.

Eine Rose

„Die tiefste Wonne des Schenkens kann nur ein reifer Mensch auskosten, die tiefste Wonne des Beschenktwerdens nur ein Kind.“ (Paul Heyse)
Der Lebensgefährte meiner verstorbenen Mutter war kein Held. Er war ein liebenswerter Trottel und vermutlich genau der Typ Mann, den eine verblühte Putzfrau abkriegt. Er hat sich im Urlaub zum Beispiel mal die Schuhe putzen lassen. Aber er trug Ledersandalen mit weißen Socken. Die Socken konnte er natürlich wegschmeißen.
Trotzdem hatte dieser Mann, der sein fadenscheiniges Haar mit einiger Mühe über seine Halbglatze kämmte, auch eine romantische Ader. Auf einem Weinfest wollte er meiner Mutter eine Rose schießen. Immer wieder gab er dem Mann am Schießstand Geld, um weiter auf die Rose zu zielen, aber er schaffte es nicht. Am Ende fragte er den Standbesitzer resigniert, wieviel eine Rose kostet und kaufte ihm das alberne Stück Plastik ab. Meine Mutter bewahrte diesen scheinbar kläglichen Beweis seiner Liebe dennoch bis zu ihrem Tod an einem Ehrenplatz in ihrer Küche auf.
Gerade in ihrem Scheitern sind mir die Menschen sympathisch. Vielleicht sind es nur solche Momente, die uns tatsächlich menschlich erscheinen lassen. Die zwangsoptimierte Medienbrut wirkt dagegen wie von einem anderen Stern.
Renato Carosone - Tu Vuò Fa' L'Americano. https://www.youtube.com/watch?v=30HsgKTkQ68

Donnerstag, 22. Februar 2018

Die Kanzlerin regelt ihr Erbe

Diogenes

„Es ist göttlich, nichts zu bedürfen, und gottähnlich, nur wenig nötig zu haben.“
Diogenes war nicht nur ein Meister des Müßiggangs. Wir können noch sehr viel mehr von ihm lernen. Jeder kennt die berühmte Anekdote, als er Alexander den Großen getroffen hat. Der mächtige und reiche Herrscher hat von dem Philosophen der Gelassenheit und Genügsamkeit gehört. Er bittet ihn nicht etwa in seinen Palast. Nein, er begibt sich zu Diogenes. Er findet ihn bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Nichts-Tun. Der große Denker liegt in der Sonne. Döst er ein bisschen, denkt er gerade nach? Wir wissen es nicht. Er gehört nicht zu den Leuten, die den ganzen Tag Debatten führen müssen wie die anderen Philosophen und die Politiker. Er ist weder auf der Suche nach Wahrheit, noch nach Reichtum oder Macht.
Alexander ist von dem einfach gekleideten Mann, der vor ihm auf dem Boden liegt und sogar einmal in aller Öffentlichkeit onaniert hat, nicht etwa abgestoßen. Er ist neugierig, er unterhält sich mit ihm. Schließlich gewährt er Diogenes einen Wunsch. Stellen Sie sich vor, Bill Gates oder ein anderer Milliardär sagt ihnen, sie hätten einen Wunsch frei. Wer würde da nicht schwach werden und sich Geld oder anderen Besitz wünschen? Aber der Philosoph lässt sich durch diese Angebot nicht verführen. Er widersteht der Verlockung, um der Lust am Besitz willen die pure Lust am Leben aufzugeben. Also äußert er seinen Wunsch dem König gegenüber. Alexander möge ihm doch bitte aus der Sonne gehen. Er bleibt ein unabhängiger Geist, er verrät seine Philosophie nicht für dreißig Silberlinge.
Auch im Zen begegnet uns die schlichte Botschaft: Wir brauchen keinen materiellen Reichtum und wir müssen uns auch nicht auf die Suche nach spirituellen Weisheiten begeben, denn es gibt sie nicht. Bleib einfach zu Hause und mach dir eine Tasse Tee. Oder du trinkst ein Bier. Das ist alles.
Gerhard Polt: Warten auf Rudi Löhlein. https://www.youtube.com/watch?v=_nE0QhN_z58&list=PLCC25801574A550FE

Mittwoch, 21. Februar 2018

Quo vadis, Neues Deutschland?

Das einst so stolze Blatt der Arbeiter- und Bauernmacht auf deutschem Boden vegetiert bei einer verkauften Auflage von 25.000 Exemplaren pro Tag vor sich.
Der Stolz ist längst gebrochen. Das Rückgrat auch. Heute schreibt Lapuente über Heimat. Man dürfe den Begriff nicht den Rechten überlassen. Auch der Linke habe eine Heimat. Es ist der Sozialstaat.
Was haben wir gelacht! Die neoliberal verwüsteten Ruinen der Sozialbürokratie sind der „sichere Hafen“, „der Garant dafür, sich als Mensch nicht plumpen Marktmechanismen unterordnen zu müssen“.
WTF !?! Ausgerechnet im Job-Center und den anderen Folterhöhlen dieser Republik, wo Menschen unterwürfig um ein paar Euro betteln müssen, wo man sie behandelt wie Aussätzige, wie den letzten Dreck? Das ist die Heimat der Linken?
Wie traurig. Und das ND ist der publizistische Gnadenhof für die zerstreuten Reste kommunistischer Splittergruppen aus dem vergangenen Jahrhundert. Macht den Laden endlich dicht, Leute. Es ist so peinlich. Ein Glück, dass ich kein Linker bin.

Das Katzenkommando kommt

Vor einigen Tagen lag noch Schnee auf dem Gartenhaus vor meinem Schreibtisch.
Jetzt übernehmen die Katzen. Das ist eine von ihnen im Blickduell mit Andy Grzimek.

Insane memories of a dream broker


Blogstuff 195
„Anständige Menschen zeigen oft ein bisschen Feigheit, eine kleine Schwäche. Nur Schurken sind vom Erfolg überzeugt. Und deswegen haben sie Erfolg.“ (Charles Baudelaire)
Wir haben es mal wieder geschafft. Niemand hilft so vielen Flüchtlingen wie dieses Land. Aber wir finden es Scheiße, nörgeln rum und hassen uns für unsere Großzügigkeit und unsere Gastfreundschaft.
Egal was du machst: Es gibt immer sieben Milliarden Fremde um dich herum. Und es werden täglich mehr.
In der Psychologie gibt es den Begriff der Zwangsstörung. Dazu gehören auch verbale Zwänge. Man muss ständig dieselben Worte oder Sätze wiederholen. Entweder führt Politik zu dieser Zwangsstörung oder Gestörte gehen gezielt in die Politik.
Es gibt nur zwei Aggregatzustände der öffentlichen Meinung: totale Hysterie oder Gleichgültigkeit. Entweder droht der Weltuntergang tatsächlich oder wir leugnen ihn hartnäckig. Dazwischen ist nichts. Kleine und mittelgroße Probleme fallen unter den Tisch. Sie sind nicht schwarz oder weiß genug.
Zahl des Monats: 478.256. So oft kommt das Wort „Baby“ in der Popmusik vor. Nebenbemerkung: Arithmomanie ist heilbar.
Merkel, die mächtigste Frau der Welt. Erste CDU-Chefin, erste Kanzlerin. Seit 2000 bzw. seit 2005. In ihrer Position hätte sie den Frauen endlich die Tür öffnen können. Quasi die Speerspitze der Frauenbewegung. Was hat sie bis heute erreicht? Mehr als Rita Süssmuth? Wirklich?
Im Traum erwache ich in meinem Zimmer. Es ist noch tiefe Nacht, das Fenster steht offen. Ich mache Licht an und sehe, dass der Raum voller merkwürdiger Insekten ist. Schmetterlinge und Libellen mit farbenprächtigen Flügeln und langen gebogenen Flügeln. Komplexe Gebilde, teils durchsichtig, filigran wie Diademe. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich hole meinen Fotoapparat und mache Bilder von ihnen. Sie wechseln innerhalb eines Augenblicks Farben und Formen. Ich kann gar nicht aufhören zu fotografieren. Wenig später erwache ich wirklich, es ist Tag.
Nietzsche schrieb vom Übermenschen, die Amerikaner gaben uns Superman.
Früher herrschte auf meinem Berliner Schreibtisch das totale Chaos. Er ist zwei Meter lang und einen Meter breit, ein Durcheinander von Texten, ausgerissenen Zeitungsartikeln, Fundstücken der Alltagsprosa wie Bierdeckel oder Flugblätter, Zeugs, Aschenbecher und Krempel. Aber dieses Chaos gab mir Hoffnung. Irgendwo hast du immer ein Feuerzeug gefunden, wenn du dringend eins gesucht hast. Einmal habe ich sogar auf der Suche nach Dope den Tisch durchwühlt – und habe tatsächlich ein Piece gefunden. Gar nicht mal so klein. Ein Gramm etwa. Ein leerer und aufgeräumter Schreibtisch lässt dir keine Chance. Nichts ist deprimierender als die Ordnung.
In den ersten Herbsttagen haben wir einen neuen Bundestag gewählt. In ein paar Wochen ist Frühlingsanfang und die über 700 Abgeordneten machen nicht das, wofür sie bezahlt werden. Sie produzieren keine Gesetze, der Gesetzgebungsapparat arbeitet nicht. Wäre es eine Brauerei oder eine Bäckerei, die ein halbes Jahr kein Bier oder kein Brot herstellt, wäre der Betrieb längst pleite. Wir leisten uns Politiker, die nicht arbeiten. Wäre der Bundestag eine Fabrik, würde das ganze Land über diesen Skandal sprechen. Offenbar hat die Kundschaft keinen Bedarf an neuen Gesetzen. Politikverdrossenheit der einen und Amtsmüdigkeit der anderen wird konsequent zu Ende gedacht.
Quincy Jones - Ai No Corrida. https://www.youtube.com/watch?v=fXmmWBzS-_o

Dienstag, 20. Februar 2018

Der lächelnde Buddha

„Es wird immer Fabriken geben, um zu verbergen, dass die Arbeit tot ist.“ (Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod)
Wer im Mittelalter durch eine Stadt ging, konnte noch sehen, wie die Dinge entstehen. In der Werkstatt des Tischlers entstanden neue Möbel, der Schneider nähte neue Kleider und der Schmied hieb mit seinem Hammer auf glühendes Metall. Du bist durch die Gassen geschlendert und hast gesehen, wie aus menschlicher Arbeit etwas wurde, was vorher noch nicht dagewesen ist.
Heute sehen wir Maschinen, die von selbst funktionieren. Leere Fabriken, in deren Schlund Rohstoffe kommen und aus deren After Konsumgüter herausgepresst werden. Es wirkt wie ein Zauberkunststück, aber der Zauberer hat die Bühne verlassen. In der Politik ist die Depersonalisierung der Macht in der Bürokratie das Pendant dieser Entwicklung.
In jedem Möbelstück von Ikea, in diesem erbärmlichen Plunder aus drittklassigem Material, das wir selbst zusammengeschraubt haben, steckt mehr Wärme als in der kalten Logik ganzer Industriezweige. Wir strecken stolz den Inbusschlüssel in den Himmel empor wie die Affen in Kubricks „2001“ ihr erstes Werkzeug.
Das Leichengift der Entfremdung sickert in unsere Seelen. Trotzig stählen viele Menschen ihren Körper, als würde die Feldarbeit auf sie warten. Sie sind schlank und fit, obwohl sie ihre Muskeln gar nicht mehr brauchen. Sie rennen Kilometer um Kilometer, ohne ein Ziel zu haben. Sie stemmen Hanteln, während die Geschirrspülmaschine läuft.
Lustlos halten wir uns mit irgendeiner Tätigkeit am Leben, deren Sinn sich nicht mehr erkennen lässt. Dort, wo die Arbeit sinnvoll ist, wird sie absurd schlecht bezahlt. Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen, Maurer und Müllmänner sind am unteren Ende der Lohnskala. Am oberen Ende sitzen Menschen in gepolsterten Ledersesseln und spielen Schicksal für den Rest der Welt.
Die totalitär gewordene Vernunft, die in allem nur ein Instrument, ein Mittel zum Zweck, eine Profitchance sieht, kann man nicht bekämpfen. Man kann sich ihr nur verweigern. Unser Wissen löst keine Probleme, so dämmert uns allmählich, es ist die Ursache aller Probleme. Jedes Interesse an Erkenntnis, aus der man keine neue App oder eine neue Wurstsorte machen kann, ist nutzlos. Über Dichter und Maler wird bestenfalls gelacht, eigentlich verachtet man sie. Es sei denn, sie sind Millionäre.
Wir sind längst in einem Wirbelsturm gefangen, den wir nicht mehr aufhalten können. Wir spüren die Kälte und das Leiden, wenn wir einen Augenblick die Nachrichten aus der Welt um uns einschalten oder anklicken. Wir spüren gleichzeitig aber auch, dass unsere Kritik an den Verhältnissen nur eine Form der Selbstberuhigung ist. Sie tröstet uns zwar kurzzeitig, aber die Dosis muss von Tag zu Tag erhöht werden. Emotionen wie Wut und Hass, Mitleid und Verzweiflung nehmen den Platz der notwendigen Kritik ein, die von den Philosophen vergangener Zeitalter noch formuliert wurde.
Wir nehmen die Verhältnisse einfach hin, an denen wir berechtigte Zweifel haben. Wir tun bei vollem Bewusstsein das Falsche. Was können wir tun, wenn wir nichts mehr verändern können? Selbst Adorno kannte nur den Trotz der Verweigerung dieses „falschen Lebens“ und die Flucht in die Kunst. In der Musik oder der Literatur können wir uns für wenige glückliche Augenblicke in eine andere Welt retten.
Unser Maschinenwissen tröstet uns nicht und Buddhas Worte geben uns kein neues Smartphone. Beides können wir nicht gleichzeitig leben – der Glaube, es zu können, ist die Lebenslüge der Wohlstandsbürger. Wir können der Kälte und der Härte dieses Zeitalters nur etwas entgegenstellen, wenn wir selbst nicht kalt und hart werden, wenn wir es verhindern, bloß abgehärtet zu sein und zynisch unser Leiden zu ignorieren.
Coleman Hawkins - Soul Blues. https://www.youtube.com/watch?v=LnErpwdA2kY

Gustave Courbet: Der Verzweifelte.

Dienstag


„Dienstag war für ihn der sinnloseste Wochentag überhaupt. Dienstags hörte der Rückblick aufs Wochenende auf, und noch nicht einmal die Hälfte der Arbeitswoche war überstanden.“ (Ludwig Fels: Ein Unding der Liebe)

Das ist das klassische Internet-Sandwich: Schwachsinn - pseudointellektuelles Geschwurbel - Schwachsinn.

Montag, 19. Februar 2018

Warum die Blogger verloren haben

Das Zeitalter Gutenbergs neigt sich dem Ende entgegen. Ich sage das als Rheinhesse nicht gerne, denn der Buchdruck ist das einzige wertvolle Geschenk, das wir der Welt jemals gemacht haben.
Heute kämpft die Schrift gegen das Bild. Das Buch und der Text gegen das Fernsehen und das Internet. Das Abstrakte gegen das Konkrete. Das Argument gegen die Emotion. Der Tiefgang gegen die Oberfläche. Schwarz-Weiß gegen Farborgien.
Der Blogger ist eine historische Figur aus der Frühphase des Netzes. Er wird gerade abgelöst durch den Instagramer und den YouTuber. Die meisten Leute schreiben sich per WhatsApp nur noch verstümmelte Kurzbotschaften mit Emojis. Nach dem Brief stirbt die Mail. Bilder reichen uns, vorzugsweise Selfies oder Fotografien unserer Mahlzeiten und Haustiere.
Und so geht das Blogsterben weiter. Der letzte Blogger schreibt einen Rant darüber.

Ich küsse deine Wunden

„Zorn. Furcht. Aggressivität. Die dunklen Seiten der Macht sind sie. Besitz ergreifen sie leicht von dir.“ (Yoda)
Was ist der Kern der #MeToo-Debatte? Es geht doch nicht um Harvey Weinstein oder Dieter Wedel. Es geht um Angst. Konkret: um Angst vor Gewalt. Deswegen ist bisher auch kein Debattenbeitrag geschrieben worden, der frei von Emotionen gewesen wäre. Wir können über Angst nicht objektiv sprechen, weil Angst und gerade die Angst vor Gewalt ein Gefühl ist.
Kennen Sie die Situation, wenn jemand über einen Zahnarztbesuch spricht? Alle Zuhörer lecken sich nervös über die Zähne und spielen mit der Zungenspitze in den Zahnzwischenräumen. Gespräche über Angst lassen uns nicht kalt. Die #MeToo-Debatte wird über einen speziellen Aspekt von Angst geführt: die Angst der Frauen vor Vergewaltigung und vor sexueller Belästigung.
Ich finde es großartig, dass diese Debatte so lange und so ernsthaft geführt wird. Sie ist mit der Hoffnung verbunden, dass es in Zukunft weniger Gewaltverbrechen geben möge. Diese Hoffnung teile ich nicht, da die Diskussion nicht in allen Teilen der Gesellschaft und nicht in allen Gesellschaften der Welt geführt wird. Es sind auch nicht alle der gleichen Meinung. Machen wir uns nichts vor: die Zahl der ZEIT- oder taz-Leser ist sehr begrenzt. Machos und Kriminelle waren noch nie Teil einer diskursiven Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen.
Vielleicht kommen wir eines Tages an den Punkt, an dem wir unsere Perspektive erweitern. Gewalt hat nicht nur mit Sex zu tun. Gewalt hat häufig mit Eigentum zu tun. Frauen haben nicht nur Angst, Opfer einer Vergewaltigung zu werden, sondern auch, Opfer eines Raubüberfalls zu werden. Diese Angst teilen sie übrigens mit den Männern. Wir haben nachts in dunklen Gassen ebenso viel Angst wie Frauen. Auch wenn wir nicht den Mut haben, darüber zu sprechen. Wir fühlen uns an Bahnhöfen, wo Gruppen fremder Menschen herumlungern – Fußballfans, Polizisten oder Asylbewerber, völlig wurscht -, ebenso unwohl wie Frauen.
Das Thema ist also Gewalt ganz allgemein. Und unsere Angst. Darüber nüchtern und kühl zu diskutieren fällt schwer. Nehmen wir zum allerletzten Mal einen konkreten Fall, der gerade aktuell ist. Weibliche Studierende an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin empfinden die nahegelegene U-Bahnstation und den Platz vor der Hochschule als Angstraum. Was machen sie? Ein spanisches Gedicht, in dem das Wort Frau vorkommt, wird übermalt. Verbessert es ihre Situation? Nein. Das Gedicht kann ihnen keine Gewalt antun, die Männer in der U-Bahnstation und auf dem Platz schon.
Ich habe etliche Jahre an einem Stadtforschungsinstitut gearbeitet. Ich war drei Jahre Kiezschreiber in einem „sozialen Brennpunkt“, weil der Berliner Senat geglaubt hat, es gehöre zur sozialen Stadtentwicklung, wenn man einen Suhrkamp-Autor mit Urbanistik-Hintergrund in den Hartz IV- und Migrantendschungel namens Wedding schickt. Wie würde es aussehen, wenn wir die #MeToo-Debatte an diesem konkreten Punkt von der Empörung, von der hochemotionalen Debatte über Zensur und fehlende männliche Sensibilität auf die Ebene der Stadtentwicklung brächten?
Dann würden wir über Maßnahmen sprechen, aus einem Angstraum einen Ort zu machen, wo sich alle – Frauen und Männer – wieder sicher fühlen können. Ich habe auf einer Tagung mal eine Frau kennengelernt, die zehn Jahre über Frauenangst in Parkhäusern promoviert hat. Ihre Forschung hat einen Beitrag geleistet, Frauen zu helfen. In Parkhäusern wurden Frauenparkplätze eingerichtet, die so nah wie möglich an den Aufzügen und Treppenhäusern liegen. Ein Detail, sicher. Aber es hilft den Frauen.
Wie macht man die U-Bahnstation an der Alice-Salomon-Hochschule sicherer? Beispielsweise durch verstärkte Präsenz von Sicherheitskräften, auch wenn der linke Wutbürger jetzt aufheulen mag. Warum gehen nicht zwei Polizistinnen regelmäßig dort Streife? Polizeipräsenz schreckt potentielle Straftäter erfahrungsgemäß ab. Frauen schützen Frauen. Das Thema Sicherheit wird in der Stadtentwicklung seit Jahrzehnten diskutiert. Wir müssen also nicht bei Adam und Eva anfangen. Es wäre doch ein Fortschritt, wenn wir die Debatte so führen, dass wir zu Ergebnissen kommen, anstatt nur unseren Gefühlen freien Lauf zu lassen.
Eine Hoffnung habe ich: Diese Debatte um den Schutz vor Gewalt werden die Frauen in die Hand nehmen. Sie werden nicht mehr warten. Sie nehmen die Energie, die bisher in die Empörung geflossen ist, und verwandeln sie in konkrete Maßnahmen. Es wurde genug geredet, jetzt sollten Taten folgen. So werden aus Opfern Täter im besten Sinne des Wortes.

P.S.: Jetzt muss ich doch noch mal polemisch werden. Wissen Sie, was der Multimillionär Weinstein in diesem Augenblick gerade macht? Er sitzt in seiner Hollywood-Villa und lässt sich von einer Vierzehnjährigen den Schwanz lutschen. Warum? Weil er es kann. Weil er nicht im Gefängnis sitzt, wo sein kleiner fetter Arsch längst die große Sensation wäre. Weil Frauen eben immer nur reden, aber so eine Drecksau wie Weinstein nicht aus dem Verkehr ziehen wollen.
Falco – Jeanny. https://www.youtube.com/watch?v=yQg3KM8O8T0

Sonntag, 18. Februar 2018

Sex fängt im Kopf an

Ich tanze mit einer Professorin in der Küche, während die Nudeln kochen.
Was mich an einer Frau wirklich scharf macht, ist ihre Intelligenz.
Während ich travoltamäßig mein Cord-Sakko mit den ledernen Ärmelschonern über dem Kopf herumwirbele und es schließlich loslasse, sage ich zu ihr:
"Baby, ich will, dass du mir heute Nacht aus deinen Büchern vorliest."
Und sie sagt: "Ich will ein Gedicht von dir."

Frauen stehen einfach auf riesige Gehirne.

Der Sinn des Universums und alles andere


Blogstuff 194
„Wenn unser Gehirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir so dumm, dass wir es trotzdem nicht verstehen könnten.“ (Jostein Gaarder: Sofies Welt)
Wieso äußert Schröder, der porentiefreine Sozialdemagoge, der doch sonst gerne alles mit herablassender Gleichgültigkeit kommentiert und wohlfeile Ratschläge gibt, wo keine verlangt wurden, sich nicht zum Niedergang seiner Partei, den er schließlich höchstselbst ausgelöst hat?
Das Thema Katastrophenschutz wurde bisher in diesem Blog sehr stiefmütterlich behandelt. Doch jetzt ergreift Bonetti Empty Promises Unlimited endlich Maßnahmen. Über der Villa Bonetti wird eine Stahlkuppel errichtet, die den weltbekannten Großschriftsteller vor Meteoriten, Atombomben und Monstern schützen soll. Außerdem wird jeder Internet-Nutzer im Katastrophenfall ungefragt einen täglichen Newsletter mit wertvollen Tipps und Rezepten bekommen. Sie werden lernen, wie man aus Buchseiten, Leim und Spucke Knödel macht oder aus Kacheln, Urin und Grind „Ganz arme Ritter“.
Das neueste Gerücht aus Berlin: Sollten die SPD-Mitglieder dem Koalitionsvertrag zustimmen, wird die GroKo zunächst acht Wochen lang an Affen getestet.
(Als ich diesen Gag auf Facebook gebracht habe, schrieb eine Sprachgouvernante aus einem Berliner Sozialprojekt: „Warum keine Äffinnen?“ Merke: Es werden jetzt auch Tiere gegendert. Auf meine Rückfrage, wie die korrekte Transgenderform von Affe sei, bekam ich leider keine Antwort)
Sorgen macht mir, dass die SPD das Finanzministerium übernehmen soll. Jeder weiß, dass die Sozialdemokratie die Vorstufe zur Privatinsolvenz ist.
Hätten Sie’s gewusst? Die Olympischen Winterspiele 2022 finden in Katar statt. Da wird mit der Schneekanone in die Wüste reingeballert, was das Zeug hält. Überdachte und vollklimatisierte Stadien werden ja ohnehin gerade für die Fußball-WM im gleichen Jahr gebaut. Ich finde das gut. Vormittags Skilanglauf, nachmittags Beach-Party.
Werbung: Sie möchten Ihr Blog endlich auf ein professionelles Niveau anheben? BCC hilft Ihnen dabei. Schnell. Kostengünstig. Bonetti Content Consulting. Marktführer in der Beratung für User seit 1962.
Das moderne Leben nimmt allem seinen Zauber. Aus Sünden werden Straftaten, aus Hoffnungen Koalitionsverträge.
Was wurde eigentlich aus Ost- und Westkorea?
Im ICE. Ich: „Entschuldigung. Den Platz am Fenster habe ich reserviert.“ Mann: „Können Sie sich auch auf den Gangplatz setzen?“ Ich: „Nein, mein Therapeut hat mir empfohlen, während der Fahrt aus dem Fenster zu schauen, damit ich meine Aggressionsschübe besser unter Kontrolle bekomme.“
Bonetti Heay Industries & More steigt jetzt in die Self-Cooking-Szene ein. Das erste Produkt ist eine extra-scharfe Chilisoße, die unter dem Namen „Rosettenbrand“ vermarktet wird.
Wir trauern um den indonesischen Biathleten, der während eines Wettbewerbs der Olympischen Spiele erschossen wurde. Wir werden dich nicht vergessen, Luluk Hariyanto.
Ich kenne schon den Hashtag zum SPD-Bundestagswahlkampf 2021, wenn Nahles gegen Merkel antritt: #Frauentausch.
Coleman Hawkins – Smoke Gets in Your Eyes. https://www.youtube.com/watch?v=WTTDuSevbEc

Samstag, 17. Februar 2018

Sind wir bereit, diese Diskriminierung zu ertragen?

Das Raucher- und Nichtraucherpiktogramm kennen wir aus dem Bereich der Deutschen Bahn. Aber jetzt will man uns das Füttern der Tauben verbieten. Das ist nicht nur eine Diskriminierung der Tierfreunde, sondern auch eine Diskriminierung der Tiere. Wollen wir uns wirklich diesem faschistoiden Diktat beugen? In den USA hätte ich diesen Dreckskonzern längst verklagt. Geht bitte alle morgen zu Eurem Bahnhof! Nehmt altes Brot mit! Gebt es den Vögeln, die es in dieser bitterkalten Jahreszeit so nötig haben! Gegen die eiskalten Großkonzerne der Transportbranche. Steht auf, wenn Ihr ein Herz für unsere gefiederten Freunde habt!
Das ist wieder Nanny-Staat. Ich bin frei geboren, die Vögel sind frei geboren. Ich füttere sie, wenn ich es für richtig halte. Hey, Bahnwichser! Wie hoch ist die Strafe, wenn ich diese Regel breche? Was passiert, wenn ich Spatzen füttere? Bin ich dann in einem juristischen Graubereich?

Die Jusos - Putins Marionetten

Die BILD-Zeitung, Flaggschiff des deutschen Qualitätsjournalismus, berichtete gestern, Juso-Chef Kühnert stünde in Verbindung mit "Juri", einem Schergen des Moskauer Blutregimes, um die Regierungsbildung in unserem Vaterland zu verhindern. Ich habe es immer gewusst: Die Sozialdemokraten sind die fünfte Kolonne Moskaus. Nordkorea liefert die Cheerleader zur Anti-GroKo-Kampagne und Gregor Gysi schreibt die Texte für die Flugblätter. Eine rote Verschwörung!

Eine Perle des investigativen Journalismus

Rund um Schweppenhausen ist ja immer was los.
„weiß von nichts“
„Uns ist nichts bekannt“
"wollen gesehen haben"
Interessengemeinschaft „Hunsrückbahn – so nicht“
Aber lesen Sie selbst - ich werde Sie auf dem "Laufenden" halten:
http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/bad-kreuznach/vg-langenlonsheim/vg-langenlonsheim/in-guldental-und-windesheim-rollt-mehrmals-taeglich-ein-zug-ueber-die-schienen--und-keiner-weiss-woher-er-kommt_18530703.htm

Montagmorgen im Büro

„Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, bleibt zu Recht ein Sklave.“ (Aristoteles)
Edgar Hufnagel hatte es in seinem sechzigjährigen Leben bis zum stellvertretenden Filialleiter der Kreissparkasse Wichtelbach gebracht. Er verließ am Freitagnachmittag um drei Uhr sein Büro ebenso entspannt wie er es am Montagmorgen betreten hatte. Aber an diesem Montag, es war der erste April, war alles anders.
Er hielt es natürlich für einen Scherz seiner Kollegen. Obwohl seine Kollegen bisher noch nie zu Scherzen dieser Art aufgelegt gewesen waren. Er hatte die Tür zu seinem Büro geöffnet und sie gleich wieder geschlossen. Ein Scherz. Der erste April. Oder hatte er sich einfach nur getäuscht?
Er öffnete die Tür ein zweites Mal. Wirklich. Es war keine Täuschung. Er war echt und bewegte sogar die Arme. Hufnagel schloss die Tür und ging auf die Toilette. Er wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und betrachtete lange Zeit sein Spiegelbild über dem Waschbecken. Ich bin verrückt geworden, dachte er. Es gab keine andere Erklärung.
Zum dritten Mal öffnete er an diesem Morgen die Tür zu seinem Büro. An seinem Schreibtisch, auf seinem Stuhl saß ein Pandabär. Hufnagel starrte ihn mit offenem Mund an.
Der Pandabär drehte seinen dicken pelzigen Kopf zu ihm und lächelte. „Guten Morgen, Herr Hufnagel.“
Hufnagel sagte nichts und blieb in der Tür stehen.
„Seien Sie unbesorgt“, sagte der Bär freundlich. „Kommen Sie ruhig näher. Ich beiße nicht.“ Er lachte brummend.
Hufnagel trat zögernd näher, die Aktentasche schützend vor seinen dicken Bauch gepresst. „Wer sind Sie?“
„Mein Name ist Alex“, sagte der Pandabär.
„Und was machen Sie in meinem Büro? Ist das ein Scherz? Drehen Sie hier mit versteckter Kamera fürs Fernsehen?“
„Nein, nein, Herr Hufnagel“, antwortete der Bär. „Da kann ich Sie beruhigen.“
Aber Herr Hufnagel beruhigte sich nicht. Wieso konnte ein Pandabär überhaupt sprechen? Offenbar machte er am Computer auch gerade eine Kalkulation. Neben der Tastatur lagen einige Formulare.
„Man hat uns gesagt, dass Sie Pandabären mögen. Also hat man mir die Gestalt eines Pandas gegeben. Ich mache ab heute Ihre Arbeit.“

„Meine Arbeit? Sie?“
„Ja, genau. Warum holen Sie sich nicht einfach einen Kaffee und setzen sich zu mir. Ich habe noch einige Fragen zu laufenden Krediten und zu Ihrer Vorruhestandsregelung.“
„Ich bin … entlassen?“
„Das ist ein hässliches Wort. Ich mache nur ab heute Ihre Arbeit. Sie können sich neuen Aufgaben widmen. Ihre Altersvorsorge ist gesichert. Die Kunden werden sich freuen, denn ich bin wirklich vierundzwanzig Stunden für sie da.“
Chilly - For Your Love. https://www.youtube.com/watch?v=OGBUHWjOtWI

Freitag, 16. Februar 2018

Voll in die Fresse – vom Kiezschreiber

Auch wenn es mich unsympathisch macht: Manchmal freue ich mich, wenn es anderen Menschen schlecht geht. Nehmen wir zum Beispiel die SPD. Diesen lauwarmen Drecksverein, der es immer vermasselt, selbst wenn es gar nichts zu vermasseln gibt. 16 Prozent in Umfragen, Chaos und Selbstzerfleischung. YES !!!
Ich glaube ja, dass Sozialdemokraten Masochisten sind. Die ritzen sich bestimmt. Die stehen morgens vor dem Badezimmerspiegel und mögen ihre eigene Fresse nicht. Eigentlich wollen sie, dass es ihnen schlecht geht. Es geht ihnen beschissen und alle schauen dabei zu. Öffentliche Selbstverstümmelung. I love it.
Wenn Sie ein wenig selbstverliebt sind, gelegentlich mal asozial und anderen Leute gerne mit vollem Anlauf in die Eier treten, gehen Sie zur FDP. Aber wenn sie von Beruf Opfer sein wollen, ein weinerlicher Waschlappen, der von allen gehasst und verachtet wird – dann sind Sie in der SPD goldrichtig.

Sie werden mich erwischen

Kurz vor Sonnenaufgang schlugen sie mit Fäusten an meine Tür. Vorsichtig öffnete ich das Schlafzimmerfenster und schaute hinunter. Einige von ihnen hatten sich vor meiner Haustür zusammengerottet. Ich musste verschwinden, so viel stand fest.
Ich kletterte aus dem Küchenfenster und sprang auf das Flachdach eines Anbaus. Ich lief auf die andere Seite und ließ mich an der Regenrinne in den Garten hinab. Dort kletterte ich über den Zaun auf das Nachbargrundstück.
Es gelang mir, auf eine Seitenstraße zu kommen. Zwei von ihnen stand an der Ecke zur Hauptstraße und sahen mich. Sie alarmierten die anderen. Ich rannte los und kam auf den Parkplatz eines Supermarkts. Ein offenes Auto, der Schlüssel steckte. Eine Frau räumte gerade ihre Einkäufe in den Kofferraum.
Ich setzte mich ans Steuer und fuhr mit quietschenden Reifen los. Das hatten sie natürlich bemerkt. Eine wilde Verfolgungsjagd begann. Sie blieben mir dicht auf den Fersen. Unfälle, Explosionen, das totale Chaos. Nichts für schwache Nerven, aber im Gassengewirr von Chinatown konnte ich sie abwimmeln.
Ich ließ den Wagen stehen und rannte in eine Wäscherei. Durch eine Tür hinter dem Verkaufstresen gelangte ich in einen Raum, in dem weiße Bettlaken auf der Leine hingen. Ich durchquerte ihn und gelangte auf einen Hinterhof. Dann kam ich in eine Werkstatt und anschließend in die Küche eines Restaurants.
Ich blieb nicht stehen und stand schließlich mitten im Restaurant. Dort saßen einige von ihnen, die mich erkannten. Sie sprangen auf und kamen auf mich zu. Ich stieß sie von mir und rannte hinaus ins helle Sonnenlicht.
Überall wankten Arbeitgeber wie Zombies durch die Straßen. Verdammter Fachkräftemangel! Eines Tages werden sie mich erwischen.
Frank Sinatra - I'll Remember April. https://www.youtube.com/watch?v=pepYluyez4k

Donnerstag, 15. Februar 2018

Nachrichten aus dem Fass

Es ist ein alter Traum von mir. Der Kern meiner Lebensphilosophie. Im Prinzip kreist mein Schreiben seit dreißig Jahren um dieses Thema. Das Nichts. Und in konkretes Handeln übersetzt: das Nichts-Tun.
Diogenes ist seit den Kindertagen, in denen ich mich mit den griechischen Sagen befasst habe, mein heimlicher Held. Nicht der listige Odysseus, nicht der Superheld Herakles. Sondern der Typ, der einfach nichts macht. Oskar aus der Sesamstraße ist sein modernes Pendant.
Wer untätig ist, macht sich unangreifbar. Kein Besitz, kein Ehrgeiz. Ich wehre mich nicht gegen die Leistungsgesellschaft, ich will sie auch nicht verändern. Ich nehme einfach nicht an ihr teil. Das ist Subversion in Reinkultur.
Stellen Sie sich vor: Die ganze Gesellschaft tritt in einen unbefristeten Generalstreik. Nichts passiert mehr. Alle Räder stehen still. Die Politiker werden hilflos fragen: Was wollt ihr denn? Und die Menschen antworten: Gar nichts. Das wäre das Ende. Chaos statt Gefängnis. Ein Neuanfang.

Ben

„Mit leeren Händen wanderte ich von Zuhause fort, mit leeren Händen kehrte ich heim.“ (Xuefeng Yicun)
Eines Tages tauchte er plötzlich auf. Er nannte sich Ben, aber ich glaube nicht, dass Ben sein richtiger Name war. Mit einer Flasche Bier in der Hand saß er vor Uschis Waschsalon und blickte noch nicht mal auf, als ich den Laden betrat.
Uschis Waschsalon ist eigentlich ein Kiosk. Aber früher war es mal ein Waschsalon und über der Eingangstür war noch das alte Ladenschild. Uschi war noch ziemlich jung, sie hätte meine Tochter sein können. Bei ihr gab es alles, was man im Dorf so brauchte. Getränke, Zigaretten, Brötchen, Süßigkeiten, Zeitungen und Zeitschriften.
Der Hit waren aber die Sandwiches, die sie selbst machte. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, jemals so gute Sandwiches gegessen zu haben. Mit Käse, Schinken, Salat und Relish. Scharfes Paprika-Relish, süßes Mango-Relish, Gurken-Ingwer-Relish, Avocado-Relish. Sie machte die Soßen selbst. Ein Genuss.
Vor dem Waschsalon standen ein paar Klappstühle und wer Lust hatte, setzte sich eine Weile hin und schaute dem spärlichen Verkehr zu, der durch unseren Ort kam. Die meisten Leute wollten an den Strand, der etwa einen Kilometer vom Dorf entfernt war. Manchmal, wenn nichts los war, setzte sich Uschi dazu.
Ben sah ich immer öfter. Er kam dreimal am Tag. Morgens holte er sich Brötchen und Kaffee, mittags aß er ein Sandwich oder zwei und abends kaufte er sich Bier und eine Kleinigkeit zum Knabbern. Irgendwann kamen wir ins Gespräch. Er hatte immer einen Skizzenblock dabei. Ich fragte ihn, was er zeichnen würde.
Das Meer, sagte er. Meistens das Meer. Auf den Blättern, die er beim Bier durchsah, konnte ich nur wirre Linien erkennen. Es hätte alles Mögliche sein können. Ich fragte ihn, wo er im Dorf wohnte. Er grinste nur und schüttelte den Kopf. Er käme jeden Tag mit dem Auto, sagte er und deutete mit dem Kopf auf den Chevrolet El Camino. In seinem Atelier würden aus den Skizzen Ölgemälde, die er an reiche Sammler in die Stadt verkaufte.
Eines Tages sah ich seinen Wagen auf dem Parkplatz an den Dünen. Ich ging zum Strand, aber ich sah ihn nirgends. Ich kletterte über die Düne, die an einigen Stellen mit Strandhafer bewachsen war. Dahinter war ein kleines Wäldchen. Dort sah ich ihn vor seinem Zelt sitzen. Er hatte nur eine Bermuda-Shorts an und rauchte gerade eine Zigarette. Am Ende des Sommers verschwand er so plötzlich wie er aufgetaucht war.
Dazz Band – Let It Whip. https://www.youtube.com/watch?v=WSIL-SU--Lw

Mittwoch, 14. Februar 2018

Österreich zwischen Reaktion und Revolte?

Um eines muss man die Österreicher nicht beneiden. Nach dem Ende ihrer GroKo-Zeit landeten sie in einem reaktionären Bündnis zwischen einer ÖVP im Führermodus und der rechtsextremen FPÖ. 2021 werden wir Deutsche die Union mit der AfD in einem ähnlichen Bündnis sehen.
Aber um das Frauen*Volksbegehren beneide ich unsere Nachbarn schon. Ich habe als Wahlberliner mit Volksentscheiden gute Erfahrungen gemacht. Es ist schön, wenn man zwischen den Wahlen konkret um seine Meinung gebeten wird. Es ist wie bei den üblichen Wahlen: mal gewinnt man, mal verliert man. Das Tempelhofer Feld wurde den Immobiliengeiern entzogen, der Flughafen Tegel bleibt auch einem Nichtflieger wie mir leider erhalten.
In Österreich geht es um eine echte 50%-Quote auf den Chefsesseln in Politik und Wirtschaft, nicht um diese lauwarme Scheiße mit den Aufsichtsräten wie in Deutschland. Die 30-Stunden-Woche finde ich hervorragend, mit Zeitpolitik habe ich mich zehn Jahre hauptberuflich beschäftigt. Alleinerziehende unterstützen – großartig. Ich kenne eine Frau, die in Teilzeit 1100 netto verdient und zwei Kinder von zwei Vätern hat, die beide nix bezahlen. Selbstbestimmung, Schutz vor Gewalt, da gibt es noch einige Punkte, die ich hier nicht alle aufzählen kann.
Hätten wir auf Bundesebene doch auch endlich Abstimmungen – die das Grundgesetz übrigens ausdrücklich vorsieht (Artikel 20). Felix Austria! Viel Erfolg, Österreich.
P.S.: Laut Grundgesetz sind Mitgliederbefragungen zu Regierungskoalitionen wie aktuell bei der SPD oder Sonderparteitage wie bei der CDU nicht vorgesehen. Wenn ich mir die Spielanleitung der Bundesrepublik von 1949 so anschaue, bestimmen die Abgeordneten des Bundestags, die wir letztes Jahr gewählt haben (die älteren Leser werden sich erinnern), wer die Regierung führt.

Lüdenscheid o muerte


Blogstuff 193
„Ich kotzte den letzten Rest meiner Würde in den Rinnstein. Der Regen spülte ihn in die Finsternis der Kanalisation und dort ist er bis heute.“ (Lupo Laminetti)
GroKo: Kanzlerwahlverein meets Karnevalsverein.
Brandt hat als Parteivorsitzender die Fackel an Hans-Jochen Vogel weitergegeben. Jetzt gibt Schulz über Scholz das Streichholz an die Nahles weiter. Wer wird das Fünkchen einmal erben?
Die Handwerkerfamilien sind stolz, wenn sie ihre Kinder aufs Gymnasium schicken und wenn hernach noch eins von ihnen studiert. Dann wundern sie sich, wenn der Sohn als Klangschalentherapeut nach Köln geht und die Tochter einen Zahnarzt heiratet. Solche Kinder übernehmen die Metzgerei nicht mehr.
Achtung, der tut jetzt weh: Ich bin ein Guter und kein Schlächter. Gesinnungshumor de luxe!
Haarsträubende Vergleiche I: 2016 töteten US-Polizisten 963 Menschen, 408 Menschen wurden in vierzig Jahren an der innerdeutschen Grenze getötet (Quelle: ZERV).
Geld ist natürlich die ultimative Motivation. Aber es gibt immer noch die entwicklungsgeschichtlich ältere neurochemische Selbstbelohnung. Ich setze im Prenzlauer Berg Punkt 22 Uhr die Nachtruhe durch. Ich bekomme direkt vor dem Restaurant einen Parkplatz. Wir holen uns die Kicks auch ohne Drogen.
Haarsträubende Vergleiche II: München hat so viele Einwohner wie der Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf, jeweils 1,5 Millionen.
Zum 200. Geburtstag von Karl Marx: Es gibt immer noch das Proletariat, aber es hat immer noch keine Interessenvertretung. #Arbeiterpartei

Stattdessen kämpfen Frauen, Schwarze, Arme, Homosexuelle, Kranke, Marxisten und Behinderte als Einzelgruppen auf nationaler Ebene gegen einen international perfekt vernetzen Konzernkapitalismus. #Solidarität
Moralismus und Puritanismus sind die neuen Spielwiesen des Bürgertums, das sich selbst als „linksliberal“ definiert, aber längst seinen Antikapitalismus aufgegeben hat, weil es vielversprechender ist, sich gegen Gedichte oder Gemälde zu wenden, als den Kampf mit den Konzernen und Überwachungsorganen aufzunehmen. Vor der Macht hat man resigniert, jetzt gängelt man sich gegenseitig mit jakobinischen Exzessen.
„Hylas und die Nymphen“ von John William Waterhouse wurde aus der Manchester Art Gallery entfernt:

Was machen wir mit dem „Ursprung der Welt“ von Gustave Courbet? Das ist eindeutig Pornographie, oder? Wenn Sie anderer Meinung sind, habe ich folgende Frage an Sie: Wäre es für sie Pornographie, wenn es kein Gemälde, sondern eine Fotografie wäre?

Aber wenigstens ist die Frauenbewegung in dieser Frage mit dem sprenggläubigen Islam einer Meinung.
Black Sabbath - Crazy Train. https://www.youtube.com/watch?v=N0i9yCZ5D8E

Dienstag, 13. Februar 2018

Das Paket

„Der Trieb, aus unserem Wesen etwas hervorzubringen, das zurückbleibt, wenn wir scheiden, hält uns eigentlich am Leben fest.“ (Hölderlin)
Wenn Sie eine Agentur gründen, die im Internet mit dem Slogan „Wir übernehmen jeden Auftrag, Mord und Heiratsvermittlung ausgenommen“ wirbt, müssen Sie mit allem rechnen.
Die Frau, die eines Tages mein Büro betrat, war etwa einsfünfzig groß und sorgfältig geschminkt. Dennoch sah ich, dass sie die vierzig überschritten hatte. Es war einfach die Art, wie sie mich ansah.
„Können Sie dieses Paket nach Island bringen?“ fragte sie mich, nachdem wir die üblichen Begrüßungsfloskeln ausgetauscht hatten.
Das Paket war nicht größer als eine Faust und würfelförmig. Es war in schwarzes Lackpapier eingeschlagen und mit einer silbernen Kordel zugeknotet. Eigentlich sah es wie ein edles Geschenk aus.
„Was ist in dem Paket?“ fragte ich.
„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“
„Wenn es illegal ist, Drogen zum Beispiel, werde ich es nicht transportieren.“
„Keine Angst. Keine Drogen, kein Gift, keine Waffe, keine Bombe.“
„Ist es die Asche eines Verstorbenen?“
„Nein.“
Ich schwieg und überlegte. „Warum schicken Sie das Paket nicht mit der Post?“
Sie schüttelte den Kopf und ihre großen Ohrringe bewegten sich. „Ich kann dieses Paket nicht per Post schicken. Es ist zu wertvoll.“
„Ist es Schmuck? Gold? Dann müssen wir es versichern.“
„Nein, es ist nicht im materiellen Sinne wertvoll. Keine Diamanten, kein Diadem oder so etwas. Sehen Sie, es ist ganz leicht.“
Sie gab mir das kleine Paket und ich hielt es zum ersten Mal in der Hand. Es war federleicht. Unter dem Papier fühlte ich eine Art Schachtel. Etwas Festes.
„Sie werden den Auftrag übernehmen? Ich zahle Ihnen alle Reisespesen plus tausend Euro.“
Sie legte einen Umschlag mit Geld auf den Tisch.
Ich nickte.
***
Als ich in Reykjavik aus dem Flugzeug stieg, war es bitterkalt und für den Nachmittag war ein Schneesturm angekündigt. Im Flughafengebäude war nicht viel los. Mir fielen zwei Mädchen auf, Zwillinge in identischen Kleidern, die mich stumm anstarrten. Ich ging hinaus zum Taxistand und stieg mit dem Paket ein. Während des Fluges hatte ich es die ganze Zeit in der Hand gehalten.
Wir fuhren auf der Landstraße 1 nach Norden, dann bogen wir auf die 60 ab. Eine endlose Schneelandschaft, keine Bäume, keine Häuser. Der Sturm blies Schnee auf die Straße, so dass mein Fahrer kaum etwas erkennen konnte.
„Sind Sie das erste Mal in Island?“ fragte er.
„Ja.“
„Wie lange bleiben Sie?“
„Morgen fliege ich zurück nach Berlin.“
„Sie haben kein Gepäck dabei, nur dieses Paket.“
„Ja.“
„Entschuldigen Sie, dass ich neugierig bin. Was ist denn drin?“
„Keine Ahnung.“
Der Fahrer lachte.
Mein Ziel war ein abgelegenes Haus am Ortsrand von Holmavik. Der Taxifahrer ließ mich an der Straße raus, da der schmale Weg zum Haus nicht befahrbar war. Ich bat ihn zu warten, aber er schüttelte nur den Kopf. Er wollte so schnell wie möglich nach Hause.
Ich stapfte durch den eisigen Wind auf das Haus zu. Trotz meiner Winterkleidung fror ich erbärmlich. Die Fenster des Hauses waren nicht erleuchtet. Nichts deutete auf Leben hin.
Ich klopfte an die Tür.
Ich wartete.
Ich klopfte ein zweites Mal. Laut, fast verzweifelt.
Dann hörte ich Schritte.
The Church - Cortez The Killer. https://www.youtube.com/watch?v=JQVXQArandw
Wer erinnert sich noch an M.C. Escher?

Montag, 12. Februar 2018

Die Kindersoldaten der SPD

Sie träumten von gesellschaftlichen Veränderungen, heute sind sie traumatisiert von den Grabenkämpfen der Parteipolitik.

Kevin Spacey.

Gottes kleiner Bruder

„Nichts kann mehr zu einer Seelenruhe beitragen, als wenn man gar keine Meinung hat.“ (Georg Christoph Lichtenberg)
Es war an einem Montag gegen elf Uhr, als Gottes kleiner Bruder die Erde betrat. Er stand mitten im Wald und sah an seinem nackten Körper hinunter. Niemand hatte ihn ankommen sehen, aber ich schätze, es war so wie bei den Zeitreisen in den Terminator-Filmen mit Arnold Schwarzenegger. Gottes kleiner Bruder war jedoch eher klein und schmächtig. Also schuf er sich als erstes ein weites Gewand aus hellem weichem Stoff und ein Paar solide Schuhe.
Er wanderte in den nächsten Ort. Es war ein kleines Dorf namens Wichtelbach. Er grüßte jeden, der vorüberkam. Die Leute grüßten zurück und gingen weiter. Gottes kleiner Bruder war gekommen, um die Welt zu retten. Aber wie sollte er es anstellen? Also fragte er eine alte Frau, an wen er sich wenden könne, er sei neu im Ort. Gehen Sie am besten zum Bürgermeister, antwortete ihm die Frau und wies ihm den Weg.
Der Bürgermeister empfing ihn freundlich, wusste aber auch nicht, wie er ihm mit seinem Anliegen helfen könne. Insgeheim befürchtete er, vor ihm stünde ein Geisteskranker. Er verwies ihn ans Landratsamt in der Kreisstadt. Gottes kleiner Bruder machte sich unverzüglich auf den Weg in die Stadt. So verging der erste Tag.
Als der Landrat ihn endlich empfing, stellte sich heraus, dass dieser ihm auch nicht helfen könne. Er solle sich doch an die Presse wenden und gab ihm die Telefonnummer der Lokalredaktion. Auch fragte er ihn, wie er den heiße. Gottes kleiner Bruder überlegte kurz und antwortete: Hermanito. Eigentlich hatte er gar keine Lust, mit einem Reporter zu sprechen. Wer weiß, was diese Leute aus seiner Geschichte machen würden? Aber die Sache mit den Medien war eine gute Idee.
Am gleichen Abend erschien Hermanito auf allen Fernsehkanälen der Welt. Gleichzeitig, live und in Farbe. Er verkündete, dass er Gottes kleiner Bruder sei und die Welt retten wolle. Als ersten Schritt beabsichtige er, den Reichtum der Welt gleichmäßig auf alle Menschen zu verteilen. Die Reaktion war gewaltig. Er war das Thema Nummer 1 in jedem Gespräch. Aber die Milliardäre, die zu diesem Thema interviewt wurden, weigerten sich, ihr Geld abzugeben. So verging der zweite Tag.
Am nächsten Tag schuf Hermanito sich eine bescheidene Hütte auf einem Hügel, um Ruhe zu finden. Er wollte nachdenken. Inzwischen wurde er von Reportern belagert, die ständig an seine Tür klopften. So konnte es nicht weitergehen. Also beschloss er, vierundzwanzig Stunden nach seiner Fernsehansprache, ein Zeichen zu setzen. Auf einen Schlag fielen die tausend reichsten Menschen tot um. Kein Wachpersonal, keine Sicherheitsanlagen hatten sie schützen können. Sie waren tot. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer um die Erde. Die Milliardäre waren weg. Hermanito sprach seine Forderung in die Mikrophone der Reporter: Verteilt den Reichtum unter die Armen. So verging der dritte Tag.
Am nächsten Tag meldeten sich die Erben der Vermögen und begannen zögernd, Geld an Hilfsorganisationen zu überweisen. Aber es ging alles viel zu langsam und die Reichen dachten, ihre Vermögen in den Steueroasen wären dem Blick von Gottes kleinem Bruder verborgen geblieben. Also beschloss Hermanito den nächsten Schritt. Er versprach, alle Waffen auf der Welt zu vernichten. Man solle sich bis Mitternacht aus den Waffenfabriken entfernen, denn auch sie würden zerstört werden. Und tatsächlich: über Nacht waren alle Schusswaffen und alles militärische Gerät verschwunden. So verging der vierte Tag.
Am Freitag waren alle Kriege vorbei. Die Soldaten hatten keine Waffen mehr, die Waffenfabriken waren verschwunden. Flugzeugträger und Atom-U-Boote waren ohne Waffen und fuhren in ihre Häfen zurück. Bomber und Panzer waren verschwunden, es gab keine Atomwaffen mehr. Aber auch die Polizei und die Wachmannschaften der Reichen hatten keine Waffen mehr. Es gab Plünderungen, die nur mit Knüppeln und Tränengas nicht aufgehalten werden konnten. Die Paläste der Reichen wurden regelrecht auseinander genommen.
Es kam zu Volksaufständen. Trump wurde aus dem Weißen Haus gezerrt und Putin flog aus dem Kreml. Die Nordkoreaner stürmten Südkorea, die Herrschaft der Kim-Dynastie war vorüber. Millionen Palästinenser überquerten die Grenze zu Israel, niemand konnte sie aufhalten. Sie begannen, Häuser zu bauen und Gärten anzulegen. So verging der fünfte Tag.
Hermanito war unzufrieden. Er versuchte immer das Gute, das war aber schwerer als er dachte. Inzwischen war sein kleines Haus von zehntausenden Menschen belagert, die voller Wünsche und Ideen waren. Er hörte ihnen aufmerksam zu. Also schuf er genügend Nahrungsmittel für die Menschen in Afrika und in anderen armen Ländern. Aber die Leute wollten nicht nur satt sein. Also gab er ihnen neue Kleider. Aber sie sahen das Elend ihrer Hütten und wollten mehr. Hermanito ahnte: Wenn ich ihnen Häuser gebe, werden sie Autos haben wollen.
Er musste radikaler vorgehen, es war schon Samstag. Also ließ er alles Geld auf Bankkonten und in Steueroasen, alles Bargeld, alles an Gold, Schmuck und Diamanten in einem einzigen Augenblick verschwinden. Aber die Menschen jammerten, denn er hatte die Wirtschaft der ganzen Welt ins Chaos gestürzt. Wie sollte man ohne Geld Handel betreiben? Wie sollten sich die Menschen in den Städten ernähren, die von Landwirtschaft keine Ahnung hatten? So verging der sechste Tag.
Schließlich hat Gott ein Einsehen und holte seinen kleinen Bruder am Sonntagmorgen zurück. Er sagte nichts und gab ihm einen Job im Himmel. Heute leitet Hermanito den Vergnügungspark für die Kinder und ist sehr zufrieden.
5000 Volts - I'm On Fire. https://www.youtube.com/watch?v=J84DXzDMG_M
P.S.: Bevor mal wieder unqualifizierte Fragen auftauchen, habe ich ein paar Infos für Sie zusammengestellt. Ja, Gott ist ein Mann. Ja, er hat einen kleinen Bruder und eine große Schwester. Die Schwester war für die Einhörner (schon ausgestorben), die Flamingos und Norwegen zuständig. Ja, alle drei sind Mexikaner. Daher der Name „Hermanito“, übersetzt: kleiner Bruder.

Sonntag, 11. Februar 2018

Mainzer Rosenmontagszug 2018 - Erste Bilder für Leser ab 18




Darüber wird morgen die Welt sprechen.

Copyright: Frank Schönhals.

Danke an meinen Leserreporter und alten Schulfreund für diesen exklusiven Einblick.

Guido Knopp präsentiert: Martins Helfer

„Es ist eine Falle.“ (Admiral Ackbar)

Das ist das neue Konzept von Bonetti Media: brandaktueller Content und süße Tierbilder.
Ihr Colonel Clickbait

Zeig mir deine Helden und ich sag dir wer du bist

Es war an einem Montagmorgen irgendwann vor zehn Jahren. Keine Ahnung, es ist schon eine Weile her. Aber ich weiß genau, dass es ein Montag war. Ich hatte am Tag zuvor mit Freunden ein Fußballspiel im Stadion gesehen. Mainz 05. Sonntagsspiel. Bei einem der Jungs hatte ich auf der Gästematratze übernachtet und als ich am nächsten Morgen mit bierschweren Lidern erwachte, war mein Gastgeber schon längst über alle Berge, um irgendwelche dicken und frechen Kinder auf einer Gesamtschule zu unterrichten.
Er hatte mich gebeten, so lange in seinem Haus zu bleiben, bis der Lieferdienst ein Päckchen für ihn abgegeben hätte. Ich zog mich an, aß einen Joghurt und trank jede Menge Mineralwasser. Dann, gegen zehn Uhr, klingelte es. Der Lieferfahrer stand vor der Tür. Das Päckchen war ein Laufband, so ein Fitnessteil, das mindestens drei Zentner wog. Wir wuchteten das Teil zusammen vom Lkw in den Hausflur und verschnauften erst einmal. An der Garderobe hingen die Fanschals und andere Sachen mit extrem starkem Mainz 05-Bezug. So kamen wir ins Gespräch.
Was soll ich sagen? Dieser Mann, damals um die fünfzig, hatte früher bei Mainz 05 gespielt. In den siebziger und achtziger Jahren. 1988 war Mainz in die Zweite Bundesliga aufgestiegen und gleich wieder abgestiegen. Erst mit dem Wiederaufstieg 1990 setzte sich der Verein im Profigeschäft durch. Bis 1996 lag der Zuschauerschnitt bei mageren 4000 Besuchern. Natürlich haben auch die Amateure damals schon in der dritten Liga Geld verdient, aber das war auf dem Niveau eines Kellners oder eines Bauarbeiters.
Aber der Lieferfahrer hat nicht geklagt. Das war sein Leben. Er war stolz, für die 05er gespielt zu haben. Nach dem Ende seiner Zeit als Fußballer ist er eben Lieferfahrer geworden. Es gibt Nationalspieler aus meiner Kindheit, die haben nach ihrer Karriere mit einem Kiosk oder einem Sportgeschäft weitergemacht. Aber heute erzählen sie uns, ein Spieler verdiene Millionen, weil er nach seiner Zeit als Spieler davon leben müsse.
Wer sagt das? Ist das in Stein gemeißelt? Steht das schon im Alten Testament? Bis 35 muss ich die Kohle für den Rest meines Lebens gemacht haben? Warum? Kann sich ein Spieler keinen anderen Job suchen? Dann heißt es immer: Die Fußballer haben ja nichts anderes gelernt. Na und? Die Typen trainieren höchstens zwei Stunden am Tag und haben am Wochenende ein Spiel, falls sie nicht auf der Ersatzbank sitzen. Bestenfalls ein Halbtagsjob. Da kann man nebenbei locker ein Fernstudium oder was auch immer machen.
Bei Mainz 05 verdient keiner der Spieler unter einer Million, sagt mein Orthopäde und der muss es wissen, weil er früher der Mannschaftsarzt der 05er war. Augenblicklich sind sie auf dem 16. Platz in der Bundesliga. Das ist Wahnsinn! Aber Vereine und Spieler erzählen die Story vom kleinen Zeitfenster, um „sein Schäfchen ins Trockene zu bringen“, und die Journalisten und Fans plappern es treudoof nach. Von mir kriegen diese Leute jedenfalls keinen Cent. Weder für Fanartikel, Eintrittskarten oder Pay-TV. Dieses heilige Gelübde habe ich in den letzten zehn Jahren nie gebrochen.
Bobby Pickett - Monster Mash. https://www.youtube.com/watch?v=SOFCQ2bfmHw