Dienstag, 3. April 2018

Alles wegen Skippy

„Wir können offenbar ohne Feinde nicht glücklich werden. Und ohne Feindbilder können die Medien nicht auf den Wellen unserer Empörung surfen.“ (Lupo Laminetti)
Wir hätten es alle wissen können, denke ich, als ich die letzte Büchse Soljanka-Ersatz meiner Monatsration öffne. Spätestens, als die deutsche Presse, die wie immer besonnen auf aktuelle Themen reagiert hat, den Vergleich mit Sarajewo zog. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers und seiner Frau 1914. Hundert Jahre später also der Mordanschlag auf Sergej „Skippy“ Skripal und seine Tochter in Salisbury.
Die Spurensicherung ist noch am Tatort, Miss Marple hat noch nicht einmal ihre Stützstrümpfe angezogen, da präsentiert die britische Regierung schon den Täter: Putin. Ein Anschlag auf Russen? Dann müssen es Russen gewesen sein. Wer hätte sonst ein Motiv? Das geheimnisvolle Gift sei aus Russland, heißt es, obwohl die Formel zu Herstellung des Gifts bei Wikipedia zu finden ist. Egal. Werft in guter alter Wildwestmanier einen Strick über den Baum! Wer braucht im Zeitalter des Turbojournalismus noch Fakten?
Ein Russe wurde vergiftet. Irgendwo in England. Anfangs habe ich noch nicht einmal die entsprechenden Artikel angeklickt. Je älter ich werde, umso weniger interessiere ich mich für Nachrichten. Mit jedem Tag erscheinen sie mir trivialer und banaler, sie wiederholen sich. Muss ich mich tatsächlich dafür interessieren? Und hat der Fall womöglich historische Bedeutung? Aber während wir uns alle noch fragen, ob es ein Fall für Sherlock Holmes oder für James Bond ist, überschlagen sich die Ereignisse im Hunsrück.
Morgendämmerung, Nebel liegt über den Wiesen. Schweppenhausen schläft noch. Erna Malotzke kommt bei ihrem morgendlichen Rundgang mit Dackel Fridolin gerade am Friedhof vorbei, da fängt er plötzlich an zu knurren. Der Hund, nicht der Friedhof. Wie bei einem Erdbeben merken die Tiere das heraufziehende Unglück früher als die Menschen. Dann hört auch Frauchen das dumpfe Brummen der Motoren.
Zehn Minuten später steht eine russische Panzerkolonne auf der Dorfkreuzung und blockiert die Straßen in alle vier Richtungen. Niemand kommt mehr mit dem Auto nach Stromberg, Waldalgesheim, Eckenroth oder Windesheim. Die beiden einzigen CDU-Mitglieder des Gemeinderats flüchten durch die Weinberge in den Wald.
Die russische Soldateska ist erschüttert. Es gibt keinen Supermarkt, keinen Bäcker, keinen Metzger im Ort, noch nicht einmal eine Kneipe, die man plündern könnte. Die Winzer verhalten sich ruhig. Was passiert, wenn den Russen den Tresterschnaps entdecken? Drehen sie dann völlig durch?
Jetzt arbeite ich auf einer Kolchose, die Lebensmittel sind streng rationiert und nur auf Bezugsschein erhältlich. Die Russen sind sauer. Hier gibt es nichts zu holen. Ein paar Fernseher, Handys und billigen Schmuck. Schweppenhausen ist für sie ein Zuschussgeschäft.
Wo bleibt die Bundeswehr? Die 95 Panzer, die aktuell einsatzfähig sind, werden andernorts gebraucht, heißt es. Wir sind verloren, im Fernsehen laufen nur noch russische Militärparaden, im Radio läuft das Streichquartett Nr. 8 von Schostakowitsch als Dauerschleife. Fußball-WM gibt es auch keine.
So beginnt der dritte Weltkrieg. Alles wegen Skippy.
Walter Murphy - A Fifth of Beethoven. https://www.youtube.com/watch?v=4MFbn8EbB4k

Hier sehen Sie den despotischen Tartarenfürsten, der sich in sein blutiges Fäustchen lacht.

Kommentare:

  1. In 15 Minuten sind die Russen auf dem Kuhfürstendamm
    Sie lassen Ihre Panzer im Parkhaus stehen
    und wolln im Kaffee Kranzler die Sahnetörtchen sehen..

    Udo L , irgendwann in den 80ern, als ich noch Radio hörte.

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  2. By the way, man vergisst immer, daß die Russen die wichtigsten Waffenbrüder im Krieg gegen Napoleon waren. Ohne diesen gewonnenen Krieg kein großes Preußen, kein Deutschland.
    Wir würden inzwischen wohl alle Französisch sprechen.
    Nun, warum nicht.
    Wer war eigentlich dieser Alex, nach dem diese Betonplatte in Berlin Mitte benannt ist ? ?

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