Donnerstag, 5. April 2018

Inferno und Ekstase

„Ich bin im Besitz der Wahrheit, doch vermag ich sie nicht vernünftig zu begründen. Die unschätzbare Gabe, sie anderen mitzuteilen, ist mir nicht gewährt.“ (Jorge Luis Borges: Das Sandbuch)
Wir kennen diesen Mann und doch würden wir ihn nicht erkennen. Er trägt trotz frühlingshafter Temperaturen einen Trenchcoat. Den Hut hat er tief ins Gesicht gezogen und mit seinem riesigen falschen Schnurrbart wirkt er wie ein bulgarischer Pornodarsteller.
Das Gebäude sieht aus wie ein antiker Tempel. Mächtige Säulen stützen einen dreieckigen Giebel. Zwölf Stufen muss er hinaufgehen, bevor er an der hohen Eingangstür angelangt ist. Er sieht sich nervös um. Werden sie ihn erwischen? Es wäre unglaublich peinlich und ein Fall für die Weltpresse. Aber er kann diese geheime Mission auch keinem seiner Mitarbeiter übertragen.
Er tritt ein und geht zum Empfangstresen. Seine Schritte hallen unter der Kuppel des turnhallengroßen Foyers. Er zeigt seinen Besucherausweis. Er versucht zu lächeln, aber es misslingt ihm auf so klägliche Weise, dass der diensthabende Beamte eigentlich Verdacht schöpfen müsste. Aber Bonetti ist drin. Das wäre geschafft.
Er geht die Treppe hinauf. Fünf Millionen Bücher. Die Nationalbibliothek. Nur sein Werk fehlt noch. Er sieht sich um. Niemand zu sehen. Dann zieht er ein Exemplar seines Meisterwerks „Inferno und Ekstase“ aus der Innentasche seines Mantels und stellt es unter B ab. Zwischen Thomas Bernhard und Bertolt Brecht. Manchmal ist es schwieriger, ein Buch zu verschenken, als es zu stehlen.
***
Ich sitze im „Benedict“ in der Uhlandstraße. Downtown Berlin, sieht aber aus wie die sechziger Jahre in Wuppertal. Genüsslich verspeise ich eine Portion Shakshuka, ein nordafrikanisches Pfannengericht aus Eiern, Tomaten und Paprika, und trinke dazu ein Glas Mimosa, Champagner mit Orangensaft. Es ist elf Uhr morgens.
Zwei Männer in schwarzen Ledermänteln, mit schwarzen Handschuhen, mit schwarzen Sonnenbrillen und mit schwarzen gegelten Haaren treten an meinem Tisch.
„Mister Bonetti.“
„Ja?“
„Sie sind verhaftet.“
„Ich hatte Sie schon im Morgengrauen erwartet.“
„Wir sind keine Unmenschen.“
„Was wird mir vorgeworfen?“
„Sie wissen es.“
Ich tupfe mir den Mund mit meiner Serviette ab, stehe auf und folge ihnen.


Neun Stunden Entspannung: Das Geräusch von Regen auf einem Zelt. https://www.youtube.com/watch?v=MdVBo4OmuDk



Kommentare:

  1. "Manchmal ist es einfacher, ein Buch zu verschenken, als es zu stehlen." - der Satz macht für mich in dieser Geschichte nur Sinn, wenn man "einfacher" durch "schwieriger" ersetzt-

    Aberwatweeeßickeschon...

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    1. Danke! Habe den Satz geändert. Jetzt macht er Sinn :o)

      Geht doch nix über eine kluge Leserschaft

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