Montag, 9. April 2018

Wie Münchhausen den Krieg gewann

„Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (Bibel: 1 Kor 15, 55)
Bald ist es dreißig Jahre her, dass die Berliner Mauer fiel, und manch einer kann sich gar nicht mehr an den Kalten Krieg erinnern, oder er ist zu jung, um es selbst erlebt zu haben.
Ost und West standen sich vierzig Jahre unerbittlich in diesem Krieg gegenüber. Aber die Bataillone, die in diesen Jahren täglich in die Schlacht zogen, trugen keine Waffen. Es war ein Krieg der Worte und der Bilder, es war in erster Linie ein Propagandakrieg, da man sich scheute, die fürchterlichen atomaren Vernichtungswaffen zum Einsatz zu bringen. Wer macht die beste Werbung für seine Lebensweise, für seine Gesellschaftsform? Der Westen hat diesen Kampf gewonnen. Die Marktwirtschaft als Meisterin der Selbstvermarktung.
Wie immer, wenn es um Reklame, um Propaganda geht, müssen wir von der Lüge sprechen. Die Frage lautet also präzise: Wer hat besser gelogen? Vergleichen wir nur mal die Presse, das Fernsehen und das Radio in der BRD und der DDR. Die Produktwerbung im Westen war viel verführerischer als im Osten. Die Filmkulissen waren schöner. Die Schokolade und das Schnitzel schienen in Frankfurt am Main besser zu schmecken als in Frankfurt an der Oder. Die Verheißungen und Verlockungen des Westens weckten Begierden im Osten, umgekehrt funktionierte das überhaupt nicht.
Die Schutzmacht des Westens – Uncle Sam, der große Bruder – war einfach sexy: Coca-Cola, Hollywood, Rock’n Roll, Jeans, Cheeseburger und elegante Limousinen. Alles, was aus den USA kam, wurde blind verehrt und nachgeäfft. Die Schutzmacht des Ostens – Onkel Wanja, die Sowjetunion – war bestenfalls langweilig, aber eigentlich bedrohlich und hässlich zugleich. Soljanka, Archipel Gulag, Wodka und Mangelwirtschaft. Ein Schwarz-Weiß-Film, der keinerlei kulturellen Einfluss auf Europa hatte.
Und so kam es, dass der Osten den verlogenen Schmeicheleien des Westens erlegen ist. Der Wolf hatte Kreide gefressen und als die sieben Geißlein die Tür geöffnet haben, war es zu spät. Sie erkannten, dass es den ganzen Luxus im Westen tatsächlich gab, aber nicht für jeden. Jetzt hatten sie zwar Reisefreiheit, aber kein Geld, um nach Italien zu fliegen. Jetzt gab es Kaffee und Bananen in Hülle und Fülle, aber keine Garantie, sich alles leisten zu können.
Die Sicherheit ihres Lebens im Osten hatten sie aufgegeben für einen Platz am Roulettetisch des Casinokapitalismus. Werde ich morgen noch Arbeit haben? Wie wird es meinen Kindern einmal gehen? Die Wahlen zum Bundestag sind wie die Wahlen zur Volkskammer: man darf zwischen identischen Blockflöten auswählen. Die Überwachung des Privatlebens funktioniert dank „westlicher Technologie“ wie zu den besten Stasi-Zeiten. Die Freiheit wird – aus Gründen der Sicherheit (das „Supergrundrecht“ laut CSU), wegen der Gefahr des Terrorismus, der neuen Propagandakeule – immer weiter eingeschränkt.
Die Propagandaschlachten von einst sind geschlagen. Es gibt keine Alternative mehr. Wir sitzen in der Falle. Der Weg zurück ist versperrt. Nur wenige Jahrzehnte später, geprägt durch die tägliche, ununterbrochene Gehirnwäsche der Medien, der Reklame und der Politik, kann man sich ein anderes Leben gar nicht mehr vorstellen. Der Wolf kann sich derweil den Kapitaleinsatz für die Kreide sparen. Die Geschichte wird erst in eine neue Phase treten, wenn alle sieben Geißlein verschlungen und verdaut sind.
The Brothers Johnson - Stomp! https://www.youtube.com/watch?v=tPBDMihPRJA

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