Donnerstag, 21. September 2017

Eine Berlin-Rundfahrt mit dem Kiezschreiber

Meine Damen und Herren, ich möchte Sie heute auf eine Stadtrundfahrt durch Berlin mitnehmen, die einige unvergessliche Höhepunkte für Sie bereithält. Wie Sie wissen, habe ich mich viele Jahre mit der Geschichte dieser Stadt beschäftigt und möchte Sie nun an einige Orte entführen, die Ihnen von anderen Reiseanbietern nicht präsentiert werden.
Wir beginnen unsere Stadtrundfahrt am Bahnhof Zoo. Ich zeige Ihnen die Stelle, an der sich Christiane F. ihre erste Crackpfeife angezündet hat. Schräg gegenüber, da wo heute das Waldorf Astoria steht, war übrigens früher die Modelschule, in der Heidi Klum Laufen gelernt hat.
Wir fahren weiter zum Hotel Adlon am Brandenburger Tor, wo John F. Kennedy bei seinem Berlin-Besuch eine heiße Nacht mit Marlene Dietrich verbracht haben soll.
Anschließend besuchen wir, nur wenige Meter entfernt auf dem Prachtboulevard Unter den Linden, die russische Botschaft, an deren Gitterstäben einst Gerhard Schröder rüttelte und rief: „Ich will hier rein.“
Dann geht es zum Fernsehturm auf dem Alexanderplatz, wo wir die höchste Brauerei der Welt besichtigen werden. Hier können Sie beim Blick über die Stadt das berühmte Berliner Kellerbier genießen.
Der nächste Haltepunkt ist der Invalidenfriedhof an der Scharnhorststraße. Wir besuchen das Grab von Adolf Hitler, dem hier wegen seines fehlenden linken Hodens ein Platz zugewiesen wurde. Er liegt zwischen Bertholt Brecht und Rex Gildo. Fans hinterlassen hier gerne selbstgeschmiedete Hakenkreuze und AfD-Fähnchen.
Dann kommen wir zum Höhepunkt der Rundfahrt, dem Geburtshaus von Angela Merkel. Es steht im Prenzlauer Berg, Knaackstraße 97. Es handelt sich um ein äußerst unscheinbares Gebäude ohne besondere Kennzeichen. Wer abergläubisch ist, steckt einen Wunschzettel in den Briefkasten der Kanzlerin.
Weiter geht es in die Normannenstraße in Lichtenberg. Hier ist der Firmensitz des VEB Walter Ulbricht, einem erfolgreichen Bauunternehmen. Der Firmengründer erfand 1961 die berühmte Berliner Mauer. Eine der großen Attraktionen der Stadt.
Zum Abschluss unserer Rundfahrt kehren wir ins Gasthaus „Zum alten Fritz“ ein. Das Fachwerkgebäude, Baujahr 1753, ist das älteste Restaurant Berlins. Hier wurde die erste Bratwurst der Welt serviert. Sie finden es in der Allee der Kosmonauten im Stadtteil Marzahn.
Vielen Dank! Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen.
Yello - Cuad El Habib. https://www.youtube.com/watch?v=1CE--qJai8U

Mittwoch, 20. September 2017

Erstaunliche Fortschritte der Nanopoesie


Blogstuff 157
„Die meisten Bücher von heute scheinen an einem einzigen Tage geschrieben zu sein, nach Büchern, die am Abend vorher gelesen wurden.“ (Nicolas Chamfort)
Zu alt für die angesagten Clubs, zu jung fürs Altersheim. 51 ist ein Scheißalter.
Pfaff vs. Singer – der große Nähmaschinenkrieg. Aber dafür kann man die Jugend heute nicht mehr begeistern.
Hätten Sie’s gewusst? 1965 war Roberto Blanco der einzige Schwarze in Deutschland.
Früher waren Medien Scharlatane, die behaupteten, bei spiritistischen Sitzungen den Kontakt zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Geister herstellen zu können. So betrachtet hat sich ja nicht viel geändert. Wir bezahlen Leute, die angeblich Stimmen hören.
Seit es arbeitsteilige Gesellschaften gibt, richtet sich die Tätigkeit des Einzelnen im günstigsten Fall an eigenen Neigungen und Fähigkeiten aus. Die einen sind handwerklich begabt, die anderen arbeiten gerne mit Vieh oder haben das richtige Händchen, um Getreide und Gemüse anzubauen. Später wird mancher Bauer, der auf dem Markt erfolgreich ist, zum hauptberuflichen Händler, und der Wirthausphilosoph zum Berufspolitiker. Die Arbeitsteilung differenziert sich aus. Der Ökonom David Ricardo hat dieses Prinzip einfach auf die Nationen übertragen. Ein Land verkauft Orangen, weil sie dort wachsen, das andere Land verkauft Nägel, weil dort keine Orangen wachsen. Diese Theorie ist dermaßen schlicht, dass man sich wundern muss, warum sie noch heute an unseren Universitäten gelehrt wird. In Zeiten, wo man in Gewächshäusern alles züchten und in Fabriken alles herstellen kann.
Hätten Sie’s gewusst? Der Begriff „neoliberal“ fällt bereits im Programm „Wir werden uns schon schaffen“ der Münchner Lach- und Schießgesellschaft von 1971.
Vier Jahre lebe ich jetzt in diesem Haus und in dieser Zeit sind alle Uhren irgendwann einmal stehengeblieben. Ich habe keine neuen Batterien mehr gekauft. In jedem Raum ist jetzt eine andere Zeit. In der Küche ist es immer viertel vor sechs, im Wohnzimmer ist es halb vier. Zweimal am Tag zeigen sie aber immer noch die korrekte Uhrzeit an.
Beim Lesen können wir drei Mal so viele Informationen aufnehmen wie beim Zuhören. Ein geübter Leser schafft tausend Worte pro Minute. Niemand kann so schnell sprechen. Deswegen werden schriftliche Informationen wie Bücher oder Zeitungen – ob in Papierform oder auf einem Monitor – nie durch Radio, Podcasts oder Fernsehen verdrängt werden.
Schlechte Bücher oder Drehbücher spielen immer in der Welt der Reichen, weil Geld so viele Möglichkeiten eröffnet. Wer arm ist, besitzt eigentlich nur sehr wenige Alternativen. Er kann nicht in Wladiwostok einen Laden für Anglerbedarf eröffnen, um sich selbst zu finden. Er kauft keinen Fesselballon, um ein Rennen um die Welt zu gewinnen. Deswegen sind Bücher, in denen es um Arme geht, eine echte Herausforderung für jeden Autor.
Die Angst baut größere Häuser als die Gewissheit.
Man müsse unbedingt etwas gegen den Klimawandel unternehmen, sagte der Mann, der neben mir im Flugzeug saß.
An den ägyptischen Tempeln von Abu Simbel finden sich griechische Graffiti aus dem 6. Jahrhundert v.Chr. Der Drang, irgendwo seinen Namen zu hinterlassen, ist älter, als wir denken.
Ganz im Süden von Rheinland-Pfalz, an der Grenze zu Frankreich, liegt das Dorf Schweigen mit 720 Einwohnern.
„Gestern Schwestern – Heute Beute – Morgen Sorgen. Geschichte aus ostdeutscher Perspektive“. Dieses Werk wird pünktlich zur Frankfurter Buchmesse bei Bonetti Media Unlimited erscheinen.
Über mein Heimatdorf Schweppenhausen wird ja gerne gelacht, aber wie ist es mit Hermann Schweppenhäuser? Der aus Frankfurt stammende Philosoph hat bei Adorno, Gadamer und Horkheimer studiert, war Assistent Adornos und hat später als Professor die Kritische Theorie bis in die neunziger Jahre vertreten.
Iggy Pop - Real Wild Child (Wild One). https://www.youtube.com/watch?v=def3ob2h-1s

Dienstag, 19. September 2017

Mein rechter rechter Platz ist frei

… ich wünsche mir die AfD herbei.
Meine These: Mittelfristig wird die AfD zur Mehrheitsbeschafferin einer neokonservativen Regierung der Union in der Post-Merkel-Ära. Sozialdemokraten und Grüne haben als Regierungsparteien, die seit 1998 an der Zerschlagung des Sozialstaats und der Arbeitnehmerrechte maßgeblichen Anteil hatten, ausgedient. Eine weitere Sozialdemokratisierung der Union ist daher gar nicht notwendig. Mithilfe der AfD als Koalitionspartner wird die Union ihr altes konservatives Profil schärfen können, da sämtliche politischen Ziele – Marginalisierung des linken Spektrums auf die zahnlose PdL und Splittergruppen, neoliberale Reformen, Spaltung und Verunsicherung der Gesellschaft, Stärkung der Arbeitgeberposition – erreicht wurden.
Sehen wir uns kurz die wesentlichen Programmpunkte der AfD an und überprüfen wir sie auf ihre Kompatibilität mit der Union:
Stärkung des Nationalstaats. Völlige Übereinstimmung mit der CSU, die auch aktuell an ihrer feudalen Außenpolitik festhält, wenn z.B. Seehofer Staatsbesuche bei Orban oder Putin unternimmt. Eine Ausweitung des europäischen Engagements der Union ist in der Post-Merkel-Ära nicht zu befürchten.
Aufrüstung des Militärs. Völlige Übereinstimmung mit der aktuellen Politik der Union.
Austritt aus dem Euro und dem ESM. Keine Übereinstimmung mit der Union. Wird aufgrund des fehlenden Konsens‘ marginalisiert wie zuvor die Themen Finanztransaktionssteuer oder Reform der Erbschaftssteuer bei Koalitionen mit der SPD.
Aufrüstung der Polizei, Erleichterung von Ausbürgerungen und Abschiebungen von Migranten, Begrenzung der Einwanderung. Völlige Übereinstimmung mit der Union.
Stärkung von Familien und der Ehe zwischen Mann und Frau, Kampf gegen Gender-Ideologie. Völlige Übereinstimmung mit der Union, selbst Merkel hat gegen die Ehe für alle gestimmt.
Deutsche Leitkultur. Völlige Übereinstimmung, v.a. mit der CSU.
Steuersenkungen, Abschaffung der Erbschaftssteuer. Übereinstimmung mit der CSU.
Kein Tempolimit auf Autobahnen, Ausstieg aus der Energiewende, Abschaffung der Umweltzonen. Übereinstimmung mit der CSU.
Schlanker Staat, Senkung der Subventionen und der Staatsquote. An diesem Punkt wird die Anschlussfähigkeit zur FDP als möglichem Partner einer sogenannten Scheißhauskoalition® (schwarz-braun-gelb) hergestellt.
P.S.: Im Kinderspiel „Mein rechter rechter Platz ist frei“ gibt es weder Gewinner noch Verlierer. In der politischen Variante gibt es 99 Prozent Verlierer. Die meisten von ihnen werden es – mal wieder – gar nicht oder zu spät begreifen.
Industry - State Of The Nation. https://www.youtube.com/watch?v=_SEn4Cc8BVM

Die Hinrichtung

„Eine Zeitlang waren sie alle still – der irdene Krug mit einem Wasserrest, der allen Gefangenen der Welt zu trinken angeboten hatte; die Wände, die Arme um die Schultern gelegt wie ein Quartett, das unhörbar flüsternd ein quadratisches Geheimnis bespricht.“ (Wladimir Nabokov: Einladung zur Enthauptung)
Am Ende saß er alleine auf der Bühne. Ein Holzstuhl ohne Lehnen, sehr schlicht. Ein älterer Herr in einem altmodischen Frack und mit beeindruckenden Tränensäcken trat aus der Kulisse und trug ein Silbertablett, auf dem ein Briefumschlag lag.
Er nahm den Umschlag. Der ältere Herr verließ wortlos die Bühne. Das Publikum schwieg gespannt. Er öffnete den Umschlag und entfaltete ein weißes Blatt Papier. Auf dem Blatt stand nur ein Wort: Schuldig.
Applaus brandete auf. Minutenlang. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nun standen sie auf und klatschten begeistert. Es wollte gar nicht mehr aufhören. Aber irgendwann war auch der letzte Zuschauer gegangen.
Er ließ das Blatt fallen und verließ die Bühne. Der Gang, den er nun betrat, war leer. Hier waren die Garderoben der Anklage, der Verteidigung und des Richters. Er schaute in jeden Raum, aber es war niemand zu sehen. Nur Schminke und Kostüme.
Eine Wendeltreppe führte hinauf in das nächste Stockwerk. Hier war der Fundus. In der Ecke standen die beiden Scheinwerfer, mit denen ihm Sonne und Mond vorgegaukelt worden waren. Er fand die Handpuppen, mit denen man ihm Politik vorgespielt hatte.
Endlich erkannte er, wie alles funktionierte. Am Ende des Raums war ein kreisrundes Fenster. Er ging hinüber, um es zu öffnen. War es gerade Tag oder Nacht? Wie schmeckte wohl die Luft außerhalb des Theaters?
Er streckte den Kopf aus dem Fenster und das Fallbeil raste augenblicklich auf seinen Nacken hinunter.
Beatles – Strawberry Fields. https://www.youtube.com/watch?v=0aX9-dhii3o

Barcelona. Copyright: David J. Lew.

Montag, 18. September 2017

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„Hi, du süßer kleiner Wähler. Ich möchte mir dir über DIE PARTEI sprechen.“

Blogstuff 156
„Ich hatte sechs Jahre revolutionäre Tätigkeit aufzuweisen, lediglich unterbrochen von einem Jahr Festungshaft. Eher als viele andere spürte ich das Nahen des Sturms, und gelassener als sie begegnete ich ihm.“ (Alexander Bogdanow: Der rote Stern)
Wir kennen es von unseren nächtlichen Träumen: es fehlt ihnen an Logik, sie ergeben keinen kohärenten Sinn. So ist es mit unseren Tagträumen auch. Der Traummann ist ein Latin Lover, der gerne Windeln wechselt, ein Literat, der die defekte Klospülung reparieren kann. Die Traumfrau ist Heilige und Hure zugleich usw. Wie ist der Traumstaat? Er überwacht nur die Bösen mit totalitärer Präzision, den Guten lässt er alle Freiheiten. Er hält Flüchtlinge und Zigeuner fern, erfreut uns aber sonntags mit geschliffenen Reden zur Pluralität unserer Gesellschaft. Er sorgt für ein funktionierendes Gesundheits-, Straßen- und Bildungssystem, verlangt aber praktisch kein Geld dafür. Wir sind wie Kinder. Immer verlangen wir das Unmögliche.
Der Doppler-Effekt sieht aus wie eine Katze:

Quelle: Wikipedia.
In der Ökonomie spricht man übrigens vom Bonetti-Effekt: Geld geht schneller als es kommt. Diesen Zusammenhang hat Andy Bonetti zum ersten Mal 1988 auf der Rückseite eines Kontoauszugs notiert. Die Formel lautet „Geld : Zeit = Verschwindibus“. Das Tempo dieses Vorgangs liegt irgendwo zwischen Reise- und Lichtgeschwindigkeit.
Hätten Sie’s gewusst? Clarence Nash, der Donald Duck ab 1934 seine Stimme geliehen hat, ist vorher als hauptberuflicher Vogelstimmenimitator im Varieté aufgetreten. Er war auf einem Bauernhof groß geworden und hatte sich die Zeit damit vertrieben, die verschiedenen Tiere zu imitieren.
Das einzige, was bleiben wird, wenn die Zivilisation längst untergegangen und überwuchert ist, sind diese albernen Fernseh- und Spionagesatelliten im Orbit.
Bonetti hat in seinem Testament festgelegt, dass sein gesamtes Vermögen für den Bau einer Pyramide verwendet werden soll.
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass mein Großvater Milliardär war? Das war 1923.
Wenn man sieht, wie sich mancher Türsteher oder manche alleinerziehende Mutter zum Despoten entwickeln kann, muss man sich über die vielen durchgeknallten Diktatoren und Könige in der Weltgeschichte nicht wundern.
Der Beauty Case ist der Werkzeugkasten der Frau. Wann haben Männer und Frauen endlich beides?
Andy Bonetti hat einige seltsame Angewohnheiten. Im Winter lässt er sich, verpackt in einen dicken Mantel und mit einer russischen Fellmütze auf dem Kopf, von seinem Chauffeur in einem Cabrio durch die Gegend fahren. Er liest in neuen Büchern immer zuerst die Seite mit der Schnapszahl 111. Er geht nie ohne seine kleine Jadeschildkröte Orlando auf Reisen. Grundsätzlich läuft er Katzen durch die Stadt hinterher und hat deswegen schon mal einen Termin bei der Bundeskanzlerin verpasst.
Eine Marotte teilt er jedoch mit vielen großen Geistern: die meiste Zeit des Tages verbringt er im Bett. Der Philosoph René Descartes verbrachte sechzehn Stunden des Tages in seinem Bett, weil er dort besser denken konnte. Goethe und Churchill diktierten ihre Werke gerne vom Bett oder einem Diwan aus. Richelieu wickelte seine Staatsgeschäfte vom Bett aus ab, Könige und Gräfinnen empfingen ihre Besucher im Bett. In der Renaissance gehörten sogenannte Schaubetten zur Ausstattung des Adels, eine Einladung ins Bett – allerdings nur zur Konversation – war eine Auszeichnung. Damals wurden übrigens Hunde im Winter als lebende Wärmflaschen genutzt: „Von einer Eiderdaunendecke hab ich mein Leben nichts gehört. Was mich recht warm im Bett hält, sind sechs kleine Hündchen, so um mich herum liegen.“ (Liselotte von der Pfalz)
Da lacht Rheinhessen: http://www.wormser-zeitung.de/lokales/polizei/worms-feuerwehr-befreit-bestes-teil-eines-mannes-mit-trennschleifer-aus-hantelscheibe_18182723.htm
Montell Jordan - This Is How We Do It. https://www.youtube.com/watch?v=0hiUuL5uTKc

Sonntag, 17. September 2017

Billardkugeln in der Dunkelheit

„Von vielen Künstlern lese ich in der Zeitung, sagte mein Vater, von dir nichts.“ (Herbert Achternbusch: 1969)
Wer heute als junger Mensch die Arbeitswelt betritt, macht eine Reise ins Ungewisse. Am Ende des Arbeitslebens wird man so viele Jobs und Projekte gehabt haben, dass man sich durch einen gigantischen Lebenslauf scrollen muss, um auch nur die Stichworte überschauen zu können. Es werden Jobs und Unternehmen dabei sein, die es heute noch gar nicht gibt oder die längst verschwunden sind.
Ständig trifft man neue Leute. Wie Billardkugeln, die im Dunkeln gegeneinander stoßen. Du kommst in ein Projekt und arbeitest mit einem Typen zusammen, mit dem du dich gut verstehst. Der Typ macht sich ein halbes Jahr später mit einem eigenen Projekt selbständig und fragt dich, ob du mit nach Chicago kommst. Jemand anderes geht und es wird eine Stelle im Unternehmen frei, die dich interessiert und auf die du wechseln kannst. Du hast nur wenige Tage, um über alles nachzudenken. Türen öffnen sich, Türen schließen sich. Permanent. Du triffst eine Entscheidung, die im Nachhinein zum Jackpot deines Lebens führt – oder in die Sackgasse. Du weißt es vorher nicht. Öffnen sich in Chicago weitere Türen oder stehst du ein Jahr später mit deiner Gitarre in der U-Bahn und spielst für die nächste warme Mahlzeit?
Ein Leben in Bewegung, die Phasen der Ruhe werden sich oft nur in Monaten messen lassen. Es wird Lücken zwischen Projektabschluss und Projektanfang geben, die man mit Arbeitslosengeld oder einem bedingungslosen Grundeinkommen überbrücken muss. Vollgas und Chill-Out, Arbeit und private Projekte wechseln sich ab. Im Lebenslauf steht dann auch: zwei Monate am Strand in Südfrankreich. Oder: Ich habe zwei Jahre für meine neugeborene Tochter gebraucht und sie mir genommen. Und das muss ohne Hartz IV-Stigmatisierungskeule funktionieren.
Für diese Abenteuerreise brauchst du gute Nerven, Selbstvertrauen und einen Körper, der dich nicht im Stich lässt.
P.S.: Was ist das Schlimmste, das uns im Arbeitsleben passieren kann? Hartz IV – länger als ein Jahr Arbeitslosigkeit. Das ist die Katastrophe. Davor haben wir alle Angst. Ich habe diesen Horror tatsächlich erlebt. Von 2006 bis 2008. War es der Tiefpunkt meines Lebens? Nein, in der Rückbetrachtung war es eine der besten Zeiten, die ich je hatte. Ich habe in dieser Zeit mein wichtigstes Sachbuch geschrieben (2006: die Gandhi-Biographie für Suhrkamp) und meinen ersten Roman (der Anfang 2009 erschien). Unter dem Pseudonym Rondo Delaforce habe ich zwei Bücher mit Kurzgeschichten, Skizzen und Aphorismen veröffentlicht, die der Arbeit am späteren Blog schon sehr nahe kamen: „Die singende Fleischwurst“ (2007) und „Beamtenanwärter in Seenot“ (2008). Außerdem entstand ein zweiter Krimi, den ich erst Jahre später publiziert habe. Ich erfüllte mir einen Jugendtraum und machte als Ostasien-Fan eine dreiwöchige Reise nach China (2007) und eine zweiwöchige Reise nach Japan (2008). Dann bekam ich den Job als Kiezschreiber im Wedding (ab 1.12.2008). Voraussetzung für die Bewerbung war: man musste Hartz IV-Empfänger sein. Ohne diesen Tiefpunkt meiner „Karriere“ hätte ich also diese Stelle nie bekommen, hätte dieses Blog nie gemacht und wäre nicht in die aktuelle Phase meines Lebens gekommen, in der ich so produktiv, so frei und so zufrieden bin wie noch nie zuvor. Hartz IV war das Beste, was mir passieren konnte. Ansonsten wäre vielleicht ein ausgebrannter Hochschullehrer aus mir geworden, der den ganzen herrlichen Stuss auf dieser Internetseite nie produziert hätte.
Yes – Time And A Word. https://www.youtube.com/watch?v=vYwSxZXy_Tk
Quelle: CJ Henry.

Samstag, 16. September 2017

Mädchen dürfen nicht ins Baumhaus


Blogstuff 155
„Ich bin frei wie ein Vogel, habe keine Idole, verbeuge mich vor nichts. Heldentum ist ein leeres Wort für mich. Die Liebe – nackte Physiologie. Kinder – eine subtile Rechnung mit der Unsterblichkeit. Der Staat – ein System der Vergewaltigung. Geld – ein Mythos. Ich lebe sorglos in den Tag hinein. Los, trinken wir auf das sorgenfreie Leben!“ (Konstantin Waginow: Auf der Suche nach dem Gesang der Nachtigall)
U-Topos – das Nicht-Örtchen: Warum sind Toiletten immer nur Gegenstand alberner Komödien, warum befasst sich die zeitgenössische Kunst nicht mit ihnen? Marcel Duchamps‘ „Fountaine“ von 1917

und die goldene Toilette im Guggenheim-Museum

– war’s das etwa schon?
Bald kommt der Herbst in unsere Firma, mit einer Aktentasche voll buntem Laub.
Wenn ich auf die letzten Jahrzehnte zurückblicke, ist schon eine Menge erreicht worden, wenn es um die Emanzipation der Frau von der Rolle der Hausfrau und Mutter geht. In Sachen Emanzipation des Mannes von der Rolle des arbeitenden Familienernährers ist dagegen kaum etwas passiert.
Um einen Hobbygärtner zu beeindrucken, der mich neulich besucht hat, habe ich im Supermarkt die größten Möhren gekauft, die ich kriegen konnte. Dann habe ich sie in meinem Garten eingegraben und vor seinen Augen wieder ausgebuddelt. Er war schwer beeindruckt. Vor seinem nächsten Besuch koche ich einen großen Topf Spaghetti und lade ihn zur Ernte an meinem Pastabaum ein.
Wu-xiu nennt man in China die Mittagspause, bei der man gerne auch ein Nickerchen macht. Laut New York Times von 1982 dauerte sie damals bis zu drei Stunden. Das ist im Kapitalismus zum Glück vorbei. Dafür haben die Chinesen jetzt mehr Geld und viele schöne Sachen.
Die Autokorrektur macht aus Sachkenntnis tatsächlich Sachsentennis. Die Maschinen übernehmen die Macht, oder? Nein. Zum Glück habe ich kein Smartphone, sondern produziere solchen Blödsinn beim analogen Lesen noch selbst.
Die Bierpreisentwicklung macht mir große Sorgen. Vor zwei Jahren hat der halbe Liter Bier in Berlin noch etwa zehn Prozent weniger gekostet. Oft steht inzwischen die Vier vorne. Als Indikator nehme ich mal die Entwicklung auf dem Oktoberfest in München, wo die Maß 1980 noch 2,40 € gekostet hat, dieses Jahr aber bis 10,95. Der Preis hat sich also zu meinen Lebzeiten mehr als verbierfacht, Verzeihung: vervierfacht. Dazu schlägt der Fiskus wirklich dreist zu: 16 Prozent Mehrwertsteuer und sechs Prozent Biersteuer beim Flaschenbier. Zum Glück trinke ich hauptsächlich Wein, dessen Preis – zumindest bei meinem Winzer und im Supermarkt - recht stabil ist. Ich könnte ansonsten bei dieser Inflation kein Auge mehr zu machen.
Haustierbesitzer versuchen einen immer mit dem Spruch „Bei anderen Leuten macht er das nie“ um den Finger zu wickeln.
Der altehrwürdige Beruf des Schlangenbeschwörers ist in Deutschland vom Aussterben bedroht. Die jungen Leute wollen ja heutzutage alle studieren.
„Bonetti“, brüllte der Verleger. „Wie sind Sie überhaupt zur Literatur gekommen?“ – „Mit der U 9. Ab Güntzelstraße.“
Bildung kann gefährlich sein. Neulich hat man in Palermo einen Mann erschossen, weil er zu viel wusste.
Thor hatte nur einen Hammer und wurde weltberühmt. Ich habe einen ganzen Werkzeugkasten, aber es interessiert kein Schwein.
Es gibt Lehrer, die schaffen es, ein Wunder zu vollbringen, das physikalisch unmöglich ist: in ihrem Unterricht bleibt die Zeit stehen.
Am Eingang zum Jahrmarkt in Bad Kreuznach werden Taschen und Rucksäcke nach Waffen durchsucht – aber auf dem Festgelände kann man Messer kaufen. #Terror
Da lacht der Hunsrück: http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/117703/3730891

Danke, Ackerboy!
Modern English - I Melt With You. https://www.youtube.com/watch?v=LuN6gs0AJls