Samstag, 1. April 2017

Ammenmärchen

„Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“ (Ingeborg Bachmann)
Ammenmärchen 1: Durch politische Reformen wurde die Zahl der Arbeitslosen halbiert
Erinnern Sie sich noch an die Horrorzahl von fünf Millionen Arbeitslosen Anfang 2005? Das lag daran, dass mit der Agenda 2010 der Regierung Schröder/Fischer die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger zusammengerechnet wurden. In Deutschland haben nicht über Nacht zwei Millionen Leute ihren Job verloren, sondern die zwei Millionen Sozialhilfeempfänger wurden mit den drei Millionen Arbeitslosen in einen statistischen Topf geworfen. Tatsächlich ist die Zahl der Arbeitslosen nur um einige hunderttausend gesunken. Diese Reduzierung verdanken wir dem demographischen Wandel, d.h. es gehen jedes Jahr mehr Menschen in Rente als junge Leute auf den Arbeitsmarkt kommen. An der Zahl der Hartz IV-Empfänger kann man unschwer erkennen, dass auch im Bereich der ehemaligen Sozialhilfeempfänger durch die Agenda 2010 kein Fortschritt erzielt wurde.
Ammenmärchen 2: Die Wirtschaft hat Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen
Das stimmt nur auf dem Papier. Tatsächlich sind viele Teilzeitstellen neu geschaffen worden, d.h. Arbeitsplätze, von denen man kaum leben kann. Interessant ist in diesem Zusammenhang nicht die Statistik über die Zahl der Arbeitsplätze oder die Arbeitslosenstatistik, sondern eine andere Statistik, die aus guten Gründen nie in der Berichterstattung oder politischen Diskussionen vorkommt: die Statistik über das Arbeitsvolumen. Wieviel Erwerbsarbeit gibt es tatsächlich in Deutschland? Wie viele Stunden arbeiten die Menschen in diesem Land insgesamt? Das Arbeitsvolumen ist in Deutschland seit Jahrzehnten konstant. Die Arbeit nimmt also nur auf dem Papier zu.
Ammenmärchen 3: Wir sind besser als andere Länder
Unseren Erfolg als Exportweltmeister haben wir der Währungsunion zu verdanken, nicht unseren Konzernen. Wir sind nur deshalb siegreich auf den Weltmärkten, weil wir mit dem Euro eine Weichwährung haben. Hätten wir noch eine harte Währung wie die D-Mark, ginge es uns wie der Schweiz mit ihrem Franken: Wir wären mit unseren Produkten viel zu teuer. Außerdem leben wir vom Wohlwollen unserer Handelspartner, die ihre Wirtschaft nicht mehr durch Zölle schützen.
Diese drei Ammenmärchen gehören zu den Lebenslügen dieser Republik. Wir sonnen uns gerne in Erfolgen, die wir nie hatten. Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter. Die SPD klopft sich selbst auf die Schulter, weil sie mit der Agenda 2010 den Grundstein zu einer Ära des Erfolgs gelegt hat. Die Union klopft sich selbst auf die Schulter, weil seit dem Agenda-Jahr 2005 mit Merkel eine CDU-Kanzlerin das Gesicht dieses Erfolgs ist. Die Wirtschaft klopft sich selbst auf die Schulter, weil das BIP gestiegen und die Arbeitslosigkeit gesunken ist. Nichts davon ist wahr.
Fakt ist: keiner der drei Akteure hatte einen bedeutenden Anteil an der Entwicklung. Die Währungsunion wurde in Maastricht 1992 von einer anderen Generation von Politikern beschlossen und der Geburtenrückgang hat gesellschaftliche Gründe; seine Ursache liegt weder in der Politik, noch in der Wirtschaft.
Warum spricht niemand über die Wahrheit hinter diesen Ammenmärchen? Den Journalisten fehlen das Fachwissen und der Überblick. Die Partei- und Wirtschaftsfunktionäre haben kein Interesse, diese Geschichte zu erzählen. Sie leben alle vom Märchenglauben der Bevölkerung.
P.S.: Wissen Sie, wo die Agenda 2010 tatsächlich – und bei etlichen Flaschen italienischem Wein – entstanden ist? In der Osteria No. 1 in der Kreuzbergstraße in Kreuzberg. Ich weiß es vom Kellner, der dabei war. Vergessen Sie also die Story von irgendeinem Parlament. Der damalige Wirt der Osteria, der aktuell im Sale e Tabacchi in der Rudi-Dutschke-Straße zu finden ist, war übrigens bis 1977 Mitglied der Roten Brigaden, dem italienischen Pendant zur RAF.
Human Tetris - Things I Don't Need. https://www.youtube.com/watch?v=ALk3o7m5Jt8