Donnerstag, 13. April 2017

Neulich auf dem Ginahsion

„Es ist ja geradezu fürchterlich, zu denken, was aus diesen Irrsiglerkindern eines Tages wird, sagte Reger, wenn ich diese Irrsiglerkinder sehe, sehe ich heute schon ganz und gar nicht einmal durchschnittliche, sondern weit unterdurchschnittliche Menschen mit einem wenigstens zwiespältigen Charakter. Der Begriff der dummen Brut fällt mir dabei immer ein, sagte Reger, das ist das Unerfreuliche an der Irrsiglerfamilie.“ (Thomas Bernhard: Alte Meister. Komödie)
Die Tochter eines befreundeten Paares, beide haben einen Doktortitel in Geisteswissenschaften und sind Suhrkamp-Autoren, geht in die achte Klasse eines Kreuzberger Gymnasiums. Sie schreibt das Wort „Zimmer“ immer noch „Zima“. Man nennt das vornehm Legasthenie, ich sage, das Kind kann nicht richtig lesen und schreiben. Aber heute sagt man im modernen Pädagogendeutsch ja auch nicht mehr Blödheit, sondern Lernschwäche. Vor allem in Berlin. Wer in der achten Klasse, also im vierten Jahr auf dem Gymnasium (Gott allein weiß, wie die Berliner zählen!), das Wort „Gymnasium“ noch nicht schreiben kann, hat an dieser Schule nichts verloren. Punkt. Dazu passt die Meldung, dass die Zahl der Abiturzeugnisse mit einem Notenschnitt von 1,0 sich an Berlins Schulen in den letzten zehn Jahren vervierzehnfacht hat. Hoffentlich haben die Maschinen die Macht (oder zumindest die Rechtschreibung) übernommen, bis diese Berliner Generation ins Berufsleben eintritt. Was sagen die betroffenen Eltern dazu? Nichts. Ratloses Schulterzucken. Sie nehmen es mit der üblichen Kreuzberger Kiffergleichgültigkeit hin. Schließlich sind die Nachbarskinder ja auch nicht besser.
Tom Waits - Jockey Full Of Bourbon. https://www.youtube.com/watch?v=54YhQZN5Uq8