Dienstag, 6. Mai 2014

Das Tempelhofer Feld 2054

Es ist ein strahlender Sonntagmorgen, als meine von jungen Ukrainern gezogene Rikscha das Tempelhofer Feld erreicht. Unter dem tiefblauen Himmelsgewölbe segeln einige schneeweiße Wolken bedächtig dahin. Dicht an dicht stehen die Monolithen zehngeschossiger Wohnbauten bis zum fernen Horizont. In der Mitte des prachtvoll schimmernden Nobelviertels aus Stahl und Glas, vom Neuköllner Pöbel auch als „unsozialer Brennpunkt“ bezeichnet, ist ein Eichenhain, der eine weitläufige Tempelanlage aus edelstem Marmor umgibt. Er ist der CDU gewidmet, die diesem Land die Einheit und den Wohlstand gebracht hat. Am Eingang stehen zwei Skulpturen, die Adenauer und Erhardt darstellen. Sie bewachen wie steinerne Hunde den Eingang zum Tempel. Die Skulpturen sind von zwei Brunnen umgeben. Die Pilger werfen traditionell Geld oder Schmuck ins geweihte Wasser, um sich die Götter gewogen zu machen. Nachdem ich mich vor den beiden Kanzlern verbeugt und mein gesamtes Münzgeld in die beiden Brunnen geworfen habe, betrete ich den ersten Tempel. Er ist der Gottheit Helmut Kohl geweiht, der als prächtige Buddhafigur mit rundem Bauch auf einer Empore thront. Der Sage nach bringt es Glück, den Bauch der riesigen Figur zu streicheln. Der echte Helmut Kohl liegt unterhalb des Tempels in einer Krypta. Sein Hirn ist schon lange tot, aber der Körper wird von Maschinen seit Jahrzehnten am Leben gehalten. Wie im Moskauer Lenin-Mausoleum schützt ein gläserner Sarkophag den gewaltigen Leib. Ein Besuch der Krypta wird leider nur hohen Staatsbesuchern und Milliardären gewährt. Im Haupttempel steht eine vergoldete Merkel-Statue, die Wände sind mit Euro-Symbolen aus glänzenden Edelsteinen bedeckt. Es ist guter Brauch in Deutschland, in den geöffneten Mund der Statue einen Geldschein zu legen und leise seinen Wunsch auszusprechen. Je größer der Schein, desto höher die Wahrscheinlichkeit seiner Erfüllung, wie mir ein schwarz gekleideter Tempeldiener versichert, der stündlich die Opfergaben abholt. Am 17. Juli, dem Geburtstag der Schutzgöttin aller Mächtigen und Reichen, bilden sich endlose Schlangen von Pilgern, die bis hinaus ins Wohnviertel reichen. Alle Wartenden haben ihre Hände zu einer Raute geformt. Zu ihrem hundertsten Geburtstag 2054 sollen es über eine Million Menschen gewesen sein. Es heißt, dass die Götter der christlichen Demokratie ihre schützende Hand über jeden wahrhaft Gläubigen halten, der sich reinen Herzens der Merkel nähert. So lasset uns alle beten.
Musik: „Heroes“ von David Bowie. http://www.youtube.com/watch?v=jBuwC4VJi50

Kommentare:

  1. Hey Matte...
    Mit beten habe ich nichts am Hut, grins.
    Gruß aus Berlin
    Hubert

    AntwortenLöschen
  2. Hi Hubert!
    Aber am 25. Mai darfst du über die Zukunft des Tempelhofer Feldes abstimmen. Hier bei uns gibt's ja nur die Bürgermeister- und die EU-Wahl.
    Gruß aus Schweppenhausen,
    Matthias

    AntwortenLöschen